Irgendwie läuft es für Robert, der mit dem Nachnamen Süßemilch geschlagen ist, nicht wirklich gut  Ausgerechnet an jenem Tag, an dem er seiner Freundin endlich einen Heiratsantrag machen möchte, erwischt er sie mit einem Piloten, der in ihrem Bett gelandet ist. Offenbar ist er selbst daran schuld, da er ein "Weichei" sei, wie ihm die zur Ex gereifte Nichtmehrganzfreundin vorwirft. Dummerweise hat sie damit nicht so ganz Unrecht: Anstatt sein Studium zu beenden, jobbt Robert bei einer Tankstelle und ist viel zu nett zu den Leuten, selbst wenn sie ihn nerven.

Vom Weichei zum Piloten

Nach dem ersten Schock wirft er sich aber ins Lebensgetümmel und will es wissen. Doch sein erster Puffbesuch wird ebenso zum Fiasko wie die Teilnahme an einem Speed Dating. Völlig unvermittelt hält ihm das Leben denn doch noch die Karotte in Form der bezaubernden Jana vor die Nase. Die ist allerdings gleich mehrere Nummern zu groß für ihn. Was tun? Na, lügen!

Von einer Sekunde auf die nächste avanciert das Weichei Robert zu einem weltgewandten Piloten, der nebenher Weinexperte in einem fiktiven Weinklub ist und sein Portugiesisch in Rio aufpoliert – Rio in Algerien, nicht in Brasilien. Allerdings muss Robert rasch feststellen, dass sich eine solche Lüge nicht dauerhaft aufrechterhalten lässt. Insbesondere dann nicht, wenn man weder von Flugzeugen, noch von Weinen einen Schimmer hat und die Lügengebäude deshalb immer höher wachsen müssen...

Mit Tommy Jaud vergleichbarer Stil

Der bislang für seine Krimis bekannte Autor Zeno Diegelmann wählte für seinen ersten Comedy-Roman "Weihei" das Pseudonym Tim Boltz. Weshalb, ist dem Rezensenten nicht so ganz klar, denn der richtige Name klingt seines Erachtens nach deutlich cooler als das Pseudonym. Vielleicht war das auch der Sinn der Übung.

Einerlei: Mit "Weichei" landete er 2011 einen Bestseller, dem 2012 die Fortsetzungen "Nasenduscher" sowie 2013 "Linksträger" folgten. Zwei Konstanten ziehen sich durch die Werke: Erstens der Ich-Erzähler Robert Süßemilch und zweitens der sarkastische Schreibstil. Meist werden die Romane von Tim Boltz mit jenen der Kollegen Tommy Jaud und David Safier verglichen, wobei der Stil und die mitunter harten Pointen deutlich näher bei Tommy Jaud denn beim eher handzahmen David Safier liegen.

Das Weichei ist kein Vollidiot

Dennoch fallen mehrere deutliche Unterschiede zwischen den Comedy-Romanen eines Tim Boltz und jenen des noch erfolgreicheren Tommy Jaud auf. Trotz des sarkastischen Schreibstils wirkt Robert Süßemilch weitaus weniger zynisch als Jauds "Vollidiot" Simon Peters. Seinen Aktionen liegt nichts Boshaftes, sondern vielmehr Unbedachtes inne, wie er überhaupt in "Weichei" kindlich-naiv wirkt. In den Fortsetzungen präsentiert sich der Protagonist deutlich reifer und höchst selbstsicher – schade eigentlich, denn gerade die Naivität sorgt für so manche Lacher.

Ein anderer Unterschied betrifft die Erzählstruktur und den Überbau der Geschichten: Hierbei merkt man Tommy Jaud die Erfahrung als Comedyautor an. Obwohl natürlich auch in seinen Romanen, vor allem jenen mit Simon Peters, Zufälle eine entscheidende Rolle spielen, zeigen sich seine Plots deutlich schlüssiger und kompakter. Mögen manche Pointen und Entwicklungen vorhersehbar sein, so werden sie wie in einer guten Komödie langsam aufgebaut und ergeben sich aus dem Fortgang der Geschichte selbst. "Weichei" ist an einigen Stellen doch sehr, sehr konstruiert, was kein Vorwurf sein soll, im direkten Vergleich mit einem Tommy Jaud jedoch auffällt.

Flüssig geschriebener Comedy-Roman

Aber genug der wohl unfairen Vergleiche: Hält "Weichei" seine Versprechen, massenweise Lacher abzuliefern? Eindeutig ja! Am Lustigsten sind dabei jene Pointen, die sich aus den Lügengebäuden Roberts sowie seinen Beobachtungen des Lebens ergeben, weniger die sketchartigen Einschübe wie jene eines unsinnigen Muskelaufbauprodukts aus der Fernsehwerbung.

Der gesamte Comedy-Roman wird im Präsens erzählt, wobei Protagonist Robert Süßemilch auch mit Witzen auf eigenen Kosten nicht spart. Der Stil liest sich wunderbar flüssig und die einzigen Stolperstellen sind die erwähnten vorhersehbaren Gags wie jener, was wohl das kleine Geheimnis der atemberaubenden Schönheit sein mag, die beim Speed Dating dem verblüfften Robert ihre Karte mit der Telefonnummer zusteckt. Derlei hat man schon tausendmal gesehen und gelesen und ist folglich enttäuscht, wenn die "Pointe" sich exakt wie bekannt entwickelt.

Abgesehen von diesen kleineren Schwächen macht "Weichei" buchstäblich Spaß und stellt nicht mehr, aber auch nicht weniger als harmlose Unterhaltung für Zwischendurch dar, über die der Leser herzhaft lachen kann. Die mitunter kurzen Kapitel und Episoden aus Roberts Leben laden zum raschen Lesen ein und machen – im Gegensatz zu den im Roman beschriebenen kulinarischen "Köstlichkeiten" – Appetit auf mehr. Nachschub in Form von "Nasenduscher" und "Linksträger" gibt es reichlich, sodass das Warten auf den nächsten Jaud-Roman, der den enttäuschenden "Überman" hoffentlich vergessen lässt, leichter fallen sollte.

Fazit: Drei von drei Weicheiern für diesen Comedy-Roman!

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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