Abba - Ring-Ring (1973)

Abba-einfach nur 70er-Jahre-Kitsch?

Abba bewegte sich bekanntlich immer ganz nah am Rand zum Kitsch und Schlager. Oft wurde die Choreographie und die irre Klamottenauswahl parodiert, man denke nur an das witzige Erasure-Video aus den 90ern. Was nicht allen Musikfans bekannt ist: Agnetha hat früher tatsächlich hoffnungslosen Kitsch gesungen und dies auch noch auf Deutsch!

Abba: Drama pur

Die Hauptursache für die magische Wirkung ihrer Musik auf Alt und Jung bis in die heutige Zeit ist die Dramatik ihrer Songs. Nahezu jeder Song erzählt musikalisch und inhaltlich eine fesselnde Geschichte, die den Hörer vom ersten Ton an in den Bann zieht. Björn und Benni, die beiden Songschreiber, konnten zwar keine Noten lesen, hatten und haben aber überragendes musikalisches Talent. Sie schrieben die Songs nicht nach Schema-F: Ein bisschen Strophe, netter Break, Refrain und alles gut durchgerührt. Nein, bei Abba wurde aus jedem Song ein Opus, ein kleines Mini-Musical mit mehreren Spannungssteigerungen und Refrains, die man nicht vergessen kann. Völlig naheliegend, dass es heute ein Abba-Musical gibt. - Obwohl man die Story um das Musical eigentlich besser um die vier Bandmitglieder und ihre Beziehungsprobleme herumgestrickt hätte, als eine Mutter-Tochter-Geschichte zu erfinden. - Bei Abba folgen auf hauchzarte leise Töne mit Meisterhand komponierte Stimmungswechsel bis hin zu den fulminanten Refrains. Die meisten anderen damaligen und aktuellen Popsongs trauen sich dies gar nicht. Oft entscheidet man sich entweder für eine Ballade oder für einen schnelle laute Nummer.

Abba (Bild: AllPosters)

Agnetha und Anni-Frid: Traumfrauen und Identifikationsfiguren

Schaut man sich die alten Videos von Abba an, sieht man im Publikum vor allem Heerscharen kleiner Mädchen im Grundschulalter. Agnetha und Anni-Frid waren eben die weiblichen Vorbilder schlechthin. Kein Wunder, denn Agnetha sah aus wie Barbie in Person und Anni-Frid war erstens optisch auch nicht zu verachten und zweitens das dunkelhaarige Pendant zu Agnetha. Gutes Aussehen und tolles Styling alleine reichen aber bekanntlich nicht um zum Superstar zu avancieren, die beiden berührten ihre Fans einfach auch emotional. In ihren Videos mussten sie nicht viel anderes tun, als authentisch zu bleiben, man konnte und durfte immer die privaten verletzlichen Frauen hinter den Superstars sehen. Die ganze Band wurde zu einer Art Wunschfamilie, bestehend aus Eltern und Onkel und Tante. Dies kommt auch daher, dass die Band aus zwei realen Paaren bestand. Eine ganze Weile lang stand Abba für eine heile Beziehungswelt. Die Fans im Kinderalter sahen in den Vieren also zum einen ihre aktuelle Wunschfamilie und zum anderen den Zukunftstraum vom eigenen Familienglück.

Wieso Agnetha und Anna-Frid vor allem anderen Traumfrauen waren, muss wohl nicht groß erläutert werden. So manch mutiges Outfit trug sicherlich dazu bei.

Agnetha und Anna-Frid alleine haben niemals so umwerfend gewirkt wie zusammen, weder musikalisch noch von ihrer weiblichen Ausstrahlung her. Leider waren ihre Stimmen solo zwar auch toll, aber nicht besonders auffällig. Erst zusammengemixt ergab sich der einmalige metallische Abba-Supersound. Dies hing sicherlich auch damit zusammen, dass die beiden Tüftler Björn und Benni manchmal die Stimmen der beiden Beautys 20-fach übereinandermixten. Im Grunde bekommen wir bei den meisten Songs einen kleinen Agnetha-Frida-Chor zu hören. Aber dies war zu der damaligen Zeit auch eine wahre Meisterleistung und kein Fake, denn Abba schaffte es (mit riesen Aufwand) live den selben Sound zu produzieren wie auf Platte.

Bleibt immer noch die Frage, warum sich heutige Musikproduzenten an Abba kein Beispiel nehmen: Warum nicht zwei gute Sängerinnen nehmen, statt nur einer? Warum lieber vier bis fünf mittelmäßig gute SängerInnen zu einer Popband casten als lauter Top-Leute? Mit mehrstimmigem Gesang lassen sich ungewöhlich volle Sounds produzieren, stattdessen werden die meisten Pop-Songs lieber unisono gesungen (Paradebeispiel: der Mädchenchor von "Daylight in your Eyes", was hätte man aus dem Song alles machen können..).

Im übrigen bin ich selber gar kein richtiger Abba-Fan. Ich besitze keine Platte oder CD oder Downloads von ihnen. Ist auch gar nicht nötig, man hört sie immer mal wieder im Radio oder sieht sie im Fernsehen und freut sich, schließlich hat der Musik-Olymp bislang nichts Vergleichbares hervorgebracht.

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