Die Familie Kapoor

Shammi Kapoor wurde am 21.10.1931 in eine Theaterfamilie hineingeboren. Sein Vater war ein berühmter Star, der Film- und Theaterschauspieler Prithviraj Kapoor. Der ältere Bruder Raj Kapoor war spätestens seit dem Film "Awaara" (1950), in dem er seine an Chaplin orientierte Figur des naiven und mittellosen Tramps begründete, ein indischer Superstar. Später wurde auch der Bruder Shashi Schauspieler und Star. Heutzutage kann man die Kapoors getrost als Filmdynastie bezeichnen, aus der viele weitere erfolgreiche Schauspieler hervorgegangen sind.

Raj Kapoor in "Awaara"

Suche nach einem neuen Heldentypus

Seine Anfänge machte Shammi Kapoor in Papas Theatertruppe, die ständig auf Tournee war, und das war ein raues Leben ohne Komfort. Als er dann seine Karriere begann, gab es keine Schützenhilfe von außen. Der Vater war der Meinung, Shammi müsse seinen eigenen Weg gehen. So war das schon bei Bruder Raj gewesen.

Shammis erste Filme waren alle Flops. Da spielte er oft ernste Rollen in Kostümfilmen. Und zu der Zeit hatte er auch noch seinen Schnurrbart, der ihn älter und seriöser erscheinen lassen sollte. Es war einfach schwer für ihn, einen eigenen Weg, eine eigene Nische zu finden, nicht nur angesichts des älteren Bruders, mit dem er in Kritiken immer wieder gerne verglichen wurde, sondern auch angesichts der beiden anderen großen, den damaligen Hindifilm beherrschenden Heldenfiguren: Zum einen Dilip Kumar, der Düstere, Brütende, zum anderen Dev Anand, der zwar den modernen, smarten Großstädter verkörperte, aber dabei doch immer eine gewisse erwachsene Beherrschtheit ausstrahlte. Überhaupt war der Hindifilm zu der Zeit, bei allen standardmäßig komischen Elementen, eher ernst und tragisch.

Geburt des „Rebel Star“

1957 drehte er unter der Regie von Nasir Hussain den Film "Tumsa Nahin Dekha" ("Keine wie dich gesehen"). Da durfte er endlich einmal eine völlig andere Rolle spielen: jung, frisch, unkonventionell und ohne Respekt vor erdrückenden Traditionen und Vorurteilen. Dazu hatte er sich auch äußerlich ein neues Image zugelegt. Er rasierte sich den Schnurrbart ab, schnitt sich die Haare kürzer und frisierte sich eine Tolle mit Entenschwanz. Dazu kam moderne Kleidung, die er sich selbst im westlichen Ausland gekauft hatte. Überhaupt sorgte er auch in der Folge immer selbst für seine Kostüme.

Inspiriert durch den James-Dean-Film "Rebel without a Cause" ("Denn sie wissen nicht, was sie tun", 1955) war ein neuer Typus geboren, eine neue Marke: der "Rebel Star". (Später kam auch noch das Label "Dancing Star" hinzu.) Und das Ironische daran ist, dass dieser scheinbar so neue Typus durchaus seinem wahren Wesen entsprach. Rebellion und Unangepasstsein lagen ihm. Er war dazu fähig, sich mit dem Regisseur zu zerstreiten und auf eine Rolle zu verzichten, weil er nicht ohne Grund in die Kamera lächeln wollte. Aus seiner wilden Zeit sind auch Aussprüche überliefert, wie der, dass er manchmal mitten in der Nacht Lust habe, mit der Pistole rauszugehen und auf irgendwas zu schießen. Er bezeichnete es auch selbst als "Ein-Mann-Rebellion".

Der indische Held ist, nicht viel anders als in Hollywood, immer auch ein Typus mit bestimmten Eigenschaften. Aber in Indien muss er sowohl die Wirklichkeit als auch die Wünsche der Gesellschaft widerspiegeln und darf dabei bestimmte Regeln nicht verletzen. Und eine gewisse Grenze überschritt natürlich Shammi Kapoor auch nicht. Rebellion ist ja immer relativ. Es ging ja immer noch um ein massentaugliches Mainstreamkino.

Lieder aus den Schwarzweißfilmen - Aus "Tumsa Nahin Dekha"
Aus "Dil Deke Dekho"
Aus "Chinatown"

„Yahoo“ - Filmerfolge als Held

Shammi Kapoors Filme vermischen Komödie und Liebesgeschichte, gerne angereichert mit krimiartigen Elementen und Familiendrama. So war das auch in "Dil Deke Dekho" ("Gib dein Herz auf", 1957), noch einmal mit Regisseur Nasir Hussain.

Ein anderer Regisseur, mit dem er gut zusammenarbeitete, war Shakti Samanta, unter dem er in "Chinatown" (1962) eine Doppelrolle spielte und so zeigen konnte, dass er auch noch ein guter und vor allem vielseitiger Schauspieler war. Vor schöner Kulisse spielte "Kashmir ki kali" ("Knospe von Kaschmir", 1964). Hier hatte er als Partnerin Sharmila Tagore. Er arbeitete gerne mit neuen, jungen Schauspielerinnen zusammen, aber man erkennt immer, dass er bewusst dafür sorgte, dass der Zuschauer sieht, wer der wirkliche Star ist.

Ein anderer Meilenstein seiner Karriere ist sein erster Farbfilm "Junglee" (1961), in dem er den verkrampften und ernsten Sohn einer Mutter spielt, die ihm das Lachen und jede Freude verbietet. Natürlich kommt er irgendwann aus sich heraus, weil er sich verliebt hat. Verbildlicht wird das in einer klassischen Musikszene mit dem Ausbruch "Yahoo" (s. Video unten).

Auch in "Professor" (1962) war nicht nur sein Showtalent gefragt. Er spielte einen jungen Akademiker, der keinen Job bekommt und sich deshalb als alter Lehrer verkleidet und zwei junge Mädchen im Haus einer männerhassenden Tante unterrichtet.

Sein vielleicht bester Film ist "Teesri Manzil" (1966), produziert von Nasir Hussain und unter der Regie von Vijay Anand, einem der besten Regisseure des Hindikinos, der seine Klassiker wie "Guide" (1965) allerdings mit seinem Bruder Dev Anand gedreht hat.

Ein charmanter und regelrecht niedlicher Film ist "Brahmachari" (1968). Hier verkörpert Shammi Kapoor einen Mann, der ein privates Waisenhaus leitet und ständig Geldprobleme hat.

Am Schluss seiner Zeit als Hauptdarsteller und Held, die 1971 endete, probierte er es auch mit ernsteren Rollen. In "Pagla kahin ka" ("Der Verrückte", 1970) war er ein Mann, der verrückt wird, weil die Freundin ihn betrügt. Und "Andaz" ("Stil", 1971) von Ramesh Sippy handelt von der Liebe eines Witwers zu einer Witwe.

Danach begann er, Charakterrollen zu spielen.

Lieder aus den Farbfilmen - Aus "Janwar"
Aus "Teesri Manzil"
Aus "Kashmir Ki Kali"
Aus "Brahmachari"
Das berühmte Lied aus "Junglee" mit dem Ausruf "Yahoo"

Musik und Tanz

Shammi Kapoor achtete sehr auf die Musik in seinen Filmen, denn wie sein Bruder Raj wusste er, dass im Hindifilm der Sänger die Seele des Schauspielers ist. Die Stimme lieh ihm Starsänger Mohammed Rafi, der extra für ihn auch seinen Gesangsstil änderte, so dass es zu ihm und seinem filmischen und schauspielerischen Stil passte. Shammi Kapoor war gerne anwesend bei den Aufnahmen und spielte die Szene währenddessen, was dem Sänger wiederum half.

Eine andere Besonderheit Shammi Kapoors ist sein Tanzen. Keiner hatte vorher so getanzt. Auch hatten sich Tanzszenen auf Barszenen oder Feierlichkeiten beschränkt. Jetzt wurde – wie im amerikanischen Musical – überall getanzt. Allerdings oft nur von ihm. Am liebsten umtanzte er die weibliche Hauptdarstellerin. Gerne um die zurückhaltende, hochmütige oder auch einfach nur zickige Hauptdarstellerin zu umgarnen. Damals gab es auch noch keine Choreographen, die Bewegungen stammten von ihm, wobei er immer improvisierte. Wurde die Szene wiederholt, sah sie jedes Mal anders aus.

Privatleben

Wenn Shammi Kapoor nicht durch eine Ehe Stabilität in seinem Leben hatte, führte er ein ziemlich wildes Leben. Seine erste Filmgage ging prompt für ein neues Auto und Alkohol mit den Freunden drauf. Und dass er als kleiner Junge Angst vor Mädchen gehabt hatte, merkte man später auch nicht mehr. Eine Freundin taufte ihn mal "Monster". Außerdem lebte er ungesund, trank nicht nur zu viel, sondern aß auch nicht das Richtige.

Nur zwei glückliche Ehen brachten Stabilität in sein Leben. Seine erste war die mit dem Star Geeta Bali (1955-1965), die sich eigentlich vom Filmgeschäft zurückgezogen hatte, um nur Mutter zu sein. Als es sie doch noch einmal vor die Kamera zog, bekam sie bei den Dreharbeiten die Pocken und starb. Für Shammi Kapoor folgten vier versumpfte Jahre mit partyfeiernden Dauergästen im Haus. Dem setzte eine zweite Ehe mit Neela Devi ein Ende. Später kam er auch spirituell zur Ruhe und fand seinen Guru.

Shammi Kapoors erste Ehefrau Geeta Bali in "Baaz" von Guru Dutt

Regie, Technik und Internet

Im Anschluss an seine Hauptrollen unternahm er erfolglos den Versuch, Regie zu führen. Sein erster Film war "Manoranjan", eine Verfilmung des Musicals "Irma la Douce". Die Billy-Wilder-Version (1963) war damals in Indien verboten worden, aber genau zur Premiere von Shammi Kapoors Film erlaubt, so dass sich keiner mehr für seinen Film interessierte. Beim zweiten Film "Bundalbaaz" machte ihm Hauptdarsteller Rajesh Khanna so viele Schwierigkeiten, dass er schon deshalb die Lust verlieren konnte.

Angefangen bei seinem ersten Grammophon, einem Geschenk von Filmstar Nargis, über sein erstes Auto, war Shammi Kapoor immer interessiert an neuester Technik und so begeisterte er sich auch für Computer. Und wenn er etwas machte, machte er es richtig. Er wurde Präsident des "Internet Users Club of India". Er stellte selbst eine Seite über seine Familie ins Netz.

Am 14.8.2011 ist Shammi Kapoor in Mumbai gestorben.

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