Rechtschreibung zwischen Freizeitbeschäftigung und Überlebenskampf

Kalligrafie – die Kunst des schönen Schreibens – war schon immer eine exklusive Beschäftigung, die nur von wenigen Gebildeten ausgeübt wurde, aber Schönschrift war noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts ein Teil des Deutschunterrichts, für den auch eine eigene Note vergeben wurde. Rechtschreibung dagegen war nicht exklusiv, sie gehörte zur Grundausstattung an Allgemeinbildung, die bei jedem vorausgesetzt wurde, ebenso wie die Kenntnis der Verkehrsregeln und gutes Benehmen.

Ebenso wenig wie die Kenntnis der Verkehrsregeln und gutes Benehmen kann man heute noch die Kenntnis der Rechtschreibregeln einfach voraussetzen. Motorradfahrer rasen über Spazierwege, Jugendliche verdrecken die Polstersitze in öffentlichen Verkehrsmitteln mit ihren schmutzigen Schuhen und jeder schreibt, wie er Lust hat oder meint, dass es richtig wäre. Sich informieren, wie es wirklich richtig ist? Fehlanzeige! Warum eigentlich, wo doch heute die Möglichkeiten, sich über jedes beliebige Thema zu informieren, so vielfältig und leicht zugänglich sind wie nie zuvor?

Vielleicht gerade deshalb? Weil die Welt voller Möglichkeiten steckt, die Spaß versprechen und keinerlei Anstrengung erfordern? Da bleibt dann einfach keine Zeit mehr für das Lernen verbindlicher Regeln. Und wozu auch, wenn es doch auch ohne geht? Ja, wozu braucht man Rechtschreibung?

Überlebensnotwendig ist sie nicht, selbst als Analphabet kann man, wenn auch mit Einschränkungen, in unserer Gesellschaft leben. Verbindliche Rechtschreibregeln gibt es auch noch gar nicht so lange. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug des Duden, dessen erste Ausgabe von 1871 den Titel Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache trug. Seitdem hat es viele Neuauflagen sowie alternative Wörterbücher anderer Verfasser gegeben. Aber alle hielten sich im Großen und Ganzen an die Regeln des Duden.

Rechtschreibung als exklusives Hobby

Ich will hier ausnahmsweise nicht auf die Vorteile eingehen, die einem eine einigermaßen korrekte Rechtschreibung verschafft, wie die verbesserten Karrierechancen und das höhere Ansehen im Beruf.

Betrachten wir Rechtschreibung stattdessen doch einmal aus einem anderen Blickwinkel! Nehmen wir sie von der sportlichen Seite! Wenn wir uns überlegen, wie viel Zeit, Geld und Energie viele Menschen aufwenden, um stets nach der neusten Mode gekleidet zu sein, die neusten Filme zu sehen, die neusten Hits zu hören, die neusten Apps und Spiele auf dem Smartphone zu haben – da könnte man doch einen Teil dieses Ehrgeizes dareinsetzen, auch auf dem Gebiet der Allgemeinbildung auf dem neusten Stand zu sein! Das lohnt sich nicht? Doch, auf längere Sicht schon! Man erhält auf diese Weise nämlich Eintritt in einen exklusiven Klub, der über äußerst strenge Aufnahmekriterien verfügt.

Komm in den Kreis der Eingeweihten!

Wer die Rechtschreibregeln beherrscht, gehört zu einem Geheimklub, dessen Mitglieder sich gegenseitig erkennen. Um zu diesem Klub der Auserwählten Zutritt zu finden, reicht es nicht, um Einlass zu bitten. Hinein kommt nur, wer wirklich dazugehört. Das ist so wie in früheren Zeiten mit der besseren Gesellschaft, als noch Kunstfertigkeiten wie Sticken und Schwertkampf geübt wurden. Man gehörte dazu oder eben nicht. Jammern und betteln half nicht. Solche Klubs sind elitär und achten streng aufs Reglement. Aber ein kleiner Unterschied zwischen damals und heute besteht doch: Wenn es auch nicht hilft, an die demokratische Gesinnung der Klubmitglieder zu appellieren, wenn auch weder Vitamin B noch Bestechungsgelder Erfolg versprechen, so gibt es doch einen Weg, aus eigener Kraft Einlass in den Klub der Rechtschreibkundigen zu erlangen. Dieser Weg ist ganz leicht. Umso erstaunlicher scheint es, dass so wenige ihn gehen: Man braucht nur die Rechtschreibregeln zu erlernen und konsequent anzuwenden.

Im Vergleich mit anderen Hobbys ist ein bisschen Lernen und Üben vergleichsweise billig und mit wenig Aufwand verbunden. Wenn man einmal damit angefangen hat, fällt es mit der Zeit immer leichter. Und Bildung kommt nie aus der Mode. Was Du da einmal an Zeit und Energie investierst, zahlt sich ein Leben lang aus.

Federspiel, am 20.03.2015
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