Horrorthriller "Der Fluch": Stephen King ist Richard Bachman!

Der 1985 veröffentlichte Horrorthriller "Der Fluch" (Originaltitel: Thinner) war der fünfte von Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman erschienene Roman. Ein findiger Leser enttarnte das Pseudonym und ließ Richard Bachman an "Pseudonym-Krebs" sterben, wie Stephen King später lakonisch anmerkte. Damit war das Kapitel Richard Bachman zwar nicht geschlossen und es erschienen weitere Romane unter diesem Namen. Doch Kings Intention, ohne Druck ungewöhnliche Romane veröffentlichen zu können, war dahin.

Auch wenn "Der Fluch" das nach Meinung des Rezensenten schwächste Buch aus der Bachman-Reihe darstellt, vermag es durch den für Stephen King typischen schwarzen Humor und die bisweilen rasante Erzählweise bestens zu unterhalten.

Ausdrücklich empfohlen sei neben der Printausgabe das bei audible (Werbelink) erhältliche, von David Nathan gelesene Hörbuch in ungekürzter Fassung.

Zigeunerfluch oder Einbildung?

Gerichtigkeit?Der angesehene Anwalt Billy Halleck rutscht durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in die Misere: Ausgerechnet an jenem Tag, als ihm seine Frau Heidi zum ersten und letzten Mal in ihrem Eheleben während der Fahrt einen runterholt, läuft eine alte Zigeunerin über die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten.

Billys verzögerte Reaktion kostet die Frau das Leben. Beim Gerichtsverfahren wird er aber trotzdem freigesprochen – schließlich wäscht in der kleinen Stadt eine Hand die andere.

 

"Dünner!"

Damit könnte die Sache erledigt sein, würde der steinalte Vater der Toten nicht auf Rache sinnen. Als Billy das Gerichtsgebäude verlässt, streicht er ihm kurz über die Wange und flüstert: "Dünner". Irritiert wendet sich Billy ab und denkt nicht weiter an die seltsame Begegnung. Jedenfalls nicht bis er anfängt, täglich Gewicht zu verlieren. Die Freude darüber verkehrt sich rasch in Sorge. Denn der unerklärliche Gewichtsverlust lässt sich nur mit einer schweren Erkrankung erklären. Doch sämtliche Untersuchungen bescheinigen Billy beste Gesundheit.

 

Der Fluch wirkt offenbar

Es wird aber noch furchteinflößender: Richter Rossington, der ihn freigesprochen hatte, verwandelt sich in ein Reptil, während Polizeichef Hopleys ganzer Körper von riesigen Geschwüren überwuchert wird. Offenbar wurden auch sie vom alten Zigeuner Taduz Lemke verflucht. Zumindest glaubt dies Billy, auch wenn ihm seine Frau und sämtliche Ärzte versichern, dass es keine Flüche gäbe und sein eigener Körper für den rapiden Gewichtsverlust verantwortlich zeichnet.

 

Zuflucht bei der Mafia

Als Billy argwöhnt, dass ihn Heidi in eine Klinik zwangseinweisen lassen will, begibt er sich auf die Suche nach dem alten Zigeuner, um ihn zu bitten, den Fluch wegzunehmen. Seine einzige Unterstützung erfährt er ausgerechnet in dem skrupellosen, aber ehrenhaften Mafioso Ginelli. Dieser möchte dem Zigeuner-Clan Druck machen, um das Leben des Anwalts zu retten. Eine unerbittliche Fehde bricht aus – doch Lemke ist offenbar wild entschlossen, Billy langsam dahinsiechen zu sehen, koste es was es wolle …

Stephen Kings "Der Fluch": Taschenbuchausgabe

Richard Bachman: Der andere Stephen King!

Unter seinem Pseudonym Richard Bachman verfasste Stephen King die Romane "Amok", "Todesmarsch", "Sprengstoff", "Menschenjagd" sowie "Der Fluch", ehe der Deckname aufflog. Dabei stellt "Der Fluch" seinen einzigen Horrorthriller als Richard Bachman dar. "Amok" und "Sprengstoff" könnte man als gesellschaftskritische Romane bezeichnen, während "Todesmarsch" und "Menschenjagd" dystopische Thriller rund um menschenverachtende Shows sind.

Oftmals wählen Bestsellerautoren Pseudonyme, um eher zweitklassige Elaborate unters Volk zu bringen oder völlig befreit von Verlagsvorgaben schreiben zu können. "Amok", "Todesmarsch" und "Menschenjagd" hatte Stephen King jedoch bereits in seiner Prä-Bestsellerzeit geschrieben und lediglich leicht überarbeitet, ehe er sie als Richard Bachman veröffentlichen ließ. Das Resultat waren rohe, ehrliche Romane, die von King-Fans zwiespältig aufgenommen wurden. Was den Rezensenten betrifft, so hält er diese Romane für seine besten, mit der Ausnahme des Horrorthrillers "Der Fluch".

Kurzweiliger Beginn ...

Dabei beginnt Stephen Kings "Der Fluch" denkbar verheißungsvoll: Binnen weniger Seiten erschafft der Bestsellerautor ein durchaus glaubwürdiges Szenario und zieht somit den Leser sofort in den Bann. Ohne sich mit langen Vorreden aufzuhalten, knallt ihm der Autor das Klischee des nach Rache gierenden, mit übernatürlichen Elementen im Bunde stehenden Zigeuners an den Latz - und kommt damit sogar durch! Kaum ein anderer Thrillerautor versteht es besser, ein an sich krudes Szenario alltäglich erscheinen zu lassen und die Spannung beständig zu erhöhen.

Zunächst bleiben die Auswirkungen des Fluches verborgen. Anwalt Billy Halleck wird zwar tatsächlich "dünner" - der Originaltitel "Thinner" bringt es einfach besser auf den Punkt als die schwammige deutsche Übersetzung "Der Fluch" -, stellt aber zunächst keinen unmittelbaren Zusammenhang her. Er ist einfach nur froh darüber, nach dem schrecklichen Unfall wieder ganz der liebevolle Familienvater sein zu können und hofft, Gras über die ganze Sache wachsen lassen zu können. 

Erst seine Frau spricht offen aus, was ihn im Laufe der Zeit zu ängstigen beginnt: Der rapide Gewichtsverlust ohne Umstellung der Ernährung oder sportliche Betätigung deutet auf eine schlimme Erkrankung hin. Doch eine gründliche Untersuchung stellt die Ärzte vor ein Rätsel, denn Billy ist kerngesund und der Gewichtsverlust somit unerklärlich. Und hier dreht Stephen King die Spannungsschrauben noch enger: Halleck findet heraus, dass er nicht der Einzige ist, der vom alten Zigeuner verflucht wurde. Der mit ihm befreundete Polizeichef sowie der flüchtig bekannte Richter erleiden gleichsam fürchterliche Schicksale, die sie zu einem Leben abseits der Gesellschaft zwingen. Ironischerweise eint sie dies mit den aus jeder Stadt rasch vertriebenen Zigeunern.

Billy selbst ist das schlimmste Schicksal zugedacht: Quälend langsam soll er dahinsiechen. Spannend ist indes auch die Frage, ob er selbst, der Richter und der Polizeichef nicht etwa doch an psychosomatischen Erkrankungen leiden, die ihre Schuld in körperliche Symptome umsetzen. Allerdings legt Stephen King die übernatürliche Natur der Veränderungen unmissverständlich fest und entzieht dem Horrorthriller somit einen Teil seiner anfänglichen Faszination.

... und zäher Erzählfluss

Dünner: Stephen Kings "Der Fluch"Was viele Kritiker Stephen King stets nur zu gerne vorwarfen, sind langatmige Beschreibungen. Diese halten sich beim Horrorthriller "Der Fluch" in Grenzen, doch im Mittelteil geht dem Roman die Luft aus. Viel zu viel wird erklärt, anstatt es in knackigen Szenen zu zeigen, flotte Dialoge geraten zu langen Monologen und die Klischees beginnen überhand zu nehmen.

Die Zigeuner werden fast durchwegs als verschlagene, abergläubische Halsabschneider beschrieben, die kaum Sympathien erwecken können. Dies erscheint umso seltsamer, da King keinen Hehl aus seinem Werben für Toleranz macht. Angesichts des Treibens der Zigeuner kann es der Leser den eingesessenen Amerikanern kaum verhehlen, diese rasch wieder loswerden zu wollen.

Zum anderen misslingt die stringente Charakterisierung des alten Zigeuners Lemke. Mal ist er ein mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestatteter Antagonist, dann wiederum erscheint er lediglich als alter Mann, der keine Angst verbreitet.

Der Versuch, eine ebenso atemberaubend schöne, wie gefährliche junge Zigeunerin als Absolventin eines Fernstudiums intellektuell aufzuhübschen, scheitert ebenso kläglich und wirkt wie nachträglich angepappt, um dem Charakter Pseudo-Tiefe zu verleihen.

Ohne großen Verlust hätte King ein Drittel des Romans streichen können, um die Handlung rascher voranzutreiben. Insbesondere deshalb, da der Erzählfluss im Mittelteil ins Stocken gerät und einfach nicht mehr in Fahrt kommt. Hierbei gerät der Eindruck auf, dass sich der Autor gewissermaßen selbst in ein Eck geschrieben hatte, aus dem er nicht mehr herausfand. Erhärtet wird dies durch den etwas abrupten Schluss, der zwar eine passend makabre Pointe aufweist, aber schlichtweg überhastet wirkt.

Besser gelungen sind die Beschreiben der ambivalenten Gefühle des Protagonisten gegenüber seiner Frau, die er mit zunehmend für den Unfall verantwortlich macht, während er sich selbst als unschuldiges Opfer der Umstände zu betrachten scheint. Daraus entwickelt sich aber kein interessantes psychologisches Duell. Ab und an wird dieser innere Konflikt angerissen, ohne ihn in eine spannendere Handlung als der Jagd auf den alten Zigeuner einzuweben.

Passabler Horrorthriller: "Der Fluch"

Alles in allem kann man Stephen Kings, vulgo Richard Bachmans "Der Fluch" als passablen Horrothriller bezeichnen, der aber Potenzial für eine weitaus fiesere und vor allem spannendere Erzählung geboten hätte. Unverkennbar sind Stephen Kings Stärken: Der unmittelbare Einstieg in das Szenario, ein halbwegs glaubhafter Protagonist, originelle Beschreibungen und einige interessante Plotideen.

Fans von Stephen King müssen natürlich auch diesen Roman gelesen haben. Wer sich eingehender mit den Richard-Bachman-Büchern befassen möchte, sollte zunächst "Todesmarsch" und "Menschenjagd" lesen, die zu den Höhepunkten in Kings Schaffen zählen und nach Meinung des Rezensenten sogar seine besten Werke darstellen. Dermaßen verflucht unbarmherzig war Stephen King in seinen düstersten Stunden nie wieder! Und das ganz ohne Vampire, Geister oder Kackwiesel aus dem Weltraum.

Originaltitel: Thinner

Autor: Stephen King (unter dem Pseudonym Richard Bachman)

Veröffentlichungsjahr: 1985 (USA) bzw. 1986 (Deutschland)

Seitenanzahl: 448 Seiten (Taschenbuchausgabe)

Verlag: Heyne

Hörbuch: Gelesen von David Nathan, erschienen bei Audible (Werbelink)

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