Madame Caillaux: Leidenschaft oder "gerechtes" Verbrechen?

Heutige Boulevardmedien haben offenbar nichts aus einem Skandal gelernt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frankreich erschütterte. Denn wer als Journalist rücksichtslos die Privatsphäre anderer Menschen zerstört, lebt bisweilen gefährlich. Gaston Calmette, der nationalistisch gesinnte Chef des Pariser Blattes "Le Figaro", bezahlte dafür sogar mit dem Leben. Am 16. März 1914 wurde er in seinem Büro von einer Frau erschossen. Die Dame hieß Henriette Caillaux, war die Gattin des französischen Finanzministers und ließ sich anschließend seelenruhig verhaften. Ihr Motiv: Monatelang hatte der Zeitungsmann gegen den linksliberalen Minister Joseph Caillaux gehetzt und drohte nun sogar, intime Briefe des Ehepaars zu veröffentlichen. Ein tödlicher Fehler, denn offenbar hatte er die Leidenschaft der Ministergattin unterschätzt.

Joseph Caillaux trat daraufhin von seinem Ministeramt zurück, und der Gerichtsprozess gegen die Täterin spaltete die Nation. Für die Einen war Henriette Caillaux lediglich eine eiskalte Mörderin. Ihre Sympathisanten wiederum brachten Begriffe wie Leidenschaft, Notwehr und Liebe in die Diskussion ein. Das sensationelle Urteil erging schließlich am 28. Juli 1914: Die Angeklagte wurde wegen "unkontrollierbarer weiblicher Emotionen" freigesprochen. Offenbar war in dieser Hinsicht die Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht perfekt, was sich für die Dame in diesem Fall als durchaus hilfreich erwies...

Marianne Bachmeier und das mediale Schwarz-Weiß-Schema

Ein ähnlich kontrovers diskutierter Fall von Selbstjustiz beschäftigte die Deutschen im Jahr 1981. Im Lübecker Schwurgerichtssaal erschoss die Gastwirtin Marianne Bachmeier den Angeklagten Klaus Grabowski. Der vorbestrafte Sexualverbrecher hatte zehn Monate zuvor Marianne Bachmeiers Tochter Anna getötet. Nicht wenige Deutsche sahen in der Tat die gerechtfertigte Rachehandlung einer verzweifelten Mutter. Von der deutschen Öffentlichkeit erfuhr Marianne Bachmeier zudem nicht nur moralisch-verbale Unterstützung. Für ihre juristische Verteidigung wurde sogar ein Spendenkonto eingerichtet. Das Urteil lautete schließlich auf sechs Jahre Haft, von denen Marianne Bachmeier die Hälfte verbüßte. Doch die Vermarktung ihrer Lebensgeschichte brachte der Täterin nicht nur Vorteile ein. Das mediale Schwarz-Weiß-Schema der liebenden Mutter, die sich am Mörder ihrer Tochter rächt, erhielt zunehmend Grautöne. Es stellte sich heraus, dass die junge Frau bereits zwei Kinder zur Adoption freigegeben hatte... Nach bewegten Jahren, in denen sie gelegentlich die Nähe der Medien suchte, verstarb Marianne Bachmeier 1996 an einer Krebserkrankung.

Bonnie Parker: Eine Liebe gegen Banker und Polizisten

Die vermutlich bekannteste Gangsterin des letzten Jahrhunderts war Bonnie Parker. Berühmt wurde sie als der weibliche Part des Gangsterduos Bonnie und Clyde. Die Geschichte des Paares weckte Sympathien und bot Stoff für Verfilmungen, Liedtexte und Theaterstücke. Ganz so romantisch war es aber dann doch nicht. Die Gangsterbraut, die unbekümmert und bewaffnet vor der Kamera posierte, beherrschte das blutige Geschäft. Bei einer ganzen Serie von Raubüberfällen, die keineswegs nur gegen Reiche und Mächtige gerichtet war, lud sie die Waffen nach, mit denen die Opfer erschossen wurden. Näher betrachtet, besteht Bonnie Parkers Geschichte aus allerhand niederen Instinkten und ist weder heldenhaft, noch romantisch. Rund zwei Jahre währte das schmutzige Gangsterleben, dann starb die junge Frau 1934 gemeinsam mit ihrem Clyde durch Verrat im Kugelhagel des FBI. Bonnie Parker wurde gerade einmal 23 Jahre alt.

Gisela Werler: Die höfliche Bankräuberin

Im Jahr, als Bonnie Parker starb, wurde eine Frau geboren, die ebenfalls durch Raubüberfälle Berühmtheit erlangen sollte: Gisela Werler. Bekannt wurde sie durch zwei Sachverhalte: Sie war vermutlich Deutschlands erste Bankräuberin und führte ihre Taten mit kaltblütiger Höflichkeit aus. Von 1965 bis 1967 verübte sie 19 Banküberfälle, meist gemeinsam mit Hermann Wittdorf, einem verschuldeten Taxiunternehmer.

Gisela Werler erbeutete rund 400 000 DM, damals eine unvorstellbar hohe Summe. Die Frau mit Sonnenbrille, Perücke und Hut sagte am Schalter "Bitte" und bedankte sich für die Beute. Den höflichen "Bitten" um Geld verlieh allerdings eine Maschinenpistole aus dem Zweiten Weltkrieg erheblichen Nachdruck. Anschließend knatterte das Gangsterduo mit einem gestohlenen VW Käfer davon. Deutschlands wahrscheinlich erste Bankräuberin verprasste das Geld jedoch nicht, sondern lebte weiterhin unauffällig und bescheiden.

Gefasst wurden Gisela Werler und Hermann Wittdorf am 15. Dezember 1967. Beim Überfall auf eine Sparkasse in Bad Segeberg widersetzten sich die Angestellten und lösten Alarm aus. Das Gangsterpaar flüchtete, wobei erstmals die Waffe zum Einsatz kam und vier Menschen Verletzungen erlitten. Nach gut drei Kilometern beendete ein Streifenwagen die Flucht. Gisela Werler wurde zu 9,5 Jahren Gefängnis verurteilt und heiratete während der Haftzeit ihren Partner. Die ehemalige Hilfspackerin und Kassiererin starb 2003. Ein Teil des von ihr erbeuteten Geldes soll bis heute verschwunden sein.

Quellenauszug:

Brockhaus Wissenscenter

FAZ.net

Website der Süddeutschen Zeitung

Spiegel.de

Laden ...
Fehler!