Bibliothek in Ephesus (heutige Türkei, zu Zeiten des Römischen Reiches lag Ephesus in der römischen Provinz Kleinasien)

Grund 1 – Latein ist keine "tote" Sprache – sie ist immer noch lebendig und mitten unter uns

Viele Menschen, die Latein nicht kennen, behaupten, dass Latein eine tote Sprache sei. Manche, die absolut keine Ahnung von Fremdsprachen haben, setzen sogar das Gerücht in die Welt, Latein sei ausgestorben. Was für ein Unsinn! Wie kann man so etwas behaupten! Solche Leute haben sich noch nie mit Latein befasst. Sie zitieren andere Leute, die ihnen irgendwann Unsinn erzählt haben.

Man sollte wissen, dass es viele Wörter im deutschen Sprachgebrauch gibt, die sich aus einem oder mehreren lateinischen Wörtern entwickelt haben. Ein Beispiel ist das Wort "Republik". Es ist aus dem lateinischen Ausdruck "res publica" hervorgegangen. "Res publica" bedeutet "der Staat"
Weitere Beispiele sind die Wörter "Fraktion", "Opposition" und "Puls". Das Wort "Fraktion" kommt vom Partizip Perfekt Passiv "fractus" des lateinischen Verbs "frangere" und bedeutet "Bruchteil". Bei uns ist das der Teil eines Bundes- oder Landtags, den Abgeordnete einer bestimmten Partei innehaben.

Das Wort "Opposition" kommt vom Wort "oppositus". "Oppositus" ist das Partizip Perfekt Passiv des Wortes "opponere". Das heißt "sich entgegensetzen, sich entgegenstellen". Eine "Opposition" steht in unserem Sprachgebrauch für die Parteien, die in einem Bundes- oder Landtag vertreten sind, aber keine Regierungsaufgaben wahrnehmen.

In diesem Zusammenhang fällt mir auch noch das Wort "Position" ein. Es hat sich aus dem lateinischen Wort "positus" entwickelt – also dem Partizip Perfekt Passiv des Verbs "ponere". "Ponere" hat die deutschen Bedeutungen "setzen, stellen, legen". Was "Position" bedeutet, muss ich sicherlich niemandem erklären. Dieses Wort existiert übrigens auch in anderen Sprachen – im Englischen und Französischen beispielsweise.

Das Wort "Puls" kommt von "pulsus", dem Partizip Perfekt Passiv des Verbs "pellere", das "schlagen, stoßen" heißt.

Einige Leser sagen jetzt sicherlich: "Du hast mir gerade schwierige Wörter genannt, die ich nicht täglich verwende. Hast du keine einfacheren Beispiele?" Doch, die habe ich. Unser Wort "Ziegel" kommt vom lateinischen Wort "tegula", und unser Wort "Fenster" vom lateinischen Wort "fenestra".

Wer wusste schon, dass sich das deutsche Wort "Kaiser" aus dem Vornamen "Cäsar" entwickelt hat? Cäsar war einer der erfolgreichsten Herrscher des Römischen Reiches.

Unser Wort "Kandidat" entstand aus dem lateinischen (Farb-)Adjektiv "candidus". "Candidus" bedeutet "weiß" – und ein Kandidat war ursprünglich eine Person mit einer "weißen Weste", also jemand, der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen.

Die Liste mit deutschen Wörtern, die einen lateinischen Ursprung haben, lässt sich noch lange fortsetzen.

Grund 2 – Die lateinische Aussprache ist für deutsch sprechende Menschen einfach

Wenn man die englische Sprache lernt, merkt man: die Ausspracheregeln sind hier anders als im Deutschen. Bei anderen Sprachen ist es genauso. Das Problem hat man mit der lateinischen Sprache nicht. Hier spricht man fast alles so, wie man es lesen würde, wenn man ein deutsches Wort vor sich hat.

Beim Buchstaben C gibt es unterschiedliche Meinungen. In der Schule haben wir ihn immer wie ein K gelesen – es gibt aber auch Leute, die ihn wie ein Z lesen. Beide Aussprachen sind gestattet.
Bei der Buchstabenfolge "eu" sollte man ebenfalls aufpassen. Sie wird bei lateinischen Wörtern nicht so gelesen wie bei uns, sondern das E und das U werden getrennt gelesen. Beispiel: "idoneus". Das ist ein Adjektiv und heißt "geeignet". Gelesen wird es "idone – us".

Grund 3 – Wer in der Schule Latein lernt und das "Latinum" erwirbt, muss das nicht mehr während des Studiums nachholen

Das "Latinum" bekommt man, wenn man in der Schule eine bestimmte Zeit Latein gelernt hat und dieses Fach mindestens mit der Note Vier abgeschlossen hat. In Baden-Württemberg bekommt man das "Latinum" nach der 10. Klasse, also nach fünf Jahren Lateinunterricht. Wer im zweiten Halbjahreszeugnis der Klasse 10 mindestens die Note Vier im Fach Latein vorweisen kann, bekommt das "Latinum" automatisch. Das wird im Zeugnis vermerkt, und im Abiturzeugnis steht es ebenfalls drin. Eine spezielle "Abschlussprüfung für das Latinum" muss man also nicht absolvieren.

Es gibt Studiengänge, für die man kein "Latinum" benötigt. In Baden-Württemberg sind das beispielsweise Betriebswirtschaftslehre und Mathematik. Bei anderen Studiengängen muss man irgendwann – spätestens zu Beginn des Hauptstudiums – das "Latinum" vorweisen. Beispielsweise, wenn man "Geschichte fürs Lehramt an Gymnasien" in Stuttgart studiert. Hier gibt es den Fachbereich "Alte Geschichte", den man absolvieren muss. Absolvieren darf man ihn allerdings nur, wenn man das "Latinum" vorweisen kann.

Den Studenten wird dazu ein kostenloser Kurs angeboten, der neben dem Studium läuft, ein Jahr dauert und von Lateinlehrern gehalten wird. Man vermittelt dort den Studenten die gesamte lateinische Grammatik. Außerdem lernen sie, wie man lateinische Sätze übersetzt.

Allerdings reicht der Besuch des Kurses alleine nicht aus, um diese Sprache zu "bewältigen" – zu Hause muss außerdem viel gearbeitet werden. Vokabeln sollten gepaukt, Grammatik wiederholt und vertieft werden sowie viele lateinische Texte übersetzt werden, um Übung darin zu bekommen.

Man rast hier durch den Lateinstoff, für den Schüler auf dem Gymnasium einige Jahre Zeit haben!

Kurz vor Schluss des Lateinkurses erhalten die Studenten eine Einladung des Kultusministeriums zu einer schriftlichen und mündlichen Lateinprüfung. Beide Prüfungen finden an unterschiedlichen Tagen statt. Die schriftliche Lateinprüfung besteht aus einer Übersetzung. Meistens handelt es sich hier um einen Text des römischen Redners Cicero.

Man darf in dieser Prüfung nicht mehr als 10 Prozent Fehler machen! Diese Prozentzahl wird an der Gesamtwortzahl bemessen. Bei einem Text von 100 Wörtern sollte man also nicht mehr als 10 Fehler haben. Das klingt harmlos – aber zehn Fehler bei einer Lateinübersetzung macht man schnell, auch wenn man ein lateinisches Wörterbuch seiner Wahl (beispielsweise STOWASSER oder PONS) verwenden darf.

Einige Wochen nach dieser schriftlichen Prüfung folgt eine mündliche Prüfung – ebenfalls durchgeführt von Experten des Kultusministeriums. Wer bei der schriftlichen Prüfung durchgefallen ist, kann noch das "Latinum" bekommen, wenn die mündliche Lateinprüfung mit einer guten Note bestanden wird.

Amphittheater in Myra (heutige Türkei - zu Zeiten des Römischen Reiches gehörte dieses Gebiet zur römischen Provinz Kleinasien)

Grund 4 – Wer Latein lernt, kennt sich irgendwann gut mit deutscher Grammatik aus.

Für einen "Lateiner" sind grammatische Begriffe, wie "Plusquamperfekt", "Konjunktiv" und "Imperativ" kein Problem. Irgendwann kann man sie im Schlaf und jedem die Grammatik erklären. Nicht nur die deutsche, sondern auch die Grammatik anderer Sprachen, mit der man sich eingehend befasst hat.

Viele Wörter, die wir in der Grammatik verwenden, kommen aus der lateinischen Sprache. Das Wort "Verb" ist eines davon. "Verben" sind Wörter, die eine Tätigkeit bezeichnen, zum Beispiel "essen, schlafen, gehen". In der Grundschule sagen viele Schüler "Tunwörter" dazu.
Das Wort "Präposition" ist ein weiteres, wichtiges Wort in der Grammatik. Präpositionen sind Wörter, die vor anderen Wörtern stehen ("praeponere" – vor (etwas) setzen). Deutsche Präpositionen sind beispielsweise die Wörter "auf, in, bei, nach, wegen". Sie stehen beispielsweise vor Substantiven (Hauptwörtern). Also: auf dem Tisch, in der Küche, nach der Uhrzeit, wegen des Urlaubs.

 

Grund 5 – Wer Latein gelernt hat, kann sich viele Wörter aus anderen romanischen Sprachen leichter einprägen

Leute, die Lateinkenntnisse haben, werden bald feststellen, dass viele Wörter in einigen anderen Sprachen dem Lateinischen sehr ähnlich sind. So ist "amare" das lateinische Wort für "lieben". Das französische Wort für "lieben" ist "aimer", im Spanischen heißt es "amar", im Italienischen heißt es "amare".

Das lateinische Wort für "das Leben" ist "vita". Im Französischen heißt "das Leben" "la vie", im Italienischen "la vita", im Spanischen "la vida".

In der deutschen Sprache gibt es die Wörter "vital" und "Vitalität". Sie haben sich aus dem lateinischen Wort "vita" entwickelt. Das Wort "vita" kommt außerdem immer wieder als Synonym (gleichbedeutendes Wort) von "Lebenslauf" zum Einsatz.

"Der Bruder/ein Bruder" heißt im Lateinischen "frater". Im Französischen heißt "der Bruder" "le frère", im Italienischen "il fratello".

Diese Liste kann man noch lange fortsetzen.

Laodizea (heutige Türkei - zu ...

Laodizea (heutige Türkei - zu Zeiten des Römischen Reiches gehörte dieser Ort zur römischen Provinz Kleinasien)

Was erwartet eine Schülerin/einen Schüler, wenn sie/er Latein lernt?

Latein und Französisch sind keine leicht zu erlernenden Sprachen. Die zweite Fremdsprache ist ein Hauptfach, mit dem man sich als Schüler fünf Jahre lang befassen muss (in Baden-Württemberg von der sechsten bis zur zehnten Klasse). Im Lateinunterricht befasst man sich von Klasse 6 bis Klasse 9 mit der Grammatik, übersetzt Texte, die den Grammatikstoff vertiefen sollen, und lernt gleichzeitig neue Vokabeln. In Klasse 10 übersetzt man Texte von bekannten lateinischen Schriftstellern und Rednern – beispielsweise Cäsar, Cicero, Plinius, Vergil.

Nach der zehnten Klasse kann man die zweite Fremdsprache abwählen. Es ist aber auch möglich, sie bis zum Abitur als Schulfach zu behalten.

Der Besuch der Schulstunden reicht für die zweite Fremdsprache nicht aus, um den Lernstoff zu bewältigen. Es ist unbedingt notwendig, Zeit zu Hause zu investieren, um Vokabeln und Grammatik zu pauken.

Im Lateinunterricht werden von Anfang an lateinische Texte in die deutsche Sprache übersetzt. In den ersten Lektionen sind die Sätze kurz. Sie werden aber, je länger man Latein lernt, länger und komplizierter.

Wer Latein lernt, lernt nicht nur eine andere Sprache. Gleichzeitig lernt man eine andere Kultur kennen. Die Römer verehrten viele Götter, sie gingen in Tempel, um dort Lebensmittel zu opfern. Reiche Römer ließen ihre Kinder von Sklaven unterrichten. Und so weiter.

Themen der Lateintexte sind anfangs die römische Familie, aber schnell übersetzt man Texte, in denen es um Krieg, Politik und menschliche Eigenschaften geht. Menschliche Eigenschaften, die den Römern wichtig waren, sind beispielsweise Tapferkeit, Ehrlichkeit und Treue.

Viele Lateinvokabeln lassen sich nur schwer einprägen. Beispielsweise "adulescentulus" (der Jüngling) und einige unregelmäßige Verben. Wer Lateinverben lernt, sollte sich nicht nur den Infinitiv (die Grundform) einprägen, sondern auch andere Verbformen. Ein Beispiel: "frangere" – das heißt "brechen, zerbrechen". Als Lateiner prägt man sich das Verb am besten so ein: "frangere, frango, fregi, fractus". Übersetzt heißt das: "brechen, ich breche, ich habe gebrochen, gebrochen". Es ist wichtig, diese Verbformen zu lernen, damit man es in einem lateinischen Satz schnell übersetzen kann.

Es ist möglich, Latein zu meistern. Man muss viel Eigeninitiative mitbringen und bereit sein, ständig Vokabeln und Grammatik zu wiederholen, auch wenn das vom Lehrer nicht ausdrücklich als Hausaufgabe aufgegeben wurde. Texte, die man in der Schule übersetzt hat, sollten noch am selben Tag zu Hause erneut mündlich übersetzt werden. So wird das Übersetzen von lateinischen Texten geübt. Das ist wichtig, weil in vielen Lateinklausuren das Übersetzen von Texten einen hohen Stellenwert einnimmt.

 

Gedanken zum Schluss

Bei der Wahl der zweiten Fremdsprache sollten die Eltern auf ihr Kind hören. Will das Kind überhaupt Latein lernen? Oder tendiert es zu Französisch? Ein Kind, das lieber Französisch lernen würde und von den Eltern gedrängt wurde, Latein zu wählen, wird voraussichtlich mit Latein nicht glücklich werden.

Liebe Schülerinnen, liebe Schüler, ich wünsche, dass ihr die zweite Fremdsprache wählt, die zu euch und eurer Zukunft passt und die ihr lernen wollt.

Liebe Eltern, ich wünsche Ihnen viel Weisheit dabei, Ihr Kind bei dieser Entscheidung zu unterstützen.

Autor seit 10 Monaten
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