Martin Wuttke

© Wikimedia / Manfred Werner

 

Metaphysik der Liebe

René Pollesch gehört zu jenen Regisseuren und Autoren, deren Texte manche Kritiker eingestandenermaßen nur zur Hälfte begreifen, und das liegt wohl kaum am reduzierten Intellekt. Er reißt einige (Denk-)Probleme nur an, schmeißt weitere Brocken hinzu und lässt sie diskursiv behandeln, ohne eine konkrete Lösung anzuvisieren. Lilith Stangenberg beispielsweise erkennt einen einst Geliebten nicht mehr wieder – rein "begehrungstechnisch". Das ist ein völlig normaler Vorgang, oder hatte man etwa erwartet, die Liebe wäre nach zehn Jahren konserviert und veredelt worden und stünde nun in absoluter Reinheit da? Das alles wird groß hingestellt, obwohl es keine Größe enthält. Was hat Pollesch im Folgenden noch anzubieten? Eine Metaphysik der Liebe, zuletzt ernsthaft unternommen von Schopenhauer. Ansonsten klingt es wie tiefstes Mittelalter. Gäbe es wirklich eine solche Metaphysik, dann würden die Partner nur glauben, sie würden sich aus eigenem Willen lieben, und dabei werden sie von einer transzendentalen Instanz zueinander getrieben. Dann wäre es das Ewige in ihnen, das sie unauflöslich aneinander klammert. Und eine ewige Verschmelzung im Tod à la Tristan und Isolde mag Pollesch wohl kaum vorgeschwebt haben. Stattdessen hält er es lieber damit, dass "das Reale in die Repräsentation übergeht". Pollesch-Kenner fühlen sich bei diesem Satz wahrscheinlich pudelwohl, allein wegen des Wiedererkennungseffektes. Leider hat sich der Sinn der These bislang noch nicht erschlossen.

 

Unvergessliche Gesichter

An den Schauspielerleistungen gibt es nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Es ist immer wieder ein Erlebnis, Wuttke im Theater zu erleben, und in Lilith Stangenberg hat er eine kongeniale Bühnenpartnerin gefunden. Ihr gleichsam unschuldiges Flöten ist noch nie in ein hingehauchtes Plätschern übergangen, das unter die Haut gehen könnte. Irgendwann landen die Schauspieler im Bauch eines herunterhängenden Wals, der auch den Stichwortgeber Franz Beil mit aufnimmt. Durch die Innenaufnahmen entstehen hervorragende Bilder, die, an die Wand projiziert, unvergessliche Gesichter zeigen, als haben die Schauspieler erst in einer engen Kabine zu ihrer wahren Größe gefunden. Aus Stangenbergs Antlitz ist jegliche gespielte Naivität verschwunden, sie wirkt jetzt wie eine Sinnlichkeit versprühende Lady. Aber kaum ist der Bühnenboden wieder betreten, legt sie ihre Reife ab und wird zu einer Suchenden, die laut reflektiert und gar nicht weiß, wo das alles enden wird.

 

Was psychotisch ist und was nicht

Pollesch legt Wuttke viel geistig Unausgegorenes in den Mund, etwa dass Geschichten unseren Lebensplan ersetzen werden. Wir leben aber nicht in einer Märchenwelt, die für eine kleine Klientel diskursfreudiger Spezialisten der Virtualität eingerichtet ist. Fragwürdig ist auch die Erklärung von ‚psychotisch': Psychotisch ist es nicht, wenn man gemütlich zusammensitzt und dann mit Messern aufeinander losgeht. Hingegen ist es psychotisch, wenn man jemanden nicht mehr erkennt. Vielleicht ist das ja nur ein Problem der "projizierten Subjektivität". Projiziert wird viel, vor allem auch beim Begehren. Das Begehren, hören wir, liegt nämlich nicht in uns selbst, sondern im anderen. Proseminaristen wissen vermutlich solche Sätze schätzen, weil sie hinter dem wolkigen Gebräu Tiefsinn vermuten. Beinahe unwillkürlich sehnt man sich nach der Zeit zurück – lang ist's her -, als man noch die Unibank in Philosophie drückte, wo mehr als angerissene Gedanken debattiert wurden. Was will man machen, wenn einen das, was da auf der Bühne verhandelt wird, gar nichts angeht? Nichts einfacher als das, man hält sich an die Musik, den Gesang und die Schauspieler. Trotz der teilweise ärgerlichen Texte ist aus dem Ganzen trotzdem ein imposantes Schauspiel erwachsen.

Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte
von René Pollesch und Dirk von Lowtzow
Text und Regie: René Pollesch.

Songtexte und Komposition: Dirk von Lowtzow, Arrangements und Orchestrierung: Thomas Meadowcroft, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Licht: Lothar Baumgarte, Ton: Christopher von Nathusius, William Minke, Video: Jens Crull, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Lilith Stangenberg, Martin Wuttke, Franz Beil, Martin Gerke (Bariton).

Musik: Filmorchester Babelsberg, Oliver Pohl (Dirigent) und der Rundfunk-Kinderchor Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium.

Volksbühne Berlin

Premiere am 12. März 2015, Kritik vom 22. März 2015
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

© Wikimedia / Manfred Werner

 

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