"Leise Menschen" von Sylvia Löhken - Fachbuch mit vielen hilfreichen Tipps für Introvertierte
Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsen...

Liebe Introvertierte,

Was ist überhaupt ein "leiser Mensch"?

von innen erblühenKurz gesagt, unterscheiden sich introvertierte und extrovertierte Menschen vor allem darin, woher sie ihre Energie bekommen. Introvertierte erhalten ihre Energie von innen. Soziale Anlässe können sie somit unter Umständen leicht schlauchen, sofern sie zu lange dauern oder langatmig sind, oder wenn "leise Menschen" dabei keine Gelegenheit haben, sich zwischendurch zurückzuziehen, um neue Kraft zu schöpfen. Bei Extrovertierten ist es genau umgekehrt. Sie gewinnen offenbar Energie aus dem sozialen Miteinander. Extrovertierte können stundenlang mit ihren Mitmenschen plaudern – selbst wenn es sich um Small Talk handelt –, ohne dabei an Kraft zu verlieren.

Habt Ihr Euch in dieser Beschreibung der Introversion im Vergleich zu ihrem Gegenstück tendenziell wiedererkannt? Dann solltet Ihr weiterlesen.

Einer der Gründe für diese unterschiedliche Energiegewinnung liegt möglicherweise, wie man inzwischen herausgefunden hat, im Gehirn dieser beiden Menschentypen. Einiges läuft dabei im Vergleich verschieden, was zu der unterschiedlichen Verarbeitung von Gegebenheiten und entsprechend zu dem unterschiedlichen Verhalten von Intro- und Extrovertierten führt. So wurde bei Intros und Extros nachgewiesen, dass verschiedene Botenstoffe bei den jeweiligen Menschentypen am aktivsten sind. Extrovertierte sind oft mehr dopamingesteuert, während bei Introvertierten Acetylcholin aktiver ist.

Gehirn Denken LernenAcetylcholin hat die Funktion, Reize zwischen den Nervenzellen hin und her zu übertragen. So lange es nicht durch den Eiweißstoff Acetylcholinesterase in seine Bestandteile aufgespaltet wird, um Platz für die Verarbeitung weiterer Reize zu schaffen, hält der durch das Acetylcholin verursachte Erregungszustand an. Dies dürfte erklären, warum Introvertierte die wahrgenommenen Reize oft länger und gründlicher verarbeiten.

Generell spielt Acetylcholin eine wichtige Rolle bei der Konzentration, dem Gedächtnis und dem Lernen, also Stärken, die Introvertierte oft ihr Eigen nennen. Dopamin hingegen, das Hormon, das bei Extrovertierten am aktivsten ist, ist für deren motorischen Antrieb, ihre Neugierde und dem Wunsch nach Abwechslung verantwortlich.

Es gibt noch weitere biologische Unterschiede zwischen Intros und Extros, beispielsweise im vegetativen Nervensystem, in dem auch diese Neurotransmitter wirksam sind. Bei Introvertierten ist der Parasympatikus häufig aktiver, der so genannte "Ruhenerv". Im Gegenzug ist es bei Extrovertierten der Sympatikus, jener Nerv, der für körperliche oder sonstige Höchstleistungen, Angriff und Flucht zuständig ist.

Was ist der Unterschied zwischen Introversion und Hochsensibilität?

Sylvia Löhken, die Autorin des Sachbuches und Ratgebers "Leise Menschen", legt in ihrem Buch Wert darauf, beide Phänomene eigenständig zu betrachten. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Schwerpunkte beider Definitionen etwas anders verlagert sind.

Auf dem ersten Blick scheinen die Gemeinsamkeiten zu überwiegen. Und tatsächlich sind viele Introvertierte nach meiner Erfahrung und meinen Beobachtungen im Umfeld auch gleichzeitig hochsensibel. Allerdings gibt es auch Hochsensible, die eher extrovertiert veranlagt sind.

Aber wie kann man diese beiden Begrifflichkeiten nun voneinander abgrenzen bzw. sie getrennt betrachten, wo doch einige Punkte offenbar fließend ineinander übergehen? Ich würde es so formulieren: Hochsensibilität bezieht sich vornehmlich auf die Reizverarbeitung. Als Hochsensibler nimmt man mehr Reize wahr, sowohl sensorische als auch emotionale und mentale (z. B. eigene Gedankengänge). Bei Intro- versus Extroversion liegt das Augenmerk darauf, woher jemand Energie bekommt und wie er sich entsprechend dieser Neigung verhält.

Schüchternheit ist noch einmal etwas anderes. Sie hat mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Ein Introvertierter und / oder Hochsensibler, der noch kein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt hat oder nicht die Chance hatte, es zu entwickeln, und daher sehr unsicher im Umgang mit Menschen ist, kann schüchtern sein. Die Schüchternheit kann sich aber im späteren Lebensverlauf legen, sobald eben dieses Selbstwertgefühl sich gebessert hat.

Mögliche Stärken und Schwierigkeiten introvertierter Menschen

In ihrem Buch beschreibt Frau Löhken verschiedene Stärken, die introvertierte Menschen haben können. Im Folgenden geht sie auf mögliche Eigenschaften leiser Menschen ein, welche sich eher hinderlich auswirken können. Natürlich sind das nicht die einzigen Eigenschaften von Intros, sondern die, die häufig bei Introvertierten vorkommen und typisch für diese sein können. Dabei erhaltet Ihr als Leser genug Raum, um Euch zu überlegen, was davon nun auf Euch zutreffen könnte. Es werden gezielt Fragen gestellt und Platz für eigene Notizen zu den einzelnen Punkten gegeben.

Ausgehend von diesen Eigenschaften gibt sie in den darauf folgenden Kapiteln Tipps, wie diese in den verschiedenen Lebensbereichen (wie Beruf, Privatleben und Kontaktgestaltung in diesen, aber auch spezielle Situationen wie Verhandlungen aller Art und Vorträge) genutzt werden können und wie Ihr vermeidet, dass die potentiellen Hürden zum Hindernis dabei werden.

Introvertierte StärkenDiese Stärken haben Introvertierte oft:

  • Vorsicht: Leise Menschen gehen bei dem, was sie tun, eher mit Bedacht vor. Das heißt, sie halten sich oft zunächst zurück, anstatt vorschnell zu handeln oder ein Risiko einzugehen. Stattdessen beobachten sie die Situation zunächst, um noch mehr Informationen zu erhalten, auf deren Basis eine Entscheidung getroffen bzw. das weitere Vorgehen geplant werden kann.
  • Substanz: Introvertierte mögen zwar auf dem ersten Blick nicht so viel reden, aber das, was sie sagen, hat dann meistens auch Bestand. Qualität ist ihnen - beispielsweise in der Kommunikation - wichtiger als Quantität. Deshalb dauert es mitunter auch manchmal länger, bis sie sich etwa zu einem Thema äußern. Dafür kann es wiederum sein, dass sie sich nicht so exzessiv am Small Talk beteiligen (aber dafür oft Meister darin sind, ihn in "Big Talk" umzuwandeln).
  • Konzentration: Vielen Introvertierten fällt es leichter als so manchem Extrovertierten, sich über einen längeren Zeitraum auf eine Sache zu konzentrieren und selbst dann "dranzubleiben", wenn der Erfolg nicht sofort und offenkundig sichtbar ist. Diese Stärke kommt am besten dann zum Ausdruck, wenn sie nicht ständig bei der betreffenden Aufgabe gestört werden.
  • Zuhören: Oft können leise Menschen in Gesprächen mit ihrem Gegenüber auch sehr gut und aufmerksam zuhören. Dabei nehmen sie viele Informationen auf, die für den weiteren Gesprächsverlauf nützlich sind. Gutes Zuhören erleichtert schließlich auch das Eingehen auf die jeweiligen Gesprächspartner.
  • Ruhe: Introvertierte bleiben oft eher entspannt und gelassen, was sowohl beim konzentrierten Arbeiten als auch in sozialen Situationen und in schwierigen Situationen (Konflikte, Stress) sehr von Vorteil sein kann. Sie merken möglicherweise auch eher, wenn (und wodurch) diese innere Ruhe ins Wanken zu kommen droht, was ein rechtzeitiges Gegensteuern ermöglicht.
  • Analytisches Denken: Im Analysieren verschiedener Dinge sind manche Introvertierte ebenfalls gut. Sei es nun das Analysieren geschehener Situationen, von Meinungen oder praktischen Maßnahmen oder auch das Herleiten abstrakterer Sachverhalte. Leise Menschen, bei denen diese Fähigkeit besonders ausgeprägt ist, können leichter Dinge stukturieren und komplexe Zusammenhänge, die sie erkennen, in ihre Einzelteile aufteilen - was auch bei der Planung hilfreich ist.
  • Unabhängigkeit: Introvertierte leben oft nach ihren eigenen Prinzipien und unabhängig davon, was andere wohl darüber denken mögen. Sie sind auch nicht darauf angewiesen, sich ständig durch andere rückversichern zu lassen, und gehen ihren Weg unbeirrt weiter. Auch können sie gut für sich selbst alleine sein / alleine arbeiten.
  • Beharrlichkeit: Als leiser Mensch hat man oft auch einen "langen Atem" und ist geduldig, wenn es darum geht, über längere Zeit an einer Sache dranzubleiben.
  • Schreiben (statt Reden): Zu dieser Stärke muss ich wohl nicht viel erklären. Introvertierten fällt es eben oft leichter, schriftlich zu kommunizieren. Sie bevorzugen häufig die geschriebene Form, da diese ihrer Neigung, mehr nachzudenken, bevor sie sich äußern, eher entspricht.
  • Einfühlungsvermögen: Gerade in Kombination mit der Stärke "Zuhören" und einer allgemein sehr gründlichen Auffassungsgabe fällt es Introvertierten oft leichter, sich in ihren Gesprächspartner "hineinzuversetzen", das heißt ihn und seine Bedürfnisse besser zu verstehen und ggf. auf diese einzugehen. Durch ihr Einfühlungsvermögen sind sie mitunter auch besser in der Lage, bei auftretenden Konflikten zu vermitteln, Gemeinsamkeiten (also das, was die Harmonie unterstützt) in den Vordergrund zu stellen und möglichst alle beteiligten Seiten zufriedenstellende Kompromisse zu schließen.

Und dies können die Hürden sein:

  • Angst: Als Kehrseite der Vorsicht, also wenn diese überhöht ist, kann eine große Unsicherheit entstehen, die sich im Umgang mit anderen oder eben in allgemeiner Ängstlichkeit in Situationen, wo irgendwie gehandelt werden muss, äußern kann.
  • Kleinteiligkeit: Eine weitere Hürde introvertierter Menschen kann es sein, wenn im Gegenzug zu sehr auf Details gepocht wird oder der eigene Perfektionismus überhand nimmt. Ersteres kann zu Konflikten führen, das Zweite beeinträchtigt eventuell die Effizienz der zu erledigenden Arbeiten, so dass viel mehr Zeit dafür aufgebracht wird, als nötig wäre, um dennoch ein gutes Ergebnis zu erzielen.
  • Überstimulation: Zu viele Sinneseindrücke und Informationen auf einmal können leisen Menschen Schwierigkeiten bereiten, da sie diese Informationen gründlicher verarbeiten und dies eben eine gewisse Zeit braucht.
  • Passivität: Mit Passivität ist hier ein Verharren in einer Situation gemeint, welche eigentlich geändert werden sollte. Die Gründe für Passivität können ganz unterschiedlich sein. Angst kann ebenso eine Ursache sein wie Resignation, wenn man etwas zunächst immer wieder versucht und damit nichts erreicht hat. Es gibt aber Situationen, wo auf keinen Fall passiv reagiert werden sollte: Bei Angriffen zum Beispiel. Denn damit beginnt, wenn die angreifenden Leute es böse mit einem meinen, ein verheerender Teufelskreis.
  • Flucht: Auch die Tendenz, vor Unangenehmem zu flüchten, statt die betreffende Sache zu lösen, ist eine weniger vorteilhafte Eigenschaft vieler Introvertierter. Auf dem ersten Blick mag es zwar günstig für die Person erscheinen, einer bestimmten unangenehmen Sache oder Aufgabe aus dem Weg zu gehen. Langfristig gesehen wirkt es sich aber nicht so gut aus. Zum Einen werden damit keine Probleme gelöst, und zum Anderen ist die Sache, vor der jemand flüchtet, damit ja nicht aus der Welt geschafft, sondern die Konfrontation damit nur aufgeschoben.
  • Verkopftheit: Wenn ein leiser Mensch im Gegenzug zu viel nachdenkt oder (mit dem Verstand) analysiert, kann es passieren, dass die ebenfalls wichtigen gefühlsmäßigen Aspekte dabei oder die Beziehungen der Menschen zueinander zu wenig Beachtung finden.
  • Selbstverleugnung: Diese Hürde tritt vor allem dann auf, wenn ein introvertierter Mensch sich als isoliert von seinem Umfeld erlebt. Also, wenn er zum Beispiel offenkundig der einzige Introvertierte in seiner Umgebung ist und in seiner Introversion nicht anerkannt wird.
  • Fixierung: Viele Introvertierte fühlen sich am wohlsten, wenn sie nach ihren gewohnten Abläufen leben können. Daran ist nichts Negatives - immerhin geben Gewohnheiten und tägliche Rituale Sicherheit. Wenn diese Neigung jedoch übersteigert ist, resultiert Unflexibilität daraus. In manchen Situationen ist ein gewisses Maß an Flexibilität allerdings günstiger.
  • Kontaktvermeidung: Sicher, Kontakte können anstrengend sein, insbesondere, wenn die anderen in einer Gruppe unterschiedliche Bedürfnisse haben als man selbst. Völlige Kontaktvermeidung hingegen isoliert. Wer als introvertierter Mensch an sich bemerkt, dass er soziale Kontakte übermäßig meidet, der kann auch in kleinen Schritten vorgehen, um dies zu ändern.
  • Konfliktscheu: Leise Menschen leiden oft sehr unter Konflikten, wagen es aber oft nicht, diese anzusprechen, zumal die anschließende Diskussion um die Klärung ja auch viel Energie kosten würde. Auch geben Introvertierte bei Druck oft leichter nach, da Widerstand eben mehr Kraft kostet. Oder es wird dann gemauert, um die verbleibenden Kraftreserven zu schonen.
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Schlusswort

Dass auch Ihr als introvertierte Menschen erfolgreich sein könnt, zeigen einige bekannte Beispiele. Es gibt einige berühmte leise Menschen, die Großes geleistet haben: Albert Einstein, Charles Darwin, Mahatma Ghandi, aber auch Bill Gates und Steven Spielberg gehören zu den introvertierten Menschen.

Es gibt also keinen Grund, weshalb Ihr als introvertierte Menschen zu bescheiden in Hinblick auf das Zeigen Eurer individuellen Fähigkeiten und Leistungen sein müsstet. Häufig ist es aber so, dass leise Menschen sich eher zurückhalten, wenn es darum geht, ihre eigenen Talente sichtbar zu machen. Das liegt zum Einen daran, dass wir uns im sozialen Miteinander von Natur aus oft eher zurückhalten, eventuell auch nicht unbedingt immer so offenkundig rege daran teilnehmen. Zum Anderen haben wir oft Schwierigkeiten damit, uns richtig zu verkaufen, den Wert unserer Fähigkeiten und unserer konkreten Arbeit nach außen darzustellen. Die "Lauten" haben es hier nun einmal scheinbar einfacher, die Aufmerksamkeit auf sich und ihre Leistungen zu ziehen. Als "leiser Mensch" hingegen wird man schneller übervorteilt.

Mit Geduld und sanfter Kraft zum ErfolgMit etwas Übung, Geduld und Durchhaltevermögen kann es aber auch Introvertierten, die in diesen Punkten noch Schwierigkeiten haben, gelingen, mitsamt ihrer Leistungen sichtbar zu werden und ihre Ziele (ob nun die im Job oder die privaten) durchzusetzen. Und zwar schlicht und einfach, indem Ihr Eure individuellen Stärken ausspielt.

Tipps zum Kontakte knüpfen für Introvertierte (nicht nur auf die Partnersuche, sondern auch die Suche nach Freundschaften anwendbar) findet Ihr in dem Artikel von Falk Richter.

Der Umgang mit den etwaigen Schwächen ist noch ein ganz anderer Aspekt. Wenn es hier etwas Hinderliches gibt, das Ihr gerne ändern möchtet, um mehr Erfolg zu haben, dann ist dies sicherlich eine langwierigere Arbeit. Ich muss zugeben, dass ich selbst in meiner Entwicklung da auch noch einiges zu optimieren habe.

In jedem Fall möchte ich Euch Mut zusprechen. Lasst Euch nicht unterkriegen und steht im Fall der Fälle für Euch selber ein! Sorgt gut für Euch, damit Ihr genug Kraft habt, um selbst schwierigere Situationen im Alltag und in Eurem Sozialleben zu meistern. Lasst Euch auch nicht überrumpeln, sondern sagt klipp und klar, wenn Ihr noch mehr Zeit zum Nachdenken braucht, bevor Ihr eine Antwort auf eine Euch gestellte Frage oder ein an Euch gerichtetes Anliegen gebt. Nehmt Euch die Zeit, die Ihr fürs alleine arbeiten braucht, und kommuniziert dies auch. Organisiert Eure Arbeit so, dass sowohl genug Zeit fürs individuelle Arbeiten als auch für die sozialen Belange vorhanden ist. Stöpselt das Telefon - wenn möglich - aus oder geht nicht dran, wenn Ihr gerade konzentriert arbeitet.

Ihr seht, mit der richtigen Organisation und wenn Ihr Eurem Umfeld Eure Bedürfnisse klar kommuniziert, lässt sich Euer Leben recht einfach angenehmer und effizienter gestalten. Ihr habt es in der Hand!

Herzliche Grüße

Karin

Bildquellen

Vorschaubild: eigenes Foto

Illustrationen im Text: Pixabay

Autor seit 6 Jahren
112 Seiten
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