Birgit Minichmayr, Martin Wuttke ...

Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Caroline Peters, Max Rothbart, Nicola Kirsch (Bild: © Reinhard Maximilian Werner)

Das Internet ist die vergrößerte Wirklichkeit

Der Regisseur macht vom Triumph des Internet-Zeitalters nahezu hemmungslosen Gebrauch. Die beiden weiblichen Hauptfiguren sind mit den neuesten Netzgeräten ausgestattet und googeln wie rasend herum. Das Bankendesaster rund um John Gabriel ist selbstverständlich abrufbar. Als sei es eben wegen der Abrufbarkeit unauslöschlich in alle Gehirne eingegraben, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Dass dieses fatale Ereignis die meisten Menschen gar nicht mehr interessieren dürfte, darauf kommen die beiden Zicken gar nicht. Für sie ist alles im Netz bare Realität, wirklicher als die Wirklichkeit. Das Leben einiger Entertainment-Stars wandert in die eigene Wohnstube und wird zum künstlichen Erlebnissurrogat. Das ist im Grunde eine Hypermodernisierung des klassischen Stoffs, der seine Dramatik – der Rückzug der Familie aus dem Gesellschaftsleben – durch Straßenklatsch erhält. Hierin liegt ein Grundwiderspruch: In der Ibsen-Welt dominiert noch die Kernfamilie, in der heutigen internetfixierten westlichen Welt ist die Familie längst entkernt. Trotzdem kleben in dieser Inszenierung die Borgmans noch aneinander und warten auf den familienerlösenden Parvenu Erkhart ( Max Rothbart), der aber in hartnäckigem, vehement-blassem Rebellentum seinen eigenen Weg gehen will.

 

Birgit Minichmayr, Martin Wuttke

© Reinhard Maximilian Werner

 

Es dröhnt und vibriert in Luftblasen

Martin Wuttke als John Gabriel spielt, als habe er sich vor Kurzem ein Konzert von Iggy Pop reingezogen. Auf der Bühne steht ein abgehalfterter Rock ‚n' Roller, der sich trotz des uneingestandenen Niedergangs als eine irisierende Nummer wähnt, die nur den richtigen Augenblick für die Auferstehung abzuwarten braucht. Birgit Minichmayr als Gundhild hat längst gebrochene Wehmutsflügel. Gut geölt durch Hochprozentiges ist ihre Stimme rau und kehlig, sie packt von Anfang an die Giftspritze aus und packt sie nicht mehr ein. Dieses desillusionierte Schaumgewächs ist ohne zarte, variierende Zwischentöne, es verlangt gierig nach den Fettnäpfchen der anderen und lässt kein eigenes aus. Zu dieser Eindimensionalität kontrastiert Ella (Caroline Peters), die sich etwas ladylike und comme il faut geriert, aber unter der Hülle ebenfalls die glutvoll erhitzte Zickenbrühe aufbereitet, angereichert mit subtilen und treffsicheren Ingredienzien. Roland Koch als gescheiterter Fodal geistert am Ende nur noch als geprügelter Hund daher, der mit eingezogenem Schwanz auf den nächsten Schlag wartet. Es brodelt auf der Bühne, es dröhnt und vibriert – ein gutes, ein hinreißendes Schauspielertheater. Aber es ist ein Luftblasenorchester, eine zur Bühnenharmonie frisierte Kakophonie.

 

Ein Nachtasyl für Gutsituierte

Vordergründig ist Katrin Bracks Bühnenbild das langweiligste unter der Sonne. Zwei Stunden nur Schneefall, die Akteur*innen stapfen durch das geschmeidige Weiß. Monotoner geht es wohl kaum. Doch das Ganze hat einen Sinn: Die Borgmans vegetieren an einem einsamen Ort wie Internierte, die aus Verbüßungsgründen in einer verlassenen Zone, in einem abgelegenen sibirischen Landstrich abgeladen wurden. Man fühlt sich an die graue Atmosphäre von Filmregisseur Andrei Tarkowski erinnert. Ein Entrinnen gibt es nicht. Die Klaustrophobie erreicht ihren Gipfel: Man ist zwar im Freien, hat aber wegen des fehlenden Zugangs zur Außenwelt dennoch Gefängnismauern um sich herum. Und ein Nachtasyl für Gutsituierte entsteht. Das entzücken kann durch großes Schauspielertheater. Es ist, als habe die Theatertreffen-Jury neben Herbert Fritsch die Volksbühne noch einmal eingeladen, ohne das halbphilosophische Pollesch-Palaver mitzunehmen. Wahrscheinlich haben Simon Stone und sein Ensemble vor der Aufführung mit lässiger Geste ein paar aufpuschende Drogen ins Publikum geworfen, inklusive Valium für retardierende Intermezzi. Während man drin sitzt, kommt der Rausch. Hinterher lauert der Kater und man fragt sich: Was wurde eigentlich außer dem ganzen Bühnenzauber geboten?

John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen von Simon Stone
Regie: Simon Stone, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Bernhard Moshammer, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Caroline Peters, Martin Wuttke, Roland Koch, Nicola Kirsch, Liliane Amuat, Max Rothbart, Birgit Minichmayr.
Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Theatertreffen Berlin 2016
Koproduktion Burgtheater Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel

Aufführung vom 15. Mai 2016

 

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