Der Begriff "Sørlandet" für Südnorwegen

Gabriel Scott wusste, wovon er schrieb bei der Darstellung dieser Zustände, hat er doch fast sein ganzes Leben in dieser Gegend verbracht, die 1901 durch einen Artikel des Dichters Vilhelm Krag den identitätsstiftenden Namen "Sørlandet" (= "das Südland") erhielt, denn vorher gab es nur West-, Ost und Nordland. Der Begriff setzte sich schnell durch und hat heutzutage zwei Bedeutungen: Politisch sind die beiden Regionen Ost- und West-Agder gemeint, doch die Landschaft, das "eigentliche Sørland", wie Scott es in einem Text bezeichnet hat, bezieht sich auf den Küstenstreifen zwischen Flekkefjord und Tvedestrand oder genauer gesagt zwischen Åna-Sira und Oksefjorden. Das tiefere Binnenland gehört also nicht dazu. Auch wird nicht die Ost-Grenze von Ost-Agder erreicht.

Kindheit und Jugend in der Natur

Im Alter von acht Jahren kam Scott mit seinen Eltern in diese Gegend. Geboren wurde er am 8.3.1874 in Leith/Schottland, wo sein Vater seit 1873 als Seemannspfarrer norwegische Seeleute betreute. 1878 zogen die Eltern nach London um, wo ein neuer Posten wartete. Doch schon 1881 musste der Vater aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, und es ging zurück nach Norwegen, nach Høvåg/Sørlandet. Die frühe Kindheit in Großbritannien hinterließ keine Spuren bei Gabriel Scott, doch in Høvåg fand er seine Heimatregion, die ihn weder persönlich noch literarisch wieder loslassen sollte.

Durch das Leben in der Natur wurden die Grundlagen gelegt für seine spätere romantische, naturreligiöse Weltauffassung, bei der auch die Vorliebe für Goethe und den norwegischen Dichter Wergeland eine Rolle spielte. Doch Jagen und Fischen waren mehr als ein Zeitvertreib, es waren nützliche Fähigkeiten, um einen in den Anfängen nicht allzu erfolgreichen Autor zu ernähren. Gabriel Scotts Werk ist vor allem in seinen Anfängen nicht einheitlich. Es dauerte einige Zeit, bis er den für ihn richtigen Weg gefunden hatte, der in Kristiania (das heutige Oslo) seinen literarischen Anfang nahm, wo sich in den 1890ern eine neuromantische Bewegung vom reinen Realismus verabschiedete.

Die Straßen Oslos um 1890 (aufgenommen mit einer versteckten Fotokamera).

Gabriel Scott

Schreiben über Südnorwegen

Aber Gabriel Scott lebte nicht nur in der Natur und liebte sie. Seit seiner Jugend erwarb er sich auch tiefe theoretische Kenntnisse. Davon zeugt vor allem der landeskundliche Aufsatz über "Sörlandet", den er 1935 für den zweiteiligen Sammelband "Norwegen unser Land" verfasste. Alle Aspekte werden hier abgehandelt, vom Gestein über die Vegetation bis zum Klima, von den Sehenswürdigkeiten über die Tierwelt bis zu Wirtschaft und Handel.

Auch wenn das hügelige, bewaldete Binnenland und die Küstenlandschaft mit ihren Inseln, Klippen, Holmen, Sunden, Buchten und Stränden ineinander übergehen, unterscheidet Scott doch deutlich zwischen beiden. Dies macht er u.a. an den Bewohnern und ihren Häusern fest. An der Küste befänden sich die innen wie außen gepflegten, oft bunt bemalten Häuser mit ihren kleinen, eingezäunten Gärten. Die Bewohner betrieben alle in der einen oder anderen Form Fischfang und hätten so zumindest ein sicheres Auskommen. Im Land sei der Überlebenskampf schwieriger und viele seien nach Amerika ausgewandert.

Scotts Ton ist hier zumeist ganz sachlich, doch kann er sich Ausflüge ins Lyrische nicht verkneifen, wenn es um die Beschreibung der Landschaft und vor allem ihrer Wirkung geht. Das Typischste dieser Landschaft sei ihr Abwechslungsreichtum, und so wie die Natur ständig anders sei, könne sich auch die Wirkung verändern. Innerlich und vertraut könne es sein, aber auch verlassen und einsam. Überhaupt hätte ja die ganze Gegend einmal dem Meer gehört, und so spricht er von einer manchmal "gespensterartigen" Stimmung, auch wenn er - wie entschuldigend - hinterher anfügt, dass dieser Eindruck natürlich subjektiv sei.

"Wo Heidekraut, Wacholder und Hagebutte wachsen, wo Wollgras steht und auf den kleinen Hügeln mit seinen gelblichen Wollbüscheln winkt, dort schwenkten einmal Algen und Tang in den Gezeiten hin und her. Jetzt liegt das Land da und erinnert sich an etwas, das Meer und die Vorzeit rufen sich bei ihm in Erinnerung - ich könnte es vielleicht so sagen, dass es die wachsende Dunkelheit wie ein Zurückkehren des Meeres verspürt. Es wird einmal wieder, was es war, das Heidekraut und der Porsch werden wie vorher Algen und schwenken langsam und still in der Strömung, das Meer hat seinen Arm ausgestreckt und sein verlorenes Land zurückgenommen."

Lake Refsvaten, Southern Norway (Bild: Gavin Hellier / AllPosters)

Arendal, Aust-Agder County, the ...

Arendal, Aust-Agder County, the South Coast, Norway, Scandinavia, Europe (Bild: Gavin Hellier / AllPosters)

arendal

Arendal, Aust Agder County, South Coast, Norway, Scandinavia, Europe (Bild: Gavin Hellier / AllPosters)

Bei Kristiansand.

Pond Reflection and Clouds at Dawn, Kristiansand, Norway, Scandinavia, Europe (Bild: Jochen Schlenker / AllPosters)

Das Meer

Es ist nun einmal das Meer, das den Reiz dieser von Scott sogenannten "Miniaturlandschaft" ausmacht. Und direkt am Meer lebte er auch selbst. 1917 beendete er ein ständiges Nomadendasein und kaufte für sich und die Familie ein Haus mit Anlegestelle auf Tromøy mit Blick nach Arendal hinüber. Er nannte es "Möwennest". Von der Veranda aus konnte man angeln.

In seinen fiktionalen Werken spielt das Leben auf und am Wasser eine wichtige Rolle, doch nur in einigen hat es auch die entscheidende, zentrale Rolle inne, ist Mittelpunkt der Geschichte und heimlicher Protagonist. Doch ist diese Meeres-Fiktion Scotts umfangreich genug, um die verschiedenen Seiten seiner Produktion darzustellen.

Bilder aus Südnorwegen
Winter auf Tromøy, wo Gabriel Scott wohnte.
Hafen Grimstad

Harbour, Grimstad, Aust-Agder, Norway, Scandinavia, Europe (Bild: Marco Cristofori / AllPosters)

Wahre Erzählungen von der guten alten Zeit

Vor allem die Menschen beschrieb er, und das immer treffend. So treffend, dass er, als er in jungen Jahren einen Roman über die Stadt Grimstad schrieb, diese verlassen musste. Die scharfe Zunge ist eines seiner Merkmale. Doch konnte er auch, schon um des lieben Geldes Willen, versöhnliche Unterhaltungsliteratur verfassen. Am liebsten befasste er sich hier mit den Menschen, die auch in seinen fiktionalen Geschichten oft die Hauptfiguren sind: Einfache Männer, die alles in einer Mischung aus Resignation und Humor betrachten und vieles gut durchschauen, weil sie das Leben nicht komplizierter machen, als es ist.

Ein schönes Beispiel ist "Schiffer Terkelsens Lebenslauf. Erzählt von ihm selbst" (1935). Dieser "Schiffer Terkelsen" hatte ein reales Vorbild, den "Schiffer Nicolay Langfeldt", einen der guten Bekannten Scotts. Jetzt erzählt dieser Schiffer des Romans aber nicht von den sieben Weltmeeren, die er bereist hat, sondern vom Sørland seit seiner Geburt 1849.

Das Porträt einer Region im Wandel wird hier nebenbei geliefert, angefangen mit der guten, alten Zeit der Segelschiffe, als noch Leben in den vielen kleinen Häfen entlang der Küste war: "Nein, die Häfen waren anders früher, fast alles war anders als jetzt, das Vogelleben, die Fischvorkommen, Preise, Steuern, Gesetze und mehr. Hier gab es zum Beispiel Gastwirtschaften, wo man sowohl Essen als auch Branntwein für eine ziemlich vernünftige Bezahlung bekam." Der Branntwein ist hier wichtig, vor allem, da die norwegischen Steuern den Schmuggel der "Gichtmedizin" zu einer Notwendigkeit machen.

Während der Erzähler Terkelsen im Vorwort vor Übertreibungen seinerseits warnt, findet sich in dem Buch "Pider Ros Geschichten über seine sonderbaren Erlebnisse zu Land und zu Wasser" (1905) reinstes, absurdestes, fröhlichstes Seemannsgarn. Das einzig Wahre an diesem Buch ist der Erzähler selbst. Pider Ro kam vom Binnenland und lebte mit einem Hund auf einem festvertäuten Schiff in Kristiansand und hatte durch die Bekanntschaft mit Seeleuten genug aufgeschnappt, um den Eindruck erwecken zu können, er sei auch weit gesegelt. In dem kleinen Buch wimmelt es, vorgetragen in kaum übersetzbarem Dialekt, von Wassermännern, Meerjungfrauen, Geistern oder "Kaninbalen". Knut Hamsun nannte Pider Ro ein "glaubwürdiges Lügenmaul."

Arendal

Arendal, Aust Agder County, South Coast, Norway, Scandinavia, Europe (Bild: Gavin Hellier / AllPosters)

Bilder aus der Gegend um Arendal.

Das Elend der "Reisenden"

Eine ganz andere, sozialrealistische Seite Scotts zeigt der Roman "Fant" (1928), was "Landstreicher" bedeutet. Scott widmet sich hier einem norwegischen Phänomen jener Zeit, den oft elenden Lebensumständen der in größeren Booten umherfahrenden "Zigeuner" des Sørland. Diese Menschen selbst lehnten den Begriff "Fant" ab und wollten einfach "Reisende" genannt werden. Scott war der Erste, der sich dieses Themas literarisch annahm. Vorher hatte es über die "Reisenden" nur sozial orientierte Sachtexte gegeben, die Scott genau studierte. Außerdem suchte er selbst die Nähe dieser Menschen und ließ sich von ihnen Geschichten erzählen. So hat denn der bärtige Familienpatriarch des Romans ein unverkennbares Vorbild.

Meistens lebten sie als Familien auf diesen Booten, fuhren umher, ernährten sich vom Fischfang, Warentransport oder der Reparatur und Herstellung von Haushaltsgegenständen, die die Frauen an Land verkaufen mussten. Kleinere Unarten wie leichtere Diebstähle oder das Leeren fremder Reusen waren die Grundlage von Problemen mit der Bevölkerung. Die Kunst bestand darin, es mit diesen Dingen nicht zu übertreiben.

Diese Kunst beherrscht der Romanheld Fændrik nicht. Durch sein Verhalten macht er sich selbst im eigenen Familienclan unbeliebt. Ohne Aussicht auf Harmonie schwankt er zwischen Unterlegenheitsgefühlen gegenüber den Menschen auf dem Festland und Allmachtsphantasien, die ihm vor allem sein Gewehr gibt, mit dem er voller Hass und Hybris heimlich auf andere Jäger zielt und es genießt, sich als Herr über Leben und Tod zu fühlen. Bis er wirklich jemanden tötet und auf der Flucht elend ertrinkt.

Die Scott-Verfilmung von "Fant" auf DVD mit englischen Untertiteln.
Tramp [Norwegen Import]
"Fant" antiquarisch.
Fant - Roman

Naturmystik - Gott in der Natur

Für eine ganz entgegengesetzte Weltsicht steht der zu Anfang schon erwähnte Roman "Der Alkenjäger. Ein Schwanengesang" (1933). Hier versucht der in der Stadt aufgewachsene Protagonist als Naturmensch Harmonie und Einheit zu finden, hier ist Gott anwesend in der Natur, nicht abwesend wie in der Fortsetzung von "Fant", dem Roman "Josefa" (1930), in der ein junges Mädchen mit Baby hilflos durch die Wälder irrt, vergewaltigt wird und auf ihre Rufe nach "Gott" keine Antwort bekommt.

Auf die Weise kommt man zu den zwei Seiten in Scotts Denken und Werk. Die Welt der Menschen ist für ihn eine grausame, harte, oft bösartige Welt. Gott kommt in seinen Romanen niemandem zu Hilfe. Die Schöpfung an sich ist perfekt, also sind die Menschen selbst für alles verantwortlich, folglich müssen sie sich untereinander helfen. Der einzige Ausweg, den er sieht, ist das "goldene Evangelium", Nächstenliebe. Und mit Nächstenliebe meint Scott hier wirklich seinen "Nächsten", denn den Menschen in seiner Umgebung hat er immer wieder geholfen, sei es durch Förderung oder Geld, auch wenn es bei ihm selbst knapp war. Jeder Mensch sollte zuerst bei sich anfangen.

Dennoch sind für Scott, den Spinozaverehrer, Gott und das Unendliche keine Spekulation, sondern spürbare Wirklichkeit. Der Ort, um diese zu fühlen, ist die Natur, für den "Alkenjäger" Tore die Schären und das Meer. Im Gegensatz zum modernen "Kampf gegen die Natur" lernt er in jungen Jahren, sich an diese anzupassen und dort zu überleben und sich zu ernähren. Selbst als er im Sturm fast ertrinkt oder später auf einer einsamen Klippe fast erfriert, sehnt er sich nicht zurück. Nur die Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen und die Liebe zu einer Frau lassen ihn Kompromisse finden. Doch immer wieder muss er heraus aufs Meer und auf die Inseln mit ihren vielen einsamen, versteckten Stellen.

"Das Ewige kam ihm bisweilen so nah, es berührte ihn, es lebte in ihm - er lag in einem zeitlosen Zustand von Glück und hörte die Vögel um sich erwachen, hörte das Sausen, das über den Holm strich. Es war, als läge er am Ufer des Daseins und wäre eine kleine Muschel im Strand und empfände, ohne zu begreifen."

Gabriel Scott verehrte den Philosphen Spinoza.
Die Ethik
Benedictus de Spinoza: Eine Einführun

Die Seele und das Unendliche

Doch der "Alkenjäger" ist, laut Untertitel des Romans, ein "Schwanengesang", ein Abgesang auf eine verschwindende Zeit. "Der Mensch geht im Fortschritt unter", heißt es. Ganz anders sieht es noch 15 Jahre vorher in "Die Quelle oder der Brief über den Fischer Markus" (1918) aus. Unberührt von der Moderne geht der einsame Fischer dieser Geschichte rudernd seinem Beruf nach und unterwirft sich dabei den Jahreszeiten, dem Wetter, den Strömungen und den Launen der Fische. Dabei spürt er immer wieder das Unendliche und sinniert über Gott, "die Quelle für alles, was es gibt".

Auch in "Die Quelle" sieht man die zwei Seiten Scotts. Die lyrische Spiritualität in Scotts Büchern ist nie abstrakt verschwommen, sondern ist immer im Konkreten, im Realismus eingebettet. "Die Quelle" ist auch ein Porträt über die Arbeit als Fischer. Vom Herstellen von Reusen, dem Nähen von Netzen über Hummer oder Makrelen und die Besonderheiten beim Fang reichen die auf eigener Anschauung beruhenden Beschreibungen Scotts.

Der Fischer Markus ist ein Einzelschicksal, ein Außenseiter, der oft die Zielscheibe von Spott ist. Wenn er am Schluss mit 55 Jahren friedlich und in sicherer Erwartung der Antworten des Unendlichen stirbt, darf nicht vergessen werden, dass dieser Tod auf eine über lange Zeit hin verschleppte Erkältung in Verbindung mit Überanstrengung, Unterernährung und zu wenig Brennholz zurückzuführen ist. Doch er weiß sich abzufinden und hat durch sein Leben in der Natur einen festen, spirituellen Halt. Selbst der wohlhabende Christ, der ihm in der Not kein Geld leihen wollte, finstere Erweckungsprediger und geistlose Pfarrer konnten das nicht zerstören.

Das Buch endet in einer versöhnlichen Verallgemeinerung: "Ein Mensch kommt auf die Welt - eine Seele sinkt herab auf die Erde, sie wirbelt um sich herum eine Staubwolke auf, nimmt Staub auf und schleppt ihn umher. Wenn ihre Zeit hier unten vorbei ist, legt sie den Staub wieder ab und kehrt zurück in die Umarmung des Ewigen."

Nach dem Tod

"Die Quelle" ist der Wendepunkt in Scotts Werk. Alles zuvor erschien ihm von wenig Bedeutung. Immer wieder schrieb er dann auch Bücher mit rein religiöser Thematik. In seinem letzten Werk "Der Fährmann" (1953) gab er dem "Ewigen" dann sogar literarische Gestalt. Die Ewigkeit ist hier bevölkert von aus den Gräbern gekrochenen Toten, die schattenhaft umherirren, um ihre Schuld abzuarbeiten. Und die Opfer können vielleicht verzeihen, aber niemals vergessen.

Ein anderes berühmtes skandinavisches Buch über den Tod ist Selma Lagerlöfs "Fuhrmann des Todes". Selma Lagerlöf ist die wichtigste schwedische Vertreterin der Neuromantik.
Der Fuhrmann des Todes: Die Erzählung - Das Drama - Die L...
Aus der Lagerlöf-Verfilmung "Der Fuhrmann des Todes".

Nachbemerkung

Gabriel Scott war zu Lebzeiten ein erfolgreicher Autor. Viele seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt, sind aber momentan leider nur antiquarisch erhältlich. Seit 1997 kümmert sich in Norwegen die Gabriel-Scott-Gesellschaft um sein Andenken. Dort bekommt man auch "Die Quelle" (als "Markus the Fisherman") auf Englisch.

Die Verfilmungen von "Fant" und dem Weihnachtsklassiker "Tante Pose" gibt es als Import-DVDs mit englischen Untertiteln.

Bilder aus der Gabriel-Scott-Verfilmung "Tante Pose" mit dem berühmten gleichnamigen Titellied.
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