Die Notizbücher Leonardos – eine Fundgrube der Ideen

 

Mehr noch als seine Bilder faszinieren uns heute die geradezu unglaublichen Erfindungen und Ideen Leonardos, die er in zahlreichen Notizbüchern festhielt.

 

Ohne ein Notizbuch verließ Leonardo nicht das Haus, meist trug er es an seinem Gürtel befestigt mit sich herum. Und er schrieb alles auf, Banales und Wichtiges, die Einkaufsliste neben der technischen Skizze. Es gibt kaum ein Gebiet, mit dem er sich nicht beschäftigt hätte – nur über persönliches findet sich so gut wie nichts. Rund 15.000 Seiten soll er so im Laufe der Jahre gefüllt haben, alle in der für ihn charakteristischen Spiegelschrift und von rechts nach links geschrieben – etwa 6.000 der Blätter sind heute noch erhalten, über die ganze Welt verstreut. Die Spiegelschrift verwendete er auch, damit andere seine Texte nicht lesen konnten. Als Linkshänder fiel ihm das besonders leicht. Die Größe der Notizbücher variiert dabei beträchtlich – einige sind nur 4 x 9 cm groß, andere messen stolze 64,5 × 43,5 cm. Zu Leonardos Lebzeiten waren all diese Notizen unbekannt, erst in den vergangenen 200 Jahren wurden sie nach und nach erschlossen.

 

Ob die Notizen rein privat waren oder Leonardo irgendwann eine Veröffentlichung, etwa in Form einer Enzyklopädie beabsichtigte, ist in der Fachwelt umstritten. Zu seinen Lebzeiten erschien jedenfalls kein einziges seiner Manuskripte.

 

 

 

 

Francesco Melzi, der Haupterbe Leonardos und einer seiner Lieblingsschüler (Selbstporträt)

 

 

 

 

 

 

 

Als Leonardo im Mai 1519 starb, erbte sein Schüler, der 27jährige Francesco Melzi, den gesamten zeichnerischen und wissenschaftlichen Nachlass des Meisters. Melzi, der aus einer vornehmen Mailänder Familie stammte, blieb noch für einige Jahre in Frankreich, bevor er nach Italien zurückkehrte. Dort widmete er sich der Pflege des Leonardo-Nachlasses.

 

Der Sohn des Leonardo-Erben verkauft die Manuskripte in alle Welt

 

Als Melzi 1570 starb, erbte sein Sohn Orazio Melzi die Unterlagen und begann, sie zu Geld zu machen, teilweise ganze Bände, aber auch viele einzelne Blätter. Dabei wurden sie in alle Welt verstreut. Im Laufe der Zeit gingen viele Blätter verloren, so dass von den ursprünglich einmal 15.000 Seiten heute nur noch etwa 6.000 erhalten sind.

 

Rund 2.500 Blätter verkaufte Orazio Melzi 1590 an den Bildhauer und Kunstsammler Pompeo Leoni. Alle Manuskripte Leonardos sind heute in sogenannten Codices (Einzahl Codex) zusammengefasst, von denen es etwa ein Dutzend gibt, darunter die "Pariser Manuskripte" in zwölf Bänden mit zusammen 1.044 Blättern, der Codex Atlanticus mit 1.119 Blättern, heute in der Biblioteca Ambrosiana in Mailand, der Codex Windsor mit 606 Blättern, heute in der Königlichen Sammlung auf Schloss Windsor, der Codex Madrid mit 349 Blättern, heute in der Spanischen Nationalbibliothek, und der Codex Forster mit 354 Blättern, heute im Victoria and Albert Museum in London. Daneben existieren jedoch, zum Teil bei Privatsammlern, zahlreiche einzelne Blätter.

 

Bill Gates kauft den Codex Leicester – 18 Blätter für 30,8 Millionen US-Dollar

 

Nur ein einziger Codex, der Codex Leicester, befindet sich in Privatbesitz. Er wurde im Jahr 1717 von Thomas Coke, dem 1. Earl of Leicester, gekauft, von wem ist unbekannt. 1980 erwarb ihn der Industrielle Armand Hammer von der Leicester-Sammlung. Nach dessen Tod ersteigerte Ex-Microsoft-Boss Bill Gates das Manuskript – 18 beidseitig beschriebene und in der Mitte gefaltete Blätter im Format 22 x 28 cm, die so zusammen 72 Seiten bilden - im Jahre 1994 für 30,8 Millionen US-Dollar. Damit ist der Kodex die teuerste jemals verkaufte Handschrift der Welt.

 

 

Zwei Seiten aus dem Codex Leicester - der teuersten Handschrift aller Zeiten, heute im Besitz von Bill Gates. Vom Oktober 1999 bis März 2000 war der Codex in München und Berlin ausgestellt

 

 

 

 

 

Alles nur geklaut?

 

Herkunft und Weg der meisten Leonardo-Manuskripte sind bis heute ungeklärt. Ursprünglich befanden sich viele der Codices in der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand, wohin sie 1637 durch eine Schenkung des Grafen Galeazzo Arconati gelangt waren. Der Graf hatte die Papiere nach dem Tode Leonis im Jahre 1608 von dessen Erben gekauft.

 

Zumindest einige der Codices stammen aus Diebstählen, so der Codex Forster, der um 1700 aus der Ambrosiana verschwand, und der Codex Trivulzianus (heute in der Bibliothek des Castello Sforzesco in Mailand) der zwischen 1674 und 1750 dort gestohlen wurde. 1795 schließlich bediente sich der siegreiche Napoleon – er ließ den Codex Atlanticus und die sog. "Pariser Manuskripte" mitgehen, die auf diese Weise in die Bibliothek des Institut de France in Paris gelangten. Nach dem Sturz Napoleons wurde der Codex Atlanticus zurückgegeben – die Pariser Manuskripte (12 Bände mit heute zusammen 1044 Blättern) blieben in Frankreich.

 

Doch selbst die Pariser Manuskripte blieben von einem Diebstahl nicht verschont – in den 1840er Jahren schnitt der Bücherdieb Guglielmo Libri aus Manuskript A die Seiten 81 bis 114 und aus dem Manuskript B die Seiten 91 bis 100 heraus und verkaufte sie an den britischen Sammler Bertram Ashburnham. Nach dessen Tod gab sein Sohn die Seiten 1890 an das Institut zurück. Sie wurden allerdings nicht wieder in die ursprünglichen Manuskripte eingebunden, sondern bilden getrennt davon den Codex Ashburnham I und II mit zusammen 44 Blättern.

 

Ein Visionär der Technik

 

Leonardos Entwürfe technischer Geräte und Anlagen, seine anatomischen Illustrationen, seine Architekturzeichnungen, seine scharfsinnigen Naturbeobachtungen, seine Bemerkungen zu Himmelsphänomenen faszinieren uns heute noch mehr als seine Gemälde, von denen es ohnehin nicht mehr als 25 gibt - einige gelten zudem nur als ihm zugeschrieben und sind unter Experten umstritten. Etwa ab 1480 begann er, seine Notizbücher mit Skizzen von Kriegs- und Flugmaschinen, Schiffen und Waffen, aber auch mit Tier- und Pflanzenbildern und anatomischen Studien zu füllen. Er war ein begnadeter und genauer Zeichner. Immer hatte er ein Notizbuch dabei. Besonders mit seinen technischen Ideen war er seiner Zeit oft um Jahrhunderte voraus.

 

 

 

 

Leonardos Entwurf einer Flugmaschine (aus den sog. Pariser Manuskripten, Manuskript B)

 

 

 

 

 

 

 

Ein Flieger bricht sich ein Bein, Leonardo öffnet Leichen

 

Seine genauen Beobachtungen des Vogelfluges veranlassten ihn, selbst Fluggeräte zu bauen; Vorläufer der heutigen Gleitsegler, aber mit beweglichen Flügeln. Und er probierte sie auch gleich aus, auf einem Hügel bei Fiesole, in der Nähe von Florenz. Auch wenn die Versuche scheiterten – sein Assistent Tommaso Masini brach sich dabei ein Bein und mehrere Rippen – so fand er doch heraus, dass die menschliche Muskelkraft nicht reicht, um den nötigen Auftrieb zu erzeugen.

 

 

Skizze einer weiteren Flugmaschine Leonardos. Bei einem Flugversuch mit einer derartigen Maschine brach sich ein Assistent Leonardos ein Bein und mehrere Rippen. Die Ähnlichkeit zu den Gleitfliegern des deutschen Flugpioniers Otto Lilienthal (1890er Jahre) ist unverkennbar.

 

 

 

 

Leonardo war auch einer der ersten, der Leichen sezierte, um mehr über den menschlichen Körper zu erfahren – über 30 sollen es im Laufe seines Lebens gewesen sein. Die Bedingungen dafür waren katastrophal, er musste sich die Leichen heimlich auf Friedhöfen besorgen, meist waren sie schon in Verwesung übergegangen. Kühlmöglichkeiten wie heute gab es noch nicht, die Geruchsbelästigung war enorm.

 

 

 

Anatomie der Schulter und des Arms

 

 

 

 

 

 

Einige seiner Beobachtungen, besonders bei weiblichen Körpern, erwiesen sich zwar als falsch, ungenau oder missverstanden. Dennoch fand er als erster heraus, dass die Gefäße älterer Menschen verkalken. Er war vermutlich auch der Erste, der einen Embryo im Mutterleib zeichnete, auch wenn ihm hierfür möglicherweise ein Tier als Vorbild diente. Fast hätte er auch den menschlichen Brutkreislaufs entdeckt, doch das sollte noch über 100 Jahre dauern.

 

 

 

 

Ein Fötus im Mutterleib - derartige Bilder hatte es vor Leonardo nicht gegeben. Vermutlich diente ihm allerdings nicht ein Mensch, sondern ein Tier als Vorbild.

 

 

 

 

 

 

Wie kommt die Muschel auf den Berg?

 

Fasziniert war er auch von geologischen und astronomischen Fragen. Woher kamen zum Beispiel die Versteinerungen von Meerestieren, etwa Muscheln, die man auf hohen Bergen fand? Sie waren ein Überbleibsel der Sintflut, so die Ansicht der Wissenschaft und besonders der mächtigen katholischen Kirche. Leonardo dagegen erkannte, dass hier einmal die Küste lag und sich die Berge später in Jahrmillionen auffalteten. Und warum kann man den Mond auch bei Neumond sehen, wenn er zu dieser Zeit gar nicht von der Sonne beleuchtet wird? Weil die Erde das Sonnenlicht auf den Mond reflektiert, so seine korrekte Erklärung.

 

Aber Leonardo entwarf noch weit mehr, so etwa eine Flugspirale, die von vier Männern bedient werden sollte – heute gilt sie als Vorläufer des Hubschraubers. Er plante den Bau von Kanälen und wasserbetriebenen Maschinen, beschäftigte sich mit der Prägung von Münzen und mit Geometrie, ersann Kirchenbauten und Bewässerungsanlagen. Auch machte er sich Gedanken über die ideale Stadt, samt Wasserversorgung, Kanalisation und Müllabfuhr. Für seine Gemälde studierte er die Wirkung von Licht und Schatten, von Perspektive, Proportionen und Bewegung. Er zeichnete Landkarten und Stadtpläne, sogar für Knoten interessierte er sich. Daneben dachte er sich Fabeln und Märchen aus, mit denen er seine Gönner unterhielt, und führte chemische Versuche durch.

 

Angetan hatte es ihm auch der Krieg. Die italienischen Stadtstaaten lagen häufig in Fehde miteinander, in die auch der französische König eingriff. Also plante er Festungs- und Verteidigungsanlagen, entwickelte eine Art Panzer aus Holz (den er für unbesiegbar hielt) und den Vorläufer heutiger U-Boote, ersann eine schnell auf- und abbaubare und leicht zu transportierende Militärbrücke, ein Gewehr mit drei Läufen, riesige Katapulte und eine gigantische Armbrust.

 

Ein perfekter Taucheranzug

 

Auch einen Taucheranzug aus Leder entwarf er. Dabei dachte er an alles – der Anzug war bereits mit einem Schnorchel ausgerüstet, sogar ein Urinbeutel war vorhanden, falls der Taucher mal "musste" und das Wasser nicht verschmutzen wollte; so mancher heutige Schwimmbadbesucher könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Dem türkischen Sultan Bayezid II. schlug er sogar eine Brücke zu Überquerung des Goldenen Horns im damaligen Konstantinopel vor. Sogar eine Art Auto aus Holz ersann er. Es sollte sich durch ein Zusammenspiel von Federn und Zahnrädern in Bewegung setzen. Wissenschaftler eines Museums in Florenz bauten das Gefährt 2004 nach: es funktionierte.

 

Leonardos Taucheranzug. Er besaß schon einen Schnorchell und - für den Fall der Fälle - sogar einen Urinbeutel

 

 

 

Mit einigem Recht kann man ihn auch einen frühen Umweltschützer nennen: Von einem deutschen Glasmacher und einem Metallschmied ließ er sich verschiedene Hohlspiegel bauen, mit denen er Sonnenenergie in Wärme umwandelte und so kochendes Wasser für eine Färberei bereitstellte.

 

 

 

 

 

Eine Liste mit lateinischen Vokabeln aus dem Codex Trivulzianus. Der Codex befindet sich in einem Mailänder Schloss und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

 

 

 

 

 

Daneben finden sich in seinen Aufzeichnungen seitenlange lateinische Vokabellisten – die damaligen Wissenschaftssprachen Latein und Griechisch beherrschte er nur unzureichend. Außerdem verfasste er auch eine ganze Reihe von Aphorismen. "Wer das Leben nicht schätzt, der hat es nicht verdient", schrieb er etwa, oder "Die Wahrheit war immer nur eine Tochter der Zeit.". Auch der Satz "Es gibt keine Gewissheit ohne Mathematik" stammt von ihm.

 

Wie hatte Siegmund Freud doch über ihn geschrieben: "Er glich einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle schliefen." Besser kann man es wohl nicht ausdrücken.

 

Vielleicht interessieren Sie sich ja auch für meine anderen Artikel über Leonardo da Vinci?

Die unglaubliche Geschichte der Mona Lisa – Vor 500 Jahren starb ihr Schöpfer

Das schwule Genie – Vor 500 Jahren starb Leonardo da Vinci

 

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Quellen:

Daniel Kupper: Leonardo da Vinci. Rowohlt Monographie, Rowohlt, Reinbek 2007, ISBN 978-3-499-50689-5

Sigmund Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3596104574,

Das Guinness-Buch der Rekorde 1999

Andreas Schroeder - Auf der Flucht mit Mona Lisa. Von Meisterdieben und charmanten Schwindlern. München, 1998

Thomas Hoving: Artful Tom, a Memoir – im Internet unter http://www.artnet.com/magazineus/features/hoving/artful-tom-chapter-twenty-four6-1-09.asp

Emma Dickens: Das Da-Vinci-Universum - Die Notizbücher des Leonardo. Berlin, 2006, ISBN 978-3548368740

Zweite "Mona Lisa" in Spanien entdeckt – im Internet unter http://www.zeit.de/kultur/kunst/2012-02/mona-lisa-madrid

sowie weitere Quellen

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