Schöne Scheiße – ein Buch, das uns näher kommt, als wir denken
In dieser Rezension erzählt Gerlinde Ahrend, wie Ursula Kosser ein Tabu entstaubt und zeigt, warum Fäkalien nicht nur Abfall, sondern ein Stück Zukunft sind.Inhaltsangabe
Kosser zeigt, wie Fäkalien weltweit als Dünger, Energieträger, Baumaterial oder sogar als medizinischer Stoff genutzt werden könnten – und warum wir dieses Potenzial seit Jahrzehnten ignorieren. Sie führt durch historische Entwicklungen, stellt moderne Technologien wie Trockentrenntoiletten und Biogasanlagen vor und beleuchtet die kulturellen Widerstände, die einer echten Kreislaufwirtschaft im Weg stehen. Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und anschaulichen Beispielen macht sie deutlich, dass das, was wir täglich wegspülen, ein wertvoller Rohstoff sein kann.
Einordnung des Buchcharakters
Was mir beim Lesen besonders aufgefallen ist: Dieses Sachbuch lässt sich nicht einfach von vorne bis hinten durchlesen wie eine lineare Erzählung. Es ist eher ein Kompendium, ein Nachschlagwerk voller überraschender Perspektiven. Die Kapitel reichen von persönlichen Erlebnissen über kulturgeschichtliche Einordnungen bis hin zu technischen Innovationen und globalen Beispielen. Gerade diese Vielfalt macht das Buch so wertvoll – man kann an jeder Stelle einsteigen und findet sofort einen Gedanken, der hängen bleibt.
Rezension
Was mich an diesem Buch am meisten berührt hat, ist nicht die Technik, nicht die Ökologie, nicht einmal die Dringlichkeit des Themas. Es ist die Art, wie Ursula Kosser uns an die Hand nimmt. Sie schreibt nicht von oben herab, nicht belehrend, sondern mit einer Mischung aus Neugier, Humor und einer leisen, aber spürbaren Empörung darüber, wie achtlos wir mit unseren eigenen Ressourcen umgehen.
Die Szene mit "Bauer Uli", die das Buch eröffnet, ist dafür exemplarisch. Sie zeigt, wie schnell aus einem alltäglichen Missverständnis ein gesellschaftliches Problem wird: Wir wollen Sauberkeit, aber wir wollen uns nicht mit dem beschäftigen, was sie kostet. Kosser nutzt diese Episode nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um zu zeigen, wie tief unser Ekel sitzt – und wie sehr er uns daran hindert, Lösungen zu sehen.
Besonders eindrucksvoll ist, wie sie große Visionen mit persönlichen Beobachtungen verbindet. Wenn sie über Hundertwasser schreibt, über seine Idee einer "Humustoilette", dann spürt man, wie sehr sie selbst von dieser Vorstellung fasziniert ist. Und man beginnt zu ahnen, dass es nicht nur um Technik geht, sondern um eine Haltung: um Respekt vor dem, was wir produzieren, und vor dem Boden, der uns ernährt.
Kosser gelingt es, ein Thema, das leicht ins Groteske kippen könnte, mit Würde zu behandeln. Sie zeigt, wie viel Energie, wie viele Nährstoffe, wie viel Zukunft in dem steckt, was wir täglich wegspülen. Und sie tut das mit einer Sprache, die einlädt, nicht abschreckt. Man liest weiter, obwohl man dachte, man wolle das alles gar nicht so genau wissen. Und am Ende ist man dankbar, dass man es erfahren hat.
"Schöne Scheiße" ist ein Buch, das uns zwingt, hinzusehen – aber auf eine Weise, die uns nicht beschämt, sondern ermutigt. Es ist ein Plädoyer für Kreislaufdenken, für Mut zur Veränderung und für einen neuen Blick auf das, was wir allzu selbstverständlich entsorgen.
Für mich ist es eines dieser seltenen Sachbücher, die nicht nur informieren, sondern etwas in Bewegung setzen. Vielleicht nicht sofort im Badezimmer. Aber ganz sicher im Kopf.
Schöne Scheiße!, Ursula Kosser, Oekom Veerlag,Print 20 €, Softcover, 160 S., E-Pub 15,99 €,
ISBN: 978-3-98726-522-8
Erscheinungstermin: 05.03.2026
Die Autorin Ursula Kosser

Ursula Kosser (Jg. 1958) studierte Evangelische Theologie und Geschichte und arbeitet seit vielen Jahren als Autorin und Journalistin. Sie berichtete lange Zeit aus dem Bonner Hauptstadtbüro des Nachrichtenmagazins Der Spiegel und war anschließend rund zwei Jahrzehnte als Fernsehjournalistin bei RTL in Bonn und München tätig, zuletzt als Chefin vom Dienst. Neben mehreren Sachbüchern veröffentlichte sie 2023 gemeinsam mit Susanne Bergius den Band Die Wunderwelt der Pfützen im oekom verlag.
Foto: Ursula Kosser, Oekom Verlag
Bildquelle:
(BMWK)
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