Frühe Weichenstellungen

Zunächst erfährt der Leser alles Wissenswerte über die Frühphase des Islam, in der der Prophet Mohammed im Jahre 610 in Mekka mit der Verkündigung des Islam begann und mit der Aufforderung, sich von allem zu befreien, was den Menschen geistig, sozial oder politisch bevormundet, auf Konfrontationskurs ging zu den mächtigen mekkanischen Clans und Stämmen mit ihren archaischen Bräuchen, Gesetzen und Traditionen. Letztlich habe Mohammed sich nicht nur als Prophet durchgesetzt, sondern auch als eine Art Verwaltungsinstanz, und in dieser Funktion für soziale Gerechtigkeit gekämpft.

Als Mohammed im Jahr 632 verstorben war, habe sofort ein heftiger Kampf um seine Nachfolge begonnen und zwar unter den Clans und Unterclans, aus denen sich die Stämme zusammensetzten, die auf der arabischen Halbinsel das Sagen hatten und deren Angehörige zum Islam konvertiert waren. Und dabei wurde – wie der Autor darlegt - auch vor Mord und Folter nicht zurückgeschreckt, was letztlich zur Spaltung der Muslime in Schiiten und Sunniten geführt habe.  Letztlich seien auch die Kalifen nicht mehr mit dem Einverständnis der Mehrheit der Muslime ernannt worden, sondern seien durch Erbfolge beziehungsweise gewaltsame Aktionen an die Macht gekommen, so dass das Kalifat letztlich in ein Königreich umgewandelt wurde.

Folgewirkungen und ihre Begleitumstände

Die nicht durch das Volk legitimierte Herrschaft erforderte allerdings – so der Autor - eine andere Legitimation, eine Rechtfertigung, die von niemandem infrage gestellt werden konnte, und dem diente ein Verständnis des Kalifats, bei dem der Kalif nicht mehr als Stellvertreter Mohammeds galt, sondern als direkter Stellvertreter Gottes, dem unbedingt gehorcht werden musste.

Wie der Autor betont, ist diese Durchmischung des Religiösen mit dem Politischen in der Frühphase des Islam allerdings kein genuin islamisches Phänomen, sondern sie sei auf Einflüsse seitens der persischen Sassaniden und der Römer in Byzanz zurückzuführen, die den Islam vor allem nach den Siegen der Muslime über die Perser und die Römer und die damit verbundenen Eroberungen geprägt hätten. Der Autor spricht hier von einer gewollten Übernahme sassanidischer und byzantinischer Herrschaftsvorstellungen seitens der muslimischen Machthaber, die sich bis heute auswirkt.

Manipuliertes Gottesbildes und Ideologisierung

Eine weitere wesentliche Erscheinungsform des Verrats am Islam ist, wie der Autor darlegt, die Ersetzung des liebenden und barmherzigen Gottes im Koran durch einen drohenden und bestrafenden Gott. Denn ein autoritärer Herrscher, der sich selbst als Stellvertreter Gottes auf Erden sieht, müsse sich zur Legitimation seiner Herrschaft eines Bildes von Gott bedienen, das diesen ebenfalls als einen autoritären und restriktiven Herrscher zeigt, der bedingungslosen Gehorsam erwartet. Diese Manipulierung des Gottesbildes sei von einflussreichen Gelehrten unterstützt worden, habe sich inzwischen verselbständigt und sei zum zentralen Bestandteil der Unterwerfungskultur in den arabischen Ländern geworden. Dazu gehöre das Schüren von Angst vor einem Gott, "der Ungehorsame zur Strafe in das Höllenfeuer schickt".

Die heutige Erscheinungsform dieser Unterwerfungskultur sei der politische Islam, den der Autor als eine Ideologie beschreibt, der sich in den arabischen Ländern sowohl religiöse als auch weltliche Führer bedienen, um mit Hilfe der Religion ihre Machtansprüche durchzusetzen. In diesem Zusammenhang ist seiner Meinung nach ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken von besonderer Bedeutung, in dessen Kontext die Muslime als die Opfer der "bösen anderen ", insbesondere "des Westens", erscheinen. Diese Instrumentalisierung des Islam für politische Zwecke sei befördert worden durch das Scheitern des Panarabismus, also des arabischen Nationalismus, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, durch den die politische und wirtschaftliche Einheit aller Araber erreicht werden sollte.

Die Instrumentalisierung des Islam zur Etablierung einer Unterwerfungskultur hatte nach Ansicht des Autors auch schwerwiegende Folgen für die Auslegung des Koran und die Rolle der Frau in den arabischen Ländern. So sei durch eine wortwörtliche Lesart des Koran dieser auf einen Katalog von Vorschriften für ein angeblich gottgefälliges Leben reduziert worden, und Frauen würden primär als Objekte der (männlichen) Begierde betrachtet.

Zur Notwendigkeit einer innerislamischen Aufklärung

Um den Islam von den Fehlinterpretationen und Manipulierungen seiner "falschen Anwälte" zu befreien, bedürfe es – so der Autor - einer innerislamischen Aufklärung, bei der es im Wesentlichen um eine Modifizierung des Gottesbildes und des Menschenbildes gehe, aus der sich wiederum eine Veränderung der Beziehung zwischen Gott und Mensch ergebe.

Im Mittelpunkt der Beziehung zwischen Gott und Mensch müssten die sieben Dimensionen der Kraft der Selbstfindung stehen, die der Koran in der 1. Sure jedem anbietet, der sich befreien und sich als selbstbestimmtes Subjekt wahrnehmen will. Die erste Dimension ist – wie der Autor darlegt - die Barmherzigkeit als Ausdruck der bedingungslosen Zuwendung Gottes zu allen Menschen, wobei der einzelne Mensch der Kalif und damit das Medium sei, durch das Gott seine Barmherzigkeit verwirklichen möchte.

Hinzukommen müssen nach Ansicht des Autors die Kraft der Dankbarkeit Gott und den Menschen gegenüber sowie das Vertrauen in Gottes Liebe, aus dem wiederum die Kraft der Vergebung und Versöhnung, die Kraft des achtsamen Betens, die Kraft der Selbstdisziplin und die Kraft des positiven Denkens erwachsen. Damit sind für den Autor die Voraussetzungen gegeben, unter denen die Menschen ihr eigenes Bewusstsein, ihre innere Welt, und damit letztlich auch ihre äußere Welt zum Positiven hin verändern können.

Veränderung der Koranauslegung

Der herkömmlichen statischen, geschlossenen Lesart des Koran, bei der der Mensch zum passiven Empfänger koranischer Instruktionen degradiert wird, stellt der Autor ein dialogisches, offenes Verständnis des Koran, der Selbstoffenbarung Gottes, gegenüber, bei dem Gott und Mensch miteinander kommunizieren und der Mensch als freies Subjekt die Sprache des Koran in seine Lebenswirklichkeit übersetzt, so dass der Koran entsprechend der Lebenswirklichkeit der Menschen fortgeschrieben wird.

Eine solche veränderte Koranauslegung muss dem Autor zufolge auch Auswirkungen haben auf das Verständnis der Regeln des Zusammenlebens der Menschen, die im Koran als "Scharia" bezeichnet werden. Das heißt: Verstanden als juristisches Regelwerk sei die Scharia zu einem Machtinstrument geworden, das immer wieder missbraucht werden kann. Ursprünglich sei die Scharia ein Regelwerk gewesen, das der Verwirklichung ethischer Prinzipien diente, und zwar im Einklang mit der Vernunft.

Der Autor spricht hier von nichtverhandelbaren humanistischen Werten, die das Subjekt-Sein des Menschen garantieren, wobei die Selbstbestimmung des Menschen seine Verantwortlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen und gegenüber der Schöpfung impliziere. Gott zu dienen, bedeute folglich Dienst an seiner Schöpfung, und der wahre religiöse Glaube sei der Glaube an die Liebe als Manifestation Gottes in der Welt.

Bewertung

Das Buch "Gottes falsche Anwälte – Der Verrat am Islam" kann gelesen werden als eine Verdeutlichung und Vertiefung der Überlegungen des Autors zum Islam als einer Theologie der Barmherzigkeit, über die ich an anderer Stelle berichtet habe:

https://pagewizz.com/der-islam-ist-barmherzigkeit-die-theologie-des-mouhanad-33384/

Der Autor zeigt insbesondere in diesem Buch konkret auf, wie sich der Islam als große monotheistische Religion verändern müsste, damit das Potenzial von Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, das seiner Meinung nach den wahren Kern dieser Religion darstellt, endlich verwirklicht werden kann. Er betont aber auch, dass ein solcher Veränderungsprozess den Muslimen nicht übergestülpt werden könne, sondern dass die Muslime selbst diesen Prozess anstoßen, dass sie sich also von der Unterwerfungskultur, in der sie leben, selbst befreien müssten.

Vielleicht – so könnte man mutmaßen - müssen wir aber auch alle umdenken, denn die Dimensionen der Veränderung des Selbst, die dem Autor zufolge die Voraussetzung für eine Selbstbefreiung der Muslime darstellen, besitzen meines Erachtens eine über den Islam und die Muslime hinausgehende Bedeutung, weil es sich hier um Veränderungen handelt, die generell die Voraussetzung sind für die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen und damit auch für ihr friedliches Zusammenleben. Von besonderer Bedeutung ist hier für mich die Nächstenliebe als Resultat der Liebe zu sich selbst, also die berühmte "Goldene Regel".

Bemerkenswert sind für mich auch die Aussagen des Autors zu den Beziehungen zwischen Muslimen, Christen und Juden, wie sie im Koran beschrieben werden. So habe sich der Islam, den Mohammed verkündete, nicht als eine exklusive Botschaft verstanden, sondern sich vielmehr in eine Kontinuität der monotheistischen Weltreligionen eingeordnet. Der Koran sehe mit anderen Worten in der Vielfalt der Religionen eine Bereicherung und nicht etwa die Aufforderung, sich von den anderen Religionen abzugrenzen oder gegen diese gar Krieg zu führen, wie es ein heute gebräuchliches, aber falsches, Verständnis des Begriffs "Dschihad" nahelege. Ferner sei die Scharia, Scharia verstanden als Sammlung ethischer Prinzipien, von allen Gesandten Gottes, also auch von Moses und Jesus, verkündet worden.

Ich möchte hier aber auch auf einen wichtigen Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam eingehen, auf den der Autor hinweist. Und zwar geht es hier um die Geschichte vom Sündenfall, wie sie im Koran erzählt wird. Demnach hat Gott Adam und Eva unmittelbar nach dem Verzehr der verbotenen Früchte vergeben, so dass es im Islam keine Erbsünde gibt. Der Islam betrachtet den Sündenfall vielmehr – folgt man dem Autor - als Ausdruck der Freiheit des Menschen, selbst zu entscheiden. In dieser Perspektive könnte man Gottes Verbot, bestimmte Früchte zu essen, auch als "Test" betrachten, durch den Gott herausfinden wollte, ob der Mensch für seine Aufgaben auf der Erde charakterlich geeignet ist, und der Mensch hat den Test bestanden.

Dies führt natürlich zu der weiteren Frage, warum sich – wie es der christliche Glaube postuliert - Jesus am Kreuz opfern musste, um die Menschen von der Erbsünde zu erlösen, wenn es diese gar nicht gab. Ich betrachte diese Version des Sündenfalls jedenfalls als einen wichtigen Denkanstoß.

Ich würde das Buch insgesamt gesehen Lesern empfehlen, die noch mehr über den Islam und den Koran, aber auch über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Weltreligionen wissen und vor diesem Hintergrund die eigenen religiösen Grundüberzeugungen möglicherweise einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen möchten.

Zum Schluss noch der Hinweis auf ein Interview, in dem Mouhanad Khorchide selbst zu seinem Buch Stellung nmmt:

 

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