Rudolf Steiner um 1905

Rudolf Steiner um 1905 (Bild: Wikipedia)

Eine Antwort auf diese Frage muss natürlich bei Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie und der Waldorfschulbewegung, beginnen. In einem Vortrag am 14. Juni 1908 sagte er:

 

"Wie der Mensch durch hohe, bedeutsame Musik sozusagen gute Wesenheiten in seinen Kreis zieht, so wahr ist es auch, dass abstoßende Musik schlimme astralische Wesenheiten in den Bannkreis der Menschen zieht, und Sie würden wenig erbaut sein, wenn ich Ihnen von manchen modernen musikalischen Leistungen beschreiben würde, was für grässliche astralische Gestalten da herumtanzen, wenn das Orchester spielt. Diese Dinge sind ernst zu nehmen!"

(Rudolf-Steiner-GA, Bd. 98, S. 247 zit. n. http://Fvn-rs.net)

Werden diese Dinge an Waldorfschulen ernst genommen? Gibt es überhaupt irgendeine Art von Musik, die heute an Waldorfschulen tabu ist? Offensichtlich nicht.

Welche "modernen musikalischen Leistungen" kann Steiner aber im Jahr 1908 gemeint haben? Jazz und Blues waren in Europa noch so gut wie unbekannt; das "Orchester" dürfte ein klassisches gewesen sein. Die Zwölftonmusik war noch nicht erfunden, aber 1906 hatte Schönberg seine erste Kammersinfonie geschrieben. Was sonst an zeitgenössischer Musik zu hören war, war Impressionismus (Debussy, Ravel) und späte Romantik (Reger, Mahler, Strauss). Vielleicht dachte Steiner auch an die Operette, jene Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch? Soviel ist klar: Für Steiner gab es gute und schlechte, gesunde und ungesunde Musik, und somit konnte es ihm nicht egal sein, mit welcher Musik man sich in Waldorfschulen befasst. Ebenso klar ist, dass die von Steiner als "abstoßend" bezeichnete Musik sehr viel näher an "klassischer" Musik gewesen sein muss als es die modernen Popularmusikstile sind. Um wie viel abstoßender wären also diese für Steiner gewesen, da sie sich so weit von der Klanglichkeit klassischer Musik entfernen?

Was hätte Steiner zur elektronischen Verstärkung von Stimme und Instrumenten gesagt, die das menschliche Maß verlässt und, wie wir inzwischen aus unzähligen Untersuchungen wissen, früher oder später zu Hörschäden führt? Was hätte er zur Zerstörung der Ausgewogenheit zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus zugunsten einer Überbetonung des Rhythmischen (der permanente "Beat") gesagt? Was hätte er zu einer Musik gesagt, die Schamlosigkeit, Wut und Hass, Aggression und Rebellion in einer Weise ausdrückt, die zu seiner Zeit – aus technischen wie aus gesellschaftlich-moralischen Gründen – noch unvorstellbar gewesen ist?

Auf jeden Fall musste Kunst für Steiner schön sein: "Der ist nicht bloß ein großer Künstler, der ein schönes Mädchengesicht ansprechend malen kann, sondern der wirkliche Maler muss unter Umständen auch ein altes, verdorrtes, runzeliges Gesicht so malen, dass es in der Kunst schön wirken kann. Das muss aller Kunst zugrunde liegen." (Vortrag vom 17. 8. 1923, Hervorh. v.m.)

Instrumente für eine Waldorfschule? (Bild: NielsR, pixelio.de)

Dass fast alle populären Musikrichtungen, insbesondere die nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen, den abendländisch-christlichen und eben auch den anthroposophischen Werten Hohn sprechen, ist eigentlich unüberhörbar. Sind unsere Ohren schon so abgestumpft, dass wir nicht mehr über den Wert und emotionalen Gehalt von Musik urteilen können? Hören wir nicht die Schamlosigkeit im lasziven Gesang der Popsängerin, die Aggression im Geschrei des Rocksängers und in den verzerrten E-Gitarrenklängen, die Arroganz im Rap, die Gewalt im permanenten "Beat"? 

Drogen: populäre Musiker als Vorbild (Bild: Petra Bork, pixelio.de)

Wer es nicht (mehr) hört, der möge doch wenigstens die wissenschaftlichen Studien zur Wirkung verschiedener Musikstile zur Kenntnis nehmen: So wurde wieder und wieder nachgewiesen, dass die Hörer populärer Musikstile überdurchschnittlich stark zu Kriminalität neigen, und dass aggressive Gefühle durch das Anhören solcher Musik zunehmen. Die Musiker selbst sind dafür ja das beste Beispiel; ihre Vorbildwirkung war es auch, die überhaupt erst zum Drogenproblem in den westlichen Gesellschaften geführt hat. 

2007 wurde in einer Studie festgestellt, dass "nordamerikanische und europäische Popstars" (hier war sogar "New Age" inbegriffen) drei bis 25 Jahre nachdem sie berühmt wurden eine 1,7mal so hohe Sterblichkeit wie der Bevölkerungsdurchschnitt aufwiesen. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht prominente populäre Musiker Opfer ihres Alkohol- oder Drogenkonsums werden. Das sind keine Zufälle, sondern es ist die logische Folge des mit dieser Musik verbundenen Lebensstils – den auch Schulen propagieren, indem sie solche Musik zulassen.

 

Rebellion statt Bildung (Bild: Konstantin Gastmann, pixelio.de)

Nach dem Aufkommen des Rock'n'Roll stieg die Kriminalität dramatisch an. Einen weiteren Schub speziell bei der jugendlichen Gewaltkriminalität gab es, als der Rap nach Europa kam. Und das liegt nicht nur an den Texten und am Vorbild der Musiker, sondern in erster Linie an der Musik selbst. Musik weckt Emotionen, und aggressive Musik weckt das emotionale Aggressionsprogramm, das in jedem menschlichen Gehirn vorhanden ist. Das muss übrigens nicht gleichbedeutend mit körperlicher Gewalt sein, sondern kann sich ganz allgemein in unsozialem Verhalten und Auflehnung gegen Pflichten, Ordnung und Vorschriften äußern.

Viele Hörer argumentieren, dass sie im Gegenteil mit solcher Musik ihre Aggressionen abreagieren könnten, aber das ist ein Irrtum. Diese sogenannte Katharsishypothese gilt in der Aggressionsforschung längst als widerlegt. Wenn sie zuträfe, hätten Gewalt und Kriminalität seit dem Aufkommen dieser hochaggressiven Musik deutlich zurückgehen müssen, und Klassikhörer, denen diese Möglichkeit der "Abreaktion" fehlt, müssten die schlimmsten Gewalttäter sein – doch genau das Gegenteil ist der Fall! Man kann nicht friedlicher werden, indem man sich aggressive Reize zuführt. Deshalb gibt es Ausschreitungen bei Pop- und Rockkonzerten, aber nicht bei Konzerten mit klassischer Musik. Wer aggressive populäre Musik hört, übt sich gewissermaßen darin, selbst Aggression zu empfinden und aggressiv zu reagieren. Bei Kindern und Jugendlichen kommt hinzu, dass sie sich besonders leicht beeinflussen lassen und die in der jeweiligen Musikszene geltenden Werte kritiklos übernehmen. Der "Beat" wirkt direkt auf das Stammhirn und schaltet die kognitiven Funktionen aus.

Musik für eine Waldorfschule? (Bild: Christian Steiner, pixelio.de)

Spätestens in der Pubertät sind für unzählige Jugendliche nicht mehr Eltern oder Lehrer die wichtigsten Vorbilder und Erzieher, sondern oberflächliche und exhibitionistische Popsängerinnen, drogensüchtige Rockmusiker oder gewalttätige Rapper. Die Liedtitel "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" und "Legal, Illegal, Scheißegal" sind zu geflügelten Worten geworden, welche die Werte der populären Musikszenen treffend beschreiben; ebenso wie das einst von Jürgen Laarmann propagierte Motto des Techno: "Tu was Du willst, nutze alle Mittel!", das, Zufall oder nicht, dem "Gesetz von Thelema" des Satanisten Aleister Crowley entspricht.

Nur am Rande erwähnt seien hier die Verbindungen zwischen vor allem Black Metal und Satanismus und die von Musikern und Hörern dieser Musikrichtung begangenen Morde und anderen Verbrechen. Auch der Rap ist in besonderem Maß in Kriminalität involviert. Wussten Sie, dass in den letzten Jahren über 30 Rapper erschossen wurden? – Opfer der eigenen kriminellen Subkultur.

 

Schule hat einen Erziehungsauftrag; und der kann nicht darin bestehen, sich irgendwelchen Moden oder schlechten Angewohnheiten anzubiedern. Wenn Schulen für sich in Anspruch nehmen, zu Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein erziehen zu wollen, dann müssen sie klare Grenzen dessen setzen, was in ihren Mauern geduldet wird und was nicht. Wie Rauchen und Alkohol, so muss auch Popularmusik (U-Musik) auf einem Schulgelände tabu sein. Soll man etwa die niedrigsten Formen der Alltagskultur und die von den meisten Schülern ohnehin täglich gehörte Musik auch noch in die Schule hineinholen? Die Schule sollte vielmehr eine "Gegenumwelt" (Neil Postman) im positiven Sinne sein und den Schülern ausschließlich die "hohe, bedeutsame Musik", wie sie Steiner nennt, nahebringen; und das um so mehr als diese Musik heute in vielen Elternhäusern (und ich wage zu behaupten, sogar in manchen Elternhäusern von Waldorfschülern) keinen Platz mehr hat.

Bildung durch klassische Musik

Bildung durch klassische Musik (Bild: Rainer Sturm, pixelio.de)

Gerade für eine Schule sollte auch von Bedeutung sein, dass Schüler mit einem Interesse für klassische Musik im Durchschnitt bessere Leistungen aufweisen als Schüler mit einem Interesse für populäre Musikstile. Dies dürfte jeder Lehrer aus eigener Erfahrung bestätigen, und bereits in den 1980er Jahren wurde es durch eine Langzeituntersuchung von Keith Roe nachgewiesen: Hier ließ sich anhand des Musikgeschmacks sogar der spätere Berufserfolg und Sozialstatus vorhersagen! Das bedeutet übrigens nicht unbedingt, dass Hörer populärer Musik dümmer sind, sondern dass diese Musik zu einem gegenwartsbezogenen, hedonistischen Verhalten führt, das gegen Lernen und Bildung gerichtet ist: "We don't need no education." Wer Ohren hat, zu hören, der höre diese Botschaft!

Sogar Pat Boone wusste es. (Bild: dalelanham, flickr.com)

Was Rudolf Steiner als "grässliche astralische Gestalten" bezeichnet, hat einen wahren Kern: Es sind die "grässlichen" Emotionen, die durch populäre Musik übertragen werden: Rebellion, Aggression, Verantwortungslosigkeit, sexuelle Zügellosigkeit, rücksichtsloser Hedonismus.

Dass Musik Emotionen überträgt, ist ja eine Binsenwahrheit. Wie naiv ist da der Glaube, dem inzwischen auch die meisten Anthroposophen und Christen anzuhängen scheinen, dies könnten nur gute und heilsame Emotionen sein! Selbst populäre Musiker wie Pat Boone wissen es besser: "Niemand kann sagen, der Einfluss des Rock'n'Roll sei gesund und positiv. Er ist wie ein verführerischer, perverser Flötenspieler, eine ganze Generation in die Selbstzerstörung führend.” 

Dieses Zitat, dem ich viele ähnliche hätte hinzufügen können, habe ich sogar der anthroposophischen Zeitschrift Erziehungskunst entnommen (Felix Zimmermann: Die Pop-Musik und ihre Hintergründe; 1988/10, S. 669-680). Wie sich aber die Zeiten inzwischen geändert haben, ist daran zu erkennen, dass man dort 2004 die Veröffentlichung eines popularmusikkritschen Aufsatzes von mir ablehnte – ebenso wie bei info 3, auch ein anthroposophisches Magazin.

Man will offenbar nichts mehr über die negativen Wirkungen populärer Musik hören, hat sogar Angst vor der Diskussion. Wo ist der Idealismus der Waldorfschulbewegung geblieben? Wo das selbstbewusste Eintreten für positive, heilsame, soziale Werte, auch gegen den Zeitgeist? Weiter konnte sich die Anthroposophie nicht von ihren Grundsätzen entfernen.

 

Weiterführende Literatur:

Klaus Miehling: Gewaltmusik. Populäre Musik und Werteverfall, Berlin 2010.

Hier auf pagewizz sowie an anderen Stellen im Netz sind mehrere kostenlose Texte desselben Autors über die Wirkungen populärer Musik zu finden.

Der Autor arbeitet seit 1994 als Pianist (Eurythmiebegleiter) an Waldorfschulen und schrieb diesen Artikel (mit geringfügigen Änderungen) anlässlich einer mit aggressiver populärer Musik beschallten Aufführung eines Achtklassspiels. Die Redaktion der Schulzeitung weigerte sich, den Artikel zu drucken.

Klaus_Miehling, am 08.07.2013
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Bildquelle:
Reisefieber (Die heilige Kuh in Indien)

Autor seit 7 Jahren
11 Seiten
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