Zeitzeugen und Standesämter: Die besten Informanten

Am Beginn jeder Forschungsreise in die Familiengeschichte steht eine alles entscheidende Frage: Wie beginnen? Von der richtigen Antwort darauf hängt in der Regel der Erfolg des Vorhabens ab.

Die einzig mögliche Vorgehensweise in beinahe jedem Fall besteht darin, sich ausgehend von der Gegenwart immer weiter in die Vergangenheit vorzuarbeiten. Dazu benötigt man zunächst jedoch einen Grundstock an Daten, aus welchem sich die weiteren Schritte zwangsläufig ergeben. Die besten Informanten sind dabei Großeltern, Urgroßeltern oder auch deren Nachbarn und Freunde. Von ihnen erfährt man die Namen weiterer Vorfahren sowie Orte, an welchen eine spätere Archivsuche anzusetzen ist. Lebende Zeitzeugen können zudem oft mit interessanten Details aufwarten, welche nie Eingang in behördliche Aufzeichnungen gefunden haben. Allerdings sollte man bedenken, dass die Erinnerung (nicht nur) bei alten Menschen mit Fehlern behaftet ist.

Zur Ergänzung und Konkretisierung dieser ersten Informationen empfiehlt sich gelegentlich auch ein Gang über den Friedhof, denn auf vielen Grabsteinen werden genaue Geburts- und Sterbedaten angegeben.

Ausgerüstet mit Namen, Jahreszahlen und der richtigen Ortsangabe kann die "echte" Ahnenforschung nun endlich beginnen. Das Durchsuchen alter Archive ist dabei leichter als gedacht. Der Zeitraum von der Gegenwart bis ca. 1870 zurück lässt sich am ehesten durch eine Anfrage bei den Standesämtern ergründen. Dabei sollte man eine kurze, schriftliche Darlegung des Verwandtschaftsgrades sowie eine Ausweiskopie vorlegen können. Die eigentliche Dokumentensuche übernehmen die Standesämter selbst. Natürlich ist dies in der Regel gebührenpflichtig.

Ein Tipp zur Kostenersparnis: Man sollte stets eine Fotokopie der entsprechenden Urkunde verlangen, denn das Wort "Kopie" allein bezeichnet im Amtsdeutsch eine beglaubigte Abschrift, deren Anfertigung wesentlich teurer zu Buche schlägt.

Die Gründlichkeit deutscher Behörden gereicht dem Ahnenforscher zum Vorteil, denn auf den Dokumenten befinden sich außer dem eigentlich beurkundeten Sachverhalt auch Querverweise und weitergehende Informationen, beispielsweise Namen, Geburtsdaten und Berufe der Eltern sowie Angaben zu Scheidungen, weiteren Eheschließungen oder Namensänderungen. Diese Mitteilungen sind wertvolle Hinweise für die Suche nach den nächsten Vorfahren.

Mühsame Archivsuche? Das können andere besser!

In Deutschland lässt sich das Leben unserer Ahnen vor 1870 am besten durch Kirchenbucheinträge rekonstruieren. Ein Antrag an das zuständige Landeskirchenamt sowie eine geringe Gebühr ermöglichen in der Regel recht problemlos den Zugriff auf die Kirchenarchive. Meist steht man anschließend jedoch vor einer schwierigen Hürde: Relativ wenig Menschen sind heute in der Lage, die handschriftlichen, altdeutschen Buchstaben auf den vergilbten Blättern zu entziffern, zumal einige Worte im heutigen Sprachgebrauch schlichtweg nicht mehr vorkommen. Es ist daher vorteilhafter, einen entsprechenden Schriftkundigen zu beauftragen. Wer es dennoch selbst probieren möchte, sollte nach Möglichkeit Fotokopien anfertigen, um später in Ruhe die letzten Unklarheiten zu entziffern.

Wie erfolgreich die Suche in Kirchenarchiven verläuft, hängt nicht zuletzt auch von folgenden Fragen ab: Wie genau nahm der damalige Pfarrer seine Eintragungen vor? Gingen Kirchenbücher durch Kriege verloren? Wurde verzeichnet, aus welchem Kirchenbezirk eine zugezogene Person stammt? Lebten die Vorfahren in Gebieten, welche heute ausländisches Territorium sind?

Obwohl Kirchenbücher bei weitem die erfolgversprechendste Datensammlung darstellen, gibt es auch gute Alternativen. So bietet das Internet eine unüberschaubare Fülle an Datenbanken und privaten Websites, denn die weltweite Gemeinde der Genealogen ist mittlerweile äußerst zahlreich. Vielleicht haben ja andere Ahnenforscher die fehlenden Daten bereits herausgefunden. Mit etwas Glück lassen sich auf diese Weise Zeit und Geld sparen, und man lernt interessante Menschen oder gar neue Verwandte kennen!

Breite oder Tiefe? Ahnenforschung richtig betrieben

Je nach Quellenlage kommt für jeden Amateur-Genealogen irgendwann einmal der Zeitpunkt, an dem die Fülle der Namen, Orte und Zahlen ein unübersichtliches Ausmaß annimmt. Deshalb empfiehlt es sich, von vornherein eine bestimmte Strategie festzulegen: Forschen in die Breite bedeutet, die mit jeder Generation umfangreicher werdende Familie Person für Person zu ermitteln. Zwangsläufig muss man bei dieser mühsamen Methode allerdings ab einer gewissen Datenmenge Grenzen setzen.

Effektiver ist es, zunächst zielgerichtet in die Tiefe, also die Vergangenheit vorzustoßen. Am besten lässt sich dies wegen der Namensgleichheit bei der männlichen Linie des Vaters verwirklichen: Man ermittelt also zunächst konsequent so weit wie möglich Vater, Großvater, Urgroßvater etc.. Aus den dazu nötigen Dokumenten ergeben sich oft so viele Querverweise auf andere Familienmitglieder, dass sich das Ahnenregister allmählich von selbst füllt. Analog oder alternativ kann dies natürlich auch mit den entsprechenden weiblichen Vorfahren durchgeführt werden.

Was tun mit der Datenflut?

Schon frühzeitig sollte man seine Erkenntnisse geordnet aufzeichnen, denn sie können bereits während der weiteren Forschung eine gute Hilfestellung sein. Der klassische Stammbaum bietet beispielsweise einen optisch ansprechenden und schnell erfassbaren Überblick über die Familienverhältnisse. Doch mit zunehmender Datenmenge wird er unpraktikabel. Daher sollte ergänzend ein handelsüblicher Ahnenpass geführt werden. Dieser basiert auf einem bestechend logischen Zahlensystem, welches jedem Vorfahr eine Nummer zuweist. Jene erscheint ebenfalls in den Querverweisen anderer Einträge, so dass sich relativ unkompliziert feststellen lässt, wer beispielsweise der Schwiegersohn des Vorfahren XY war...

Doch Namen, Orte und Datumsangaben allein befriedigen die Neugier vieler Hobbyforscher nicht dauerhaft. Wer möchte nicht gern wissen, wie seine Vorfahren dachten, lebten, liebten und arbeiteten? In den alten Schriften wirft so mancher Eintrag zu Todesfällen, Krankheiten oder Umsiedlungen neue Fragen auf. Hinweise darauf findet man oft in der regionalen Geschichte. Spezielle Fakten jedoch, beispielsweise zu wirtschaftlichen oder juristischen Vorgängen, können mitunter auch in den Landesarchiven ermittelt werden.

Doch Vorsicht: Wer einmal selbst in alten Akten erfolgreich gefahndet hat, kann schnell danach süchtig werden. Schließlich ist Ahnenforschung oft interessanter als jeder Krimi, denn das Ende scheint völlig ungewiss...

Exkurs: Wie nennt man den Vater eines Urgroßvaters?

Die richtige Bezeichnung eines Verwandtschaftsgrades kann sich bisweilen als komplizierte Aufgabe erweisen. Welchen Begriff verwendet man zum Beispiel für den Cousin der Mutter? Der korrekte Verwandtschaftsgrad lautet in diesem Fall: Cousin zweiten Grades.

Die weit verbreitete, jedoch falsche Annahme, dass es sich hierbei um einen Großcousin handelt, erfreut sich dennoch einer ungebrochen hohen Popularität. Doch selbst bei den weniger verzwickten Verwandtschaftsbeziehungen drücken sich viele Menschen unbewusst immer wieder falsch aus. Besonders gut kann man dies auch an der direkten Linie unserer Vorfahren beobachten.

Wenn beispielsweise der Vater des Urgroßvaters gemeint ist, spricht man nicht selten vom "Ururgroßvater". Analog dazu wird dann jeder weiteren Vorgänger-Generation einfach ein zusätzliches "Ur" vorangestellt. Wie schnell diese Methode unpraktikabel wird, dürfte nach spätestens zehn Generationsfolgen auch dem eifrigsten "Ur"-Benutzer klar geworden sein. Denn in diesem Fall müsste man das sperrige Wort "Ururururururururgroßvater" benutzen.

Die richtige Bezeichnung der Ahnenreihe

Professionelle Genealogen verwenden daher eine völlig andere Aufteilung. Jene wirkt nur im ersten Moment etwas unübersichtlich, denn nicht alle Begriffe bauen aufeinander auf. Tatsächlich jedoch basiert diese Vorgehensweise auf einem durchaus logischen System: Die drei Generationen "Eltern", "Großeltern" und "Urgroßeltern" werden dabei jeweils um einen Zusatz vor dem Begriff ergänzt. Der Zusatz der vorhergehenden drei Generationen entfällt jedoch wieder. Ausgehend von diesem System ergibt sich für die ersten 24 Vorgänger-Generationen folgende Auflistung:

1. – 3. Generation: Eltern, Großeltern, Urgroßeltern

4. – 6. Generation: Alt-Eltern, Alt-Großeltern, Alt-Urgroßeltern

7. – 9. Generation: Obereltern, Ober-Großeltern, Ober-Urgroßeltern

10. – 12. Generation: Stamm-Eltern, Stamm-Großeltern, Stamm-Urgroßeltern

13. – 15. Generation: Ahnen-Eltern, Ahnen-Großeltern, Ahnen-Urgroßeltern

16. – 18. Generation: Urahnen-Eltern, Urahnen-Großeltern, Urahnen-Urgroßeltern

19. – 21. Generation: Erzeltern, Erzgroßeltern, Erz-Urgroßeltern,

22. – 24. Generation: Erzahnen-Eltern, Erzahnen-Großeltern, Erzahnen-Urgroßeltern

Erstaunliche Zahlen rund um die Familie

Geht man davon aus, dass ein Jahrhundert ungefähr drei bis vier Generationen umfasst, so lässt sich mit oben stehender Generationenreihe jeder Vorfahre der letzten 600 bis 800 Jahre korrekt bezeichnen. Für die meisten Amateur-Genealogen dürfte diese Liste also mehr als ausreichend sein.

Faszinierend ist jedoch noch eine andere Tatsache: Da sich die Anzahl unserer Vorfahren mit jeder Generation verdoppelt (zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw.), bedeutet dies, dass jeder Mensch 16 777 216 Erzahnen-Urgroßeltern hat. Kein Wunder also, wenn Hobby-Ahnenforscher immer wieder feststellen müssen, dass sie weitläufig miteinander verwandt sind.

Anhand der Generationenfolge lässt sich also nun feststellen: Der Vater des Urgroßvaters ist kein "Ururgroßvater", sondern schlicht der "Altvater". Doch wie wird nun (analog zur anfänglich gestellten Frage) der Cousin einer Erz-Urgroßmutter bezeichnet? Vielleicht "Erz-Urgroßcousin zweiten Grades? Die Antwort darauf dürfte selbst für eingefleischte Genealogen ein kniffliges Rätsel darstellen...

Autor seit 5 Jahren
155 Seiten
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