Inszenierungsfoto

Inszenierungsfoto (Bild: © Krafft Angerer)

Plüschiere statt Pferdekadaver

Die Rolle des kühl kalkulierenden, aber hausbackenen Hauke wird von mehreren Sprecher*innen übernommen. Das kompliziert die Angelegenheit. Da die Schauspieler*innen unterschiedliche Begabungen und Vortragsweisen zu bieten haben, schleicht sich der Eindruck des Perspektivismus ein. Ein und derselbe Hauke wird von verschiedenen Stimmen gesprochen, als handele es um verschiedene Ausdrucksformen und Versionen einer Person, die sich in einige Ichs zersplittert hat. Rechts in der Ecke hängen Plüschtiere, selbstverständlich ein Hund – Hauke rettete einen zum Sterben bestimmten Hund das Leben – aber ein Pferd fehlt, weil es für die anvisierte Kuschelfraktion nicht produziert wird. Ohnehin schwebt der Schimmel permanent im geistigen Hintergrund einer Lesung, die das Publikum nicht gerade in einem Zustand psychischer Hochspannung hält. Als weitere Kulisse fungiert ein Gaderobenständer, wo ungenutzte, nur fürs Auge vorgesehene Kleider hängen, die so funktionslos und unsichtbar sind wie des Kaisers neue Kleider. Links steht noch ein Flügel, wo Igor Levit wartend ausharrt, bis er am Ende Beethoven intonieren darf, um besonders sensible Ohren in von Leichtigkeit getragene träumerische Schwingungen zu versetzen.

 

 

Vorübergehende Abschirmung

Natürlich existieren en passant einige Nebenrollen. Kristof Van Boven, ohnehin arm an Körpergröße, übernimmt das behinderte Kind und Barbara Nüsse verleiht ihrer Figur würdevolles Auftreten und Respektabilität. Etwas bescheiden, schüchtern und übertrieben zurückhaltend spielt/liest Birte Schnöink ihre Elke, die doch auch aufzutrumpfen versteht. Ole Peters ist ein halbes Ekelpaket, nur scheint das Sebastian Rudolph nicht weiter zu kratzen, er sitzt zuweilen da wie ein überreflektierter Denker, dessen kognitives System unausgesetzt auf Hochtouren läuft, selbst wenn er sich mit der metaphysischen Bedeutung ostafrikanischer Holzschnitzereien beschäftigen sollte. Da das Ensemble während einer kurzfristig anberaumten Lesung keine Schauspielergesichter zeigen kann, dominiert gelegentlich das Alltagsgesicht des Laissez-faire. Während der Redepausen fährt gern mal eine Hand ins Gesicht und bleibt da kleben, wie bei einer vorübergehenden Abschirmung. Nun, dem Publikum ist's egal, es gibt sich mit dem Gebotenen zufrieden. Vielleicht sind auch nicht wenige wegen des Nachgesprächs gekommen. Sie sind gekommen, um Johan Simons darüber sprechen zu hören, warum er und sie es so gemacht haben und nicht anders. Sie sind gekommen, um den Worten des angereisten Thalia-Intendanten Lux zu lauschen. Und Simons kommt und spricht darüber, warum er und sie das so gemacht haben und nichts anders. Er spricht zudem von seinen gefährlichen juvenilen Erlebnissen zu Wasser und zu Lande. Dann noch Barbara Nüsse: "Früher war die Sprache schöner als heute".

 

Der Schimmelreiter
von Theodor Storm
Bühnenfassung von Susanne Meister
Regie: Johan Simons, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Warre Simons, Dramaturgie: Susanne Meister
Szenische Lesung mit: Sebastian Rudolph, Kristof Van Boven, Rafael Stachowiak, Barbara Nüsse, Birte Schnöink.

Musik: Igor Levit

Theatertreffen, Thaila Theater Hamburg, Lesung und Gespräch vom 9. Mai 2017.
Dauer: 80 Minuten, keine Pause

 

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