Außergewöhnliches Buch über den Vogelflug

Mouillard's erste Beobachtung zum Flugverhalten der Gänsegeier (lat. Gyps fulvus) soll er so kommentiert haben:
"…Mein ganzes Leben werde ich mich an den ersten beobachteten Flug eines Geiers erinnern. …Er war so beeindruckend und majestätisch… dieser Eindruck ließ mich nicht mehr los. …dieser Flug war eine perfekte praktische Demonstration all meiner entwickelten Theorien zur Durchführung des künstlichen Fluges durch den Menschen."

Das ganze Buch hindurch lassen sich längere Passagen von sehr hoher literarischer Qualität finden. Der Reiz dieser hervorragend formulierten Aussagen ist extrem hoch, sodass unweigerlich auch der gesetzte Leser den Drang verspüren musste, es dem Vorbild der Vögel gleich zu tun.
Es besteht kein Zweifel, dass der Inhalt dieses Buches einer der wichtigsten Faktoren beim Herleiten allgemeiner Regeln für den Gleitflug für Octave Chanute war, um seine Experimente durchzuführen zu können. Und aufgrund des engen Kontaktes hatte die Interpretation dieses Buches durch Chanute auch eine durchaus inspirierende Wirkung auf die Bemühungen der Gebrüder Wright beim Bau ihrer Gleiter und später auch des motorisierten "Flyer".

Verglichen mit diesem Buch, das fast ausschließlich der Beobachtungen der Vögel gewidmet ist, erscheinen die gewöhnlichen, normalen Bücher über Ornithologie beinahe primitiv.
Mit einer möglichen Ausnahme von Lilienthal's Arbeit, besonders seine Beobachtungen der Störche, besaß kein anderer der Luftfahrt- Enthusiasten, der sich im 19. Jahrhundert mit dem Gleitflug beschäftigte, die Fähigkeit, sich durch solch eine mächtige Ausdrucksstärke der Fachwelt zu offenbaren und die Noch-Ahnungslosen zum Glauben an die Möglichkeit des motorlosen Fluges des Menschen zu führen.

Theorie gut - Praxis mangelhaft

Als Missionar oder "Verkünder" seiner Beobachtungen und Theorien, stand Mouillard mit an der Spitze der langen Liste aller Luftfahrt-Pioniere, zusammen mit Lilienthal und Octave Chanute.
Das wissenschaftliche Studium der Gesetze und Prinzipien der Aerodynamik waren dagegen nicht so sein Ding und somit dürfte er auch nicht zusammen mit solchen Personen wie Cayley, Wenham, Pénaud, Langley, Lilienthal, Chanute oder Maxim erwähnt werden. Diese Pioniere spielten letztendlich in einer völlig anderen Liga, auch wenn sie nicht immer erfolgreich waren.
Er war ein aufmerksamer Beobachter von Vögeln und besaß ein besonderes Talent seine Gedanken und Gefühle in Worte zu wandeln. Darüber hinaus war er gerade in der Praxis eher nur mittelmäßig. Er machte ein paar erfolglose Versuche Gleitflieger zu bauen, deren Konstruktion und der Aufbau so unzulänglich waren, dass er selbst die ersten unglücklichen Gleitversuche von Cayley und Wenham, die sie lange vor ihm gemacht hatten, nicht übertreffen konnte.

Auf Grund seiner Untersuchungen kam er damals zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass die großen Vögel auch die besten Segler seien. Dies Auffassung verstärkte seine Überzeugung, dass der Mensch den mühelosen Gleit- und Segelflug nachahmen kann.
Er soll folgendes geäußert haben:
"…Ich lasse mich nicht davon abbringen, dass beim Flug der Vögel das Emporschweben allein durch die geschickte Ausnutzung der Kraft des Windes erfolgt..., so dass bei einem mittleren Wind auch der Mensch sich in einem motorlosen Flugzeug in die Luft erheben und sogar gegen den Wind fliegen könnte. … er kann also mit einer starren Tragfläche, die zur Steuerung gut eingerichtet ist, die Aufstiegs- und Steuerbewegungen nachahmen, die vom segelnden Vogel vollbracht werden... und wird dazu nur die Kraft benötigen, die zur Durchführung dieser Steuermanöver notwendig ist."

Gleiter No.3 und No.4

Es ist verständlich, dass Mouillard mit dieser Auffassung eigene Versuche begann und mehrere Gleitflugzeuge baute. Leider war er, wie schon vorab angeführt, als Praktiker nicht so erfolgreich wie als Flugbeobachter. Er ließ viele bereits existierende Erkenntnisse der Aerodynamik, speziell die Flugstabilität, außer acht.
Sein Gleiter Nr. 3 aus dem Jahre 1865 bestand nur aus einer Tragfläche und verfügte weder über ein Höhen- noch über ein Seitenleitwerk oder andere stabilisierende Vorrichtungen.
Der Aufbau des Gleiters war sehr einfach. Zwei rechteckige, miteinander verbundene Auflagen bildeten den eigentlichen Träger. An diesem waren 14 Flügelrippen befestigt. Das Gerät wurde nach der Art eines Lilienthal-Hängegleiters getragen. Die beiden Arme lagen links und rechts auf den Auflagen. Zwei Gurte wurden über die Schultern gelegt, zwei weitere um die Oberschenkel. Nach dem Aufnehmen des 14 Kilogramm schweren Gleiters befand sich der Flugapparat in der Höhe des Brustkorbes.
Eine Steuerung war nicht vorhanden; sie erfolgte allein durch die Verlagerung der Körpermasse.

Mouillard schrieb zu einem Gleitversuch, den er selbst unternommen haben soll, in dem Buch "Le Vol sans Batement": "Es kam mir der Gedanke, über einen Graben zu springen. ... ich nahm einen Anlauf entlang der Straße und sprang über den Graben. …meine Füße kamen nicht mehr auf die Erde… Ich glitt durch die Luft, war aber nur einen Fuß über dem Boden… glitt durch die Luft, ohne eine Möglichkeit, den Flug zu unterbrechen …Endlich berührten meine Füße den Boden. Ich fiel auf meine Hände, zerbrach einen Flügel, und alles war vorbei. Dann maß ich die Entfernung zwischen meinen Fußabdrücken und dem Rand der Straße und fand heraus, dass sie 42 Meter betrug." Nachdem Mouillard den beschädigten Apparat repariert hatte, setzte er einige Tage später die Versuche fort. Die Konstruktion konnte aber bei einem weiteren Versuch der Belastung nicht standhalten und die Flügel brachen. Gleiter No.4Wenig später übersiedelte der französische Pionier von Algerien nach Kairo, wo er im Jahr 1878 einen vierten verbesserten Gleiter (No.4) mit einem Höhenleitwerk und einer Art Querruder baute. Mouillard kam aber aufgrund einer schweren Krankheit nicht mehr dazu, dieses Gerät auszuprobieren. Er starb wenige Monate nach Fertigstellung.

 

Buchtipp zu diesem Thema

Kleine illustrierte Schriftenreihe zur Geschichte der Luftfahrt

von Rainer Lüdemann

 

Die Anfänge der Fliegerei - Teil III

Die Schule des Gleitfliegens

2013, Paperback, 72 Seiten

 

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Chanute würdigte Arbeit Mouillards

Trotz seiner begrenzten praktischen Fähigkeiten ist Mouillard einer der großen Pioniere der Flugtechnik. Seine niedergeschrieben Erkenntnisse werden von einer unerreichten und glühenden Überzeugung getragen, daß der Flug des Menschen eines Tages Wirklichkeit wird.
Viele weltbekannte Flugtechniker, wie Otto Lilienthal, Octave Chanute, die Gebrüder Wright und einige andere, wurden von diesem glühenden Optimismus insperiert. Die Wrights nannten ihn den "Prediger in der Wüste", und er war tatsächlich ein Missionar inmitten einer Welt des Unglaubens.
Abschließend wären noch einige Bemerkungen zur Anerkennung der Leistungen Mouillard's in Verbindung mit der Arbeit von Ovtave Chanute anzuführen.
Sehr bedauerlich ist, dass die Leistungen von Chanute von gewissen Kreisen der französischen Luftfahrtwelt in Mißkredit gebracht wurden. Von einer Gruppe französischer "Luftfahrtexperten" wurde immer wieder versucht, Frankreich als das Mutterland des mechanischen Fluges hervor zu heben. So wurden die Arbeiten von Lilienthal kaum beachtet, die Versuche von Clement Ader aber als eine bahnbrechende Pionierarbeit dargestellt. Diese Gruppe von fehlgeleiteten Personen, sie nannte sich " Ligue Nationale Aerienne", wollte nicht zulassen, dass die Erfolge anderer Pioniere vor denen der französischen Experimentatoren standen. Man ging sogar soweit, dass, aufgrund der intensiven Korrespondenzen zwischen Chanute und Mouillard, behauptet wurde, Chanaute habe Mouillard's Informationen zu seinem eigenen Vorteil ausgenutzt, um sich damit einen großen Namen in der internationalen Luftfahrtwelt zu verschaffen.
Chanute dagegen versuchte seine Erfahrungen allen Flugpionieren, mit denen er in Verbindung stand, zugänglich zu machen. So wurde auch mit den Erfahrungen Mouillard's umgegangen, natürlich mit Genehmigung desselben. Gegen die Tatsache, dass die Gebrüder Wright schon vor Chanute mit der Flügelverwindung experimentierten, stellt sich der Sachverhalt, dass Mouillard sich in keinem Teil seines Buches auf eine solche Vorrichtung bezog.

Fakt war, dass andere Pioniere weiter waren als Mouillard. In seinem Buch "Progress in Flying Machines" hat Chanute der Arbeit Mouillard in einer umfangreichen Darstellung ausserordentlichen Respekt entgegen gebracht. Er war nicht nur kritisch gegenüber Mouillard, sondern unterstützte auch verschiedene seiner Sichtweisen in einer Vielzahl von schriftlichen Auszügen.
Was vielleicht die Mehrheit der Luftfahrtinteressierten nicht wissen, ist die Tatsache, dass Chanute das US-Patent, welches für den Gleiter No. 3 von Mouillard erteilt wurde, mitfinanziert hatte. Mouillard hatte dafür nicht genügend Geld und so schaltete sich Chanute mit ein und wurde Mitinhaber des Patentes No. 582.757 im Jahr 1897. Das war bestimmt kein Nachteil für Mouillard.

 

Quellen:

- Chanute.Octave, Progress in Flying Machines - Aeroplanes: Part VIII, January 1893

http://invention.psychology.msstate.edu

- Mouillard, L.-P., Le Vol sans Battement, Paris 1912, S.204 u. 205,(posthume Ausgabe des Librairie Aéronautique Paris, 1912, 

- Wissmann,G., Geschichte der Luftfahrt- Von Ikarus bis zur Gegenwart, S. 254

 http://www.google.com/patents/US582757

 

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