Der erste Kontakt

 

"Ja", sagt der Mann am anderen Ende des Telefons, "der Wagen ist noch da."

Aha, denke ich, der Wagen ist noch da. Warum das? Gibt es einen Haken? Ist der Wagen überteuert? Das Getriebe im Eimer? Ist es ein Mafia-Fahrzeug?

Es sind die naheliegenden Fragen, die sich jemand stellt, der wirklich etwas versteht von der Materie. Es sind meine Fragen.

"Also", sage ich gedehnt, "ich hätte grundsätzliches Interesse. Wo kann ich mir den Wagen denn ansehen?"Ohren auf beim Autokauf

Die Antwort kommt schnell. "Er steht bei meinem Schrebergarten."

Hat der Kerl keinen festen Wohnsitz? Will er mich in eine Falle locken? Was hat er vor? Ich entschließe mich, in die Offensive zu gehen.

"Das passt gut. Wann kann ich dorthin kommen?"

"Also, da sind noch zwei andere Interessenten. Aber die kommen aus Sachsen und Dresden, ist ja ein bisschen weit weg. Wenn die sich nicht mehr melden, könnten Sie morgen kommen."

"Gut", sage ich. "Dann melde ich mich morgen früh noch einmal. Und wenn die anderen nicht angerufen haben, komme ich vorbei. Ok?"

"Ja. Einverstanden."

Ich verabschiede mich und lege auf. Die Kontrolle über das Gespräch lag ganz klar bei mir, entscheide ich. Das ist wichtig. Beim Autokauf muss man eine gewisse Autorität ausstrahlen. Jetzt weiß der Verkäufer, dass er es mit jemandem zu tun hat, der die Fäden in der Hand hat. Ich lehne mich zufrieden zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Es knackt kurz in meiner Schulter. Aber das ist es mir wert.

 

Die Besichtigung

 

Weder der Interessent aus Dresden noch der aus Sachsen haben noch einmal von sich hören lassen, als ich den Verkäufer am nächsten Morgen anrufe. Wir verabreden uns für 11 Uhr. Ich bin pünktlich dort, sehe den Wagen, aber der Verkäufer ist nicht da. Als ich mir das Namensschild ansehe, das unter "Parzelle 49 C" angebracht ist, sehe ich den Namen "Schrader". Er aber hatte sich gestern als "Stegmann" vorgestellt. Sämtliche Alarmglocken springen an bei mir. Ich hätte einen Colt mitnehmen sollen, denke ich.

Ich gehe zunächst zum Ford. Der soll laut Annonce rot sein. Aber das kann ich nicht beurteilen. Er steht unter einem Baum und ist von vorn bis hinten mit Laub übersät. Als ich ein paar Blätter vom Dach wische, sehe ich, dass er tatsächlich rot ist. Mit geschultem Blick gehe ich einmal um den Wagen herum. Mein erster Eindruck ist gut. Zwei Außenspiegel, vier Räder, ein Kofferraum hinten, eine Windschutzscheibe vorn. Im wesentlichen entspricht er der Beschreibung.

Ich wende mich wieder der Parzelle zu und sehe einen großen Mann mit Pferdeschwanz auf mich zukommen.

"Herr Wellbrock?", fragt er mich.

"Herr Stegmann?" erwidere ich, gespannt auf seine Reaktion.

"Richtig", sagt er ruhig. Doch das reicht mir nicht.

"Ich war verwirrt, weil auf dem Schild hier 'Schrader" steht."

"Das ist meine Freundin", sagt er. "Der gehört das Häuschen."

Ach so, denke ich. Und wo ist sie jetzt, Deine Freundin? Steht sie mit einem Beil hinter dem Haus, bereit, mich zu köpfen, falls ich etwas Falsches tue? Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Frau mit einem Blick, in dem der Wahnsinn lauert. Doch ich lasse mir nichts anmerken.

Stegmann kommt heraus und sagt:"Sorry wegen dem Laub. Ich wollte es noch wegmachen, bin aber nicht dazu gekommen."

"Kein Problem", sage ich, denke aber, dass es sehr wohl ein Problem ist.

Er hat einen Handfeger dabei und befreit den Ford Fiesta vom Laub, zumindest von einem Großteil davon. Dann schließt er die Fahrertür auf und sagt:"Sie können ja mal eine Runde drehen."

Was hast Du denn gedacht! Dass ich den Wagen in eine Tüte stecke und dann einfach mitnehme? Natürlich will ich eine Runde drehen! Ich bedanke mich, steige ein und starte den Motor. Er springt sofort an und läuft auf 3.000 Umdrehungen in der Minute. Ein bisschen viel, wie ich finde. Kurze Zeit später beruhigt er sich. Ich lege den Gang ein und fahre los. Ganz langsam. Dann höre ich es.

 

Die Diagnose

 

"Das verstehe ich nicht", sagt Stegmann.

Das glaube ich ihm gern. Und von mir aus muss er es auch nicht verstehen. Aber ich muss ihn damit konfrontieren. Außerdem soll er wissen, dass ich vom Fach bin und den Fehler klar benennen kann.Ohren auf beim Autokauf

"Tja, das klingt wie so ein Rattern. Oder Klopfen. Etwa so, als würde eine Kette schleifen, nur anders."

"Ich verstehe", sagt Stegmann, aber ich höre ihm an, dass er nicht versteht.

"Also, ich würde es gern auch mal hören", sagt er, "denn bisher hat der Wagen so ein Geräusch noch nicht gemacht."

Nein, nein, natürlich nicht, Herr Stegmann. Bisher hat er immer geschnurrt wie eine Katze. Sicher, na klar. Verarschen kannst Du einen anderen!

"Dann steigen Sie ein", sage ich, "wir fahren zusammen ein Stück."

Wir sitzen im Wagen, ich fahr los, es passiert: nichts.

"Ich schwöre..." fange ich an, doch dann kommt es wieder. Diese Geräusch, das ein bisschen klingt wie aufeinander schlagende Metallplatten oder Holzspäne, auf denen man barfuß läuft. Nicht ganz einfach, die Diagnose, nicht ganz einfach.

"Ich höre es auch", sagt Stegmann, "das klingt wie Kreide auf einer Tafel. Oder ein Löffel in einer Pfanne."

Ich denke kurz nach und komme zum Schluss, dass er recht haben könnte. Stegmann will es sich noch einmal von außen anhören, um das Geräusch besser lokalisieren zu können. Er steigt aus und bittet mich, langsam anzufahren. Das tue ich. Er läuft neben dem Wagen her und bückt sich immer wieder. Ganz gut in Form, denke ich anerkennend. Dann höre ich ihn.

"Vorn links!" ruft er.

"Aha!" entgegne ich durch die offene Fensterscheibe.

"Von dort kommt es nicht", schreit er.

"Ok!" erwidere ich.

"Ich geh mal auf die andere Seite!"

"Gute Idee!"

Nach fünf Minuten ist Stegmann sichtlich erschöpft. Und ratlos.

"Ich kann es einfach nicht orten", sagt er. "Das ist wirklich merkwürdig.

"Wir sollten uns mal den Motor ansehen", sage ich, "vielleicht finden wir dort etwas. Im Prinzip fährt der Wagen ja gut."

 

Der Blick ins Innere

 

Ich finde den Hebel für die Motorhaube unter dem Lenkrad nicht sofort. Und auch, als "Sofort" längst vorüber ist, taste ich noch hilflos herum. Stegmann eilt zur Hilfe und greift ebenfalls unter das Lenkrad. Er berührt mich für einen Moment an meinem Oberschenkel und eine Sekunde peinlichen Schweigens breitet sich aus. Dann findet er den Hebel. Kurze Zeit später springt die Motorhaube auf. Wir gehen beide nach vorn, er öffnet die Haube und wir stehen vor einem Ford-Motor, Baujahr 1990.

Wir starren hinein.

Schweigen.

Starren weiter.

Dann er: "Tja."

"Ein Motor", sage ich.

"Sehen Sie was?" will er wissen.

"Auf den ersten Blick nicht, nein", sage ich. Und dann: "Moment."

Ich beuge mich vor und taste etwas im Motorraum ab. Es fühlt sich warm an. Und wie Metall. Es könnte warmes Metall sein.

Daneben berühre ich etwas Schlauchförmiges. Ich vermute, dass es sich um einen Schlauch handeln könnte.

"Nein", sage ich, "hier ist alles in Ordnung, so wie ich das sehe."

"Hmmm, dann weiß ich es auch nicht", merkt Stegmann an.

"Starten Sie doch nochmal den Motor, ja?"

Stegmann nickt. "Ok, mach ich."

Als er Motor startet, kommt Leben in den Ford. Ich höre alles Mögliche und sehe alles Mögliche. Und ich komme zur Erkenntnis, dass es nicht so schlimm sein kann mit dem Geräusch, dass ein wenig wie Wassermelonen klingt, in die mit einem Handbohrer Löcher gebohrt werden.

Trotzdem: Ich kann den Wagen natürlich nicht zum ursprünglichen Preis kaufen. Ich werde verhandeln müssen.

 

Der Abschluss

 

"Sicher haben Sie Verständnis, wenn ich sage, dass wir nochmal über den Preis sprechen müssen", eröffne ich die letzte Runde. "Erstmal die hohe Drehzahl und dann..."Ohren auf beim Autokauf

"Ja, klar", sagt er. "Und dann dieses Geräusch. Ich finde, es klingt wie ein Baum, wenn es stürmisch ist und regnet."

"Vielleicht, ja", sage ich.

Wir stehen noch immer vor der offenen Motorhaube und sehen hinein, als würden wir gemeinsam ein dritte Meinung einholen wollen. Doch Haube und Motor bleiben kollektiv stumm.

"Ich schlage vor, dass Sie mit dem Preis ein wenig runtergehen. Dann nehme ich den Wagen gleich mit." Damit mache ich deutlich, dass es mir ernst ist.

"An was dachten Sie denn?" will Stegmann wissen.

"Ich gebe Ihnen 290 statt 300 Euro. Was halten Sie davon? Ich hab dann einfach ein besseres Gefühl."

Er überlegt kurz und sieht aus, als würde er etwas berechnen. Dann sagt er: "Ok, einverstanden. Das ist fair."

Kurze Zeit später tauschen wir Papiere aus. Papiergeld gegen Papierdokumente wie Fahrzeugschein und Fahrzeugbrief. Darüber hinaus TÜV-Bescheinigungen und Papiere, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

Wir wünschen uns ein schönes Wochenende und schütteln die Hände.

Ich fahre los und steuere die nächste Tankstelle an. Ich muss tanken, außerdem braucht der Wagen dringend eine Wäsche. Danach funkelt er in einem leuchtenden Rot und ich habe das Gefühl, einen guten Kauf gemacht zu haben. Und einen vernünftigen Preis ausgehandelt zu haben.

Später erfahre ich durch einen Freund, dass die hohe Umdrehungszahl nach dem Starten normal ist, wenn der Motor noch kalt ist. Das merkwürdige Geräusch höre ich nur noch ein einziges Mal, danach niemals wieder. Es klingt ein wenig wie das Geräusch, das Frikadellen machen, wenn sie in die heiße Pfanne geworfen werden.

Ich kann mich aber auch täuschen.

Autor seit 5 Jahren
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