Die "Nachhaltigkeit" taucht auf

Zum ersten Mal wurde der Begriff in Deutschland in der Holzwirtschaft benutzt. Hans Carl von Carlowitz fragte 1713 in seinem Buch, wie der Holzanbau so gestaltet werden kann, dass eine kontinuierliche, beständige und nachhaltige Nutzung möglich ist. Bei der Bewirtschaftung eines Waldes wird dabei so verfahren, dass in einem Zeitraum nur maximal so viel Bäume gefällt werden, wie in diesem Zeitraum wieder nachwachsen können.

Was wird heute unter Nachhaltigkeit verstanden?

Nachhaltig heißt nach dem Wortsinn hauptsächlich länger andauernd. Im schlechtesten Fall ist nachhaltig also nur etwas besser als das Vorgängerprodukt. Außerdem hat die Nachhaltigkeit immer auch ökologische und soziale Aspekte: Beispielsweise wird es nicht als nachhaltig angesehen, Strom zu produzieren, indem massenhaft Menschen gegen sehr niedrige Bezahlung ein Rad drehen, damit die ganz Reichen Strom haben.

Windrad (Bild: Steppinstars / Pixabay)

 

Ein Produkt ist jedenfalls grundsätzlich umso nachhaltiger, je weniger und mit geringeren Schäden produzierbare Ressourcen für seine Herstellung verbraucht werden. Je kürzere Strecken es bis zum Käufer zurücklegen muss. Je länger/öfter es benutzt werden kann. Je besser es recycelt oder sogar abgebaut werden kann.

 

Die Nachhaltigkeit ist keine absolute Größe. Bei der Herstellung, Lebensdauer und Entsorgung kann ein Produkt mehr oder weniger nachhaltig sein. Dies wird anschaulich, wenn man sich fragt, ob die zweimalige Benutzung einer Plastiktüte nachhaltig ist, oder erst die zehnmalige, oder nicht einmal das.

Zwei Beispiele für Nachhaltigkeitsstufen: Mode und Strom

Ich habe die Nachhaltigkeitsstufen in die Kategorien C, B und A eingeteilt. Stufe C ist kaum nachhaltig, Stufe B bereits deutlich besser und A das Neueste, was unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten diskutiert und teilweise bereits eingesetzt wird. Natürlich gibt es zu diesen Extremen viele Zwischenstufen.

Die Mode:

C., nicht nachhaltig: T-Shirts, die hastig in Bangladesch hergestellt und hierhertransportiert werden. Die so extrem modisch sind, dass jede Woche neue auf den Markt kommen und nach allerspätestens einer Saison weggeworfen werden - weil das Design keiner mehr tragen will und die Nähte sich auflösen.

 

B., deutlich nachhaltiger: Das Design ist eher Zeitlos – z. B. Einfarbig. Es handelt sich um eine gute Qualität, sodass das Shirt mehrere Jahre getragen werden kann. Vielleicht ist es sogar in der Nähe des Käufers produziert. Es gibt auch spezielle umweltverträglich produzierte Kleidung zu kaufen, beispielsweise von Hess Natur. Bei denen werden nur reine Naturfasern verwendet, keine allergieauslösenden Stoffe, es erfolgt keine Vorbehandlung mit Clorbleiche und kein Färben mit schwermetallhaltigen Farbstoffen (außer Kupfer). Außerdem werden soweit verfügbar Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau bzw. Tierhaltung verwendet.

A., das Neueste zum Thema Nachhaltigkeit auf dem Bekleidungsmarkt: Das Cradle-to-Cradle T-Shirt bzw. Bekleidungsstück. Bei diesem System ist der Clou, das die Produkte nach dem Ende des Gebrauchs vollständig wieder in den Naturkreislauf eingehen (Ein gewisser Herstellungsaufwand wird allerdings anfallen.) Nach dem Aussortieren soll die Kleidung innerhalb eines Jahres vollständig kompostierbar sein. 

Dazu wird ausschließlich Biobaumwolle verwendet, die Bleichung erfolgt mit umweltschonender Wasserstoffperoxid-Bleiche, und gefärbt wird mit unschädlichen Farben, die unter Kompostierbedingungen in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden können (Mehr Informationen gibt es bei "Trigema").

Strom & Nachhaltigkeit:

C. Sehr problematisch sind Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke; Erstere wegen des Verbrauchs von Kohle, die beim Betrieb die Umwelt verschmutzt. Letztere wegen des dabei entstehenden hochgefährlichen Mülls und der Gefahr von umweltverpestenden Unfällen.

 

B. Relativ einfach ist es, durch neue Geräte den Stromverbrauch zu senken. Beispielsweise durch den Kauf energieeffizienterer Waschmaschinen etc. Und durch den Wechsel von alten Glühbirnen zu LED-Beleuchtung: Um eine Lichtleistung von 600 Lumen zu erhalten, benötigt man eine alte 60-Watt-Birne oder eine 10 Watt verbrauchende LED-Lampe – der Stromverbrauch der LED-Lampe ist damit 6-mal kleiner).

 

A. Besonders nachhaltig ist es vermutlich, Strom aus Sonnenenergie und Wind zu produzieren. Da das nicht zu jeder Zeit funktioniert, benötigt man dazu auch Speichermedien mit großem Fassungsvermögen (Pumpspeicher und leistungsfähgie Batterien). Außerdem muss das Transportnetz ausgebaut werden, bzw. der Strom regionaler erzeugt werden.

 

Die Sonne scheint allerdings in Deutschland nicht so häufig, und bei den zur Produktion von Solarenergie idealen Ländern wie Spanien und den afrikanischen Ländern müssten sehr lange Leitungen nach Deutschland führen; außerdem sind viele dieser Länder politisch instabil.

 

In Norddeutschland bietet mehr die Gewinnung von Windenergie an. Diese stört allerdings die Nachbarn mehr als Solarplatten, und der Bau von Anlagen weit weg auf dem Meer ist schwierig und teuer. Ob sich Akzeptanz der Windenergie verbessern lässt? (Z.B. durch Beteiligung der Nachbarn am Erlös des mit ihnen produzierten Stroms. Oder ob es später üblich wird, dass jeder in seinem Einfamilienhausgarten ein Windrad hat?) Bezahlbare gute Windräder für den Hausgebrauch, die ohne einiges an Kenntnissen in Elektrotechnik betrieben werden können, gibt es aber anscheinend noch nicht. 

Probleme innerhalb der Nachhaltigkeits-Definition:

Vorteile innerhalb einem Bereich des Produktzyklusses können durch Nachteile in einem anderen Bereich wieder aufgehoben werden. Ist es beispielsweise nachhaltiger, ein konventionell produziertes Kleidungsstück möglichst lange zu tragen, weiterzugeben und umzuarbeiten? Oder viele Cradle-to-Cradle-Teile zu kaufen, die öfter wieder rückstandslos kompostiert werden?

Kursierendes Beispiel sind auch die heimischen Äpfel im Winter. Die müssen zwar nicht weit zum Verbraucher reisen, allerdings monatelang im Kühlhaus gekühlt werden, um frisch zu bleiben. Da kann eine einmalige Anreise aus Australien möglicherweise nachhaltiger sein.

Teilweise werden zunächst hochgelobte Verfahren später nicht mehr als so nachhaltig angesehen, weil sich sonstige erhebliche Nachteile gezeigt haben – wie beim Anbau von Pflanzen zur Energieerzeugung, die Nahrungsmittel verteuern.

Außerdem werden vielleicht bald neue Produkte entwickelt, die noch nachhaltiger sind als die hier gezeigten Beispiele.

Autor seit 6 Jahren
212 Seiten
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