Thor Heyerdahl

Thor Heyerdahl wurde 1914 in Larvik (Norwegen), einer Stadt, die vom Walfang lebte, geboren. Er hatte schon früh eine Leidenschaft für die Natur, zeltete gerne in der norwegischen Einsamkeit und sammelte Insekten und Pflanzen. Folgerichtig studierte er ab 1933 in Oslo Zoologie. Noch in Larvik hatte er ein zwei Jahre jüngeres Mädchen namens Liv Torp kennengelernt, das ein Jahr später auch in Oslo ein Studium aufnahm. Die beiden einte die Freude am Leben in der Natur. 1936 heirateten beide und machten sich direkt nach der Hochzeit auf zu einer ungewöhnlichen und langen Hochzeitsreise in die abgeschiedene Südsee. Dort, auf der Insel Fatu Hiva, lebten sie ganz für sich in einer Bambushütte.

Und dort begegnete Heyerdahl einem alten Mann, der von sich behauptete, früher auch noch Menschenfleisch gegessen zu haben. Von diesem hörte er alte Legenden, auch die Legende von Tiki, dem Vorfahren der Polynesier, der irgendwann in grauer Vorzeit von Westen her auf die Inseln gekommen sei. Dazu passte, dass von Westen der ewige Passatwind weht. Deshalb horchte Heyerdahl auf, denn alle Theorien besagten, dass die polynesischen Inseln von Osten her besiedelt wurden.

Thor Heyerdahl

Thor Heyerdahl, Norwegian Explorer and Author, 1940s (Bild: AllPosters)

Das Buch über die Expedition
Kon-Tiki: Ein Floß treibt über den Pazifik

„Ein Floß treibt über den Ozean“ – Das Buch

Mit diesem Alten von Fatu Hiva beginnt auch das Buch "Ein Floß treibt über den Ozean", dessen Originaltitel ("Kon Tiki. Ekspedisjonen") ganz einfach "Kon Tiki. Die Expedition" bedeutet:

"Tiki", sagte der Alte geheimnisvoll, "war Gott und Häuptling zugleich. Tiki war es, der unsere Vorväter auf die Inseln gebracht hat, auf denen wir heute leben. Früher wohnten wir in einem großen Land weit hinter dem Meer."

Was Thor Heyerdahl von vielen Wissenschaftlern unterschied, ist die Tatsache, dass für ihn Legenden nicht unbedingt Märchen sein mussten. Er hörte sich diese alten Geschichten ernsthaft an, und war bereit, sie mit der Wirklichkeit zu vergleichen und in ihnen Anhaltspunkte für Antworten auf reale Fragen zu finden.

Die theoretischen Grundlagen

Nach seinem Aufenthalt auf Fatu Hiva machte er sich an die Arbeit, las alles, was mit diesem Thema zusammenhing, versuchte so, seine Theorie zu untermauern, dass Polynesien von Osten aus besiedelt wurde. Er verglich Pflanzen, Kunstgegenstände, Statuen und alte Erzählungen und stieß dabei auf frappierende Übereinstimmungen. So stieß er auf eine alte Inka-Legende von einem Sonnengott Kon-Tiki (Sonnen-Tiki) und seinem hellhäutigen Volk mit roten Bärten, das um 500 n.u.Z. Peru zwangsweise mit Schiffen verließ. Von so einem Volk erzählen auch die Polynesier. Und solche Menschen sah Heyerdahl auch in den Statuen auf der Osterinsel abgebildet.

Doch leider interessierte sich niemand für sein Manuskript. Der entscheidende Einwand war, dass es den Südamerikanern an geeigneten Schiffen für eine solche Überfahrt gemangelt hätte. Leider haben Wissenschaftler es oft nicht so gerne, wenn man ihre alten, immer wieder abgeschriebenen, vermeintlichen Wahrheiten umstoßen möchte. Und so lief er gegen Wände, bis er schließlich pleite in New York in einem norwegischen Seemannsheim lebte.

Also beschloss er, den praktischen Beweis anzutreten, auch wenn ihm ein Experte nach dem anderen abriet. Er wollte nach alten Überlieferungen ein Floß aus Balsaholz bauen und die Reise wagen.

Die Vorbereitung

Er schaffte es, eine Besatzung zusammenzubekommen. Auch konnten nach einigen Mühen Geld und praktische Unterstützer, wie z.B. das amerikanische Militär gewonnen werden, aber das Entscheidende war nicht so leicht zu beschaffen: geeignetes Balsaholz.

Dafür musste Heyerdahl nach Ecuador hinauf. Zusammen mit dem Besatzungsmitglied Hermann Watzinger machte er sich auf den Weg. Und mitten in der Regenzeit wagten sie sich ins Innere des Landes, wo sie dann tatsächlich die passenden Bäume fanden. Das Holz wurde über einen Fluss ans Meer und dann nach Peru transportiert.

Für den Bau wurden sie vom peruanischen Militär unterstützt. Der Präsident höchstpersönlich gab sein Einverständnis. Und immer wieder bekamen sie zu hören, dass das Floß schnell sinken würde.

Und tatsächlich gab es zwei entscheidende Unsicherheitsfaktoren: erstens das mögliche Reißen der Seile durch das ständige Reiben am und zwischen dem Holz und zweitens ein Vollsaugen der Stämme mit Wasser. Rückblickend waren beides unbegründete Ängste, denn der Saft der frisch geschlagenen Stämme hielt das Wasser von tiefem Eindringen ab, und die Taue rieben nicht durch wegen des weichen Holzes.

Nahaufnahme Balsaholz

Close-Up of Balsa Wood (Ochroma Pyramidale), Native To Central And South America (Bild: Ken Lucas / AllPosters)

Ecuador

View over Quito, Ecuador (Bild: John Coletti / AllPosters)

Das Plynesische Dreieck:

Polynesian Triangle (Bild: Kathuroa)

Die Überfahrt

Bevor das Floß sich der Strömung überlassen konnte, ließ es sich von einem Schiff aus dem Hafen von Callao in Peru ziehen. Zu dem Zeitpunkt hatten sie noch keine Ahnung davon, dass man ein Floß tatsächlich steuern kann. Alles musste während der Überfahrt in der Praxis erlernt werden. (Jahre später lernte Heyerdahl sogar, wie solch ein Floß gegen den Wind segeln kann.)

Natürlich war es eine Fahrt voller Gefahren, nicht nur im Hinblick auf die genannten Unsicherheiten bezüglich des Floßes. Doch auch im schlimmsten Sturm bewährten sich Floß und Mannschaft, auch wenn man immer aufpassen musste, nicht über Bord zu gehen, denn das Floß konnte ja wegen der immerwährenden Strömung nicht anhalten. Ständig war das Floß von Fischen umgeben, sowohl von kleinen Lotsenfischen, die man als Haustiere betrachtete und die nicht gegessen werden durften, als auch von Haien und immer mal wieder von größeren Tieren, bei denen die Gefahr bestand, dass sie das Floß zum Kentern brachten. So verlor Erik Hesselberg einmal die Nerven und jagte einem furcheinflößenden Walhai eine Harpune in den Kopf, der dann abtauchte und verschwand.

Und manchmal brachten sie sich auch durch Leichtsinn selber in Gefahr. Beim Rudern des Schlauchbootes ohne Leine hätten die Insassen einmal fast nicht den Weg zurück zum Floß geschafft. Und Hermann Watzinger ging einmal über Bord und konnte gerade noch gerettet werden.

Neben den alltäglichen Aufgaben bezüglich Essen, Wachen, Steuern, Funken sammelten die Reisenden auch Daten über Wind und Wasser für die Forschung.

Heyerdahl beschreibt, wie das Floß mit seinem Algen- und Muschelbewuchs an der Unterseite zu einem Teil des Ganzen, einem Teil des Meeres selbst wurde:

"Je enger wir in Kontakt mit dem Meer und all seinen Geschöpfen kamen, desto weniger fremd wurde es uns und desto mehr fühlten wir uns selbst zu Hause, So lernten wir die alten Naturvölker respektieren, die Hand in Hand mit dem Stillen Ozean lebten (...)".

Kon-Tiki on Its Epic Voyage (Bild: AllPosters)

The Voyage of the Kon-Tiki (Bild: McConnell / AllPosters)

The Voyage of the Kon-Tiki (Bild: Ron Embleton / AllPosters)

In Polynesien

Nach 101 Tagen landete die Kon-Tiki mit etwas Mühe, aber glücklich, auf dem Raroia-Riff und die sechs Männer hatte endlich weißen Sandboden unter und Palmen über sich. Schon Tage vorher hatte man Land gesehen, musste aber die Küste aus der Ferne betrachten, weil man von der Strömung vorbeigetrieben wurde. Dann plötzlich erhielt man Besuch von Einwohnern einer anderen Insel, doch auch hier schaffte man es nicht, gegen die Strömung anzukommen.

Auf Raroia wurde man nach kurzer Zeit von Einwohnern einer nahegelegenen Insel entdeckt und sowohl dort als auch später auf Tahiti kam man aus dem Feiern nicht heraus.

Zurück in Norwegen schrieb Heyerdahl das Buch "Ein Floß treibt über den Ozean", das 1948 auf Norwegisch erschien. Es wurde ein weltweiter Bestseller. Die deutsche Übersetzung erschien 1949 und auch hier wurden unzählige Auflagen nachgedruckt. Es ist ein äußerst unterhaltsames Buch, dessen Autor sowohl selbstironisch distanziert als auch spannend zu erzählen weiß. Gleichzeitig werden auf interessante Weise theoretische Grundlagen der Expedition vermittelt.

Außerdem hielt Heyerdahl weltweit Vorträge und benutzte dabei auch das während der Überfahrt entstandene Filmmaterial, aus dem aber dann in der Folge noch ein weiteres berühmtes Produkt dieser Expedition entstehen sollte.

Doku Kon-Tiki: Begegnung mit dem Walhai:

„Kon-Tiki“ – Der Dokumentarfilm

1949 hatte Olle Nordemar, der Produzent der schwedischen Gesellschaft Artfilm, die Idee, aus Heyerdahls Filmaufnahmen einen kinotauglichen Film zu machen. Der Film "Kon-Tiki" kam 1950 heraus. Aber trotz der Bearbeitung durch einen optischen Printer ist die Qualität der Bilder von einem objektiven Standpunkt aus schlecht. Sie sind verwackelt, haben nicht immer die besten Einstellung, aber sie sind authentisch. Der französische Filmkritiker André Bazin sah hier die Qualität des Films: "Diese unscharfen, wackligen Bilder sind gleichsam das objektive Gedächtnis der Akteure des Dramas." (nach: Bazin, Was ist Film, Berlin 2004)

Der Film beginnt mit einem kurzen einleitenden Vortrag von Thor Heyerdahl. Dann geht es los mit Bildern vom Bau des Floßes, dem Ablegen vom Hafen unter feierlichem Zeremoniell und dann folgt die Überfahrt. Man sieht das Meer, wie Wasser aufs Floß gespült wird und zwischen den Ritzen wieder abläuft. Man sieht die Besatzung beim Essen machen, beim Sammeln von fliegenden Fischen, beim Messen, beim Funken, beim Bad nehmen usw. und immer wieder ist der Schiffspapagei im Bild. Kurz gesagt, der Film vermittelt einen guten Einblick in das normale Leben auf dem Floß.

Die Gefahrenmomente des Films sind eher kurz und auch dann gibt es nur ein paar Bilder: Haie, ein Wal und ein Walhai. Man hatte da ja anderes zu tun, als zu filmen, und nachgestellte Aufnahmen gibt es in diesem Film nicht. André Bazin sah auch dies als Qualität an: "Aber wieviel ergreifender sind diese aus dem Sturm geretteten Bruchstücke als der lücken- und fehlerlose Bericht einer geplanten Reportage! Denn der Film ist nicht nur das, was man sieht. Seine Unvollkommenheiten zeugen von seiner Authentizität (...)".

1951 wurde "Kon-Tiki" mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

 

Doku Kon-Tiki (Trailer)
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„Kon-Tiki“ – Der Spielfilm

Der größte Verdienst des 2012 entstandenen Spielfilms "Kon-Tiki" (Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg) ist, dass er die Lücken der Doku füllt, dass er die Abenteuer mit Walhai und Haien und "Mann über Bord" ausführlich nachstellen kann. Und ganz bewusst wird das Filmen hier gefilmt, auch die Unerfahrenheit mit dem Medium, wenn Bengt Danielsson Heyerdahl darauf aufmerksam macht, doch besser den Verschluss vom Objektiv abzunehmen. Auch beim Schreiben des Tagebuchs sieht man Heyerdahl oft, woraus dann ja das Buch entstehen sollte.

Trailer des Spielfilms von 2012
Ab November 2013 auf DVD:
Kon-Tiki

Ein spannender Abenteuerfilm

"Kon-Tiki" ist ein unterhaltsamer, sehr spannender Abenteuerfilm. Das Herzstück des Films ist die Überfahrt. Alles andere - die wissenschaftliche Theorie, Vorbereitung, Privates, die anderen Besatzungsmitglieder - wird ziemlich schnell abgehandelt. Ein kleiner biographischer Rahmen informiert uns bloß, dass schon der kleine Thor gefährlich wagemutig war. Auch der wachsenden Entfremdung von seiner Frau sind ein paar Szenen gewidmet.

Natürlich nimmt der Film sich einige dramaturgische Freiheiten, aber solange dies dazu dient, Heyerdahls jugendliche Besessenheit, diese Mischung aus Intellekt und Intuition zu zeigen, die ihn taub sein lässt für berufsmäßige Bedenkenträger, solange ist das kein Problem. Überhaupt haben die Änderungen vor allem den Zweck, Heyerdahl noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken, als er es ohnehin schon ist. Da ist Heyerdahl, der Tausendsassa und Träumer, der gegen alle Widerstände seine Ziele durchsetzt. Und so hält der Film es nicht für nötig, darauf hinzuweisen, dass Tiki zwar als Gott verehrt wurde, aber ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Es ist romantischer, Heyerdahl einem Gott nachjagen zu lassen.

Überhaupt ist der Film gelungen, wenn es um das Abenteuerliche, Wagemutige, Spannende der ganzen Expedition geht. Die andere Seite, das Nachdenkliche, das "Eins mit der Natur" oder das Gefühl der Verlassenheit inmitten des weiten Ozeans, fehlt fast ganz. Und wenn, dann greift man zu Mitteln der Holzhammer-Spiritualität und das ist dann leider die schwächste Szene des Films, wenn die Kamera in den Himmel entschwindet, das Floß ganz klein wird und man die Sterne sieht. Damit es auch der Letzte begreift.

Hermann Watzinger

Nur eine Frage stellt man sich beim Gucken des Films: Was hat der arme Hermann Watzinger den Machern des Films getan. Alle Schwächen, Unsicherheiten und Ängste der Expedition werden diesem Mann aufgebürdet, was natürlich dramaturgisch wirkungsvoll, aber doch auch ein bisschen boshaft ist. Man braucht nur Heyerdahls Buch anzulesen, um festzustellen, welch tragende Rolle Watzinger bei dem Ganzen spielte. Im Film ist der Bauleiter des Floßes ein unsicherer Kühlschrankvertreter, der schon stolpert, wenn es nur darum geht, das Floß zu beladen. Hinterher ist er es, der nervös ständig das Holz untersucht. Auch war es nicht Watzinger, der dem Walhai in Panik die Harpune in den Schädel rammte. Die Tochter Watzingers war über diese Porträtierung ihres Vaters nicht sehr erfreut.

 

Kon-Tiki-Museum

1950 wurde in Form einer privaten Stiftung das Kon-Tiki-Museum in Oslo eröffnet. Und jeder, der schon mal in Oslo im Fähranleger von und nach Kiel war, hat herüber zu diesem Museum gesehen, das (neben dem Frammuseum und dem Seefahrtsmuseum) direkt gegenüberliegt.

Es enthält Gegenstände und Fahrzeuge nicht nur der Kon-Tiki-Expedition, sondern auch späterer Unternehmungen Thor Heyerdahls, wie seiner Atlantiküberquerung oder den Untersuchungen auf der Osterinsel. All diese Vorhaben dienten in ihrer Substanz dem einen Ziel Heyerdahls, zu beweisen, dass die Meere früher keine trennenden Wasserwüsten waren, sondern Verbindungswege zwischen den Kulturen herstellten.

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