1. Die Ohnmacht der lebenden Toten

1968 erschuf ein gewisser George Romero mit "Die Nacht der lebenden Toten" eher zufällig das Zombie-Genre. Zufällig deshalb, da der Plot ursprünglich eine außerirdische Invasion vorsah, das Mini-Budget jedoch keine halbwegs vernünftigen Spezialeffekte oder Masken zuließ. Aus der Not machte Romero eine Tugend, und heute sind Zombies aus der Pop-Kultur nicht mehr wegzudenken. Dies vor allem auf Grund des genialen Kniffes, keine außerirdischen Monster, Dämonen oder überlebende Dinosaurier als Heimsuchung der Menschheit zu installieren, sondern Menschen selbst, wenn auch ihrer Menschlichkeit beraubt.

Für gewöhnlich erschöpfen sich Zombie-Filme im Überlebenskampf einer Menschengruppe, die möglichst viele der Untoten umbringen muss, um nicht bei lebendigem Leibe gefressen zu werden. "The Walking Dead" handelt natürlich gleichfalls vom täglichen Überlebenskampf, findet aber einen besonderen Dreh: Was, wenn die Untoten nicht bloß scheußliche Ungeheuer sind, sondern die Ehefrau oder die eigenen Kinder? Kann man diese ohne große Gedanken endgültig töten?

Deutscher Trailer zur 1. Staffel von The Walking Dead"

Ja, mehr noch: Kann man es anderen Überlebenden gestatten, geliebte Menschen zu eliminieren, selbst wenn diese nicht mehr sie selbst, sondern nach Fleisch gierende Hüllen ohne Seelen sind? Diese Frage stellt "The Walking Dead" immer wieder – und macht es dem Zuschauer nicht leicht, indem die Serie eine vorgekaute Antwort präsentierte. Im Gegenteil: Über dem aussichtslosen moralischen Dilemma – um zu überleben, muss man töten; zu töten bedeutet jedoch, alles, was man geliebt hat, zu vernichten - schwebt stets die Frage, wie man an Stelle einer bestimmten Figur gehandelt hätte. Apropos "Figuren" ...

2. "The Walking Dead" macht gute Figur(en)

Spannung erzeugen Serien nur dann, wenn der Zuschauer mit den Figuren mitfiebern kann. Gerade bei einer Zombie-Serie wie "The Walking Dead" kann das fürchterlich in die Binsen gehen, indem strahlende Heldenfiguren oder Wegwerf-Charaktere erschaffen werden. Erstaunlicherweise klappt der Spagat zwischen Charakterisierung und der Dramaturgie geschuldete Überzeichung hervorragend. Nun gut: Meistens klappt der Spagat. Zugegebenermaßen schleichen sich Figuren ein, deren Ableben nur eine Frage der Zeit ist, nachdem sie wie generisches Zombie-Futter eingeführt werden.

Doch vielschichtige Figuren wie Protagonist Rick oder die sich im Laufe der Staffel von der unterdrückten, grauen Maus zur selbstbewussten Kämpferin wandelnden Carol wiegen leichtgewichtige Nebencharaktere locker auf. Wie stark die Figuren geraten sind zeigt schon der Umstand, dass es nicht den einen Fan-Liebling gibt, der alle anderen Darsteller überstrahlt. Was wiederum zu einem guten Teil ein Verdienst der Darsteller ist, denn …

3. Kein Trauer(schau)spiel

Das Drehbuch mag noch so atmosphärisch dicht und spannend, die Spezialeffekte mögen noch so überzeugend sein: Wenn die Schauspieler einer deutschen Soap entsprungen sein könnten, büßt jede Serie ihre Glaubwürdigkeit ein. Für "The Walking Dead" wurde ganz offensichtlich penibel gecastet. Denn wenngleich keiner der Darsteller zur Hollywood-Star-Riege zählt, füllen fast alle ihre Rollen mit Leben und erschaffen dadurch einen für Serien-Formate ungewöhnlichen Realismus.

Tatsächlich dürfte die Absenz großer Namen sogar von Vorteil sein, konzentriert man sich somit doch auf jeden einzelnen, anstatt nur einen einzigen Schauspieler. Überragend sind insbesondere die Performances von Hauptdarsteller Andrew Lincoln (übrigens der Schwiegersohn von Mr. "Jethro Tull" Ian Anderson) als bisweilen überforderten Gruppenanführer und Familienvater, Melissa McBride als langsam Selbstbewusstsein gewinnende Carol, sowie Norman Reedus, der einen Redneck mit all seinen Stärken und Schwächen verkörpert.

Naturgemäß vermögen nicht alle Darsteller vollends zu überzeugen, was aber mitunter an den weniger sorgfältig ausgefeilten Figuren liegen dürfte. Laurie Holden etwa agiert in manchen Szenen sichtlich zurückhaltend und auf ihre Rolle als manchmal ärgerlich naive Andrea reduziert. Das Kraut, oder vielmehr das Grauen, macht dies auch nicht mehr fett: "The Walking Dead" zeigt Folge für Folge größtenteils hervorragende schauspielerische Leistungen, die wohl auf Grund des als "dumm" verpönten Zombie-Genres nicht gewürdigt werden. Dabei ...

4. Die "Walking Dead"-Zombies sind nur eine Metapher

Der Schriftsteller Hermann Löns hatte Zivilisation als "dünnen Lack, unter dem die Natur sitzt", bezeichnet. Seine Faszination gewinnt das Zombie-Genre gerade durch das Abblättern dieses Lacks, oder einfacher formuliert: Was geschieht mit uns Menschen, wenn der Strom ausfällt und die Krankenhäuser geschlossen haben? In diesem Sinne fungieren Zombies als Platzhalter für jene vorgebliche Ausnahmesituation, die historisch betrachtet den Normalzustand darstellt: Verlust der zivilisatorischen Tünche.

Mit einem Mal besteht das größte Alltagsproblem nicht mehr darin, welche Farbe das neue Handy haben soll, sondern im Überleben. Kriege, verheerende Seuchen oder Hungersnöte peinigen die Menschheit seit Anbeginn. Ihre Absenz ist geradezu eine Anomalie, die wir von Frieden und Wohlstand verwöhnten Westeuropäer oder Nordamerikaner mit dem Horror eines: "Was wäre, wenn …?"-Szenarios zumindest in der Popkultur überdecken.

Umso wohliger fühlt sich nach einer Episode ""The Walking Dead" die Rückkehr zum Luxus fließenden Wassers und sauberer Lebensmittel an. Wer dies dekadent nennt, verkennt die duale Natur des Menschen und somit seinen Hang, der schlimmste Alptraum seines Nächsten zu sein ...

5. Die Überlebenden sind unmenschlicher als Zombies

Nun sollte man annehmen, dass vor dem Hintergrund einer Zombie-Apokalypse die Überlebenden solidarisch zusammenhalten, sich gegenseitig beschützen und die wenigen Ressourcen miteinander teilen. "The Walking Dead" ist anderer Meinung – und hat damit vermutlich sogar recht. Die Gruppen der Überlebenden sind permanentem Wandel unterworfen, und dies meist nicht deshalb, weil viele Mitglieder den Zombies zum Opfer fielen.

Gefährlicher als die Zombies, die in der Serie allerdings nur "Beißer" und "Streuner" genannt werden, sind die noch Lebenden, die sich vorwiegend in Clans sammeln, welche wiederum ständigen Spannungen unterworfen sind. "Wo Menschen sind menschelt's", sagt man in Wien, und in kaum einer TV-Serie menschelt es mehr als in "The Walking Dead". Parallel zu den in einer Serie zu vermutenden Ingredienzen wie aufblühenden Liebesbeziehungen und verwelkenden Existenzen, gesellt sich die ganze Bandbreite scheußlicher Eigenschaften hinzu: Verrat der eigenen Vorteile wegen, kaltblütiger Mord, die Verlockungen, sich zum Mini-Diktator aufzuschwingen, und vieles mehr.

Während die Zombies vorhersehbar agieren und reagieren, bleiben die wahren Motive vieler Figuren vorerst im Dunkeln verborgen. Natürlich ist dies auch dramaturgischen Effekten geschuldet, denn …

6. No One Here Gets Out Alive – jede Figur kann es erwischen!

An dieser Stelle werden vermutlich selbst Fans der Serie einwenden, dass sich bestimmte Handlungsfäden durch jede Staffel ziehen, etwa die Suche nach dem "sicheren Hafen" vor den Zombies und insbesondere vor feindlichen Menschengruppen. Das stimmt nicht nur, es kann sogar darauf ausgeweitet werden, dass immer wieder Charaktere ihren Verstand verlieren und damit sich selbst und die Gruppe in Gefahr bringen.

Andererseits fällt dies kaum ins Gewicht, da eine der wichtigsten Regeln in "The Walking Dead" lautet: Jede Figur kann es erwischen! Selbst auf das Überleben der Protagonisten sollte man nicht unbedingt vertrauen. Für gewöhnlich folgen TV-Formate, aber auch Kinoserien der ungeschriebenen Regel, aus dramaturgischen Zwecken höchstens ein oder zwei Figuren des Stammpersonals zu opfern, die Hauptfiguren aber zusammenzuhalten. 

Ganz anders "The Walking Dead": Hier hängt das Damoklesschwert über jeder Figur, was die Serie umso spannender und unvorhersehbar macht, mit Betonung auf "unvorhersehbar". Immer wieder werden neue Figuren eingeführt, über denen wahre Motive und Persönlichkeiten der Zuschauer oft erst im Laufe der Zeit eingeweiht werden.

Sicher: Auch in diesem Punkt könnte man die offensichtliche Bösartigkeit mancher Figuren, die unverständlicherweise den anderen nicht sofort klar wird, bemängeln. Und dennoch: "The Walking Dead" macht so Vieles richtig, dass man über kleinere Ungenauigkeiten hinwegsehen kann.

"No One Here Gets Out Alive" - Jim Morrison

Genannt sei das Zugeständnis an männliche Fan-Boys in Form einer sexy Latina, die obwohl Soldatin stets perfekt geschminkt in Hot Pants inmitten einer Zombie-Apokalypse, wo jeder Biss tödlich sein kann, herumläuft. En gros bewegt sich die Serie über weite Strecken dennoch auf einer erstaunlich realistischen Ebene.

7. Nicht reale, aber realistische Zombie-Apokalypse

Einer der größten Schwachpunkte von Zombie-Serien wie "Resident Evil" besteht in ihrer Absurdität. Damit sind nicht nur physikalische Gesetze brechende CGI-Stunts oder völlig unplausible Handlungen, die sich mitunter – ja, ich spreche von Ihnen, Mr. Paul Anderson, nicht verwandt mit "Jethro Tull"-Anderson, der im Gegensatz zu Ihnen sein Hand (oder Mund?)werk beherrscht – von Folge zu Folge komplett widersprechen, sondern von einem bestimmten Grad an Realismus, der fiktiven Werken erst das nötige Leben einhaucht, um sie ein Stückchen weit in der Welt des Rezensenten zu verankern. Einer der Gründe dafür, weshalb Ridley Scotts "Alien" selbst Jahrzehnte nach seiner Premiere noch zahlreiche Fans hat (im Gegensatz etwa zu "Alien vs. Predator", von Filmgurkenmeister Paul Anderson höchstpersönlich in Schande gesetzt), liegt nicht zuletzt in der nachvollziehbaren Handlung rund um eine aus ganz gewöhnlichen Menschen bestehende Raumfrachter-Crew.

Wohlgemerkt: Das entscheidende Element im filmischen Realismus ist nicht die Realität selbst, sondern die Möglichkeit der Realität. Natürlich existieren keine Zombies ( _________-> Freiraum für beliebige Witze über verhasste Politiker), aber wenn es eine Zombie-Apokalypse gäbe, wie könnte sie aussehen und wie würde sie sich manifestieren? "The Walking Dead" findet auf diese Fragen plausible Antworten, die mitunter dermaßen subtil sind, dass man sie glatt übersehen könnte.

Achten Sie doch einmal darauf, wie sich das Verwesungsstadium der Zombies im Laufe der einzelnen Episoden verändert. Anfangs noch durchaus menschlich aussehende Infizierte verwandeln sich über die Staffeln hinweg in Untote, die kaum mehr als Menschen durchgingen. Frisch Gebissene hingegen fallen nur durch ihre ungewöhnliche Diät auf. Der Realismus von "The Walking Dead" geht so weit, dass sich die Serie der üblichen "Der Weg ist das Ziel, aber es gibt ein Ziel"-Devise verweigert.

8. Ziel: Unbekannt

"The Walking Dead" basiert auf der gleichnamigen Comicserie, die seit Oktober 2003 monatlich erscheint. Und ähnlich der Vorlage scheint auch die TV-Serie auf kein vorprogrammiertes Ziel hinauszulaufen. Gerade im Zombie-Genre sind zwei Endszenarien anzutreffen: Entweder wird die Seuche dank genialer Wissenschaftler eingedämmt oder gar beseitigt, oder es gibt kaum Aussicht auf einen Sieg über die Zombifizierung der Welt, weshalb sich die Überlebenden auf eine Insel oder in die Berge flüchten, wo sie einigermaßen sicher vor den Infizierten sind.

Ob und welche Richtung "The Walking Dead" einschlagen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen. Fest steht: Eine Hintertür aus der Apokalypse ist noch nicht erkennbar. Im Gegenteil zerschlagen sich Hoffnungen auf ein rasches Happyend regelmäßig. Selbst die völlige Auslöschung der Menschheit scheint nicht auszuschließen, was sich reibungslosen in den düsteren Ton der Serie einordnen würde. Allerdings irrt, wer annimmt, "The Walking Dead" sei angesichts der Thematik tristes Weltuntergangsspektakel.

9. Bunt und granatenstark ist die Zombie-Apokalypse!

Was immer an Hässlichkeiten man inmitten einer Apokalypse vermuten möchte, findet sich in "The Walking Dead": Die Untoten zerreißen auf grauenhafte Weise die Lebenden, welche sich mitunter auch gegenseitig meucheln, manche Kinder erleben ihre ersten Pickel und feuchten Träume nicht, jede Krankheit und jeder Unfall kann ohne Arzt und Medikamente das Ende bedeuten, der Anblick spritzenden Blutes und besitzloser Gedärme ist ständiger Begleiter, und selbst Pferde werden Zombie-Opfer (Katzen sind sakrosankt – die Produzenten wissen offenbar, wo die Grenzen des schlechten Geschmacks erreicht sind).

Und trotzdem schimmert immer wieder Humor durch, finden sich sarkastische Dialoge, über die man schmunzeln kann, ebenso wie visuelle Gags, ohne je in Gefahr zu laufen, ins Lächerliche oder Selbstparodistische abzugleiten. Nahezu jede Episode schließt zwar mit einem Cliffhanger, lässt den Zuschauer aber nicht deprimiert zurück, da es auch immer ein Stückchen weit um Hoffnung geht … und natürlich darum, das Menschlichste überhaupt zu bewahren: Den Humor!

Da schmilzt selbst ein Zombie dahin ...

Da schmilzt selbst ein Zombie dahin ... (Bild: http://pixabay.com/)

10. Produziert von Genre-Fans Frank Darabont und Gale Anne Hurd

Natürlich gab es dafür keine Garantie. Aber der Umstand, dass "The Walking Dead" jene grandiose Horrorserie geworden ist, wie wir sie kennen, liegt zu einem beträchtlichen Teil an den Leuten hinter den Kameras begründet. Produziert wird "The Walking Dead" von Frank Darabont und Gale Anne Hurd, zwei Ikonen des Horror-Genres. Darabont schrieb unter anderem die Drehbücher zum unterschätzten Horror-Remake "Der Blob" sowie das nicht genug zu unterschätzende "Die Fliege"-Sequel und führte bei der Stephen-King-Verfilmung "Der Nebel" Regie (übrigens mit Laurie Holden und Melissa McBride), während Gale Anne Hurd, eine der vielen Ex-Misses-James-Cameron, zahlreiche moderne Klassiker des SF-Horror-Genres co-produzierte, wie "Aliens", "Terminator" oder "Tremors".

Von der Titelsequenz (in Szene gesetzt von "Maggie"-Regisseur Henry Hobson) über die Regie, die makellosen Spezialeffekte bis hin zum jeweils stimmigen Soundtrack: Nichts wurde bei "The Walking Dead" dem Zufall oder gar Amateuren überlassen! Und deshalb fiebern Millionen Fans weltweit jeder neuen Staffel entgegen, die unter anderem Abonnenten von Amazon Prime (lesen Sie hier, ob sich der Dienst lohnt) zur Verfügung steht. Falls Sie noch keine Folge gesehen haben: Werfen Sie doch einen Blick rein! Vielleicht werden auch Sie zum "Beißer", wenn Sie vor Spannung an den Fingernägeln kauen …

Autor seit 6 Jahren
835 Seiten
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