Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci
Das letzte Abendmahl • Leonardos ...

Das letzte Abendmahl • Leonardos Wandgemälde schmückt die Nordwand des Klosters Santa Maria delle Grazie (Bild: wikipedia.de)

 Leonardo malte das Wandgemälde zwischen 1494 und 1498.

Darstellung im Abendmahl von Leonardo da Vinci: Die Stellung des Menschen im Kosmos

"Die Astrologie ist der Schlüssel zur Geistesgeschichte der Menschheit", schrieb 1923 der Astronom Robert Henseling. Tatsächlich wurden die astrologische Lehre und ihre Symbolik in der bildenden Kunst immer wieder verwendet – nicht nur im darstellenden Sinne, sondern auch, um einen höheren Zusammenhang zu postulieren.

Einer von euch wird mich verraten

Auf nachgerade verstörende Weise hat Leonardo da Vinci die tiefe Bedeutung der astrologischen Lehre in einen christlichen Kontext gestellt: Im berühmtesten seiner Gemälde, dem "Abendmahl" verkörpert jeder der zwölf Jünger Jesu ein Zeichen des Tierkreises.

Erste Entschlüsselung des Codes: die Dreiergruppen

Leonardo hat in seinem Gemälde die Apostel in vier Gruppen zu je drei Mann zusammengefasst. In der Astrologie tritt diese Dreiteilung an vielen Stellen auf:

  • in den Quadranten, die drei Zeichen umfassen,
  • in den Elementen, die drei Zeichen enthalten, und schließlich
  • in den Jahreszeiten, die durch jeweils drei Zeichen vertreten sind. 

Die Dreiergruppen symbolisieren die Jahreszeiten in da Vincis "Abendmahl"

In der ersten Dreiergruppe von rechts sind die Apostel Simon, Thaddäus und Matthäus dargestellt – sie repräsentieren die Tierkreiszeichen des Frühlings: Simon den Widder, Thaddäus mit seiner ausgeprägten Halspartie den Stier und Matthäus mit den ausgestreckten Armen das Zeichen Zwillinge. Zwillinge hat in der Astromedizin eine Verbindung zu Händen und Armen (und auch zur Lunge) – das Zwiefache wird hier symbolisiert (das Zweifache), aber auch das "Zwei-feln" geht mit dem von Merkur geprägten Zeichen Zwillinge einher.

Die Sommerzeichen in da Vincis Abendmahl

Philippus, Jakobus, Thomas

Die zweite Gruppe steht für die Sommerzeichen Krebs, Löwe, Jungfrau. Philippus ist Krebs, Jakobus der Ältere ist Löwe, Thomas die Jungfrau. Das Zeichen Krebs ist in der Astrologie ein weibliches Zeichen, der "Planet" Mond ist ihm zugeordnet und somit das Gemüt, das Seelenvolle.

Philippus (Krebs) ist mit seinen runden Proportionen eine weibliche Erscheinung, das Gesicht, die Schultern, seine Gebärden, wie er sich an die Brust greift und dorthin deutet – Philippus ist ganz Seele und Gemüt.

Ganz das Extrem dazu der löwenhafte Jakobus, der mit ausgebreiteten Armen Selbstbewusstsein demonstriert und raumgreifend vor Jesus Christus andeutet: Bei mir bist du sicher, ich schütze dich. 

Und wieder eine Gegenbewegung (wie der Ablauf der Zeichen im Jahresrhythmus immer eine Antwort auf das vorhergehende Zeichen ist): Thomas, die Jungfrau, der Leise. Ganz nah ist er bei Jesus, und wo der Löwe die große Geste braucht und imponieren will, zeigt sich die Jungfrau ängstlich und klein(-gläubig): "Bin ich es, Meister?"

Dolchstoß – Code für den Herbst

Leonardo malt die Waage, den Skorpion, den Schützen

In der Mitte ruht Jesus, das Licht und das Leben. Die Sonne, die das Zentrum auch in der Astrologie bedeutet. Doch heute Abend ist etwas anders: Jesus hat seine Jünger mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert: "Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten!"

Ein Leben, Jesu Leben, neigt sich dem Ende zu, wie auch der Herbst das zu Ende gehende Jahr andeutet, repräsentiert durch die Zeichen Waage (Apostel Johannes), Skorpion (Judas Ischariot), Schütze (Petrus). Meisterhaft, wie Leonardo Judas in diese Dreiergruppe hinstellt: Judas' Kopf zuckt förmlich zurück – er hat es gerade vernommen, was Jesus gesagt hat. Wie ein Blitz ist die Erkenntnis in ihn gefahren: Er ist gemeint! Er wird es sein, der Jesus verrät! 

Skorpion, das achte Zeichen, steht im Tierkreis für die Umwandlungsprozesse, also (auch) für den Tod – genauer: für das "stirb und werde!" Er ist das extremste Zeichen, Schattierungen sind ihm meist fremd, für den Skorpion gilt nur ja oder nein, kein Vielleicht! 

Eigenartig, dass, obwohl Judas eindeutig an achter Stelle sitzt, sein Kopf die Position des neunten Zeichens eingenommen hat. Symbol für die Auflösung, die Judas verursachen wird?

 

Astrologisches Symbol für das Zeichen Schütze

Aber was ist mit Johannes, der Waage? Er sitzt mit gefalteten Händen da, sanft, wie es sich für das Wesen der Waage geziemt.

Und Petrus? Der Schütze? Sein Zeigefinger schießt auf Jesu zu – ganz wie das astrologische Symbol für jenes Zeichen, das Petrus mit seinem Finger imitiert!

Ein Schüler kritisiert den Meister - Füße, wo keine hingehören!

Leonardo malt den Steinbock, den Wassermann und das Zeichen Fische

Mit Andreas (Steinbock), Jakobus dem Jüngeren (Wassermann) und Bartholomäus (Fische) bringt Leonardo die Winterzeichen ins Gemälde.

Der konservative Steinbock mit abwehrenden Händen, die anzudeuten scheinen: "Ich hab's gewusst!", und mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck, der wohl die Ernsthaftigkeit des Zeichens bedeutet. 

Schwierig in unserem Deutungsansatz ist die Stellung Jakobus' d. J. als Wassermann. Im Markus-Evangelium nennt Jesu Jakobus "Boanerges", was so viel heißt wie Donnersohn. Eine ziemlich spitze Interpretation könnte von dem auslösenden Moment im Markus-Evangelium zu der "Bruderliebe" führen, die in gewisser Weise mit dem elften Zeichen, dem Wassermann, assoziiert wird. Natürlich ist nicht der wortwörtliche Bruder gemeint, sondern die Brüderlichkeit, die sich im Umgang mit den Freunden und Gruppen ausdrückt, denen man sich zugehörig und verbunden fühlt. Und tatsächlich wirkt die Geste des Jakobus, wie er Johannes umfasst, sehr freundschaftlich und "brüderlich".

Vollends interessant wird es bei Bartholomäus. Interessant deshalb, weil die oben gezeigte Abbildung nicht das Original Leonardos ist! Diese Reproduktion ist fehlerhaft! Man weiß heute, dass ein Schüler Leonardos, Marco d'Oggiono (1475 bis 1530), eine Kopie des Originals anfertigte und allen Personen auf seiner Kopie Füße malte in der irrigen Meinung, Leonardo habe sie vergessen zu malen. Ist diese Vergesslichkeit des Meisters glaubhaft? Wohl kaum! 

Und richtig: Leonardo wusste um die Beziehung zwischen dem Zeichen Fische als letztem im Tierkreis und der Körperregion der Füße. Deswegen malte Leonardo im Original nur Bartholomäus Füße. 

Es gibt auch dafür einen Beleg: Raffaello Morghen (1758 bis 1833) hat das Gemälde in seinem noch fast unzerstörten Zustand gesehen und davon einen Kupferstich angefertigt. Klarer geht es nicht: Nur Bartholomäus wurde von Meister Leonardo da Vinci mit Füßen gemalt – die übrigen nicht!

Der da-Vinci-Code: Der Kreislauf des Lebens

Der simple "Code" bei Leonardo da Vincis Fresko "Das letzte Abendmahl" ist die astrologische Aussage seines Gemäldes! Die Meisterschaft hingegen ist alles andere als simpel: Einen Tag vor dem Opfertod Jesu' müssen die Jünger Farbe bekennen – ein beklemmender Moment, denn "einer von euch wird mich verraten"!

Leonardo, ganz der große Psychologe, Astrologe und Künstler, bringt die Bedeutung der Zeichen in den Gesichtern, den Gesten, der Mimik und Körperhaltung der zwölf Jünger zum Ausdruck. Sein "letztes Abendmahl" gerät so in jenen Kreislauf des Lebens, wie er in der Astrologie seine schönste Entsprechung findet!

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Die Anregung zu dieser Abhandlung habe ich dem Buch entnommen "Geheimsprache der Bilder" von Erich von Beckerath.

Das Original in Kopie - Ein Kupferstich klärt auf
Wiedergabe des Freskos von Leonardo ...

Wiedergabe des Freskos von Leonardo nach dem Kupferstich von Raffaello Morghen (Bild: Bitte blättern Sie im Link nach unten bis zur Abbildung)

Bildquelle und Nachweise

Gerne hätte ich eine echte Quelle für die Reproduktion von Raffaello Morghens Kupferstich angegeben. Leider ist es mir nicht gelungen. Falls jemand mit einer besseren Quellenlage dienen kann als mein karger Hinweis auf ein antiquarisches Buch bei zvab.com, möge er oder sie sich freundlicherweise an mich wenden. Herzlichen Dank!

jofl, am 27.06.2013
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