Nichts deutete an jenem ganz normalen Abend im viktorianischen London darauf hin, dass eine grauenhafte Schreckgestalt die Metropole in wahre Hysterie versetzen würde.

 

Ende Februar des Jahres 1838 befand sich das Geschwisterpaar Lucy und Margaret Scales auf dem Nachhauseweg, als es ohne jegliche Vorwarnung angegriffen wurde.

 

Der Angreifer spuckte Flammen ins Gesicht der jungen Lucy und verschwand so rasch, wie er gekommen war, indem er mit einem einzigen mächtigen Satz aufs Dach eines anliegenden Hauses sprang. Sein Opfer litt unter stundenlangen Krämpfen, überstand den Angriff ansonsten jedoch unbeschadet.

Spring Heel JackIllustration: Spring Heel Jack
auf dem Cover eines Groschenromans.

Dies war aber nur der Auftakt zu einer Serie ebenso mysteriöser, wie auch unerfreulicher Begegnungen mit jenem Wesen, das als "Spring Heel Jack" für Angst und Schrecken sorgen sollte. Wenige Tage nach dem Angriff auf Lucy Scales klopfte es spät abends an der Tür der Alsops. Die 18-jährige Jane öffnete dem Fremden, der sich als Polizist ausgegeben hatte, die Tür. Ein schwerwiegender Fehler – denn bei dem vorgeblichen Polizisten handelte es sich um Spring Heel Jack persönlich, der sie auf die offene Straße zu zerren versuchte. Durch Janes Kreischen aufgeweckt, eilte ihre Familie zu Hilfe und vertrieb den unheimlichen Angreifer, der ein eng anliegendes Kostüm und einen seltsamen Helm trug, über riesiges, eiskalte Klauen statt Finger verfügte, Flammen spuckte und seine Opfer aus rot glühenden Augen anstarrte.

 

In den folgenden Jahren schlug Spring Heel Jack immer wieder zu, überwiegend in London. Neben seinem bizarren Aussehen waren es seine schier übermenschlichen Fähigkeiten, die ihn zu einer Spukgestalt ganz besonderer Art machten. Schließlich verdankte er den Spitznamen seiner unglaublichen Sprungkraft, die ihn angeblich viele Meter hoch katapultierte und so jeglichen Zeugen in Windeseile entschwinden ließ. Die Beschreibungen dieses menschlichen Wesens waren zwar weitgehend übereinstimmend, variierten aber. So wollte etwa ein Junge gesehen haben, dass Jack unter seinem Umgang ein Hemd mit einem riesigen "W" trug.

 

Fast sieben Jahrzehnte lang tauchte Spring Heel Jack immer wieder auf, ehe er 1904 in Everton zum letzten Mal gesichtet wurde. Sein vermutlich letztes Auftreten war geradezu standesgemäß bizarr: Vor den Augen dutzender Menschen erschien er plötzlich auf dem Dach einer Kirche, sprang zu Boden, landete unversehrt, schoss auf die staunenden Schaulustigen zu – und entschwand mit einem mächtigen Sprung über die Menge auf Nimmerwiedersehen.

Spring Heel Jack: Fiktiv oder real?

Mensch, Monster oder Urbane Legende?

Die weitgehend übereinstimmenden Beschreibungen des Aussehens von Spring Heel Jack sind ebenso ungewöhnlich, wie die zeitliche Distanz, über die hinweg die seltsame Gestalt beobachtet wurde. Während beispielsweise die Augenzeugenberichte über Außerirdische oder Monster wie den Chupacabra teils stark voneinander abweichen, blieben sie in diesem Fall erstaunlich konsistent.

 

Über Spring Heel Jacks Herkunft wird zwar eifrig diskutiert, ohne freilich die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang klären zu können: Hat er jemals existiert? Exotische und kaum ernstzunehmende Theorien orten einen paranormalen – kein Kalauer beabsichtigt – Ursprung. Demnach soll es sich bei dem jeden Athleten vor Neid erblassen lassenden Wesen um einen Außerirdischen oder Besucher aus einer anderen Dimension gehandelt haben. Selbst eine Nähe zu Dämonen wird ihm nachgesagt.

 

Deutlich weltlichere Erklärungsversuche zielen darauf ab, hinter Spring Heel Jack die makabren Scherze eines Adeligen namens Henry de La Poer Beresford zu vermuten. Dass Henry der dritte Marquess von Waterford (ein kleiner irischer Verwaltungsbezirk) war, würde das beobachtete, in das Hemd des Angreifers eingestickte "W" erklären. Natürlich hat diese Theorie mehrere Haken: Zum einen hätten die geschilderten Fähigkeiten des Wesens nicht nur damalige technische Möglichkeiten bei weitem überstiegen.

 

Selbst heute noch stellte es eine Unmöglichkeit dar, Stiefel anzufertigen, die den Besitzer viele Meter hoch katapultieren könnten, ohne ihm bei der Landung Knochenbrüche zuzufügen. Entsprechende schmerzhafte Erfahrungen mussten übrigens deutsche Soldaten während des Ersten Weltkriegs machen, als die Armee versuchte, derartige Sprungstiefel zu konstruieren. Auch die rot glühenden Augen sowie das Feuerspucken fügen sich auf Grund der Beschreibungen nicht in die Erklärungsversuche.

 

Ungleich näher liegt es, in Spring Heel Jack lediglich eine Urbane Legende zu vermuten. Es wäre nicht das erste – und wohl auch nicht letzte – Mal, dass eine fiktive Figur für Massenhysterie sorgte. Im Jahr 2001 etwa versetzten die angeblichen Sichtungen eines "Affenmannes" die indische Hauptstadt Neu Delhi in Angst und Schrecken. Bei einer Massenpanik in Folge des angeblichen Nahens des "Affenmannes", wurden zwei Menschen getötet. Wenig später wurde ein Geistlicher verprügelt, weil man ihn mit dem Ungeheuer verwechselt hatte. Die Polizei fand indes nicht die geringste Spur eines Anhaltspunktes für die Existenz dieser Kreatur.

 

Phantomias und Batman

Eingang in die Popkultur fand Spring Heel Jack bereits im 19. Jahrhundert, als er zum "Helden" von Groschenromanen (so genannten "Penny Dreadfuls") avancierte. Verblüffende Ähnlichkeit weist seine Gestalt (siehe Illustration) zu jener des viel später erfundenen Comichelden Batman auf. Unübersehbar sind auch die Parallelen von Donald Ducks Alter Ego Phantomias, dessen Sprungfederstiefel direkt an die Londoner Schreckgestalt erinnern. Außerdem handelte es sich im Duck'schen Kanon beim ursprünglichen Phantomias um einen Adeligen, der sich an seinen Feinden heimlich rächen wollte – eine Anspielung auf den Marquess von Waterford, der sich mitunter ungerecht behandelt fühlte?

 

Die reale Existenz des Spring Heel Jack ist hingegen als völlig unbewiesen und äußerst zweifelhaft zu erachten. Plausibler erscheint es, dass die anfangs durchwegs von jungen Frauen geschilderten Angriffe zu einer Massenhysterie führten, die zur Erschaffung eines bizarren Menschenwesens beitrugen und noch über Jahrzehnte hinweg halb England beunruhigen sollte. Doch selbst wenn es ihn tatsächlich gegeben haben sollte, war er zumindest weitaus ungefährlicher als jener Vornamensvetter, der Ende des 19. Jahrhunderts die Straßen der Stadt mit Blut füllen sollte: Jack the Ripper!

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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