Calvin und seine Zeit

Die Reformation an sich und das Wirken von Johannes Calvin sind am besten nachzuvollziehen, wenn man sie aus der Perspektive der Zeit heraus betrachtet, in der sie entstanden. So war gegen Ende des Mittelalters im 15. Jahrhundert die abendländische Welt im Umbruch mit vielen Traditionen. Ausschlaggebend waren unter anderem die neuen Lehren des Humanismus, als deren bekanntester Vertreter Erasmus von Rotterdam gilt. Sie waren bei den Anhängern häufig verbunden mit einer antiklerikalen Haltung, die bei den Vertretern einer engen Verbindung von Kirche und Staat zwangsläufig als gefährliches Gedankengut erscheinen musste. Neue philosophische Theorien, Erkenntnisse der Medizin, ein Hinterfragen der Religion und die Frage nach der Existenz des Menschen im Diesseits und Jenseits begleiteten die revolutionären Ideen. Die Renaissance berief sich auf frühe griechische und römische Antike mit ihren Diskussionen über das Wesen des Menschen. Dabei waren Bildung und Sprache die wichtigsten Eigenschaften, die den Menschen vom Tier unterscheiden sollten. Die neue Art von Bildung wurde an Universitäten und an Klosterschulen gelehrt. Bildung und Denken sind wohl kaum zu trennen. Daher ist es nur natürlich, dass mit den neuen Lehren auch ein eigenständiges Denken einherging, das im Widerspruch stand zu den starren Gerüst der katholischen Kirche.

Calvin und seine Schriften

Die hohe Bildung und sein ausgezeichneter Intellekt verhalfen Calvin zum Status eines der am meisten gelesenen Autoren seiner Zeit. Er schrieb über 100 Bücher oder Schriften und korrespendierte in vielen tausend Briefen mit Gleichgesinnten im ganzen Abendland. In seinem theologischen Hauptwerk, der "Institutio Christianae Religionis" legte er die Bibel auf seine Weise aus und gab Anleitungenen zu einem frommen und gottesfürchtigen Verhalten. Er entwarf mit den "Ordonnances ecclésiastiques" eine neue Kirchenordnung, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche vorsah und eine neue Rangordnung innerhalb der reformierten Kirche sowie eine eigenes System von Sanktionen bei Verstößen beinhaltete. Im "Consensus Tigurinus" wurde mit weiteren Vertretern der Reformation eine Einigung über die sogenannte Abendmahlsfrage herbeigeführt.

Calvin und sein Leben

Im Grunde war Calvin ein Reformator der Reformation. Der Sohn eines französischen Generalprocurators beim Bischof von Noyon veränderte mit seinem Lebenswerk die christlichen Reformbewegungen bis hin in ihre Stützpfeiler. Geboren wurde der Vordenker in Sachen Religion am 10. Juli 1509 in der Picardie. Die hohe Position des Vaters ermöglichte dem jungen Johannes den Besuch der Lateinschule, ein Privileg, das nur wenigen Kindern an der Schwelle vom Ende des Mittelalters zum Beginn der Neuzeit vorbehalten war. Mit dieser Vorbildung war es Johannes Cauvin – so der eigentliche Familienname – möglich, schon im Alter von 14 Jahren ein Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Von 1523 bis 1531 studierte er in Paris, Orléans und Bourges, um sich anschließend - noch im Todesjahr seines Vaters - mit den humanistischen Lehren zu befassen.

Nur zwei Jahre später begann er, die Ideen der Reformation zu studieren und verfasste für seinen Freund Nikolaus Cop die Antrittsrede zu dessen Ernennung als Rektor der Universität von Paris. Wegen des reformatorischen Anstrichs diese Rede musste er mit seinem Freund flüchten und fand Zuflucht in Angoulême, wo er sich der Theologie zuwandte und endgültig zu den Lehren der Reformation bekannte. Als der französische König Franz I., 1534 veranlasste, Protestanten systematisch zu verfolgen, floh Calvin erneut, diesmal nach Basel. Dort verfasste er sein Werk "Christianae Religionis Institutio", das bis heute als sein Hauptwerk gilt. Ab 1536 arbeitete Calvin für die Reformationsbewegung in Genf, beschäftigte sich mit einem Katechismus und einem Glaubensbekenntnis, scheiterte aber zunächst mit der Absicht, die Genfer Bürger durch einen Schwur zwangsweise zur Reformation zu bekehren. Konflikte um die neue Kirchenordnung bewegten Calvin, nach Straßburg zu ziehen, wo er als Pfarrer der Flüchtlingsgemeinde arbeitete und Vorlesungen zur Bibel hielt.

1540 heiratete er die Witwe Idelette de Bure, kehrte dann 1541 auf Bitte des Rats der Stadt nach Genf zurück. Im Rahmen von Religionsversammlungen in verschiedenen Städten kam Calvin in Kontakt mit Vertretern des deutschen Protestantismus. Noch in demselben Jahr wurde vom Genfer Rat Calvins Kirchenordnung beschlossen. Über die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat gab es noch mehrere Jahre Streit, ebenso wie über die Frage des Abendmahls. Überhaupt zählten religiöse Handlungen, wie die Taufe oder die römische Messe, zu den kritischen Fragen, an denen sich die Diskussionen zwischen der etablierten katholischen Kirche, aber auch verschiedenen reformatorischen Bewegungen entzündeten. Am 27. Mai 1564 starb Calvin in Genf.

Calvin, seine Lehren und einer deren Feinde

Eine der Lehren Calvins beruht auf der Philosophie, dass Gott allein darüber bestimme, wer das Heil erlange und wer verdammt sei. Der Einzelne selbst könne nichts dafür tun. Gott also habe Erwählte, welche die Seligkeit erlangten und bestimme die Verworfenen, denen ewige Verdammnis vorbestimmt sei. Diese Lehre von der doppelten Prädestination war zu den Zeiten der Verfolgung der reformatorischen Bewegung ein Trost. Aber sie wurde bereits zu Lebzeiten Calvins in Frage gestellt und seine Feinde setzten die Lehre von der Willensfreiheit und der Möglichkeit, durch gute Taten zum Heil zu gelangen, dagegen. So auch der Mediziner und Reformator Michael Servet, zu dessen Verhaftung und Verurteilung Calvin beitrug. Die Rolle in dem Prozess gegen den Leibarzt des Bischofs von Vienne gilt bis heute als dunkler Punkt in der Lebensgeschichte von Calvin. Der Theologe galt als einer der erbittertsten Gegner Calvins und richtete sich mit eigenen Theorien sowohl gegen die von der Kirche vertretene Dreieinigkeit Gottes als auch gegen das teilweise strikte und starre Regelgerüst der calvinistischen Kirchenordnungen. War nämlich zuvor das Leben der Menschen und ihrer Religion geprägt durch die Einheit von Kirche und Staat, so gewährleistete die Trennung der beiden keineswegs eine Denkfreiheit. Im Gegenteil, die Bürger, die sich der neuen Religionsbewegung zuwandten, hatten deren Regeln bis ins Kleinste zu folgen. Michael Servet dagegen forderte eine neue Denkweise, wurde aufgrund dessenn verfolgt und in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Als er auf seiner Flucht ausgerechnet in Genf halt machte, wurde er von Calvin erkannt und ausgeliefert, was mit seinem Tod auf dem Scheiterhaufen endete.

Calvin und seine Bedeutung für die Gegenwart

Was heute vereinfacht als Calvinismus bezeichnet wird, interpretieren manche als Vordenkertum für eine Philosophie der ständigen Erneuerung durch Reformation. Gelebte Religion immer wieder den sich ändernden Bedingungen anzupassen, ist eine revolutionäre Grundidee, die bis heute das Wesen der verschiedenen protestantischen Bewegungen prägt. In seinem Leben trug Calvin zur Klärung wichtiger Grundfragen der christlich reformierten Strömungen bei, indem er unter anderem den Grundstein legte zu einer neuen Kirchenordnung. Mit seiner rigorosen Ablehnung des zu seiner Zeit üblichen Zinswuchers gilt er manchen heute als Vordenker antikapitalistischer Theorien. Andere wiederum halten ihn wegen seines Aufrufs zur Aksese für einen Vordenker der protestantischen Leistungsethik und damit frühen Wegbereiter des Kapitalismus.

Quellen:

www.calvin.de

www.calvin-institutio.de

www.calvin-in-genf.de

www.reformiert-info.de

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