Die Handschrift

Laut Duden handelt es sich, bei der Handschrift um ...

  • ... die einem Menschen eigene, für ihn charakteristische Schrift, die er, mit der Hand schreibend, hervorbringt.
  • ... ein charakteristisches Gepräge, das jemand seinen [künstlerischen] Hervorbringungen, seinen Taten aufgrund seiner persönlichen Eigenart verleiht
    Beispiele:
    • das Werk trägt die Handschrift des Künstlers
    • die Einbrüche trugen alle ein und dieselbe Handschrift

Unsere Handschrift ist aber gleichzeitig eine wundersame 'Kraftquelle' für unser Gehirn - sofern wir in Schreibschrift schreiben und nicht in Druckbuchstaben. Dies gilt übrigens für Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

Meine Gründe für diesen Artikel

Da ich als freie Autorin auch Nachhilfe für die Klassen 1-13 gebe, liegt mir das Thema 'Schulbildung' am Herzen. Umso erschreckender finde ich die folgenden Informationen, die mich förmlich dazu "aufriefen", diesen Artikel zu schreiben - und einen eigenen YouTube-Kanal ins Leben zu rufen (der bereits existiert, aber noch im Aufbau ist):

  • 40 Kinder von 132 Erstklässlern schaffen die 1. Klasse wohl nicht >> Sendung Markus Lanz: Das sind 30 % der Erstklässler, die nicht versetzt werden und die Klasse wiederholen? Oder werden sie dennoch versetzt? https://www.youtube.com/shorts/dxxQvKt4VyM
  • Kinderbücher von Erich Kästner werden nicht mehr von Grundschülern verstanden (wohl auch von den deutschen Kindern nicht), sodass diese Bücher inzwischen auch in vereinfachter Sprache gedruckt werden: Es ist erschreckend, was diese Lehrerin berichtet: https://www.youtube.com/shorts/RH79GjbUkCA
  • Grundschüler werden trotz mangelden Wissens weiterführende Schulen versetzt. Eine Lehrerin berichtet, dass diese Kinder weder lesen noch rechnen können: https://www.youtube.com/shorts/wM8UNBSRmFw

In unserer Handschrift liegt viel mehr als nur Kraft oder Schönheit

Die Kraft der Handschrift oder warum das Schreiben mit der Hand – und besonders in Schreibschrift – für Kinder und Erwachsene gleichermaßen unverzichtbar ist. Mit Kraft ist hier das Bild der Handschrift gemeint. Manche Menschen schreiben sehr schwungvoll mit kräftigen Strichen, andere Handschriften sehen 'schüchtern' aus, weil die Schrift vielleicht sehr dünn oder zittrig wirkt. Das kann am Stift liegen oder ebenso an der Kraft, der Energie des schreibenden Menschen.

In einer Welt, in der Tablets, Smartphones und Tastaturen immer früher Einzug in den Alltag von Kindern halten, scheint das Schreiben mit der Hand an Bedeutung zu verlieren. Viele Schulen lehren zunächst Druckbuchstaben, manche Lehrer reduzieren das Lehren der Schreibschrift sogar auf ein Minimum oder geben auf - mit der Begründung, dass die Kinder angeblich Schwierigkeiten haben, die Buchstaben korrekt zu verbinden. Diese Verbindungen zu lehren und mit den Kindern zu üben, ist die Aufgabe der Grundschullehrer, die sich aber aufgrund der kulturellen Vielfalt in den Klassen, völlig überfordert fühlen. Doch es ist ihr Job, die Übungen regelmäßig mit allen Kindern mache. Auf diese Weise können die ersten Schwungübungen doch von allen Kindern gleichzeitig gelernt werden. Dafür benötigt man nicht einmal Sprachkenntnisse. Gleichzeitig erwerben doch alle Kinder eben jene (bisher fehlende) Sprachkenntnisse doch genau mit diesen Übungen - oder nicht?

Doch dieser Trend zu Druckbuchstaben wirft eine weitere entscheidende Frage auf: Was verlieren unsere Kinder, wenn sie nicht mehr von Anfang an richtig schreiben lernen?

Zahlreiche Erkenntnisse aus Pädagogik, Neurowissenschaft und Entwicklungspsychologie zeigen: Unsere Handschrift ist weit mehr als ein Mittel zur Kommunikation. Sie ist ein hochkomplexer Prozess, der Gehirn, Motorik, Wahrnehmung und Denken miteinander verknüpft. Besonders die Schreibschrift spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen, Lernen und Verstehen. Warum? Gerade wegen der Verbindungen der einzelnen Buchstaben, denn durch sie entsteht ein Bild im Kopf/Gehirn. Das Wort wird ein gelerntes Bild, welches durch regelmäßiges Üben immer schneller wiedererkannt wird.

Dieser Artikel beleuchtet, warum das Schreiben mit der Hand so wichtig ist, welche besonderen Vorteile die Schreibschrift bietet und weshalb Kinder am besten lernen, wenn sie direkt mit einer verbundenen Schrift beginnen.

Das Gedächtnis unserer Hände

Es klingt seltsam, ist aber wahr: Unsere Hände und insbesondere alle 10 Finger haben ein Gedächtnis! Jedes Kind und jeder Erwachsene, der jemals ein Instrument gelernt hat - wenn vielleicht auch nur über einen kurzen Zeitraum -, weiß um das Gedächtnis der Finger. Dabei ist es egal, ob es die Geige, Querflöte, Klavier, Gitarre oder sonst ein Instrument war, welches erlernt wurde. Wer sich nach einigen Jahren der 'Abstinenz' erneut an sein Instrument wagt, wird in der Regel nach 20 bis 30 Minuten des Übens darüber erstaunen, wie gut sich seine Finger an die richtigen Griffe erinnern.

Die Augen versuchen auf dem Notenblatt die Noten richtig zu lesen und sich der Vorzeichen und Hilfslinien zu erinnern. Diese alten Kenntnisse aufzufrischen und sich auf den vorherigen Level zu bringen, scheint unmöglich. Doch bereits nach vielleicht 30-60 Minuten, übernehmen die Finger das 'Kommando' und greifen den richtigen Ton, bevor das Auge den Ton benennen kann. Seltsam? Nein, da unsere Hände mit unserem Gehirn eng verbunden sind.

Dieses Phänomen kennen auch alle Menschen, die blind mit 10 Fingern auf der Tastatur (oder auch einer alten Schreibmaschine) schreiben. Nach einigen Wochen Urlaub oder anderen Gründen, aus denen man die Tastatur nicht benötigte, ist das Tippen zunächst ein wenig langsamer, weil man vielleicht nicht mehr weiß, welche Tastenkombination das Paragraphenzeichen herstellt oder wo das @ seinen Platz auf der Tastatur hat. Doch nach kurzer Zeit gelingt das Tippen wieder in der gewohnten Geschwindigkeit.

Unser Gehirn ist durch seine Synapsen mit unseren Händen stets in engem Kontakt. Je eher die Synapsenbildung in unserem Leben gefördert wird, umso schneller und besser lernen und begreifen wir - und das unser ganzes Leben lang!

Unsere Handschrift ist ein Zusammenspiel von Körper, Auge und Gehirn

Schreiben mit der Hand ist eine der komplexesten Fähigkeiten, die wir Menschen haben und die Kinder im Grundschulalter erlernen sollten. Anders als beim Tippen von Buchstaben müssen dabei viele Prozesse gleichzeitig koordiniert und erlernt werden:

  • die visuelle Wahrnehmung (Formen, Linien, Abstände)

  • die Feinmotorik der Finger und Hand

  • die Koordination von Auge, Arm und Hand bzw. Fingern

  • die Planung von Bewegungsabläufen um in die fließende Bewegung zu kommen - und um die Buchstaben richtig zu verbinden

  • die sprachliche und semantische Verarbeitung im Gehirn

  • die Gedächtnisleistung, um das Gelernte wiederholen zu können

Jeder in Schreibschrift selbst geschriebene Buchstabe ist das Ergebnis eines fein abgestimmten Zusammenspiels von Motorik und Kognition. Dabei werden im Gehirn zahlreiche Areale gleichzeitig aktiviert – z.B. motorische Zentren, Sprachareale, visuelle Regionen und das Arbeitsgedächtnis (also das des Gehirns).

Beim Tippen hingegen ist der Bewegungsablauf immer gleich: Ein Knopfdruck bleibt ein Knopfdruck. Die geistige Tiefe dieses Prozesses ist logischerweise deutlich geringer als bei der Schreibschrift. Das Schreiben in Druckbuchstaben ähnelt eher dem Tippen, da hier die Linienführung von Buchstabe zu Buchstabe fehlt. In der Folge können diese Kinder als Erwachsene keine eigene Unterschrift entwickeln. Ein Beispiel: Ein Schreiben meiner Krankenkasse wurde im Computer verfasst, ausgedruckt und per Hand in Druckbuchstaben 'unterschrieben'. Das ist keine Unterschrift - und wäre damit überflüssig.

Unsere Feinmotorik: Warum die Schreibschrift der Hand guttut

In TV-Sendungen wie zum Beispiel der Talkshow von Markus Lanz wird häufig über die katastrophale Schulbildung unserer Kinder diskutiert. Selbst Erstklässler erreichen demnach das Klassenziel nicht!! Hinzu kommt die Hilflosigkeit der Lehrerinnen, welche verzweifeln, weil den Kindern Begriffe wie ein Bach, eine Hecke u.ä. unbekannt sind. Sie wissen schlicht nicht, was das ist - und dabei handelt es sich um deutsche Kinder! Doch um solche Dinge kennenzulernen und sie zu behalten, sind eben die Schreibübungen eine Hilfe, die aber nicht genutzt wird. Dem Lehrpersonal ist es zu aufwändig jedem Schüler mal über die Schulter zu schauen und ggf. Stifthaltung und Schrift zu korrigieren, sodass die Hand nicht verkrampft. Dabei sind die Klassen nicht so voll wie bei den sogenannten Baby-Boomern.

Die Feinmotorik ist eine grundlegende Voraussetzung für viele Alltags- und Lernfähigkeiten. So eben auch fürs Schreiben. Das Schreiben in Schreibschrift erfordert:

  • kontrollierten Druck

  • gleichmäßige Linienführung

  • präzise Fingerbewegungen

  • rhythmische Bewegungsabläufe

Die Aufgabe der Lehrer sollte es doch sein, genau dies zu zeigen, zu üben und zu kontrollieren.

Im Gegensatz dazu sind Druckbuchstaben oft abgehackt, weil sie in Strichen 'geschrieben' werden. Die Bewegung ist unterbrochen und motorisch weniger anspruchsvoll. Jeder Buchstabe beginnt neu, was den Schreibfluss hemmt und die Bewegungen weniger harmonisch macht.

Kinder, die Schreibschrift lernen, entwickeln dagegen häufig:

  • eine bessere Stifthaltung und damit auch eine bessere Körperhaltung beim Schreiben

  • mehr Ausdauer beim Schreiben

  • flüssigere Bewegungen

  • ein besseres Gefühl für Formen und Proportionen

Diese feinmotorischen Fähigkeiten wirken sich natürlich auch positiv auf andere Bereiche aus – etwa beim Zeichnen, Basteln oder Musizieren und sie sind hilfreich für alle späteren komplexen Aufgaben.

Schreibschrift als Gehirntraining: Synapsen in Aktion

Besonders spannend ist, was im Gehirn passiert, wenn Kinder (und im Folgenden auch Erwachsene) in Schreibschrift schreiben. Denn durch die fließenden, verbindenen Bewegungen werden ganze Bewegungssequenzen geplant und ausgeführt. Das Gehirn denkt nicht in einzelnen Buchstaben, sondern in zusammenhängenden Mustern, den Wörtern.

Diese kontinuierlichen Bewegungen:

  • fördern die Bildung neuer neuronaler Verbindungen (Synapsen)

  • stärken bestehende Netzwerke im Gehirn

  • verbessern die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften

  • unterstützen das sogenannte "procedurale Gedächtnis" (automatisierte Abläufe)

Je häufiger ein Kind diese komplexen Bewegungen ausführt, desto stabiler und effizienter werden die neuronalen Netzwerke. Die Tätigkeit des Schreibens wird automatisiert – und genau das ist entscheidend, um geistige Ressourcen für Inhalte, Ideen und Kreativität freizumachen. Deshalb können Kinder in späteren Klassen dann eigenständig - und innerhalb einer vorgegebenen Zeit - Aufsätze schreiben.

Warum Kinder mit der Schreibschrift beginnen sollten

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, Druckbuchstaben seien einfacher und daher besser für den Einstieg geeignet. Tatsächlich zeigt die Praxis in der Regel das Gegenteil.

1. Weniger Umlernen, weniger Verwirrung

Kinder, die zuerst Druckbuchstaben lernen und später Schreibschrift, müssen zwei Schriftsysteme beherrschen. Das bedeutet:

  • neue Buchstabenformen

  • neue Bewegungsabläufe

  • erneute Automatisierung

Beginnen Kinder hingegen direkt mit einer verbundenen Schrift, lernen sie ein fest zusammenhängendes System, das sie von Anfang an nutzen und weiterentwickeln können.

2. Natürlicher Bewegungsfluss

Die menschliche Hand ist für fließende Bewegungen gemacht. Die Schreibschrift folgt dieser natürlichen Dynamik, während Druckbuchstaben häufig für die Hand unnatürliche Stopps und Richtungswechsel erzwingen.

Gerade für Kinder ist es leichter, einen Schwung fortzusetzen, als ständig neu anzusetzen.

3. Frühere Automatisierung

Durch den gleichmäßigen Bewegungsablauf wird Schreibschrift schneller automatisiert. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis und ermöglicht es den Kindern, sich früher auf Rechtschreibung, Inhalt und Ausdruck zu konzentrieren.

 

Die Schreibschrift und das Lesenlernen: Zwei Seiten derselben Medaille

Ein besonders wichtiger, oft unterschätzter Aspekt ist der Zusammenhang zwischen Schreiben und Lesenlernen. Kinder, die Schreibschrift schreiben, lernen häufig schneller und sicherer lesen.

Warum? Ganz einfach: Die Buchstaben werden im wahrsten Sinne "begriffen".

Beim Schreiben in Schreibschrift wird jeder Buchstabe nicht nur gesehen, sondern motorisch erlebt. Das Gehirn speichert - ähnlich wie beim Malen - die Buchstaben als Bewegungsmuster ab. Diese motorischen Gedächtnisspuren im Gehirn helfen den Augen beim Wiedererkennen der Buchstaben, was zum Lesen führt.

Das Lesen gelingt den Kindern deshalb auf natürliche Weise. Sie erlernen es in der Regel schneller, lesen flüssiger und finden es weniger anstrengend als das Lesen der Druckbuchstaben.

Der Grund dafür liegt darin, dass im Kopf von Beginn an Wortbilder statt Einzelbuchstaben gespeichert werden. Da die Schreibschrift Buchstaben verbindet, nehmen Kinder Wörter schneller als Ganzheiten wahr. Das unterstützt die Entwicklung des Leseflusses und fördert das sinnerfassende Lesen. Kinder, die diesen Status erreicht haben, werden neugierig und gern Geschichten und später Bücher lesen.

Im Gegensatz dazu begünstigen Druckbuchstaben eher ein buchstabierendes Lesen, bei dem Wörter mühsam zusammengesetzt werden, was anstrengend ist und die Lust aufs Lesen unterbindet.

 

Betty, vor 2 Tagen
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Bildquelle:
Rainer Sturm/pixelio.de (5 Schritte zum schnellen Lernen)
Kathryn Joosten (Steh' nicht an meinem Grab und weine - in Erinnerung an Kathryn Joo...)
Eines der ersten Titelbilder von Carbone (Kinderbuchautoren Teil 1: Barbara Sleigh - zauberhafte Geschichten ...)

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