Dinojagd dank Zeitreise

Zeitreisen in die Vergangenheit sind im Jahr 2055 kein Problem mehr – natürlich nur, sofern man über das nötige Kleingeld verfügt. Charles Hattons (Ben Kingsley) Unternehmen "Safari Inc." bietet betuchten Klienten eine ganz besondere Zeitreise an: Unter der Führung von Travis Ryer (Edward Burns) geht es 70 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit, um einen Allosaurus zu erlegen! Allerdings dürfen die Zeitreisenden einen ganz bestimmten Pfad nicht verlassen, um selbst winzigste Änderungen in der Vergangenheit zu vermeiden, die verheerende Auswirkungen auf die Gegenwart nach sich ziehen könnten.

Bei einem Trip geschieht freilich das, wovor Wissenschaftlerin Sonia Rand (Catherine McCormack), einst Mitarbeiterin der "Safari Inc.", ehe sie sich mit Hatton überworfen hatte, warnte: Einer der Zeitreisenden verlässt den Pfad und zertritt dabei einen Schmetterling. Die Folgen dieser auf den ersten Blick lächerlich scheinenden Kleinigkeit: Die uns bekannte Evolution gerät durcheinander und bringt völlig neue, bedrohliche Geschöpfe hervor. Nun liegt es an Travis und Rand, das Schlimmste zu verhindern: Den Untergang der Menschheit als Spezies …

Auf Ray Bradburys "A Sound Of Thunder" basierend

Schmetterlingseffekt

Die Entstehungsgeschichte von "A Sound Of Thunder" dürfte wohl spannender als das fertige Produkt selbst sein. Unter der Regie von Renny Harlin und mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle, sollte die berühmte Ray-Bradbury-Kurzgeschichte rund um die drastischen Folgen des Schmetterlingseffekts verfilmt werden. Doch von Beginn weg schlitterte das Projekt ins finanzielle und künstlerische Debakel: Brosnan sprang ab, Harlin wurde gefeuert und die Dreharbeiten in Prag fielen im "Jahrhunderthochwasser" 2002 buchstäblich ins Wasser. Auch der Produktionsfirma stand das Wasser bis zum Hals und US-Verleiher Warner Brothers zog den Film nach nur zwei Wochen Laufzeit in den Kinos wieder zurück, ohne die für eine Produktion dieser Größenordnung nötige Werbetrommel gerührt zu haben. Die vernichtenden Kritiken stampften den Rest verbliebener Reputation in den Boden. Kurzum: Kaum ein anderes Big-Budget-Movies wurde dermaßen vom Schicksal, aber auch kapitalen Fehlentscheidungen schlimmer gebeutelt als der potenzielle Blockbuster "A Sound Of Thunder". Bei einem Budget von rund 80 Millionen Dollar spielte der Streifen in den USA keine zwei Millionen Dollar ein.

 

Peter Hyams: Schuldlos

Seither gilt dieser Science-Fiction-Film als Synonym für cineastisches Scheitern auf ganzer Linie. Wohl noch die geringste Schuld an dem Debakel trifft Regisseur Peter Hyams, der mit "Unternehmen Capricorn", "Outland – Planet der Verdammten", "Das Relikt" und dem Schwarzenegger-Vehikel "End of Days – Nacht ohne Morgen" einige Genrehits ablieferte. Das von drei Autoren zusammengeschusterte Drehbuch weist Logiklöcher auf, durch die ganze Dinosaurierherden passten. Die äußeren Umstände versetzten dem ambitionierten Werk den Todesstoß und zeichneten für ein geradezu bizarres Filmerlebnis verantwortlich: Ein 80-Millionen-Dollar-Film mit augenscheinlich nicht fertiggestellten CGI-Effekten. Gleich zu Beginn darf der Zuschauer einen Allosaurus bewundern, dessen Haut wie Plastik aussieht. Überhaupt rührt sich in diesem Dschungel außer den Zeitreisenden rein gar nichts, was auf einen Rohentwurf hindeutet, der in der Post Production seinen finalen Schliff hätte bekommen sollen.

Schlimmer geht in "A Sound Of Thunder" immer, wie ein Spaziergang zweier Figuren durch die Stadt belegt. Abgesehen von den Darstellern stammt alles aus dem Computer und wirkt wie die Kulisse eines Computerspiels aus den 1990er Jahren. Beispielsweise fahren stets dieselben (dürftig animierten) Wagen an den beiden vorbei, die dabei völlig offensichtlich auf der Stelle treten, um vor der Rückwandprojektion zu verharren. Erstaunlicherweise sind einige spätere Animationen gar nicht mal so übel und sogar durchaus kompetent und halbwegs realistisch umgesetzt. Diese zeigen, was möglich gewesen wäre, nämlich ein zumindest optisch annehmbarer Streifen.

 

Zu viele Autoren verderben das Drehbuch

Der Plot selbst lockt indes keinen Dinosaurier mehr aus dem Sumpf hervor: In ihren wesentlichen Zügen ist Ray Bradburys Kurzgeschichte "A Sound Of Thunder", die das Konzept des Schmetterlingseffekts entwickelte, noch erkennbar. Nach dem flotten Einstieg wird die Prämisse des Filmes jedoch heillos verwässert und verheddert sich in allerlei Ungereimtheiten. Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn mehrere Autoren an einem Drehbuch arbeiten, und dieser Film bildet keine Ausnahme der ungeschriebenen Regel. Unentschlossen wankt der Science-Fiction-Streifen von anfänglicher Kritik an Kapitalismus und Technikgläubigkeit über eine angerissene, später völlig vergessene Liebesgeschichte bis hin zum Versuch eines Actionspektakels. Seltsam abgehackt wirkt der Film, fast so, als hätte man einen TV-Mehrteiler in aller Eile auf Spielfilmlänge zurechtgestutzt.

 

"A Sound Of Thunder": Idealer Spaß für DVD-Abende

Ähnlich den Spezialeffekten, können auch die Charakterisierungen nicht ansatzweise überzeugen. Der mit einer albernen Perücke verunzierte Ben Kingsley gibt den Schulbuchkapitalisten Charles Hatton, der einzig und alleine am Geldverdienen interessiert ist. Für eine derlei platte "Böser Kapitalist"-Darstellung würde sich sogar ein Marxist genieren. Nicht viel besser erwischte es der aus "Der Soldat James Ryan" bekannten Edward Burns: Anfangs ein naiver Erfüllungsgehilfe seines Bosses, entdeckt er plötzlich sein Gewissen, ganz nebenher, während er mit der Tochter seines Brötchengebers flirtet, die wenig später sang- und klanglos verschwindet, ohne jemals wieder erwähnt zu werden. Ein Schicksal, das sie mit Heike Makatsch teilt, die mitsamt ihrer unbedeutenden Rolle wirkt, als hätte sie sich zufällig auf den Set verirrt und wäre spontan von Peter Hyams zu ein paar Drehtagen eingeladen worden. Am Übelsten spielte das Drehbuch aber Catherine McCormack (Mel Gibsons Geliebte in "Braveheart") mit: Ihre Figur der Wissenschaftlerin Sonia Rand (Anspielung auf Ayn Rand?) verkörpert den Archetyp einer unsympathischen Hysterikerin, die kein einziges Mal ruhig und besonnen ihre Argumente oder Ansichten vorträgt, sondern aggressive Arroganz an den Tag legt.

Gibt es denn nun gar nichts Gutes über "A Sound Of Thunder" zu vermelden? Doch: Ein paar Ideen zum Wesen der Evolution wiesen Potenzial auf, hätte man sie ernstgenommen, anstatt sie, wie viele andere Handlungsstränge, rasch wieder fallenzulassen. Eingedenk der größtenteils miserablen Spezialeffekte, zahlreicher Ungereimtheiten und der unsympathischen Protagonistin, liefert der Science-Fiction-Streifen trotzdem die richtige Mischung für einen "so schlecht, dass er schon wieder gut ist"-Film ab. An manchen Stellen wird der Zuschauer wohl unwillkürlich lachen, was von den Produzenten gewiss nicht beabsichtigt war. "A Sound Of Thunder" macht somit enorm viel Spaß und erweist sich als der ideale Film für einen vergnügten DVD-Abend unter Freunden.

Originaltitel: A Sound of Thunder

Regie: Peter Hyams

Produktionsland und -jahr: USA / D / CZ, 2005

Filmlänge: ca. 97 Minuten

Verleih: Paramount Home Entertainment

Deutscher Kinostart: 1.1.2006

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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