Gaius Julius Cäsar, römischer Feldherr und Diktator. Er stieß mit seinen Legionen bis an den Rhein vor und traf auf die "Germanen". (Bild: Dr. Jürgen Boxberger)

Mit Cäsar hatte alles begonnen

Mit der Eroberung Galliens durch Gaius Julius Cäsar (100-44 v. Chr.) dehnte die römische Republik ihr Territorium im Norden bis an die belgische Küste aus. Nach dem Sieg über den kelto-germanischen Herzog Ariovist in der Schlacht bei Mühlhausen 58 v. Chr. standen römische Legionen erstmals am Rhein und somit unmittelbar vor den Siedlungsgebieten der Germanen. Durch zwei spektakuläre Rheinübergänge und Strafexpeditionen in den Jahren 55 und 53 v. Chr. demonstrierte Cäsar den rechtsrheinischen "Barbaren" die Überlegenheit römischer Macht und Militärtechnik. Gleichzeitig bekräftigte er mit diesen Unternehmungen die Absicht Roms, den Rhein nicht als natürliche Staatsgrenze zu betrachten. Die Bürgerkriegswirren, verursacht durch die Ermordung des Diktators 44 v. Chr., unterbrachen zwar zunächst die römischen Expansionsbestrebungen im Nordwesten, doch nach der Durchsetzung Octavians (63 v. Chr.-14 n. Chr.) als erster römischer Kaiser rückten Rhein und auch Donau wieder in den Fokus der imperialen Hegemonialpolitik. Augustus (lat.: der Erhabene), wie Octavianus nun genannt wurde, nahm die Strategie der territorialen Ausdehnung seines Adoptivvaters Cäsar wieder auf und ließ seine Feldherren, die Halbbrüder Tiberius (42 v. Chr.-37 n. Chr.) und Drusus (38-9 v. Chr.), die keltischen Orte Brigantium (Bregenz) und Cambodunum (Kempten) erobern. Damit war die Reichsgrenze vom Nordrand der Alpen bis zur Donau vorgerückt. Mit der Einrichtung der Provinz Rätien zwischen Augusta Vindelicorum (Augsburg) und Augusta Rauracia (Augst in der Schweiz) hatte Rom einen ersten Schritt in Richtung Nordausdehnung getan.

Augustus will die Elbe als Reichsgrenze

Gleichzeitig mit den Feldzügen in den Gebieten Bayerns, Tirols und der Schweiz nahm Augustus mit der dauerhaften Stationierung von Legionen in auf Dauer angelegten Standlagern die Sicherung der Rheingrenze und der Truppenversorgung entschlossen in Angriff. Er fühlte sich durch wiederholte Überfälle germanischer Kriegerbanden, die dem Statthalter in Gallien, Marcus Lollius, eine peinliche Niederlage beigebracht hatten, herausgefordert. In den folgenden Jahren entstand so entlang des Rheins eine Kette von römischen Kastellen und Siedlungen, von denen aus die Ostkolonisation vorangetrieben werden sollte: Argentoratum (Straßburg), Noviomagus (Speyer), Mogontiacum (Mainz), Asciburgium (Moers-Asberg), Bonna (Bonn), Antunnacum (Andernach), Confluentes (Koblenz), Castra vetera (Xanten) und Noviomagus (Nijmegen).

Auch entlang der Lippe wurden mehrere Standlager angelegt (unter anderem bei Haltern, Holsterhausen, Oberaden und Beckinghausen). Sie sollten die Vorstöße und den Nachschub in die eroberten Gebiete Innergermaniens sichern. Doch die Römer scheuten selbst noch gewaltigeren Aufwand nicht. Von Nijmegen aus stieß Drusus 12 v. Chr. auf der Suche nach der Elbe mit einer eigens gebauten Flotte entlang der Norseeküste bis zur Ems- und Wesermündung vor. Bei der Verfolgung flüchtiger Cherusker über Land erreichten er und seine Armee im Jahr 9 v. Chr. die Elbe. Ob er bei Magdeburg oder an der Saalemündung auf den Fluss stieß, war bis heute unklar.

Octavianus Augustus, erster römischer Kaiser. Die Gründung der Provinz Germania magna scheiterte am heftigen Widerstand der Germanen. (Bild: Dr. Jürgen Boxberger)

Germanien – eine neue Provinz im Norden?

7 v. Chr. schien der Widerstand der meisten rechtsrheinischen Germanenstämme gebrochen. Die Offensive wurde von Augustus als abgeschlossen angesehen, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe für befriedet erklärt. Die Einrichtung der neuen Provinz Germania magna konnte beginnen. Lange waren die Berichte des römisch-griechischen Geschichtsschreibers Cassius Dio, dass bereits zur Zeit der Statthalterschaft des Quintilius Varus (7-9 n. Chr.) rechts des Rheins erste, planmäßige römische Ortsgründungen (Civitates) erfolgt waren, als unglaubwürdig eingeschätzt worden - wohl auch auf Grund bislang fehlender Bodenfunde. 1993 erfuhr Cassius Dio seine späte Rehabilitation, als in der Nähe von Wetzlar bei der Gemeinde Waldgirmes eine römische Siedlung freigelegt wurde, die allein wegen ihres überproportionalen Forums und der darauf aufgestellten Reiterstatue des Kaisers als ein auf Wachstum angelegter Hauptort einer Civitas angesehen werden musste. Alle Funde und Fundumstände sprechen dafür, dass die Siedlung in Zusammenhang mit der damals vorangetriebenen Provinzialisierung Germaniens stand. Ihr anfänglich militärischer Charakter war im Laufe ihrer kurzen Entwicklungsgeschichte mehr und mehr dem einer auf Handel und Versorgung ausgerichteten Zivilsiedlung gewichen. Bereits 1987 hatte die Entdeckung des mutmaßlichen Schlachtfeldes der legendären Schlacht im Teutoburger Wald bei Kalkriese im Osnabrücker Land zu einer vorsichtigeren und wohlwollenderen Beurteilung antiker Schriftsteller wie Cornelius Tacitus, Cassius Dio und Velleius Paterculus geführt. Weitere archäologische Überraschungen waren ja nicht auszuschließen.

"Drusus war in Dresden"

2015 war der sächsische Althistoriker Karl G. Karusic auf auffallende Übereinstimmungen des Lageplans des Dresdner Universitätsklinikums mit dem klassischen Grundriss eines römischen Militärlagers aufmerksam geworden. Der Wissenschaftler, der bereits vor Jahren in seinem viel beachteten Buch "Roms Glanz und Sachsens Gloria" die unbewusste Vorliebe des sächsischen Königshauses für den Namen August auf die längst in Vergessenheit geratene, römische Vergangenheit Dresdens zurückgeführt hatte, witterte eine der aufsehenerregendsten archäologischen Entdeckungen des Jahrhunderts. Er sollte Recht behalten.

"Der Vergleich sämtlicher Pläne des Klinikgeländes, auch der historischen, stimmt in verblüffender Art und Weise mit dem Grundriss eines römischen Militärlagers überein.", äußerte sich Dr. Karusic gegenüber der Agentur für Print, Radio, Internet und Literatur (APRIL). "Die Reste eines Kastells auf Dresdner Stadtgebiet, das ließ nur einen Schluss zu: Drusus muss auf seinem Feldzug 9 v. Chr. viel weiter nach Süden vorgestoßen sein, als man bisher vermutet hatte. Er war hier, er war in Dresden!" Der Althistoriker verweist darauf, dass der kaiserliche Feldherr sich sogar anschickte, den Strom zu überqueren. Cassius Dio und Gaius Suetonius berichten übereinstimmend, dass sich Drusus, der kleine Mann aus Italien, nur durch das furchtbare Geschrei eines "riesenhaften, barbarischen Weibes" habe abschrecken lassen. Diese Frau habe ihn mit übelsten Flüchen und schrecklichen Verwünschungen bedacht und ihm sein nahes Ende angekündigt. Tatsächlich stürzte der erst Neunundzwanzigjährige vor Schreck vom Pferd und erlag wenig später seinen Verletzungen.

Tiberius, römischer Feldherr und ...

Tiberius, römischer Feldherr und Nachfolger des Augustus. Er folgte den Spuren seines Halbbruders Drusus bis nach Dresden. (Bild: Templermeister/pixelio.de)

Tiberius ließ das Kastell an der Elbe errichten

Der Tod eines ihrer fähigsten Militärs in den Urwäldern Germaniens beendete den Expansionsdrang der Römer nach Osten keineswegs. Die Vorstöße nach Innergermanien wurden unbeirrt fortgesetzt. Im Jahr 5 n. Chr. trafen sich die Legionen und die römischen Kriegsschiffe am Unterlauf der Elbe. Auf einem gewaltigen Feldzug, an dem sich die Flotte und das durch Hilfstruppen verstärkte Landheer beteiligten, unterwarf der Feldherr Tiberius die germanischen Stämme der Langobarden, Semnonen und Hermunduren. Möglicherweise nahm als römischer Offizier einer Hilfstruppe sogar jener Cherusker Arminius an der Expedition Teil, der vier Jahre später der Provinz Germania durch die Schlacht im Teutoburger Wald ein rasches Ende bereiten sollte.

"Tiberius muss mit der Flotte die Elbe aufwärts bis Dresden gefahren sein.", ist sich der Althistoriker Dr. Karusic sicher. "An der Stelle, an der seinerzeit Drusus umgekehrt war und die dieser zur Abschreckung der Einheimischen mit an Pfählen befestigten Beutewaffen gekennzeichnet hatte, ist Tiberius an Land gegangen. Dort ließ er ein Marschlager anlegen, dessen Grundriss wir heute noch im Lageplan des Universitätsklinikums unzweifelhaft erkennen können. Die Legionäre von damals könnten heute noch auf den Lagerstraßen gehen, die sie vor 2011 Jahren nach altrömischer Militärtradition angelegt hatten."

Ein Legionslager wie vom Reißbrett

"Der Anlegeplatz der Flotte befand sich etwas östlich der heutigen Waldschlösschenbrücke.", erläutert Dr. Karusic. "Von dort führte eine Versorgungsstraße zum Kastell, das in einiger Entfernung vom Ufer auf einer hochwassersicheren Fläche angelegt worden war. Folgte man der Straße, gelangte man zur Porta Praetoria, dem Haupttor des Kastells, das sich am heutigen Eingang des Universitätsklinikums an der Pfotenhauerstraße befand. Hinter dem Tor, beiderseits der Via Praetoria, der Ausfallstraße, war die Praetentura, also das Vorderlager, angelegt. In der Regel waren dort die Hilfstruppen untergebracht. Heute befinden sich im östlichen Bereich unter anderem die Gebäude der Kinder- und Jugendmedizin, die Frauenheilkunde und die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gegenüber stehen heute die Notaufnahme, das Herzzentrum und die Orthopädie. In ihrem südlichen Verlauf wird die Via Praetoria von der Via Principalis rechtwinklig geschnitten. Sie führt in westlicher Richtung zur Porta Principalis Sinistra, an deren Stelle sich heute die Zufahrt von der Fetscherstraße befindet. Die östliche Porta Principalis Dextra müssen wir uns zwischen dem Gebäude der Psychiatrie und der Medizinischen Klinik III denken.

Überquerte man die Via Principalis, gelangte man in das Praetorium, wo der Lagerkommandant, sein Stab, die Feldzeichen und die Legionskasse untergebracht waren. Heute befinden sich in diesem Bereich unter anderem die Rechtsmedizin und das Restaurant sowie das Labor und die Diabetologie. Östlich und westlich des Praetoriums haben sich wahrscheinlich Werkstätten, Magazine, Pferdeställe und die Krankenstation befunden. Im Anschluss an das Praetorium verlief parallel zur Via Principalis  die Via Quintana, deren Verlauf zwischen Haus 1 und Haus 65 noch ungefähr erkennbar ist. Zwischen der Via Quintana und der heutigen Fiedlerstraße befand sich beiderseits der Via Decumana das Rück- oder Hinterlager, die Retentura. Hier standen die Unterkünfte der regulären römischen Truppen und ihrer Verbündeten. Folgte man der Via Decumana nach Süden, gelangte man zur Porta Decumana, der heutigen Hauptzufahrt zum Universitätsklinikum."

Grundriss eines römischen Militärlagers
Das Wegeraster und die Hauptzugänge ...

Das Wegeraster und die Hauptzugänge (rot eingezeichnet) eines römischen Legionslagers. Verändert nach A. Johnson. (Bild: © A. Johnson: "Römische Kastelle", Verlag Zabern)

Lageplan des Universitätsklinikums Dresden
Die Hauptwege und Zufahrten des ...

Die Hauptwege und Zufahrten des Klinikums stimmen exakt mit dem Straßenraster eines römischen Kastells (rot) überein. (Bild: © Universitätskliniken Carl Gustav Carus Dresden)

Rekonstruiertes römisches Marschlager
So könnte es im Dresdner Marschlager ...

So könnte es im Dresdner Marschlager ausgesehen haben: Lederzelte als Mannschaftsunterkünfte. Im Vordergrund: Legionsfeldzeichen und andere Utensilien. (Bild: Dr. Jürgen Boxberger, Kalkriese 2009)

Verstärkte Suche nach Bodenfunden

Trotz der in den letzten Jahren verstärkten Bautätigkeit auf dem Gelände des Klinikums waren bisher keine Grundmauern aus römischer Zeit gefunden worden. Dr. Karusic erklärt die spärliche Fundsituation so: "Das Lager war noch nicht aus dauerhaftem Material erbaut worden, sondern bestand aus Erdwällen und Holzpalisaden. Die Unterkünfte waren einfache Barracken und Zelte. Außerdem war das Kastell lediglich vier Jahre mit einer Besatzung belegt. Nach der Katastrophe im Teutoburger Wald wurde es aufgegeben. Die Einheimischen werden das Wenige, was an Verwertbarem übriggeblieben war, eingesammelt haben. Der Rest vermoderte. Nur das Raster der Lagerstraßen überdauerte die Jahrhunderte bis zur Wiederbesiedlung im Mittelalter." Doch der Althistoriker fand ein anderes, unumstößliches Indiz für die Anwesenheit der Römer: während der Abrissarbeiten an der alten Frauenklinik nördlich der Via principalis entdeckte er auf einer ausgehärteten Lehmschicht die Abdrücke von Caligae, römischen Militärsandalen mit genagelten Sohlen. »Das charakteristische Nagelmuster ist der Beweis, dass römisches Schuhwerk Dresdner Boden betreten hat.«, betont Dr. Karusic.

Antike Fußspuren in Dresdner Baugrube?
Mehr als zweitausend Jahre ...

Mehr als zweitausend Jahre überdauerten die Abdrücke römischer Militärschuhe in Dresden. Li.: Zeichnung der Abdrücke (Kalkriese). Re.: Originalsohlen (Saalburg) (Bild: Dr. Jürgen Boxberger)

Urwüchsige Sachsen gegen kultivierte Römer

Doch wer waren die Einheimischen, denen die Römer vor mehr als zweitausend Jahren die unerwünschten Segnungen der Zivilisation bringen wollten? Welchem Volksstamm gehörte jenes geheimnisvolle "barbarische Weib" an, das einen kultivierten Römer wie Drusus durch wüste Beschimpfungen zur Umkehr bewegte, statt ihn gastfreundlich willkommen zu heißen? "Es waren Sachsen.", ist Dr. Karusic überzeugt. "Ich hege nicht den geringsten Zweifel, dass wir in diesem Abschnitt der Elbe den Ursprung dieses Stammes sehen müssen, nicht in Schleswig-Holstein. Erst als die römischen Eindringlinge hier Fuß zu fassen drohten, wanderten die Ursachsen nach Norddeutschland ab. Aus ihnen gingen später die Nieder- und Angelsachsen hervor. Diejenigen aber, die zurückblieben, zogen sich in die Berge zurück, aus denen sie sich erst Jahrhunderte später wieder in das Elbtal herabwagten." Augenzwinkernd fügt der Wissenschaftler hinzu: "Ein gewisser Vorbehalt gegenüber Fremdlingen scheint ihnen auch heute noch innezuwohnen."

Roma lebt in Saxonia weiter

Mit der vernichtenden Niederlage im Teutoburger Wald im Jahr 9 n. Chr. erfuhr die römische Expansionspolitik in Germanien den entscheidenden Rückschlag. Sämtliche gerade erst gegründeten militärischen und zivilen Siedlungen östlich des Rheins mussten aufgegeben, die Grenze hastig auf das linksrheinische Ufer zurückgenommen werden. Nur die Donaulinie im Süden hatte länger Bestand. Mit dem obergermanisch-rätischen Limes zwischen Eining an der Donau und Andernach am Rhein dehnten die römischen Kaiser ihr Territorium zwar vorübergehend noch einmal auf germanisches Gebiet aus. Doch unter dem Druck der Alemannen und Franken gingen diese Gebiete für Rom endgültig verloren. Die nach Schleswig-Holstein geflohenen Sachsen besiedelten die norddeutsche Tiefebene oder wanderten mit den Angeln auf die britischen Inseln aus. Ihre erzgebirgischen Verwandten jedoch, die sich auf dem Gebiet der slawischen Siedlung Drežďany niederließen, hatten die ursprünglichen Herren des Geländes, auf dem sie später Krankenhäuser errichteten, vergessen. Lediglich der Name August lebte in dunkler Erinnerung an den ersten römischen Imperator im Geschlecht der Wettiner weiter. Und nicht von ungefähr gleicht die Reiterstatue August des Starken antiken römischen Vorbildern. Es wird der spektakulären Entdeckung des Althistorikers Dr. Karusic vorbehalten bleiben, der deutschen und sächsischen Geschichte ein neues, spannendes Kapitel hinzuzufügen.

August als Augustus: Reiterstatue als fernes Echo römischer Eroberungspolitik in Sachsen
August der Starke in cäsarischer Pose

August der Starke in cäsarischer Pose (Bild: Dr. Jürgen Boxberger)

Quellen

  • Karusic, Karl G.: "Roms Glanz und Sachsens Gloria". Jokus Verlag, Kötzschenbroda 2011
  • Johnson, Anne: "Römische Kastelle", Verlag Phillip von Zabern, Mainz 1987)

  • mit freundlicher Genehmigung von www.antikefan.de
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