Totempfähle wurden nur von den Indianerstämmen errichtet, die im Nordwesten der USA lebten. Die eindruckvollsten gab es zweifelsohne bei den Chilkat, Niska, Kwakiutl, Haida, Chinook und Nootka. Oft krönte das Totemtier des Stammes einen solchen etwa 30 Meter hohen Pfahl. Auch andere Tiere waren aus dem Holz herausgearbeitet. Von den Raubvögeln genoss vor allem der Adler diese Ehre, manchmal auch die Krähe. Der Bär war ebenfalls ein bevorzugtes Motiv. Dass auch Menschengestalten oder wenigstens Gesichter zum Schmuck der Totempfähle gehörten, hat einen ganz einfachen Grund. Denn neben dem Totemtier, das als Beschützer galt, verewigte man auf den Pfählen auch ruhmreiche Taten, die einem besonders angesehenen Häuptling nachgesagt wurden. Sein in Holzschnitzereien festgehaltenes Leben ehrte den ganzen Stamm. Auch sein Haus wurde mit Bildpfählen ausgezeichnet und häufig sogar sein Grab.

Totempfahl (Bild: werner22brigitte / Pixabay)

Die Auswahl des richtigen Baumes war von entscheidender Bedeutung

An der Herstellung des Totempfahls war der ganze Stamm beteiligt. Zunächst wurde mit großer Sorgfalt ein geradegewachsener Baum ausgesucht und gemeinsam gefällt. Das geschah in einer heiligen Zeremonie, denn Bäume waren für die Indianer Wesen, die Schmerz und Freude empfinden konnten. Es galt als verwerflicher Eingriff ins Leben, wenn man einen Baum fällte. Den einzelnen hätte es mit Schuld beladen, wäre nicht die Gemeinschaft für ihn eingetreten. Der Baum wurde mit dem Tomahawk (Steinbeil) gefällt und anschließend bearbeitet. Dabei war die Auswahl des richtigen Baumes von entscheidender Bedeutung. Sehr hartes Holz hätte mit den Werkzeugen nicht bearbeitet werden können, und weiches Holz wäre nicht dauerhaft gewesen. Erforderlich war also eine Baumart mit verhältnismäßig weichem aber dichtem Holz, das von Kerbtieren gemieden wurde. Aus diesen Gründen verwendeten die Indianer das stark duftende Holz der Zedrele, das in Europa auch Zigarrenkistenholz genannt wird. Es hatte alle erforderlichen Eigenschaften, um mit steinernen Klingen bearbeitet zu werden.

Die abgebildeten Wesen waren Schutzgeister

Das Schnitzen erforderte große handwerkliche Fertigkeit. Trotzdem lag es den Indianern fern, getreue Abbilder der Wesen zu schaffen, die dargestellt werden sollten. Für sie lebte das Totemtier in einer höheren Welt. Und der tapfere Krieger musste schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen sein, bevor seine Taten am Pfahl verewigt wurden. Nur mit sehr viel Fantasie lässt sich manchmal erkennen, dass ein Bär gemeint ist, ein Adler oder ein Fisch. Das geschnitzte Bild missachtete die Realität. Es versetzte Mensch und Tier in jene Totenstarre, die bei allen Naturvölkern die religiösen Sinnbilder auszeichnet. Sie sind zu erfurchtgebietender Erhabenheit hochstilisiert. Was lebt, lebt zu ihren Füßen. Ihr Scheitel streift die Sterne und der starre Blick ist nicht von dieser Welt. Sie sind Schutzgeister und Mahner. Der Totempfahl ist das Heiligtum des Stammes, ein sichtbarer Ausdruck seiner Tradition. Dieser Charakter wurde noch durch die grellen Farben hervorgehoben, von denen jede eine eigene Bedeutung besaß. Wer den Totempfahl zerschlug oder umstürzte, beging ein Verbrechen, das nur mit dem Tod gesühnt werden konnte.

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