Ein deprimierendes Buch über häusliche Gewalt

 

Eigentlich wollte ich es gar nicht lesen und schon gar nicht kaufen, dieses Buch, dessen "Scheiß"-Titel ich dem für mich früher mal renommiertem Piper-Verlag gar nicht zugetraut hätte. So á la Bohlen- und Katzenberger-Diktion. Außerdem hatte ich zunächst Rezensionen darüber gelesen, die mich abstießen mit der Häme über den Wallfahrtsort Altötting. Bin ich doch genau dieselbe Generation wie der Autor, ebenso in Altötting geboren, auf dasselbe Straßenpflaster getreten und hatte alles andere als eine Scheiß-Kindheit dort. Also, warum sich erst ärgern. Dann drängte mir ein guter Freund, der seit langem in Altötting wohnt und meinen Hintergrund kennt, das Buch geradezu auf und wollte meine Meinung dazu hören. Kann er haben.

Missverständliche Lesefährte

Die Rezensionen führen einen zunächst auf eine völlig falsche Fährte: Es geht in dem Buch nicht ursächlich um Altötting, das bildet nur den Hintergrund. Es sind die deprimierenden Aufzeichnungen eines Jungen, der von seinem früheren SS-Vater permanent geschlagen und gedemütigt wird. Dazu im wahrsten Sinne im Hintergrund eine schwache, ebenso gedemütigte, still leidende Mutter, die die drei ähnlich misshandelten Brüder und eine besser behandelte Schwester eines Tages im Stich läßt und aus dieser Familie flieht. Wie der Bub das aushielt, ist kaum nachvollziehbar, und es stellt sich Mitleid mit ihm ein. Später Bewunderung, wie doch noch "was aus ihm geworden ist", nämlich ein guter Reiseschriftsteller, der mit Preisen ausgezeichnet wurde, jetzt durch die Talkshows pilgert, von sich gibt, dass Altöttinger bei Lesungen wütend Stinkbomben nach ihm schmeißen wollen. Kann ich gar nicht verstehen, die haben dieses Buch wohl nicht gelesen.

Problembewältigung durch Schreiben

Ganz klar: Schreiben als Kompensation, als subjektive Problembewältigung in seiner reinsten Form stellt sich hier ein, und A.A. hatte Glück, dass er dafür einen angesehenen Verlag fand. Übrigens ist seine Sprache gut lesbar, eine klare Wutsprache eines Wutautors, und bei Wutausbrüchen werden die Sätze natürlich nicht lang.

Der Medienerfolg der angelaufenen PR-Maschinerie ist beachtlich. Das hängt vor allem mit dem bis zum Erbrechen ausgespielten Hintergrund Altöttings zusammen: Das Buch erschien "rechtzeitig" gerade, als der bayerische Papst nach Deutschland unterwegs war, nach einem Jahr der entsetzlichen Missbrauchs-Enthüllungen in den Kirchen. Altötting lebt vom Geschäft mit der Kirche, keine Frage, der Vater von Altmann war einer der Großhändler für Devotionalien.

Lernjahre in Altötting

Erst einmal meine Daten dazu: Altötting liegt im gleichnamigen Landkreis, der sonst aber vom südostbayerischen Chemiedreieck dominiert wird. Darein gehören die gewerbesteuerreichen Gemeinden Burghausen, Burgkirchen-Gendorf und Hart (in schwarzen Zahlen zum Teil auch heute), die zwar – früher zumindest, in meiner Kindheit noch vor dem Hochkommen eines Umweltschutzbewusstseins - Giftwolken erduldeten, aber immense Gelder einnahmen, sich beeindruckende Infrastruktur einschließlich international bekannter Sportstätten leisten konnten. Das viel ältere Altötting war da immer das belächelte Stiefkind, das nur am Pilgertourismus verdienen konnte. Als Kind lernte ich täglich auf meinem Schulweg, an all diesen Andenkenläden vorbei, dass man auch mit Religion ein gutes Geschäft machen kann, weshalb ich dazu eine gesunde Distanz entwickelte und heute allergisch auf Sekten und Esoteriker reagiere - völlig gefeit gegen deren Versuchungen und Geschäftemacherei.

Lichterprozession

Stellen Sie sich bitte vor: Ich sitze in der Schulklasse in der ersten Mädchen-Volksschulklasse (so hieß das damals, leider musste unser schönes Schulgebäude aus der Gründerzeit einer Ringstraße weichen), also sechsjährig in der Schulbank, als zwei grünberockte Polizisten herein kommen, eine Schulkameradin aus der Bank holen und mitnehmen. Deren "Verbrechen": Sie hatte in kleine Glasfläschchen Wasser abgefüllt von einem Brunnen vor der Bruder-Konrad Kirche und Wallfahrern zu zehn Pfennigen das Glas als Heilwasser verkauft. Mit sechs Jahren! Was lernt man daraus? a) Sie hat es wahrscheinlich zu unglaubwürdig billig verkauft; b) sie war ihrer Zeit voraus, weil Bruder Konrad damals erst noch selig gesprochen war und noch nicht heilig; c) sie hat vielleicht die ansässigen Devotionalienhändler verärgert. Aber sie kapierte bereits das System. Übrigens wurde aus ihr eine g'standene, humorvolle Bauersfrau mit zwei Kindern - haben wir bei unserem Klassentreffen 25 Jahre später fest gestellt!

Altöttinger und das Kabarett

Ich selbst pflege als Glossenschreiberin die Satire und Ironie wie so viele in Altötting Geborenen. Altötting gebiert Kabarettisten in ungewöhnlicher Häufung, das fällt auf, vom Weiß Ferdl, einem Zeitgenossen Karl Valentins, bis zu unseren heutigen Kabarettisten wie Hannes Burger und Gerhard Polt. Ich genoss schon als Kind die gute Show, in der die katholische Kirche immer noch unübertroffen ist: Altmann schreibt kein Wort darüber, dass einem eine Gänsehaut über den Rücken läuft, wenn zur Begrüßung eines ankommenden Wallfahrerzuges alle Glocken aller sieben Kirchen zur selben Zeit läuten. Dass die Romantik einer nächtlichen Lichterprozession rund um die kleine Gnadenkapelle unübertroffen ist. Ich war stolz darauf, im weißen Kommunionkleid Spalier stehen zu dürfen bei der Maiandacht oder ein Gedicht in der Basilika bei einer Primiz aufsagen zu dürfen, vorne vor dem Altar vor tausend Besuchern (s. Bild unten, vorne). Diese Basilika beschreibt der Autor als kalt! Ich habe sie als bombastisch empfunden, das war und ist Altöttings Dom, nicht so barock, verschnörkelt überladen wie sonst viele bayerische Kirchen, mit einer fantastischen Akustik, in der mein Onkel einen Chor dirigierte.

Meine ersten "Comics" waren die Votivtafeln, die außen an der Kapelle angebracht waren. Das war spannend zu lesen mit den Katastrophen und Wundern, bei denen etwa ein Bub vom Ochsengespann überrollt wurde und danach wieder aufstand, ein anderes Kind ertrunken aus dem Mörnbach, in dem wir als Kinder auch schwammen, herausgezogen, der schwarzen Madonna präsentiert und dann wieder lebendig wurde. Mit unbeholfen gemalten Bildern dazu. 

Wenn zwei im selben Ort leben ist es noch lange nicht dasselbe

Aber ich kann nicht damit dienen, vom katholischen Personal oder auch sonst sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden zu sein. Andreas Altmann übrigens auch nicht. Doch höre ich im Geiste das Piper-Lektorat, (solche Assoziationen ruft eben der Titel hervor -ich war neun Jahre in der Verlags-PR), dass vielleicht so eine Geschichte doch noch fehle in seinem Buch wegen der aktuellen Sensation. Und so treibt er endlich ein bisschen Ähnliches aus zweiter Hand auf: Irgendwann hat ihm eine Bekannte erzählt, dass sie mal von einem Religionslehrer an seinen Körper gedrückt wurde. Übrigens, das war mein großer Wiedererkennungsspaß an dem Buch: Mein Mann musste sich ständig anhören: 'Du, der erwähnt gerade die Lehrerin, die wir auch mal als Aushilfe hatten!' Und unseren Religionslehrer Josef Asenkerschbaumer, den wir Mädels alle mit acht, neun Jahren anschwärmten - aber mehr auch nicht. Dem Altmann ein wüst-schlechtes Frauenbild verdankte. Ich kann es gar nicht fassen.

Klar war es Sitte, jeden Sonntag zur Stiftspfarrkirche zur Kindermesse zu gehen, dann über die getrennten Bänke hinweg schon sowas wie mit den Buben gegenüber zu flirten und hinterher Fangermandl um den Kirchplatz zu spielen. Ich war ein sogenanntes Flüchtlingskind und wuchs in einer verrufenen Siedlung auf – dass die so bewertet wurde, erfuhr ich erst sehr viel später bei dem erwähnten Klassentreffen. Wir hatten eine ( harmlose) Kinder-Bande auf der Karl-Bosch-Straße gegen die von der vornehmeren Parallel-Beckstraße und gegenüber dem großen Platz für die jährliche Dult, für die mein Bruder und ich von meinen Eltern extra Dulttaschengeld erhielten. Dass ich wunderbare, auch schon sehr moderne, emanzipatorische und dabei gläubige Eltern hatte und damit eine Kindheit, die eine solide Basis für mein Selbstbewusstsein und mein Erwachsenen-Leben wurde, das wurde mir erst später klar mit etwa 30 Jahren durch Vergleichserzählungen nicht so glücklicher Berufskolleginnen und gerade wieder vehement und dankbar durch Altmanns Buch.

Es bleibt eine offene Frage

Aber ich wollte nicht meine Biografie erzählen! Ich mache auch wahrscheinlich kein Buch daraus, denn wie mir mal eine Rezensentin einer sehr großen Frauenzeitschrift schon zu meinem Buch "Kann Erfolg denn Sünde sein – Erfahrungen einer Karrierefrau" (1991 ersch. bei Lübbe unter Pseudonym Andrea Linhart) ins Gesicht sagte: "Wir werden das nicht rezensieren, Sie sind nicht typisch, sie hatten viel zu viel Glück!" Hm.

Altmann und ich - zwei Augenzeugen desselben Alters, des gleichen (journalistischen) Berufs, desselben Ortes, zwei Kindheiten - und jeder erlebt es gravierend anders. Das ist die einzige Quintessenz, die ich aus der Lektüre ziehen kann! Eines verzeihe ich dem Autor nicht: Wir sind die 68er-Generation, aber er fragte nie seinen SS-Vater, was er eigentlich in der Nazizeit und im Krieg tat, das bereut er auch, gibt er zu. Ich hatte heftige, offene Diskussionen mit meinem Vater zu dieser Zeit, dem ich zugute halten konnte, dass er nur Sanitätsunteroffizier im Krieg und nie in der Partei war. Ansonsten ist es kein Buch, das erbaut oder unterhält oder aus dem man gar etwas lernen könne. Mit jenem Fernseh-Rezensenten, der die Bücher über ein Fließband wirft, kann ich nur sagen: "Weg damit - nächstes Buch!"

Scheißbuch-Cover

erschienen 2011. 256 Seiten. 19,99 Euro. ISBN 783492053983

 

 

 

 

 

 

 

Bildnachweis: Stadt Altötting. privat. Piper Verlag

Arlequina, am 15.11.2011
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206 Seiten
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