Die Wurzeln der Familien Ackermann und Furtwängler
Dekoramik in Klingenberg, die ...

Dekoramik in Klingenberg, die früheren Albertwerke (Bild: Ruth Weitz)

Rotwein, Ton und Steinfliesen aus Klingenberg am Main

Den Standort Klingenberg hatte der Firmengründer und gebürtige Amorbacher Heinrich Albert für seine Keramik-Fabrik nicht nur gewählt, um den Menschen in seiner Heimat Arbeit zu geben. Ihm schwebte vor, das Tonvorkommen in Klingenberg und Mechenhard für die Produktion zu nutzen. Doch die Beschaffenheit des dort gewonnen Grundmaterials war trotz seiner Hochwertigkeit nicht für die Fliesenherstellung geeignet. So musste der Ton aus dem Westerwald geholt werden. Mittlerweile wurde das Klingenberger Tonwerk, einst Garant für den Reichtum der Stadt, geschlossen.

Die Familien Albert, Daelen, und Ackermann

Nach dem Tod von Ernst Albert, dem Sohn des Firmengründers, hatte die Witwe das Unternehmen geführt. Danach wurde Kommerzienrat Spängler die Leitung übertragen, bis 1923 Vital Daelen - Sohn der Ernst-Albert-Witwe aus ihrer ersten Ehe mit Felix Daelen – die Fäden in die Hand nahm. Nach und nach stiegen sein Sohn Reiner und die Kindern seiner Stiefschwester Elisabeth aus der Ehe mit Dr. Hans Ackermann in den Betrieb ein: Peter, Christoph und Thomas Ackermann. Die Im Laufe der Jahre wechselten die Namen von ursprünglich "Thonindustrie Aktien Gesellschaft Klingenberg" über "Tonindustrie Klingenberg - Albertwerke", "Albertwerke Klingenberg" bis zu "Klingenberg Dekoramik".

Aus den Albertwerken wurde die Klingenberger Dekoramik GmbH

1980 hatte das Unternehmen 15 verschiedene Anteilseigner, bestehend aus den Familien Albert, Ackermann und Daelen. Das blockierte die Entwicklung, weil keiner allein entscheiden konnte. 1981 wurde mit dem Verkauf an die Firma Pegulan der Familienbesitz beendet. Aus den ehemaligen Albertwerken schlüpfte die Firma Klingenberger Dekoramik GmbH. 1983 schied Dr. Christoph Ackermann aus der Geschäftsleitung aus, ihm folgte 1986 Thomas Ackermann. Im selben Jahr übernahm der schwedische Konzern Tarkett die Firma. Heute ist die italienische Richetti Aktiengesellschaft Inhaber des Werks, die wiederum den Tarkett-Konzern schluckte. Mittlerweile hat Richetti mit Cisa-Cerdisa fusioniert. Beide Unternehmen verschmolzen zur Gruppe Ceramiche Richetti.

Anfang 1900 produzierte das Keramik-Werk in Trennfurt mit 110 Mitarbeitern 72.000 Quadratmeter Steinfliesen. Viel musste damals in Handarbeit gefertigt werden. Heute werden bei Dekoramik Klingenberg mit insgesamt 130 Mitarbeitern 1,5 Millionen Quadratmeter Steinzeugfliesen produziert. 70 Prozent werden im Inland vermarktet, 30 Prozent wandern in den Export.

In Leidenschaft für die Chemie entbrannt

Wer das Fabrikgebäude im Stadtteil Trennfurt anschaut, ahnt wenig von der wechselvollen Geschichte und den menschlichen Tragödien, die sich Zeit seines Bestehens mit ihm verbinden. Heute gehört es zu den markanten Zeitzeugen der "Route der Industriekultur Rhein-Main".

Schon der Werdegang des 1835 in Amorbach geborenen Firmengründers ist spannend wie ein historischer Roman. Als 13.tes von insgesamt 15 Kindern des Amorbacher Revierförsters Konrad Albert begann Heinrich im Alter von 15 Jahren eine Lehre beim örtlichen Apotheker Schwarzmann. Dort erwachte seine Leidenschaft für die Chemie. Sein Lehrherr förderte ihn und ließ den jungen Forscher im Labor der Hofapotheke experimentieren.

Eine Familiengeschichte fast so spannend wie ein Tatort-Krimi

In seinen Wanderjahren verdingte sich Heinrich Albert zuweilen als Fabrikarbeiter. 1855 begann er sein Chemie-Studium in München und schloss es als Examensbester ab. Sein Examinator war kein Geringerer als Justus von Liebig. Mit zwei Brüdern und Schwager Edmund von Horstig aus Miltenberg pachtete Heinrich Albert die Lohmühle nahe Wiesbaden-Biebrich und produzierte Dünger aus stickstoffhaltigen Abfallprodukten. Es war die Geburt des weltberühmten Thomasmehls. "Der Dünger stank bestialisch, war von schwarzer Farbe und vorzüglicher Wirkung" war in einer Begutachtung nachzulesen. Heinrich Alberts Verfahren brachte ihm neben dem Ruhm auch großen wirtschaftlichen Erfolg. Unter anderem war der Chemiker später an der Buntpapierfabrik Aschaffenburg, der Zellstofffabrik Stockstadt und an Fabriken in Walsum und Memel beteiligt. Er war Besitzer der Chemischen Werke Albert Wiesbaden (später Hoechst). Verheiratet war er mit Antonie Anthes aus Langenschwalbach, mit der er fünf Kinder hatte.

Mit einem Kapitalstock von 1,3 Millionen gründete Heinrich Albert 1899 die Albertwerke in Trennfurt. Er wollte den Menschen in seiner Heimat Arbeit geben. Doch der Großteil der meist bäuerlichen Bevölkerung sah es als wenig erstrebenswert an, in einer Fabrik zu arbeiten. So mussten Arbeitskräfte von außerhalb geholt werden. Für die Arbeiterinnen wurde später ein Wohnheim gebaut. Anfang 1900 wurden die ersten Fliesen in einem Ringofen gebrannt. Heinrich Albert starb im Jahr 1908. Schon drei Jahre zuvor hatte er seinem zweitältesten Sohn Ernst das Erbe übergeben. Dessen älterer Bruder und eigentlicher Erbe war im Jahr 1905 mit seinem Mercedes-Rennwagen tödlich verunglückt. Auch der drittälteste Sohn, Dr. Kurt Albert, war Chemiker. Er gründete und leitete die Dr. Kurt Albert GmbH, Chemische Fabriken in Biebrich. Weiterhin fungierte er als Vorsitzender des Aufsichtsrats der chemischen Werke Albert.

Ernst Albert heiratete Katharina van Endert, die in erster Ehe mit Felix Daelen – einem engen Freund Ernst Alberts - verheiratet war. Ihr wurde nachgesagt, kein Kind von Traurigkeit zu sein. Böse Zungen behaupteten, Ernst Albert habe sich aus Liebeskummer im Jahr 1911 von einem Felsen in den Dolomiten gestürzt. Insgesamt war die resolute Dame viermal verheiratet, engagierte sich politisch und machte Karriere im Reichstag. Sie zog viel Geld aus der Firma. Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass sie im Verlauf der 20er-Jahre rund 1 Million Goldmark (nach heutiger Rechnung 10 Millionen Euro) ausgab.

Vital Daelen, Sohn der Albert-Witwe aus ihrer ersten Ehe mit Felix Daelen, führte die Albertwerke ab 1923 mit großem wirtschaftlichen Erfolg. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam er nach einer Zwangspause wegen NSDAP-Mitgliedschaft wieder in das Unternehmen zurück und leitete es gemeinsam mit Karl Heinz Jacobs.

Elisabeth Ackermann heiratete Wilhelm Furtwängler

Aus Ernst Alberts Ehe mit Katharina van Endert gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. Die Tochter Elisabeth, 1910 geboren, lebte in der Schweiz und starb am 5. März 2013. Sie war in erster Ehe mit Dr. Hans Ackermann verheiratet. Ihre zweite Ehe schloss sie mit dem berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Einzige Tochter von insgesamt fünf Kindern ist die Schauspielerin Katharina (Kathrin) Ackermann. Auch sie heiratete in die Furtwängler-Familie ein, nämlich den Neffen Wilhelm Furtwänglers, Bernhard Furtwängler. Die aus dieser Ehe hervorgegangene Tochter ist keine andere als Maria Furtwängler. Hier schließt sich der Kreis zu den ehemaligen Albertwerken und zur Rotweinstadt Klingenberg am Main.

Verkauf der Albertwerke an einen Großkonzern

Peter Ackermann – der älteste der Ackermann-Brüder - und Reiner Daelen, Sohn von Vital Daelen - übernahmen die Albertwerke Ende der 50er Jahre, nachdem Vital Daelen und Karl Heinz Jacobs aus der Geschäftsführung ausgeschieden waren. Reiner Daelen wechselte 1974 als Geschäftsführer zu den Glyco-Metallwerken. An seine Stelle trat Thomas Ackermann, Peter Ackermanns Bruder. 1978 wurde die Beratungsfirma Albertwerke Klingenberg, keramische Beratungsgesellschaft mbH, unter der Leitung von Dr. Christoph Ackermann - der dritte Ackermann-Bruder - und Albert Ruthsatz gegründet. Verkauft wurde der Familienbetrieb 1981 an einen Großkonzern.

Krimifreundin, am 23.10.2013
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