Die tieferen Ursachen der Scham- und Peinlichkeitsgefühle

Wie er in seinem Hauptwerk "Über den Prozess der Zivilisation" dargelegt hat, sind für den Soziologen Norbert Elias Scham- und Peinlichkeitsgefühle letztlich das Resultat eines langwierigen Prozesses der Zivilisierung des menschlichen Verhaltens, der in der gesellschaftlichen Moderne seinen bisherigen Höhepunkt erreicht hat. Das heißt: Für Elias fordern die in der Moderne herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse von den Individuen, sich selbst zu steuern und die Affekte selbst zu kontrollieren, damit sie in der Lage sind, langfristig zu planen. Und diese eigenständige Affekt- und Triebregulierung findet – so Elias – ihr Pendant in einem Vorrücken von Scham- und Peinlichkeitsschwellen und damit in einer Vervielfachung der Verhaltensweisen, für die wir uns schämen oder die uns peinlich sind.

Für Elias ist also das Empfinden von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen das Ergebnis eines Zwangs zur Selbstkontrolle, der seinerseits auf einen bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsprozess zurückzuführen ist. Diese Überlegungen sind allerdings von anderen Autoren zurückgewiesen und durch die These von der Universalität der Scham ersetzt worden. Demzufolge ist das Empfinden von Scham und Peinlichkeit und damit die Angst vor einer Blamage in allen Epochen und überall verbreitet gewesen, gab und gibt es also Scham- und Peinlichkeitsgefühle in allen Kulturen.

Dabei bestehen jedoch erhebliche Unterschiede. Das heißt: Wofür man sich schämt, ist von Kultur zu Kultur verschieden. Man könnte auch sagen: Das Schämen ist eine menschliche, biologisch vererbte Universalie und damit eine anthropologische Konstante. Aber die Regeln, nach denen wir uns schämen, sind kulturspezifisch. Wir verinnerlichen folglich im Zuge unseres Sozialisationsprozesses die Regeln, für deren Übertretung wir uns nach Ansicht unserer sozialen Umgebung "schämen sollten".

Die Funktion von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen

Scham- und Peinlichkeitsgefühle haben in jeder Kultur eine grundlegende soziale Funktion. Das heißt: Aufgrund ihres unangenehmen Charakters treiben sie uns dazu an, die Normen einzuhalten, die in den Gruppierungen gelten, denen wir angehören, und sichern so deren Zusammenhalt wie auch unsere eigene soziale Integration. Scham erinnert uns mit anderen Worten daran, dass wir einander brauchen und aufeinander achten sollten. Ohne unsere Fähigkeit, Scham- und Peinlichkeitsgefühle zu empfinden und diese auch offen zu zeigen, um uns quasi für unseren Regelverstoß zu entschuldigen, wären wir keine sozialen Wesen. Das bedeutet auch, dass in der Regel mindestens zwei Menschen "im Spiel sind", wenn Scham entsteht, nämlich der, der gegen einen gesellschaftlichen Wert oder eine Norm verstößt, und der, der Zeuge dieses Vorfalls wird.

Scham und Selbstwertgefühl

Es besteht eine enge Verbindung zwischen Scham und unserem Selbstwertempfinden. Das heißt: Scham- und Peinlichkeitsgefühle zeigen uns – und unserer Umgebung – auch die Diskrepanz auf zwischen dem, was wir gerne wären, und dem, was wir in Wirklichkeit sind. Im besten Fall wird dadurch ein Lernprozess ausgelöst, durch den die Lücke zwischen idealem und realem Selbst allmählich geschlossen wird, so dass unser Selbstwertgefühl steigt und wir auch "in den Augen der anderen" besser dastehen. Letztlich können wir uns so von lähmenden und schmerzhaften Schamgefühlen befreien.

Das Gefühl, den eigenen und fremden Erwartungen nicht gerecht werden zu können, kann aber auch übermächtig werden, so dass wir uns als wertlos, als völlige Versager fühlen und uns selbst die Schuld daran geben. Wir haben hier sozusagen "unser Gesicht verloren". Im Extremfall kann sich daraus eine soziale Phobie entwickeln, bei der der Kontakt mit anderen Menschen zur Qual wird.

Das zeigt uns, dass wir unsere Mitmenschen niemals so "beschämen" sollten, dass ihr Selbstwertgefühl Schaden nimmt. Eine Todsünde ist deshalb die absichtliche Bloßstellung einer Person in aller Öffentlichkeit, zu der in der heutigen Zeit auch die "Internetgemeinde" gehört. Ein Sonderfall besteht hier darin, dass sich jemand in einer Fernsehshow vor einem Millionenpublikum mit vollem Einverständnis demütigen lässt. Hier ist dem Betreffenden die "Publicity", das Gefühl, einmal "im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden zu haben", so wichtig, dass er dafür eine Herabwürdigung seiner Person in Kauf nimmt. Aber wie ergeht es uns, wenn wir Zeuge dieses Schauspiels werden?

Das Fremdschämen

Es ist mittlerweile erwiesen, dass diejenigen, die beobachten, wie sich jemand "bis auf die Knochen blamiert" und sich dabei überhaupt nicht zu schämen scheint, sich oft stellvertretend für den Blamierten schämen. Und zwar beruht das Fremdschämen darauf, dass wir uns in die Situation des Beschämten hineinversetzen, dass wir uns quasi mit ihm identifizieren. Das heißt: Unser Gehirn vermittelt uns eine Vorstellung davon, wie wir uns fühlen würden, wenn uns so etwas Peinliches, wie wir es gerade bei dem anderen beobachten, passieren würde. Fremdschämen hat also viel mit dem Funktionieren der Spiegelneuronen zu tun und folglich mit Empathie.

Wer sich allerdings selber nur selten schämt, neigt auch weniger zum Fremdschämen. Er empfindet, wenn er beobachtet, wie sich andere blamieren, eher Schadenfreude. Auch Sensationslust und Voyeurismus spielen hier eine Rolle. Oder die Beobachtung des Scheiterns anderer führt sogar zu einer Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls, nach dem Motto: So etwas wäre mir nicht passiert! Ich bin über so etwas erhaben. An die Stelle von Empathie tritt hier folglich Abwertung, wenn nicht sogar Verachtung des anderen.

Nimmt die Schamlosigkeit zu?

Die freiwillig in Kauf genommene Blamage beim Auftreten in einer Fernsehshow scheint nur die Spitze eines Eisbergs immer größerer Schamlosigkeit in den westlichen Industriegesellschaften zu sein. So besteht hier die starke Tendenz, alles, was in früheren Zeiten schamhaft verborgen wurde, dessen Zurschaustellung also mit einem Tabu belegt war, an das Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Das ist nicht nur in den sozialen Netzwerken zu beobachten, sondern auch in den öffentlichen Medien. Hier wird man detailliert "aufgeklärt" über das Liebesleben, die sonstigen Vorlieben sowie die Schicksalsschläge von einfachen Menschen wie du und ich, aber auch von wirklichen und Möchtegernprominenten jeglicher Couleur.

Vielleicht nehmen aber auch nicht einfach die Fähigkeit ab, sich zu schämen, und die Schamlosigkeit zu, sondern es sind heute andere Eigenschaften und Fähigkeiten als früher, die Schamgefühle hervorrufen oder die Menschen unberührt lassen. Ein Paradebeispiel ist die Geburt eines unehelichen Kindes. Das heißt: während sich in früheren Zeiten eine Frau, die ein Kind zur Welt brachte, ohne verheiratet zu sein, fast zu Tode geschämt hat, wird heute so etwas von der Umwelt achselzuckend zur Kenntnis genommen. Vielleicht wird sie sogar bewundert. Man könnte hier deshalb von einer durch den gesellschaftlichen Wandel möglich gewordenen wohltuenden Befreiung von Scham sprechen. Die Zeiten sind also vorbei, in denen sich die Menschen dauernd für irgendetwas schämen mussten und dadurch eingeschüchtert wurden.

Schamlosigkeit als Mittel der Politik

In diesem Abschnitt soll zunächst der Unterschied zwischen Schamfreiheit und Schamlosigkeit verdeutlicht werden. Das heißt: Derjenige, der durch die Annäherung seines realen Bildes von sich selbst an sein Idealbild oder auch durch den Wandel von Moralvorstellungen vom Zwang, sich zu schämen, befreit worden ist, besitzt weiterhin die Fähigkeit, Scham- und Peinlichkeitsgefühle zu empfinden. Nur die Anlässe dafür haben sich verringert oder verändert. Demgegenüber ist der Schamlose psychisch so "gestrickt",  dass ihm nichts mehr peinlich ist. Er ist so von sich überzeugt, dass dieses Bild auch von realen Ereignissen und Fehltritten kaum getrübt werden kann. Man muss hier von einem ausgeprägten Narzissmus bis hin zum Größenwahn sprechen. Krankhaft sind also sowohl ein Übermaß als auch ein völliges Fehlen von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen.

Aber leider machen neuerdings schamlose Narzissten in der Politik von sich reden und erzielen Wahlerfolge, indem sie den Menschen weismachen, dass ihr bewusste Missachten jeglicher Konvention, das Treten in jedes verfügbare Fettnäpfchen Zeichen von Stärke seien und dass sie folglich diejenigen seien, die die großen Probleme unserer Zeit lösen könnten. In Wirklichkeit ist ein solcher Politikstil Teil der Misere. Denn ein Politiker, der jegliches Scham- und Peinlichkeitsgefühl vermissen lässt, verfügt ja auch über keinerlei Wertvorstellungen wie etwa Respekt, Mitgefühl oder Verantwortung. Ihm ist – auf einen kurzen Nenner gebracht – nichts "heilig". Schamlosigkeit ist folglich die Basis für eine skrupellose Machtpolitik.

 

 

Aufforderung an die Schamlosen

Aufforderung an die Schamlosen (Bild: pixabay.com)

Autor seit 3 Jahren
108 Seiten
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