Caroline Creutzburg mit Kopfhörer

Caroline Creutzburg mit Kopfhörer (Bild: © Hanke Wilsmann)

Es verbleiben Stimmen und Knochen

Mit der gleichen unspektakulären Nüchternheit geht es weiter, wir erfahren, dass 1922 ein Forscherteam eine Expedition ins verseuchte Gebiet unternommen habe. Augenzeugen, und das macht eine gute Radiosendung aus, gibt es auch, sie berichten von Stimmen und Knochen, von nichts als verbleibenden Knochen. Wie aus dem Nichts finden wir uns dann bei einer Erzählung von ETA Hoffmann wieder - hallo, Herr Kapellmeister und Dichter! -, der genau akzentuierte Bewegungen einer wie ein Räderwerk funktionierenden Frau beschreibt. Der leise Verdacht steigt auf, man sei hier in eine leicht bildungshuberische Veranstaltung mit Anti-BILD-Tendenz geraten. Nun stehen zwei Frauen unter behelfsmäßigen Plastikglocken und berichten von beiläufigen Ereignissen, die scheinbar vor ihren Augen abrollen. Die Simultanität des Sprechens wird absichtlich durchbrochen, indem eine Frau langsamer daherredet und deshalb hinterherhinkt. Erinnerungen an den schulischen Musikunterricht werden wach: Beim Kanon wurde vorsätzlich falsch gesungen, so dass einige Stimmen ihren Einsatz verpassten und viel zu spät erklangen. Immerhin muss man dem Team von Caroline Creutzburg den Willen zur Abwechslung zugute halten. Ein am Tisch hockender Sprecher verkündet ganz professionell eine Musikpause und legt "I don't want to die" von Ryan Power auf, ein Lied, das sich ein gewisser Nils ausgesucht hat. Der Song erweist sich als ausgesprochene Pop-Schnulze und beweist nur, dass dieser Nils einen beschissenen Musikgeschmack hat.

 

Immer wieder Katastrophen

Nach dieser zweifelhaften Entspannung erfolgt ein Hyänen-Bericht unter besonderer Berücksichtigung der Gefährlichkeit der Tiere und ihres Paarungsverhaltens. Und dann endlich einmal Live-Musik, die Performer raffen sich zu einem Lied auf, das sanft und eindringlich in die Ohren fließt. Während innerlich der Daumen nach oben geht und das Verlangen nach mehr aufsteigt, kommt plötzlich eine Katastrophenmeldung aus Kanada. Ein Tornado ist es, echtes Radio also, aber die Musiker spielen ihr Stück dennoch zuende. Caroline Creutzburg schildert weiterhin die Auswirkungen des immensen Luftwirbels, diesmal auf Englisch. Immer wieder diese Katastrophen, gemäß BBC, CNN und verwandten Hörfunksendern in die Öffentlichkeit transportiert, und leichte Langweile wird an die Oberfläche gespielt. Was tun, vielleicht das Personal auf der Bühne durchgehen? Die Frauen sind im Übergewicht, vielleicht sollte man sich nach erfolgreicher Bewältigung des Frauenanteils einmal über die Einführung einer Männerquote Gedanken machen.

 

Eine Pseudo-Explosion auf der Bühne

Sophiensaele Hochzeitssaal

© Markus Heine

 

Um etwas Dramatisches reinzupacken, wird auf einem kleinen Rollwagen ein quadratisch-kompaktes Gelatine-Stück reingekarrt, das für eine Pseudo-Explosion herhalten soll. Die Zuschauer, anfangs darauf vorbereitet, gehen durch Raunen und Interjektionen auf die Szenerie ein, bis hin zum Knall, der einen lauten Applaus hervorruft. Quasi ein authentisches Live-Erlebnis für die Zuhörer daheim. Und noch einmal geht es nach Sibirien, in die kälteste Region. Hierbei wird ein durch Fachkompetenz besonders berufener Professor zu Rate gezogen. Franziska Dick spielt diese Rolle und verballhornt dabei eine Wissenschaftssprache, die sich durch wolkige Ausdrucksweise und Wortbombast ad absurdum führt. Das Live-Projekt dauert nur etwa 70 Minuten, gerade als man sich warmgehört und –gesehen hat, wird abgebrochen. Die Performancetruppe hat vergessen, etwas Spannung und überraschende Finessen einzubauen und ist dadurch auf halbem Weg stehen geblieben. Da nicht mehr Risiko eingegangen wurde, bleibt nur ein bestenfalls interessanter Ansatz.

B Open

von Caroline Creutzburg

Von und mit: Caroline Creutzburg, Franziska Dick, Rupert Jaud, Sophie Reble, Bettina Rychener, Maxi Zahn

Unterstützende Produktion: Maria Isabel Hagen, Florian Seel.

Sophiensaele Berlin

Performancefestival Freischwimmer 2014/2015 – Intim vom 17.-25. Oktober 2014

Premiere am 24. Oktober 2014

Dauer: 70 Minuten


 

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