Alt Rehse: Ort mit unscheinbarer Geschichte?

Die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes stammt aus dem Jahr 1182. Vermutlich war Alt Rehse damals noch ein reines Bauerndorf. Erst im 15. Jahrhundert wurde daraus ein Gutsdorf mit herrschaftlichem Gutshof als wirtschaftlichem und verwaltungstechnischem Zentrum. Das Dorfleben verlief offenbar nicht ungewöhnlich. Hunger, Pest und Kriege sorgten dafür, dass die Einwohnerzahl über Jahrhunderte nahezu stagnierte. Das Gut warf wahrscheinlich keine Reichtümer ab. Zunächst arbeiteten auf den Feldern freie Bauern, später Leibeigene und schließlich Tagelöhner. Die Gutsbesitzer wechselten häufig.

Der Schlosspark: Grundlage der neueren Ortsgeschichte

Vielleicht wäre Alt Rehse eines der unzähligen Gutsdörfer Mecklenburgs geblieben, die auch heute noch ein unscheinbares Dasein fristen. Doch 1897 wurde ein gewisser Ludwig Freiherr von Hauff Eigentümer des Landgutes. Sein Lebensstil soll trotz des kargen Ertrags recht üppig gewesen sein. So ersetzte er beispielsweise das bisherige Gutshaus durch das kleine Schloss Lichtenstein, ließ ringsum einen 64 Hektar großen Landschaftspark anlegen und durchzog diesen mit gepflasterten Alleen. Doch das Schloss brannte bereits 1921 ab. Man baute es zwar sofort wieder auf, aber die wirtschaftliche Lage veranlasste die Geschwister Ingeborg und Ernst-Günther von Hauff 1933, das Gut zum Verkauf anzubieten. Ein solcher kam (angeblich aufgrund von Streitigkeiten) allerdings nicht zustande. Währenddessen geriet das Dorf plötzlich in den Fokus unheilvoller Ideologien.

Typische Musterdorfhäuser

Typische Musterdorfhäuser

Braune Politik in weißen Kitteln

Angeblich auf Betreiben des Hartmannbundes, des "Verbandes der Ärzte Deutschlands" wurde das Gut 1934 durch die Nazis enteignet. In dreijähriger Bauzeit gestaltete die braune Diktatur das Parkgelände zur "Schule der Deutschen Ärzteschaft" um. Ein Stadion, mehrere Fachwerkhäuser sowie eine Sporthalle entstanden. Bereits 1935, noch während der Bauarbeiten, nahm man den "Lehrbetrieb" auf. Mediziner wurden politisch indoktriniert und sollten ihrerseits die Rassentheorie der Nazis wissenschaftlich untermauern. Der Hartmannbund selbst wurde im Jahr darauf allerdings durch das braune Regime aufgelöst und reorganisierte sich erst 1949.

 Doch die schlimme Entwicklung betraf keineswegs nur den Schlosspark. Braune Ideologen ließen einen Großteil des Dorfes zerstören und errichteten neue Gebäude im ländlichen Stil. Alt Rehse sollte ein Musterdorf der Deutschen werden. Die neuen Fachwerkhäuser mit Reetdächern erhielten die Namen deutscher Orte sowie den Zusatz "erbaut im 3. Jahre". Gemeint ist damit 1935, das dritte Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft. Auch die Dorfkirche wurde baulich präpariert, so dass daraus später mit vergleichsweise geringem Aufwand eine okkulte Weihehalle der SS hätte entstehen können.

 

Die Kirche sollte später SS-Weihehalle werden

Die Zeit der roten Diktatur

Ab 1941 wurden die Gebäude im Schlosspark als Lazarett genutzt. Nach Kriegsende kampierten hier russische Soldaten. Zur geplanten Sprengung des Dorfes (man vermutete ein Labor für bakteriologische Waffen) kam es jedoch nicht. Stattdessen wurde der Schlosspark zunächst für die Unterbringung von Waisenkindern verwendet, später als Bildungsstätte für Lehrer. Ab 1958 gehörte das Parkgelände offiziell der DDR-Armee NVA. Wiederum waren nun Mediziner in dem Areal präsent: Leistungssportler wurden auf höchstes Niveau getrimmt, Größen aus Politik und Showgeschäft nutzten den Ort zudem als Wellness-Oase.

Das Dorf selbst blieb weiterhin abgelegen und unscheinbar. Sozialistische Wirtschaftsweise und Zwangskollektivierung verhinderten eine expansive Entwicklung. Unruhe kam in der Bevölkerung allerdings auf, als ab 1977 geheimnisvolle Bunkeranlagen errichtet wurden. Erklärungen gab es dazu nicht, nur einen elektrischen Hochsicherheitszaun.

Die Zeitzeugen der beiden deutschen Diktaturen sind für aufmerksame Besucher heute noch erkennbar. Stacheldraht, verfallene Bunkeranlagen, ein Gedenkstein. Unauffälliger ist hingegen die subtile Aussage einer Wiese vor dem sogenannten Gemeinschaftshaus: Sie war der frühere Appellplatz und ist durch einen deutlichen Abhang vom Gebäude abgegrenzt. Bei Appellen sollte das "einfache Fußvolk" eben zu seinen politischen Führern aufblicken.

Alt Rehse seit der politischen Wende 1989

Wechselhaft gestaltete sich die Ortsgeschichte auch nach dem Untergang der DDR. Die Eigentumsverhältnisse bezüglich Ortschaft und Schlosspark waren über Jahre hinweg Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Ungeachtet seiner unrühmlichen Rolle in der Ortsgeschichte soll selbst der Hartmannbund Rückgabeansprüche erhoben haben.

Das Parkgelände bewirtschaftete (bzw. bewachte) zunächst die Bundeswehr, welche den Einwohnern jedoch relativ freien Zugang gewährte. 1998 lag das Areal dann vollends brach. Es bestand die Gefahr, dass nun rechtsgerichtete Kampfsportgruppen oder andere ideologisch Ewiggestrige den symbolträchtigen Park requirieren würden, wozu es auch aufgrund engagierter Gemeindevertreter glücklicherweise nicht kam.

Ab 2006 war das Schlossgelände unter dem Namen "Tollense Lebenspark" öffentlich zugänglich und sollte nun endlich einem friedlichen und positiven Zweck dienen. Unter Regie einer Stiftung entstanden hier gastronomische Einrichtungen, Stellplätze für Wohnmobile sowie Möglichkeiten zum Zelten. Das Bewirtschaftungskonzept war ökologisch ausgerichtet. Einige junge Leute versuchten sich hier zudem an der Umsetzung linksalternativer Lebenskonzepte.

Doch der friedliche und positive Neuanfang endete bald im wirtschaftlichen Fiasko. Zwangsversteigerung, Gerichtsverfahren, neue Investitionsideen und öffentlich geführte Auseinandersetzungen folgten. 2016 wurde das Gelände schließlich verkauft. Angedacht war eine touristische Vermarktung. Im gleichen Jahr geriet nicht nur der Schlosspark, sondern auch der Ort selbst wochenlang in die Schlagzeilen. Eher zufällig stießen Polizisten auf eine stark verweste Frauenleiche. Die Ermittlungen ergaben eine extrem grausame Mordtat, deren Opfer aus einer Fernsehshow bekannt war.

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