WM im eigenen Lande, eine Niederlage ausgerechnet in Napoli, das alles zusammen war mehr als ein sportliches Desaster, es war eine nationale Katastrophe, und die Schlagzeile der neapolitanischen Tageszeitung "Il Mattino" lautete: "Neapel ist wieder Italiens Aschenputtel."

Der Ministerpräsident hätte besser geschwiegen

Ministerpräsident Giulio Andreotti suchte nach dem Ende des Matches tröstende Worte. Doch was er fand, klang den Italienern wie Hohn: "Ein dritter Platz bei einer Fußball-WM ist auch eine gute Sache." Andreotti hatte an diesem Abend im neapolitanischen San-Paolo-Stadion auf der VIP-Etage gesessen und nicht in der Kurve. Der Ministerpräsident war auch nicht nach Spielende – eine halbe Stunde vor Mitternacht – von den Menschenmassen in Richtung Metro oder zu den aufgereihten Bussen geschoben worden. Sonst hätte er geschwiegen.

Zwischen trotzigem Lachen und Weinen

Neapel, besonders der Stadtteil Fuorigrotta an jenem Abend: eine Gespensterstadt, gefüllt mit Menschen. Über dem Stadionvorplatz hing ein Raunen, ein Murmeln. Fast 60.000 Menschen flüchteten aus einem Stadion, das Träume wie Luftballons hatte zerplatzen lassen. Viele hatten dieses leichte Lächeln um die Mundwinkel, das angesiedelt ist zwischen trotzigem Lachen und Weinen. Junge Mädchen fassten ihre Freunde an der Hand, als müssten sie Blinde durch ein Labyrinth führen. Andere standen einfach in Gruppen herum, auf den Bahnsteigen des Vorortbahnhofs, und stützten das Kinn auf die Fahnenstange. Grün-weiß-rot war bis zur Unkenntlichkeit eingerollt.

Die Polizisten wurden zu "Wegweisern"

In der Unterführung des Metro-Bahnhofs "Campo Flegrei" – der Name Phlegräische Felder, "brennende Erde", verweist auf den vulkanisch-unruhigen Untergrund – standen aufgereiht die Polizisten. Vor dem Spiel gegen Argentinien herbei beordert, um den Überschwang der Tifosi nach dem erwarteten Sieg gegen Maradonas Team zu dämpfen. Jetzt spielten sie stattdessen Wegweiser: "Napoli, Bahnsteig 3; Pozzuoli Bahnsteig 6; Roma Bahnsteig 7. Dumpf wälzten sich die Massen die Treppen hinauf zu den Bahnsteigen, in die Abteile. Kein Gedränge, kein Disput. Sogar das Rauchverbot wurde akzeptiert. Die Tifosi standen unter einem Schock.

Keine Debatten um taktische Varianten

Nichts war es mit den sonst in vielerlei Varianten in heftiger Diskussion wortreich durchgespielten Spielzügen, nichts war es mit der Debatte um taktische Varianten. Die fast 60.000 heimwärts strebenden Schlachtenbummler – normalerweise Großmeister in der Rolle des Coaches auf den Rängen – hatten nichts als die Feststellung: "Diese verdammte Elfmeter-Schießerei!" Die Menschen auf den Campi Flegrei waren ausgebrannt.

Tief in ihrem Stolz getroffen

So kehrte das Land jäh zum Alltag zurück, der in Neapel besonders trist war (und ist). Und in dieser Stadt war an diesem Abend obendrein der Stolz angegriffen – so ziemlich das letzte, was ihnen immer wieder geblieben war. Es traf sie zutiefst, dass es ausgerechnet ihre Stadt sein musste, in der die Schmach passierte. Ausgerechnet Napoli, das Aschenputtel Italiens. Umso wütender kam der Aufschrei zwölf Stunden später, als man lesen konnte, was der technische Direktor der Azzurri, Azeglio Vicini, nach dem Spiel angedeutet hatte: Dass nämlich das Fiasko in Rom, mit dem römischen Publikum, nicht passiert wäre.

Zur Schmach kam die ehrverletzende Schmähung

Verbittert fragten die Neapolitaner, ob es anzukreiden sei, dass ihnen blinder Fanatismus fern liege, dass man auch einem blendenden Spielzug des Diego Maradona einfach Beifall zollen müsse? Und er habe ja auch Gelegenheit dazu gegeben. Oder, anders herum: Vicinis Mannschaft habe ihm die Möglichkeiten dazu verschafft. So war es am 4. Juli 1990 in Neapel wieder in Kraft, das alte vermaledeite italienische Rollenspiel. Zur Schmach kam die ehrverletzende Schmähung.

 

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