Es ist auch heute noch augenfällig: Das Sträßchen schlängelt sich links weg von der Staatsstrasse 192, die über sizilianische Höhenzüge von Enna nach Gela an die Südküste der Insel Sizilien führt. Die grau-gelben Getreidefelder werden abgelöst vom silbrigen Grün der Olivenbäume; Weinfelder, Zypressen lockern die Landschaft auf. Karstiges verliert sich, fast wird die Landschaft lieblich. Da prescht ein älterer roter Fiat Punto durch die engen Kurven, der aufwirbelnde Staub verdüstert das Bild. Man merkt am Spiel des Fahrers mit dem Gaspedal, dass er sich auskennt mit den Windungen des Weges. Doch sein Wagen trägt ein Pforzheimer Kennzeichen. Fast auf Tuchfühlung folgen ihm zwei Mercedes, nicht mehr ganz taufrisch, aber flott. Auch sie sind in der Bundesrepublik zugelassen: In Böblingen, wie das Nummernschild ausweist. Ihr Ziel heißt Mirabella.

Mit dem "Guten Stern" zu Taufe und Beerdigung

Dieses Städtchen, es zählt heute etwa 10.000 Einwohner, liegt mitten im sizilianischen Hochland südöstlich von Enna, dem "Dach" der Insel. Und die dort vorwiegend zur Sommerzeit in Massen auftretenden Autos mit schwäbischen Kennzeichen weisen augenfällig aus: Hier handelt es sich um eine schwäbische Dépendance, eigentlich um eine von Daimler-Benz. Um bei den Autos zu bleiben: In Mirabella fährt man mit dem Mercedes zur Hochzeit wie zur Taufe, und auch der Leichenwagen trägt den guten Stern von Untertürkheim. Der erstaunliche Grund: von den 10.000 Einwohnern dieses abgelegenen Städtchens haben etwa 3.500 im Schwäbischen gelebt und gearbeitet, oder sie leben und arbeiten noch dort, vorzugsweise im Raum zwischen Sindelfingen und Calw. Ein schwäbisches Sizilien dort, ein sizilianisch angehauchtes Schwaben hier. Zwei eigentlich höchst unterschiedliche Orte, die aber über lange Jahre hinweg auch im Wochentakt durch eine "Gastarbeiter"-Buslinie miteinander verbunden waren.

Die Enkel langweilen sich hier

1961 waren die ersten Sizilianer nach Deutschland gekommen; heute sind sie 75 oder 80 Jahre alt und bebauen mit krummem Rücken, mit Hilfe der Großfamilie, das Stückchen Rebland, das Tomatenfeld, das sie von dem bei Daimlers erarbeiteten Lohn gekauft haben. Heute sind ihre Kinder und Enkel in Deutschland. In den Ferien kommen sie heim, die Urenkel kommen mit und finden es auf Dauer langweilig: Und sie sagen: "Hier kann man nur kurz Urlaub machen". Sie sagen es auf Schwäbisch, grüßen mit "Grüß Gott" und verabschieden sich mit einem "Adé".

Die Bar verspricht Bitburger Pils

Wenn man in das auf halber Höhe über dem Tal gelegene Städtchen fährt, sieht man den Bauboom am Hang. Schmucke Häuschen in einem Stil, der beide Mentalitäten vereint: Das Schwäbisch-Ordentliche mit dem Sizilianisch-Bodenständigen. Im Schatten der Kirche am unteren Ende der sanft geneigten Piazza sitzen die alten Männer. Viele von ihnen werden "I tedeschi" - die Deutschen - genannt. Sie reden von schwäbischer Zeit. Reich geworden sind sie in den Jahren der Emigration nicht, aber viele hatten, gerufen von der Werbetrommel der deutschen Industrie, erstmals richtiges Geld in der Hand - Marchi; und satt zu essen. In der Bar, deren Eingangsschild frisches Bitburger Pils verspricht, spürt man nichts von Ressentiments. Im Gegenteil: Viele würden gern wieder zurückgehen, wenn sie Arbeit fänden. "Ich meine oft, hier nur einen längeren Urlaub zu verbringen", sagt eine junge Frau, die in Deutschland aufgewachsen ist und nur den alten Eltern zuliebe mit ihnen in die sizilianische Abgeschiedenheit zurückgekehrt ist. Sie klagt, im Winter sei es hier wie tot.

Von der Integration zur Isolation

Allerdings: Jene, die in Deutschland geblieben waren, wissen von dem Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Deutschland seinerzeit zu Beginn der 1980er Jahre, vom "Rückkehrgesetz" aus 1983, mit dem ein erster Versuch unternommen worden war, die Gastarbeiter zur Rückkehr zu bewegen. Das war vielfach vergebliche Liebesmüh – viele entschlossen sich zur Integration. Um im Alter, nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben, in Deutschland Isolation statt Integration zu erleben. So gehen die Wünsche her und hin – auch im sizilianisch/schwäbischen Mirabella. Viele der Zurückgekehrten zieht es im Herzen wieder nach Schwaben; aber auch viele der im Schwäbischen Arbeitenden – und viele Rentner - zieht es zurück zum Dach Siziliens. 

Fotos vom Autor (2) und von der Gemeinde Mirabella (Kirche).

 

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