Wem oder was sollte man noch glauben? Die Menschen wähnten sich kurz vor dem Weltuntergang. Gemessen an der damaligen Endzeitstimmung dürften sich unsere Ängste während des letzten Jahrtausendwechsels recht mickrig ausgenommen haben.

Angesichts solcher Zustände erscheint es nicht verwunderlich, dass überall in Europa neue, religiöse Ideen auftauchten, an welchen die Menschen Halt suchten. Nach dem Vorbild Luthers standen in vielen Ländern des Kontinents Männer auf, die das Christentum anders als bisher interpretierten. So entstand um das Jahr 1530 auch die Bewegung der Wiedertäufer, deren geistige Nachkommen heute noch zu finden sind. Diese Glaubensrichtung war allerdings recht uneinheitlich organisiert und hatte ihre Zentren vor allem in der Schweiz sowie den Niederlanden. Der Name war Programm: Die Wiedertäufer propagierten, dass sich nur mündige Christen bewusst zur Taufe entscheiden könnten. Daher sei die Kindstaufe ungültig und müsse im Erwachsenenalter wiederholt werden. Die von der Reformation Enttäuschten schlossen sich in Scharen der neuen Religion an, deren Endzeit-Verkündigungen sich durch Seuchen und besondere Planetenkonstellationen zu bestätigen schienen.

Die Wiedertäufer erreichen Münster

Zu Beginn des Jahres 1534 kam jedoch eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang. Von den in alle Himmelsrichtungen gesandten Missionaren der neuen Religion, sogenannten "Täufern", trafen mehrere gleichzeitig in Münster ein. Die westfälische Stadt gehörte damals zum Herrschaftsgebiet des Bischofs Franz von Waldeck. Dieser frönte allerdings trotz seines Amtes einem wenig frommen Lebenswandel. Hurerei, Jagdvergnügen und Alkohol-Exzesse hatten ihn in ständige Geldnöte gebracht, welche wiederum die Münsteraner begleichen sollten. Kein Wunder also, dass die Stadtbewohner den antikirchlichen Lehren der Wiedertäufer sehr wohlwollend lauschten. Letztendlich gewannen die wiedertäuferischen Lehren die Oberhand in der Stadt. Es kam zur Bildung einer radikalen Splittergruppe der Wiedertäufer, welche in Münster einen neuen Gottesstaat errichten wollte.

Der Gottesstaat zu Münster

Klöster wurden aufgelöst, Nonnen zwangsverheiratet und alle Andersgläubigen enteignet sowie aus der Stadt vertrieben. Gerade dieser letzte Schritt sollte sich jedoch rächen, denn er machte die eigentlich untereinander verfeindeten Katholiken und Protestanten der Region zu Verbündeten gegen die Wiedertäufer.

Als Prophet der fanatischen Bewegung galt ein religiöser Wirrkopf namens Jan Matthys. Zu seinen engsten Vertrauten gehörten Münsters Bürgermeister Bernhard Knipperdolling sowie ein holländischer Hurenwirt mit überzeugender Rhetorik: Jan van Leyden.

Die Belagerung der Stadt Münster

Franz von Waldeck war unterdessen nicht untätig geblieben. Schließlich zählte Münster zu seinen wichtigsten Einnahmequellen. Der Fürstbischof rekrutierte Söldner und errichtete einen Belagerungsring um die Stadt. Doch das Söldnerheer kostete auch ein Vermögen, über welches Franz von Waldeck nicht verfügte. Von nun an lief also alles darauf hinaus, wer eher aufgeben würde: Die vom Hunger geplagte Stadt oder der bankrotte Kirchenfürst.

In den ersten Monaten des Jahres 1534 war der Belagerungsring keineswegs undurchlässig, so dass die Versorgungslage sich nur schleichend verschlechterte. Auf beiden Seiten nutzten zudem viele Verräter ihre Chance, wobei manche Überläufer gleich mehrfach die Seiten wechselten. Unter Bewachung wurde das städtische Vieh auch weiterhin auf einem schmalen Grünstreifen vor der Stadtmauer geweidet, wodurch eine Art neutrale Zone entstand.

Der Gottesstaat wird zum Terrorstaat

Nach zwei gescheiterten Sturmangriffen auf die Stadt fühlte sich Prophet Jan Matthys in seiner Botschaft bestätigt. Er erklärte Münster zum uneinnehmbaren "Neuen Jerusalem" und prophezeite die Wiederkunft Christi für Ostern 1534. An besagtem Wochenende bestieg er in religiösem Wahn sein Pferd und ritt mit einigen Begleitern den Belagerern entgegen. Diese machten den Trupp vollständig nieder, spießten den Kopf des Propheten auf und nagelten seine Genitalien an das Stadttor.

Zunächst vertrauen die Münsteraner darauf, dass Jan Matthys nach drei Tagen wieder aufersteht. Als das erwartete Wunder ausbleibt, lässt sich stattdessen Jan van Leyden zum König der Stadt ausrufen. Unter seiner Herrschaft wird aus dem Gottesstaat endgültig ein Terrorstaat, welcher eine kuriose Verbindung aus sozialistischen und sexuellen Elementen darstellt. Die erneute Taufe wird unter Androhung der Todesstrafe zur Pflicht für alle. Gebäude werden nach Nahrung und Wertsachen durchsucht. Privatbesitz ist verboten. Die Essensverteilung erfolgt zentral. Um den Frauenüberschuss in der Stadt zu reglementieren, führt der neue "König" die Pflicht zur ehelichen Vielweiberei ein und begründet dies am Beispiel des biblischen Patriarchen Abraham. Als eine Frau den Spieß umdreht und sich zwei Männer nimmt, wird sie umgehend hingerichtet...

Die aufgrund der Belagerung herrschende Nahrungsknappheit bewirkt radikale Entscheidungen: Das Straßenpflaster wird entfernt, um dadurch mehr Anbaufläche für Gemüse und Korn zu schaffen. Angeblich soll man sogar den Kalk von den Wänden gekratzt haben, um diesen mit Wasser zu einem Milchersatz zu vermischen...

Das blutige Ende

Nach anderthalb Jahren der Belagerung wird Münster am 24. Juni 1535 eingenommen. Doch Franz von Waldeck gewinnt diese Geduldsprobe nur durch Verrat. Immer wieder können Menschen aus der Stadt entkommen. Doch zu ihrem Entsetzen werden die Flüchtlinge von beiden Seiten beschossen. Dennoch gelingt es zwei Männern, den Todesstreifen unbemerkt zu durchqueren und den Angreifern die Parole der Torwache zu verraten. Die Stadt wird eingenommen und geplündert. Nur wenige Funktionäre des Wiedertäufer-Regimes können fliehen. Die meisten jedoch sterben langsam und qualvoll auf dem Schafott. So auch "König" Jan van Leyden, Bürgermeister Bernd Knipperdolling und "Prädikant" Bernd Krechting. Nachdem man sie am 22. Januar 1536 öffentlich zu Tode gefoltert hat, werden ihre Leichen in eisernen Körben am Turm der Lamberti-Kirche aufgehängt. Die Körbe befinden sich bis heute dort.

Auch die Stadt selbst bekommt die Rache des Fürstbischofs zu spüren. Franz von Waldeck hat für die Belagerung umgerechnet rund 85 Millionen Euro aufwenden müssen, welche er der besiegten Stadt natürlich voll in Rechnung stellt.

Ironie der Geschichte: Anschließend führt der katholische Bischof die Reformation in Münster ein und konvertiert zum Protestantismus!

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