Warum Weihnachtsartikel schon im Spätsommer?

Pünktlich ab Kalenderwoche 35 tauchen sie in den Geschäften auf: Lebkuchen, Spekulatius und Dominosteine. Der Einzelhandel eröffnet die Vorweihnachtszeit.

Das entscheidet er ganz alleine, denn Fristen und Vorgaben gibt es nicht.

Mancher Discounter beginnt sogar schon eine Woche früher, um sein Weihnachtsgebäck möglichst konkurrenzlos an den Kunden bringen zu können.

Macht das Sinn?

Durchaus, argumentieren die Verantwortlichen. Denn der Kunde kauft.

Für Lebkuchen zum Beispiel soll der September sogar der umsatzstärkste Monat im ganzen Jahr sein.

Außerdem seien Stollen, Lebkuchen und Spekulatius ja keine ausschließlich weihnachtlichen Leckereien. Händler bezeichnen sie stattdessen als Herbstgebäck: Passt doch wunderbar zum nachmittäglichen Kaffee oder Tee, wenn im Herbst die Tage wieder kühler werden!

Und wer gut aufpasst, der wird feststellen, dass die Verpackungen des herbstlichen Traditionsgebäcks noch eher zurückhaltend, schlicht und dezent gehalten sind. Typische Weihnachtsmotive tauchen erst einige Zeit später auf, dann folgen auch die Schokoladenweihnachtsmänner – ab Mitte Oktober könne man mit ihnen rechnen.

Typisch Jahrmarkt: Lebkuchenherzen - zu jeder Jahreszeit beliebt

Lebkuchen und Spekulatius das ganze Jahr über?

Tatsächlich hat man Lebkuchen früher das ganze Jahr über gegessen, in vielen Klöstern ist das auch heute noch üblich. Erst ab dem Dreißigjährigen Krieg, als die Nahrungsmittelvorräte knapp wurden, gab es Lebkuchen nur noch zu besonderen feierlichen Anlässen wie etwa dem Weihnachtsfest.

In Ländern wie Belgien oder den Niederlanden steht auch Spekulatius das ganze Jahr über in den Regalen der Supermärkte.

Der Kunde kauft – warum schon im September?

Nicht jeder fühlt sich vom herbstlichen Weihnachtsgeschäft genervt. Einige Kunden freuen sich schon darauf, wenn es im September endlich wieder Lebkuchen, Stollen und Spekulatius zu kaufen gibt. Sie kaufen möglichst früh, solange die Ware noch frisch ist. Und überhaupt: Schließlich werden die Weihnachtsartikel ja nur eine begrenzte Zeit erhältlich sein. Da heißt es:Besser zuschlagen, solange es noch geht!

Eine clevere Strategie, meinen Marketingexperten: Dem Kunden die Begrenztheit der Ware vor Augen zu halten, das sei einer der ältesten Werbetricks, die es gibt.

Psychologen stimmen zu: Die Vorfreude sorgt für einen großen Teil der weihnachtlichen Stimmung. Und je länger die Vorfreude anhält, desto besser – und desto mehr kauft auch der Kunde!

Die Nachfrage bestimmt also das Angebot, behauptet der Handel. Verbraucherschützer melden jedoch Zweifel an: Das Angebot bestimme in vielen Fällen eher die Nachfrage. Ob Sommer, Herbst oder Winter: Gerade Kinder würden sich zum Beispiel leicht von weihnachtlichen Angeboten verlocken lassen, denn Dominosteine und süßes Gebäck schmecken schließlich immer. Und was man im Regal sieht, das möchte man auch haben.

Stollen: Wer ihn frisch mag, kauft gleich im September

Was sagt eigentlich die Kirche dazu?

Wenig überraschend: Die Vertreter der christlichen Kirchen sind nicht begeistert vom "Adventsbeginn im September". Sie kritisieren, dass christliche Feste wie das Weihnachtsfest immer stärker kommerzialisiert werden und weisen darauf hin, dass Gebäck wie etwa Spekulatius ursprünglich speziell für die Adventszeit gebacken wurde.

Das Wort Spekulatius geht vermutlich auf den lateinischen Begriff "spectator" zurück, "nach innen lauschen". Diesen Namen sollen die Römer früher dem Bischof Nikolaus von Myra gegeben haben, der Vorbild für die Legende des Heiligen Nikolaus war. Spekulatiuskekse werden deshalb nach christlicher Tradition am 6. Dezember, dem Namenstag des Heiligen, gebacken und verschenkt.

Überhaupt – so die Kirche – sei der Advent früher eine bescheidene und stille Zeit gewesen. Eine Zeit des Wartens und der Geduld, eine Zeit, in der auch das Fasten in der Vorweihnachtszeit noch Tradition hatte. Mit dem spätsommerlichen Vorweihnachtskonsum sind diese Traditionen nur schwer in Einklang zu bringen.

Könnte man Weihnachtsartikel im September nicht einfach verbieten?

Zwei Drittel aller Deutschen wünschen sich, dass weihnachtliche Artikel erst ab November in den Supermärkten angeboten werden. Einige Facebook-Gruppen rufen sogar zum Boykott der spätsommerlichen Weihnachtsleckereien auf.

Kann man den Einzelhändlern nicht einfach verbieten, schon im September Weihnachtsartikel in die Regale zu legen? - Nein, sagt der Verbraucherschutz. Anders als bei Feuerwerkskörpern, die nur wenige Tage im Jahr verkauft werden dürfen, geht von Stollen, Spekulatius und Co. schließlich keine gesundheitliche Gefahr für den Verbraucher aus.

Sie empfehlen: Der Kunde kann sich selbst schützen. Wie? - Einfach nichts kaufen!

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