Wenn Putzen nicht mehr möglich ist

Viele Kranke und Pflegebedürftige können ihre Mundhygiene, mit der Handzahnbürste nach dem KAI-System (Kaufläche, Außen, Innen) nicht mehr selbst bewältigen. Selbst das Halten einer elektischen Schallzahnbürste fällt einigen Personen nicht leicht.

Medikamente, schwere Erkrankungen und Bettlägerigkeit führen dann meist zu hartnäckigen Belägen, Mundtrockenheit und manchmal zu schmerzhaften Entzündungen.

Was bleibt, ist oft nur der Versuch, den bitteren Geschmack mit einem Schluck Wasser herunterzuspülen.

Doch wer nicht mehr selbst zur Zahnbürste greifen kann, bekommt in Kliniken und Heimen häufig keine ausreichende Unterstützung. Mundpflege die man selbst erledigt oder herausnehmbare Zahnprothesen werden vorausgesetzt und deshalb fällt diese Körperpflege aus.

Die unterschätzte Gefahr für den ganzen Körper

Eine vernachlässigte Mundhöhle ist kein lokales Problem. Bakterien aus entzündetem Zahnfleisch oder Belägen können in den Blutkreislauf gelangen und dort schwere Folgen auslösen:

  • Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen
  • Lungenentzündungen
  • Diabetes‑Komplikationen
  • Schlaganfälle
  • Frühgeburten

Schon vor fast 30 Jahren wurde auf internationalen Kongressen diskutiert, wie eng Parodontitis mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Frühgeburten und anderen schweren Erkrankungen verknüpft ist. Die Zusammenhänge sind heute wissenschaftlich gut belegt, doch in der Pflege wird Mundhygiene noch immer nicht als medizinische Notwendigkeit verstanden.

Foto: ProDente

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Prävention wirkt

Schon in den 1980er‑Jahren zeigte die berühmte Axelsson‑Studie aus Schweden, dass konsequente professionelle Dentalhygiene Karies und Parodontitis nahezu vollständig verhindern kann. In einem ganzen Distrikt sank die Zahl der Parodontaloperationen um rund 80 Prozent. Die Erkenntnis ist alt aber sie wird in der Pflege bis heute kaum umgesetzt.

Lebensstil, Entzündung, Risiko und was die Forschung sagt

Parodontologe und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Johan Wölber betont, dass Karies und Parodontitis heute vor allem als Lebensstil‑Erkrankungen gelten. Ernährung, Rauchen, Bewegungsmangel und Stress beeinflussen das Entzündungsgeschehen im Mund – und damit auch das Risiko für systemische Erkrankungen.

Biofilm entfernen bleibt wichtig. Aber ohne Blick auf Lebensstilfaktoren bleibt jede Therapie Stückwerk.

Pflegekräfte sind oft nicht vorbereitet

Etwa ein Drittel der pflegebedürftigen Menschen kann die eigene Mundhygiene nicht mehr selbst durchführen. Doch viele Pflegekräfte sind darauf nicht ausreichend vorbereitet.

Die Realität:

  • Mundpflege wird häufig ans Ende der Aufgabenliste geschoben.
  • Festsitzende Zähne werden oft gar nicht gereinigt.Unsicherheit und Ekel hemmen die Durchführung.
  • Fehlende Schulung führt zu falschen oder schmerzhaften Techniken.
  • Das Ergebnis: Mundpflege findet nicht statt – oder nur unzureichend.

Iin Blick ins Ausland zeigt, wie groß die Lücke ist: In Schweden und den USA gehören Dentalhygienikerinnen seit Jahrzehnten selbstverständlich zur Versorgung. Sie entlasten Zahnärzte, betreuen Patientinnen und Patienten engmaschig und verhindern Erkrankungen, bevor sie entstehen. Deutschland dagegen hat diese Berufsgruppe lange ausgebremst, mit Folgen für Prävention und Pflege.

Foto:ProDente

Es gibt Hilfsmittel – sie werden nur kaum genutzt

Dabei müsste niemand fremden Menschen "im Mund herumfummeln". Es gibt längst einfache, sichere und würdige Lösungen:

  • Fingerlinge mit Noppen (wie in der Säuglingspflege)
  • Mundpflegestäbchen
  • Mundduschen
  • Feuchtigkeitssprays und Spüllösungen
  • Weiche Spezialbürsten
  • Griffverstärkungen für elektrische Zahnbürsten

Sie erleichtern die Pflege und senken Hemmschwellen bei Pflegekräften.

5 Dinge für die richtige Zahnpflege

Was sich ändern muss

Damit Mundpflege nicht länger ausfällt, braucht es:

  • Verbindliche Schulung in der Pflegeausbildung
  • Klare Standards in Kliniken und Heimen
  • Zeitfenster, die Mundpflege nicht als "Option" behandeln
  • Hilfsmittel, die leicht zugänglich sind
  • Aufklärung, dass Mundhygiene Leben retten kann

Denn Mundpflege ist kein Extra. Sie ist ein zentraler Teil der medizinischen Versorgung. 

 

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