Es gibt in Österreich viele Phänomene. Eines davon sind Produkte, bei denen man nicht weiß, worauf denn nun ihr immenser Erfolg beruht, wenn sie doch angeblich keiner mag. Der "Musikantenstadl" ist eines dieser Produkte.

 Wo und wen man auch fragt – die archaisch-volkstümliche Schunkelshow, die 1988 im öffentlich-rechtlichen ORF mit einem Gastspiel in der damaligen Sowjetunion sagenhafte 2,7 Millionen Seher (bei 8 Mio Einwohnern) erreichte und es heute, wo sich Kabel, Satellit und Privat-TV selbst in Österreich durchgesetzt haben, auf noch immer sehr respektable 700.000 Seher bringt, findet bei Nachfrage kaum bekennende Anhänger. 

 

Musikantenstadl-Erfinder und -Ur-Moderator Karl Moik mit seinem Nachfolger Andy Borg (Bild: ORF)

Besonders allergisch gegen den "Stadl" gerieren sich Medienjournalisten. "Sein Erfolg stellt sich mir einfach als Rätsel dar", sagt Susanne Heinrich, TV-Ressort-Chefin der Krone. Guido Tartarotti, Kurier-Kulturkritiker und mittlerweile auch erfolgreicher Kabarettist: "Ich ertrage das immer nur für wenige Minuten, dann muss ich mich krank ins Bett legen." 

Kritiker Tartarotti: Moiks Genialität war, die Menschen an eine heile Welt zu erinnern die es nie gab“ (Bild: Ingo Pertramer)

Heile Welt

1981 war der Musikantenstadl erstmals ausgestrahlt worden; sein Erfinder und Präsentator war der Rundfunkmoderator, Entertainer und (eigentlich dem Jazz zugeneigte) Musiker Karl Moik, "Moiks geniales Konzept", erklärt Tartarotti, "war, mit dem Stadl etwas wachzurufen, von dem die Menschen glaubten, dass es das einmal gab, obwohl es nie existierte: eine heile Welt".

Sinngemäß ähnlich sieht Anna Gasteiger,  Kultur- und Medienredakteurin des Kurier, den Stadl als breitenwirksam funktionierendes Refugium vor der realen Welt und ihren "Zumutungen" (an das Denk-, Abstraktions- und Differenzierungsvermögen): "Er ist ein Produkt genau jener Zeiten, gegen die er vermeintlich steht. Lebensumstände sind komplizierter, die Definition von Heimat und Zugehörigkeit ist schwierig geworden."

 

Wird der Stadl ewig weiterschunkeln?

"Ich bin überzeugt, dass der Stadl ewig weiterschunkelt", sagt/fürchtet Susanne Heinrich. Tatsächlich ist ein Ende der rustikalen "Gaudi" nicht abzusehen. Die "Hofübergabe von Präsentator Karl Moik (den Tartarotti als den "schlechtesten Showmaster aller Zeiten, unfähig, auch nur einen geraden Satz zu sagen", bezeichnet) hat der Stadl recht souverän über die Bühne gebracht. Gasteiger bescheinigt der Sendung ein gelungenes Lifting: "Der Stadl ist moderner geworden und läuft verhältnismäßig erfolgreich weiter. Nicht als der Koloss von einst, aber als eine von mehreren Shows im Bereich volkstümliche Musik. Es gibt keinen Grund, ihn einzustellen."

 

Kasperl: Seit 1957

Der Musikantenstadl ist nicht der einige Methusalem im ORF-Angebot. Deren gibt es nämlich in erstaunlicher Anzahl. Dabei sind hier Sendungen, die schon seit Jahrzehnten, aber nur einmal im Jahr laufen, gar nicht berücksichtigt: Zu diesen zählen etwa die Übertragungen des Opernballs, des Villacher Faschings, des Neujahrskonzert oder diverse Sportereignisse. Eigene Prämissen gelten auch für die tägliche Nachrichtensendung "Zeit im Bild". 

Kasperl und das Krokodil: Wir alle gegen die da oben? (Bild: ORF)

Die älteste noch heute ausgestrahlte ORF-Sendung ist zum Lachen: Seit 1957 läuft "Kasperl" bzw. nunmehr "Servus Kasperl". Wirklich erklären kann sich niemand, warum sich der so lange gehalten hat. Manche meinen, er sei einfach bei den diversen Programm-Reformen übersehen worden. "Vielleicht sehen den auch eher die Erwachsenen, die sich ihrer Kindheitserinnerungen versichern wollen, als die Kinder selbst?", spekuliert Guido Tartarotti. Als was aber ent-puppt sich das Kasperltheater substanziell? Susanne Heinrich sieht hier das Trugbild einer besseren Welt, "in der der Kasperl – wir alle – denen da oben – dem Krokodil – eine überzieht". 

 

Wetten, dass…? startete wie der Musikantenstadl 1981

Die älteste "erwachsene" ORF-Sendung ist übrigens das sonntägliche Religionsmagazin "Orientierung"; 1969 erstausgestrahlt, wohlgeachtet und kaum gesehen. Anders ist das ist einem Show-Monster, das wie der Musikantenstadl 1981 erstmals über die österreichischen Bildschirme flimmerte.

Dieses allerdings trug, vom ZDF produziert, die Handschrift deutscher Unterhaltungsmaßstäbe und -präferenzen. Das machte sich insofern bezahlt, als "Wetten, dass…?" die erfolgreichste Show Europas wurde.

 

Erfunden wurde die Show von Elstner, geprägt hat sie Gottschalk

Ausgeheckt und erstmoderiert hatte "Wetten, dass …?" der (übrigens wie Karl Moik in Linz geborene) Showmaster Frank Elstner. 1987 übergab er an Thomas Gottschalk, der seither, ein Interregnum Wolfgang Lipperts in den Jahren 1992/93 ausgenommen, die Sendung präsentiert und geprägt hat. Der schwere Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch bewog Gottschalk – in weiterer Folge auch dessen Assistentin Michelle Hunziker –, sich von der Show zurückzuziehen. 

 

Thomas Gottschalk war das Gesicht von Wetten, dass … ? (Bild: ORF)

"Lustig finde ich, dass man Gottschalk nach seinem Abgang bei Wetten, dass…? jetzt in der ARD das machen lässt, was er nachweislich immer am schlechtesten konnte: Talken", hatte Tartarotti bereits im Herbst 2011 gespöttelt, als "Gottschalk live" spruchreif geworden war. Ein nachgerade prophetischer Cassandra-Ruf – letzte Woche schlitterte Gottschalks Talk auf unter 1 Million Zuseher (in Deutschland!) und desaströse 3,4 Prozent Marktanteil.

 

Keine tollen Zukunftsperspektiven

"Wetten, dass …? stammt aus einer Zeit, in der vom Enkerl bis zur Oma alles gemeinsam vor dem Fernseher saß", pflichtet Anna Gasteiger bei. "Aus einer Zeit, in der man nicht die Wahl zwischen hunderten Sendern hatte und nichts Vergleichbares geboten wurde. Die Zugkraft, die die Sendung trotz aller Quotenrückgänge immer noch hat, wurzelt in dieser Geschichte. Man schaut Wetten, dass…?, weil man immer schon Wetten, dass…? geschaut hat."

Weitergehen, meint Gasteiger, werde es vorderhand schon noch. "Aber,Wetten, dass…? Neu‘ wird eine von vielen Samstagabendshows sein. Und - falls das Publikum nicht dabei bleibt - irgendwann kurz, schmerzlos und unauffällig eingestellt werden." 

 

Universum & Seitenblicke

1987 hatte eine Dokumentarreihe Premiere, die niemand spontan als Dinosaurier identifiziert, obwohl sie sich hin und wieder gerade mit dieser Spezies beschäftigt:  "Universum". Möglich, dass bei dermaßen prestigeträchtigen Programmen Langlebigkeit anders wahrgenommen wird als bei "peinlichen" Sendungen wie dem Musikantenstadl. 

Seitenblicke-Jubiläums-Gala (Mirjam Weixelbraun, Robert Reumann) (Bild: ORF)

Ebenfalls seit 1987 und fast ebenso unhinterfragt begleiten uns die "Seitenblicke", der Urtyp aller Society-Formate im österreichischen Fernsehen. Guido Tartarotti identifiziert die Seitenblicke allerdings nicht als eigenständige Sendung, "sondern als Teil des Hauptabend-Nachrichtenblocks. Und so wie es Sport und Wetter immer geben wird, wird es immer Society-News in irgendeiner Form geben, weil es immer Bedarf an  Eskapismus geben wird."  

Der Irrtum bei neueren Formaten dieses Typs wie Dominic Heinzls quotenmäßig enttäuschendem "Chili" sei die Annahme, es gäbe echte Nachfrage nach einem kritischen Society-Magazin. "Die gibt es wohl nicht. Ein paar schnelle Minuten, das reicht dann auch. Alles darüber hinaus wirkt peinlich unangemessen."

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