Ursprung und Geschichte des Pharisäertums

Das Wort Pharisäer leitet sich von dem Begriff "Peruscha" ab und bedeutet übersetzt soviel wie "die Abgesonderten". Über die Entstehung der pharisäischen Bewegung herrscht nach dem derzeitigen Forschungsstand jedoch keine völlige Klarheit. Zwei Theorien werden in der Regel als akzeptabel angesehen: Zum Einen könnte ein Zusammenhang mit der makkabäischen Freiheitsbewegung bestehen. In den letzten beiden Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung setzte diese sich (lange Zeit erfolgreich) gegen die Hellenisierung Palästinas zur Wehr. Es ging also neben politischer Unabhängigkeit vor allem um den Schutz des jüdischen Glaubens vor der griechischen Götterwelt.

Möglicherweise entwickelte sich aus dieser national-religiösen Bewegung das spätere Pharisäertum. Eine andere Theorie besagt, dass die Wurzeln der Pharisäer in der so genannten nachexilischen Zeit liegen. Der historische Hintergrund dazu ist in einigen alttestamentlichen Büchern zu finden: Im sechsten Jahrhundert vor Christus zerschlugen die Babylonier in mehreren Wellen den jüdischen Staat. Ein Großteil der Bevölkerung wurde deportiert, die Hauptstadt Jerusalem verwüstet und der Salomo-Tempel vollständig zerstört. Nach biblischer Aussage war dies eine Folge der Abkehr von Gott. Erst Jahrzehnte später setzten Neubesiedlung und Wiederaufbau ein. Einige Juden legten die Religionsvorschriften fortan offenbar besonders genau aus, um eine erneute Katastrophe zu verhindern. Die pharisäische Bewegung könnte sich also in dieser Zeit durchaus formiert haben. Damit wäre auch erklärt, wieso die Pharisäer so aggressiv gegen Christus und dessen erste Nachfolger vorgingen.

Seinen Höhepunkt erreichte das Pharisäertum im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Es zählte damals schätzungsweise 6000 Anhänger, besaß ein gewisses Ansehen bei der Bevölkerung und beeinflusste offizielle Gremien. Einige Pharisäer lebten auch außerhalb der jüdischen Gebiete. Beispielsweise stammte der spätere Apostel Paulus aus einer pharisäischen Familie in Kleinasien. In dieser Epoche des Erfolgs ereigneten sich jedoch auch zwei Dinge, die das pharisäische Lehrgebäude in Bedrängnis brachten: Das Aufkommen des Christentums sowie die erneute Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70.

Lehre und Leben der Pharisäer

In den Evangelien kommt nicht selten die Wendung "Pharisäer und Schriftgelehrte" vor. Dies erweckt allerdings einen falschen Eindruck. Natürlich waren viele Schriftgelehrte der damaligen Zeit Pharisäer. Doch diese Bewegung rekrutierte keineswegs nur Angehörige der gebildeten Oberschicht. Bewerber mussten zunächst eine Probezeit absolvieren, ehe sie in eine genossenschaftsähnliche Gemeinschaft (Chaberuth) aufgenommen wurden. Vor allem Bauern und Handwerker gehörten daher dem Pharisäertum an. Dies erklärt auch, warum Jesus bei seinen Wanderungen so oft auf Pharisäer traf. Vermutlich war es aber schon so, dass in der pharisäischen Bewegung theologisch gebildete Männer den Kurs bestimmten. Anders wären die detaillierten Lehrinhalte der Pharisäer nicht erklärbar.

Dazu gehörten die Unsterblichkeit der Seele, die Existenz von Engeln und Geistern sowie die leibliche Auferstehung der Toten. Darüber hinaus beschäftigten sich einige Pharisäer auch mit Erkenntnissen über das Weltende, was jedoch eher als geheimes Wissen angesehen wurde.

Insgesamt bewirkte der eigentlich gute Ansatz zur Treue gegenüber Gottes Gesetzen jedoch, dass die ausgeübte Religion der Pharisäer sich in äußeren Formen niederschlug und damit zwangsläufig zur so genannten Werkgerechtigkeit ausartete: Durch perfektioniert menschliches Handeln sollte die völlige Sündlosigkeit vor Gott erreicht werden.

Pharisäer und Sadduzäer in der Bibel

Die ersten fünf Bücher im Neuen Testament gehen auf die Pharisäer nicht tiefgründig ein. Jene werden lediglich erwähnt, sobald sie mit Jesus oder den ersten Christen zusammentreffen. Weil dabei in der Regel die pharisäische Lehrmeinung mit der Botschaft des Gottessohnes kollidiert, entsteht ein überaus negatives Bild der Pharisäer. Sehr selten, beispielsweise im Fall des Gelehrten Gamaliel (Apostelgeschichte 5,32), gibt es auch positive Anklänge.

Doch die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sondern erwähnt historische und gesellschaftliche Umstände nur so weit, wie sie für das Verständnis der eigentlichen Botschaft nötig sind. Im Falle der Pharisäer ist dies eben der Umstand, dass die fanatische Auslegung der (eigentlich guten) Gesetze lieblos macht und trotzdem keine Erlösung bewirkt. Aus der vor allem in diesem Kontext stehenden Erwähnung der Pharisäer darf deshalb nicht abgeleitet werden, dass Jesus diese Gruppierung grundsätzlich ablehnte. Die Bibel stellt lediglich heraus, dass pharisäisches Gedankengut nach christlichem Verständnis eben kein Heilsweg ist.

 

Obwohl die Bibel sie im Vergleich zu anderen Gruppierungen wie Zeloten, Schriftgelehrten oder Pharisäern eher am Rande erwähnt, gehörten die Sadduzäer zu den großen, religiösen Gemeinschaften Palästinas in der Antike. Es gibt zu ihnen relativ wenig Informationen, welche zudem überwiegend von kritischen Urhebern (Josephus, Neues Testament, rabbinische Schriften) stammen. Die Sadduzäer werden direkt zwar relativ wenig benannt, spielen in den Evangelien und in der Apostelgeschichte aber dennoch eine gewichtige Rolle. Dies liegt am gesellschaftlichen Status ihrer Mitglieder, denn Sadduzäer entstammten in der Regel der geistlichen oder weltlichen Aristokratie.

Die Sadduzäer: Theologische Grundlagen

Doch nicht allein jener Umstand sorgte für eine gewisse Distanz zum Volk. Auch die sadduzäische Theologie wies einige Besonderheiten auf. Im heutigen Verständnis vieler Bibelleser gelten oftmals die Pharisäer als engstirnige Bewahrer alter Traditionen. Tatsächlich jedoch waren eigentlich die Sadduzäer die extrem konservativen Vertreter des Judentums. Während beispielsweise die Pharisäer versuchten, das mosaische Gesetzeswerk durch allerhand Auslegungen und Zusatzvorschriften in die Praxis umzusetzen, schlossen die Sadduzäer dies völlig aus. Ihnen galt die Tora ohne jegliche Deutungsversuche als Maßstab.

Die erheblichste Abgrenzung gegenüber anderen jüdischen Lehrmeinungen ergab sich jedoch daraus, dass die Sadduzäer eschatalogisches Gedankengut ablehnten. Sie glaubten also nicht an eine Auferstehung vom Tod und standen apokalyptischen Vorstellungen kritisch gegenüber. Sie verneinten auch die Existenz von Engeln und Geistern sowie die Idee einer göttlichen Führung oder Vorhersehung. Stattdessen strebten diese Bewegung eine irdisch-religiöse Heilsverwirklichung an.

Die Geschichte der Sadduzäer

Der Ursprung des Wortes Sadduzäer konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Am populärsten ist die Theorie, dass sich der Begriff vom Namen des jüdischen Hohenpriesters Zadok (zur Zeit des salomonischen Großreichs) ableitet. Dennoch liegen die Anfänge der sadduzäischen Religionspartei nicht in jener Ära. Stattdessen sind sie vermutlich auf die so genannte Makkabäerzeit zu datieren, also ungefähr das zweite Jahrhundert vor Christus. In jener Epoche wehrten sich die Juden recht handfest gegen eine kulturelle und religiöse Überfremdung durch hellenistisches Gedankengut.

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung hingegen, zur Zeit Jesu und der Urchristen also, bestand bereits eine deutliche Abgrenzung zum Volk und zu anderen national-religiösen Bewegungen wie den Pharisäern, Essenern oder Zeloten. Die Sadduzäer hatten sich mit der mittlerweile römischen Besatzungsmacht arrangiert und versuchten, durch opportunes Verhalten weiteres Unheil zu verhindern. In diesem Zusammenhang ist möglicherweise auch der (oft prophetisch gedeutete) Text im Johannesevangelium Kapitel 11, Verse 46-50 zu verstehen. Der Hohe Rat der Juden befürchtete demnach wegen Jesus Ärger mit den Römern und kam zu dem Schluss: Es ist besser, einer stirbt, bevor das ganze Volk leidet. Unter den Beteiligten dieser folgenschweren Beratung werden die Sadduzäer zwar nicht explizit genannt. Doch der Schlüsselsatz wird vom Hohenpriester Kaiphas gesprochen, höchstwahrscheinlich ein Mitglied der Sadduzäerbewegung. Durch Kaiphas wurden später zudem jene Ereignisse angestoßen, welche in die Kreuzigung Christi mündeten. Sadduzäer beeinflussten vermutlich auch die Urteilsfindung des Pilatus. Entsprechend angespannt gestaltete sich das Verhältnis der ersten Christen zu den Sadduzäern.

Doch aller Opportunismus half den Sadduzäern schließlich nichts. Im Jahr 66 brach der jüdisch-römische Krieg aus. Die Zeloten und andere Aufständische gingen dabei auch gewaltsam gegen die Sadduzäer als angebliche Helfer der Besatzungsmacht vor. Mit der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. wurde den Sadduzäern (als priesterliche Aristokratie) zudem schlagartig ihre religiöse und wirtschaftliche Grundlage entzogen. Obwohl es auch in den folgenden Jahrzehnten vermutlich noch Sadduzäer gab, war diese Religionspartei damit faktisch am Ende.

Autor seit 7 Jahren
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