Gleichberechtigung, Gleichstellung oder Frauenlobby?

Zur Ehrenrettung unserer Politiker sei erwähnt: Im offiziellen Sprachgebrauch geht es, ebenso wie im Gesetzestext, nicht allein um Frauen, sondern um gleiche Chancen für beide Geschlechter.
Man darf sich allerdings einmal fragen, wieso dieses Gesetz allein auf Führungspositionen abzielt. Echte Gleichberechtigung wäre doch, einen Frauenanteil überall, in allen Bereichen des Arbeitslebens, festzuschreiben.
Doch Bundesfamilienministerin Schwesig und Bundesjustizminister Maas (beide SPD) haben es bisher möglicherweise versäumt, eine Frauenquote für Klärwerke, Atommeiler oder den Minenräumdienst zu fordern. Beide Politiker scheinen zudem übersehen zu haben, dass gefahrlose Bürojobs mit fester Arbeitszeit vor allem eine Domäne der Frauen sind. Wo bleibt da die Männerquote?
Natürlich könnten jetzt auch Transgender, religiöse Minderheiten oder Migranten eine entsprechende Quote fordern. Wenn es um tatsächliche oder vermeintliche Benachteiligung geht, findet schließlich fast jeder sein persönliches Aufreger-Thema. Über Gleichberechtigung und Gleichstellung lässt sich also trefflich streiten.

Ein einfaches Beispiel soll aufzeigen, wie vielschichtig dieses Thema ist. Denn es gibt tatsächlich ein Argument, das Befürworter und Gegner der Frauenquote gleichermaßen verwenden:
Es ist der Umstand, dass manche Karrierefrauen sich wieder von ihrer Leitungsfunktion zurückziehen.
Gegner der Frauenquote sehen sich darin ebenso bestätigt wie Befürworter. Letztere behaupten nämlich einfach, dass diese Frauen lediglich durch karrieregeile, böse Männer behindert werden. Welche Argumente für oder gegen die Quote gibt es also sonst noch?

Fünf Argumente für eine Frauenquote

1. Frauen sind in Leitungsfunktionen unterrepräsentiert. Deutschland hat hier gegenüber anderen westlichen Staaten Aufholbedarf. Nach Ansicht der Quotenbefürworter liegt dem nicht mangelndes Interesse der Damenwelt zugrunde, sondern eine bewusste oder fahrlässige Behinderung der Frauen.
2. Die Politikerin Rita Süssmuth (CDU) soll einmal gesagt haben: "Wer keine Frauenquote will, muss die Frauen wollen." In gewisser Weise haben die Unternehmen es also bisher selbst in der Hand gehabt, den Quotenzwang zu verhindern.
3. Männer in Leitungspositionen scharen nach Auffassung gelehrter Leute nur gleichartige Wesen, also andere Männer, um sich, weil diese für sie berechenbarer seien. Daraus entstehe ein weitgehend geschlossener, exklusiver Kreis an männlichem Führungspersonal in Wirtschaft und Öffentlichem Dienst. Die Politik müsse somit gegensteuern.
4. Frauen haben geringere Verdienstzeiten, weil sie ihre Karriere dem Nachwuchs opfern. Mit einem höheren Anteil an Frauen bei lukrativen Posten kann dieses Manko (zumindest für einige Frauen) ausgeglichen werden.
5. Befürworter glauben zudem, dass Frauen in Leitungspositionen familienfreundlicher agieren. Männer werden nach dieser Lesart verantwortlich gemacht für soziale Härten, Börsencrashs und Kriege aus Profitgier. Ein deutlicher Frauenanteil bei den Verantwortungsträgern könnte das abmildern.

Fünf Argumente gegen die Frauenquote

1. Auch Frauen haben schon Kriege angezettelt, Unternehmen in den Sand gesetzt und sozialen Kahlschlag veranstaltet: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher zum Beispiel stürzte ihr Volk in den sinnlosen Falklandkrieg und entmachtete die Gewerkschaften. Es ist somit utopisch, Männern prinzipiell alles Schlechte zuzuordnen und im Gegenzug von Frauen in Führungspositionen Wunder zu erwarten. In den USA gibt es mittlerweile eine ganze Reihe weibliche Spitzenkräfte. Die Arbeitswelt ist dort dennoch nicht humaner oder sozialer als in Deutschland.

2. Leute wie Angela Merkel haben es ganz ohne Quote bis nach oben geschafft, durch Können, Wissen, Klugheit und Geschick. Frauen können also ebensoviel erreichen wie Männer, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.

3. Die Frauenquote macht aus kompetenten und klugen Verantwortungsträgerinnen plötzlich Quotenfrauen. Jeder ihrer Karriereschritte wird nur noch auf die Quote zurückgeführt, ungeachtet der tatsächlichen Sachlage. Die Frauenquote ist in dieser Hinsicht daher eigentlich frauenfeindlich.

4. Eine Frauenquote erzeugt durch ihre bloße Existenz den Eindruck, Frauen wären allein nicht in Lage, Führungspositionen zu erreichen. Die Frau wird zum Opfer herabgewürdigt, dem permanent geholfen werden muss.

5. Wir leben in einer Marktwirtschaft. Die erfolgreichsten Marktteilnehmer schaffen es ganz nach oben. Wer hingegen versagt, scheidet aus dem wirtschaftlichen Wettbewerb zunächst aus. So funktioniert Kapitalismus. Wenn nun beispielsweise eine Frau nur zur Quotenerfüllung in eine bestimmte Leitungsfunktion hineingelobt wird, dieser aber gar nicht gewachsen ist, kann das (wie bei männlichen Fehlbesetzungen auch) wirtschaftlichen oder politischen Schaden anrichten. Wer kommt dann dafür auf? Etwa die Abgeordneten, die für eine Frauenquote um jeden Preis gestimmt haben?

Gibt es einen Königsweg?

Die Gleichstellung sollte ursprünglich einfach nur geschlechtsspezifisch bedingte Unterschiede in der Ausgangssituation abfedern. Gleiche Chancen für alle also. Deutsche Lobbyisten haben daraus leider einen Geschlechterkampf gemacht.
Die Argumente beider Seiten sind jedoch durchaus überdenkenswert. Im Prinzip streben (zumindest die nicht fanatischen) Befürworter und Gegner der Quote sogar langfristig das gleiche Ziel an: Die Nutzung von Können und Wissen beider Geschlechter zum Wohle aller. Nur die Wege dahin weichen halt stark voneinander ab. Hier ist ein Konsens gefragt, quasi eine Mischung aus Quote und Quotenverzicht. Geht das? Beispielsweise durch freiwillige Selbstverpflichtungen, die der Staat dann auch konsequent einfordert? Das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst" sowie die Geschichte seiner Entstehung enthalten durchaus entsprechende Anklänge.

Frauen brauchen eigentlich keine Quote. Sie sind selbst schlau genug. Besser wäre es, ihnen durch gezielte Maßnahmen (z. B. flexible Arbeitszeiten) den Weg in die Führungsetagen zu ermöglichen. Gehen werden sie diesen Weg dann allein und auf ihre Weise, sofern sie es wollen – ganz ohne Quote.


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