Verwirrung um Helenas Herkunft: Wer mit wem?

Bei der Beschäftigung mit Helenas Familienstammbaum erscheint lediglich die Frage der Vaterschaft weitgehend unstrittig. Wieder einmal muss dafür der Göttervater Zeus herhalten, dessen Nachkommenschaft unter Menschen, Fabelwesen, Halbgöttern und Göttern enorm hoch ist. Doch wer war Helenas Mutter? Hier kommen zwei Kandidatinnen in Betracht:

  • Eine verheiratete Frau namens Leda, die der als Schwan verkleidete Zeus verführt haben soll. Leda war zudem die Mutter zweier Söhne sowie einer weiteren Tochter namens Klytemaestra, welche in den Sagen um Troja ebenfalls eine unrühmliche Rolle spielte.
  • Als Helenas Mutter kommt jedoch auch die mythische Gestalt Nemesis in Betracht. Sie verkörpert Missgunst, Rache und gerechte Strafe. Die Annäherungsversuche des Zeus wies sie zwar ab, musste sich letztendlich jedoch fügen.

Einigkeit erzielten die alten Sagenerzähler hingegen in einer bemerkenswerten Tatsache: Helena wurde nicht auf menschliche Weise geboren, sondern entschlüpfte einem Ei! Einige Sagendichtungen lösten daher die Unklarheit um die Mutterschaft auf, indem Leda der Nemesis (oder umgekehrt) das Ei übergab. Die weiteren Umständen dieser seltsamen Geburt wurden jedoch schon wieder verschiedenartig dargestellt. Nach manchen Quellen soll sich Helena das Ei mit ihren Brüdern, den sogenannten Dioskuren, geteilt haben. Andere Angaben hingegen gestehen Helena ein eigenes Ei zu, während ihre Brüder sich ein weiteres Ei teilen mussten. Spätere Sagendichter lösten dieses gewaltige Wirrwarr um Helenas Herkunft übrigens auf ganz andere Weise. Sie wiesen ihr mit dem Götterpaar Okeanos und Thethys einfach komplett neue Eltern zu!

Vortrojanische Sagen um Helena

Bereits als Heranwachsende soll Helena eine auffallende Schönheit gewesen sein. Theseus, einer der bekanntesten Helden der griechischen Sagenwelt, entführte das Mädchen daher und ließ es in Athen unter der Obhut seiner Mutter Aithra zurück. Helena wurde jedoch durch ihre Brüder, die Dioskuren, befreit. Aithra musste fortan als Helenas Dienerin arbeiten und begleitete sie auch nach Troja. Doch das Interesse der Männerwelt an Helena blieb trotz dieser Episode offenbar recht hoch. Zahlreiche Bewerber hielten um ihre Hand an, so dass Helena kriegerische Auseinandersetzungen befürchten musste. Auf den Rat des schlauen Odysseus hin ließ sie daher alle Heiratskandidaten schwören, sich gegenseitig zu unterstützen und den Auserkorenen zu respektieren. Dann wählte sie Menelaos. Durch den Schwur mussten alle anderen Bewerber Helenas Ehemann im Notfall beistehen. Der Grundstein des Trojanischen Krieges war gelegt.

Der Mythos um die schöne Helena bei Homer

Diese Sagen setzte der Dichter Homer offenbar als bekannt voraus, als er Helenas Entführung nach Troja, den zehnjährigen Kampf um die Stadt sowie die lange Heimreise der Griechen schilderte. Bei Homer ist Helena Opfer und Akteurin zugleich. Zunächst verfiel sie durch den Einfluss der Liebesgöttin Aphrodite willenlos ihrem trojanischen Entführer Paris. Doch in Troja selbst agierte sie unberechenbar und hielt sich alle Optionen offen. Einerseits schien sie sich gut im königlichen Palast einzuleben, verriet jedoch andererseits den griechischen Kundschafter Odysseus nicht. Als das reiche Troja schließlich fiel, gelang Helena scheinbar mühelos die Aussöhnung mit ihrem ersten Gatten Menelaos. Beide erlebten auf der Heimreise eine jahrelange Irrfahrt, welche sie unter anderem nach Ägypten verschlug. An diesem Punkt tangiert Homers Erzählung übrigens andere Schilderungen rund um Helenas Geschichte.

Alternative Darstellungen der Helena-Entführung

Der Lyriker Stesichoros berichtete in seinem Werk "Palin", Paris und die entführte Helena seien zunächst nach Ägypten verschlagen worden. Dort habe man Helena zurückbehalten und dem Paris lediglich ein trügerisches Schattenbild überlassen. Nach dem Trojanischen Krieg holte Menelaos seine Gattin schließlich aus Ägypten ab. Allerdings weiß die Legende auch, dass Stesichoros (der zuvor sehr negativ über Helena schrieb) diese Episode wohl nicht ganz freiwillig erfand...

Dennoch griffen auch andere Dichter die ägyptische Version auf. So verfasste beispielsweise in Athen der Tragiker Euripides eine recht ähnliche Version. Nach seinen Angaben formten die Götter selbst aus Wolken ein täuschend echtes Abbild der Helena. Der als "Vater der Geschichtsschreibung" bekannte Herodot wiederum verweist auf eine angeblich direkt aus Ägypten stammende Legende. Demnach habe Paris kein Abbild der Helena mitgenommen, sondern sei gänzlich allein nach Troja zurückgekehrt. Die Griechen glaubten das allerdings nicht, so dass die Stadt völlig umsonst zehn Jahre lang belagert und schließlich zerstört wurde.

Helena in der kultischen Überlieferung

Heute ist die schöne Helena zwar vor allem durch Homers Erzählungen bekannt. Doch in früheren Zeiten wurde die Erinnerung an diese Sagengestalt auch anderweitig gepflegt. Helena wies dabei gelegentlich magische Eigenschaften auf. So widmete man ihr beispielsweise in Lakonien (dem späteren Sparta) einen Baumkult. Auch im Aberglauben der Seefahrt blieb Helena lange erhalten. Beim Auftreten eines sogenannten St. Elmsfeuers (einer elektrostatischen Luftentladung) glaubten die Seeleute früherer Zeiten an ein Zeichen Helenas für bevorstehendes Unglück. Bestand das St. Elmsfeuer hingegen aus einer doppelten Flamme, deutete dies auf Helenas Brüder, die Dioskuren, hin und verhieß dem Beobachter Glück.

Quellen:

Lexikon der Alten Welt, Albatros Verlag, Düsseldorf, 2001

Bertelsmann Lexikon Geschichte, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh, 1996

Gustav Schwab, Die Sagen von Troja und von Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus, Altberliner Verlag, Berlin, 1955

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