Grundlagen der biblischen Zeitberechnung: Das Jahr-Tag-Prinzip

Ein in vielen Kirchen und christlichen Glaubensgemeinschaften bestehender Konsens besagt, dass prophetische Zeitangaben nach dem so genannten Jahr-Tag-Prinzip entschlüsselt werden können. Die deutlichste Begründung dafür findet sich in den alttestamentlichen Textstellen 4. Mose 14,34 sowie Heskiel 4, 4-6. Dieses Prinzip wird allerdings nur dann angewendet, wenn Prophetien in symbolischer Ausdrucksweise verkündet werden. Ansonsten gilt die tatsächliche Zeitangabe. Bedacht werden müssen zudem folgende Sachverhalte:

  • Ein Jahr 0 hat für Chronisten nicht existiert.
  • Zwei große Kalenderreformen (die julianische und die gregorianische) veränderten die Zeitzählung.
  • Im Altertum gab es keine feste Jahreszählung. Man orientierte sich vielmehr an der Regierungszeit des jeweiligen Herrschers ("Im dritten Jahr des Königs XY..."). Das Antrittsjahr wurde in der Regel nicht mitgezählt.
  • Der damalige Jahresbeginn entsprach nicht dem heutigen.


Bei heutigen Geschichtsdaten sind diese Umstände in der Regel aber bereits berücksichtigt. Sie müssen daher vor allem dort bedacht werden, wo neue Schriftfunde und historische Quellen auftauchen. Dennoch berechnen verschiedene Glaubensgemeinschaften aus diesen und anderen Gründen die biblischen Zeitketten leicht unterschiedlich. Man bewegt sich dabei jedoch in Zeiträumen, die nur wenige Jahre voneinander abweichen.
Natürlich gibt es auch viele Theologen, die das Jahr-Tag-Prinzip konsequent ablehnen und die angegebenen Zeiträume wörtlich nehmen. Auch diese Lesart führt interessanterweise oft zu schlüssigen Ergebnissen. Dies liegt daran, dass biblische Aussagen mitunter eine Mehrfachbedeutung aufweisen, beispielsweise bei den sieben Sendschreiben in der Offenbarung.

2300 Abende und Morgen: Die längste Zeitkette

Der Prophet Daniel erfährt im Kapitel 8 des gleichnamigen Buches der Bibel eine Vision. Da er sich darauf keine Erklärung weiß, erläutert sie ihm ein Engel. In der Vision wird der historische Ablauf verschiedener Weltreiche zum Teil namentlich dargestellt, wobei sich das letzte Reich deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. In gewisser Weise ähnelt diese Erklärung der Vision in Daniel 2.
Die Vision beinhaltet jedoch auch eine Zeitangabe von "2300 Abenden und Morgen". Dies ist eine typisch biblische Umschreibung für Tage (vgl. hierzu die Schöpfungsgeschichte). Natürlich könnte man diese Angabe nun wörtlich nehmen. Dies passt jedoch nicht in das oben beschriebene, prophetische Muster und würde bedeuten, dass in etwas mehr als sechs Jahren mehrere Weltreiche entstehen und vergehen müssten. In der Geschichte des Altertums hat es so etwas nicht gegeben. Die Anwendung des Jahr-Tag-Prinzips liegt also auf der Hand.
Interessanterweise erklärt der Engel nicht, wann jene 2300 Jahre beginnen werden. An dieser Stelle sei nur verraten, dass die 2300 Jahre offenbar um 1840 endeten.
Warum dies so ist, führt uns bereits zur nächsten Zeitkette.

Die 70 Jahrwochen

Erst im Kapitel 9 erscheint der Engel erneut und nennt nun indirekt den Zeitpunkt für den Beginn der 2300 Jahre. Dies ergibt sich aus dem Textzusammenhang. Der Engel erscheint, um eine Vision ("Gesicht") auszulegen: "Jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu helfen..." (V.22) Bis zu diesem Moment hat Daniel jedoch keine weitere Vision erhalten. Der Prophet bezieht sich bei seinem Bericht auch klar auf die vorherige Vision (Daniel 9,21). Es erscheint daher logisch, dass es sich um die Fortsetzung von Kapitel 8 handelt.
Der Engel verknüpft seine Erklärung mit einer weiteren Zeitkette, welche 70 Wochen umfasst. Der Beginn, den er dafür nennt, ist also gleichermaßen der Beginn der 2300 Jahre. Der Engel nennt als konkreten Startpunkt den Befehl zum Wiederaufbau Jerusalems, welches zur Zeit Daniels bereits seit Jahrzehnten verwüstet war. Dieser Befehl erfolgte im Jahr 457 vor Christus. Das Ende der 2300 Jahre wäre somit im Jahr 1844 erreicht (Man beachte die Besonderheit, dass es sich ja um das Jahr "-457" handelt. Sonst erhält man das Jahr 1843 als Ergebnis). Schlaue Leute rechneten noch einige kalendarische Besonderheiten heraus, so dass man unter anderem schließlich auf den 22. Oktober 1844 kam.

Die 70 Wochen hingegen (erneut nach dem Jahr-Tag-Prinzip betrachtet) werden noch etwas ausführlicher beleuchtet. Der Engel unterteilt sie in sieben Wochen, 62 Wochen und schließlich noch eine Woche, in deren Mitte das jüdische Opfer abgeschafft wird. Nach dem Jahr-Tag-Prinzip also 49 Jahre, gefolgt von 434 Jahren und schließlich einem halbierten Zeitraum von sieben Jahren. Die klassische Auslegung vieler endzeitlich geprägter Glaubensrichtungen geht von folgendem aus:

  • Aufgrund der Angaben im Text bezieht sich diese Zeitkette klar auf die Geschichte der Jerusalemer Juden.
  • Die ersten 49 Jahre bezeichnen offenbar den Wiederaufbau Jerusalems, welcher sich nach biblischem Bericht tatsächlich über Jahrzehnte hinzog und (wie bei Daniel erwähnt) in "kummervoller Zeit" vollzogen wurde. Ein historisch exaktes Datum über das Ende des Wiederaufbaus liegt allerdings nicht vor.
  • Zusammen mit den folgenden 434 Jahren ergeben sich also 483 Jahre. Damit gelangt man in die Zeit, in der Jesus sein Wirken begann. Die Daniel-Prophetie spricht in diesem Zusammenhang vom Auftreten und der Tötung eines Gesalbten. Das Ende der 483 Jahre könnte also beispielsweise Taufe und Hinrichtung Jesu beschreiben.
  • Allgemein geht man davon aus, dass Jesus etwas mehr als drei Jahre öffentlich wirkte, bis er gekreuzigt wurde. Seine Hinrichtung ging nach dem biblischen Bericht einher mit unerklärlichen Ereignissen im Tempel, wo ja der jüdische Opferdienst stattfand. Nach christlichem Glauben ersetzte Jesus durch seinen Tod den jüdischen Opferdienst. Dies würde also zur Unterteilung der letzten Woche passen, in deren Mitte das Opfer abgeschafft werden sollte. Die Mitte der siebzigsten (Jahr-)woche war nach 3,5 Jahren erreicht.

Was ist nun aber mit dem Rest der letzten (siebzigsten) Woche? Man bedenke wiederum, dass diese Prophetie vor allem den Jerusalemer Juden galt. Der Jude Daniel bekommt mitgeteilt: "Siebzig Wochen sind verhängt über dein Volk..." (Dan. 9,24).

Nach Jesu Himmelfahrt wirkten die ersten Christen zunächst in Jerusalem und Umgebung. Mit der Steinigung des Stephanus jedoch (Apostelgeschichte 7) nahm eine enorme Verfolgung der ersten Christen ihren Anfang. Dies bewirkte, dass die Flüchtenden nun in andere Gebiete des Römischen Reiches gelangten und dort ihren Glauben verkündeten. Die Lehre von der Erlösung durch Christus war somit nicht länger den Menschen in Jerusalem und Umgebung vorbehalten. Dies soll rund 3,5 Jahre (also eine halbe Jahrwoche) nach Christi Kreuzigung und Auferstehung geschehen sein. Die genauen Zeitangaben zum Wirken und Sterben Christi rund um das Jahr 30 sind allerdings nicht völlig sicher belegt.
Ein alternativer Erklärungsversuch hingegen führt aus, dass die ersten 69 (7+62) Jahrwochen wie oben beschrieben zu sehen sind. Die letzte Jahrwoche jedoch, welche ja gesondert erwähnt wird, sei noch nicht eingetreten. Nach dieser Theorie besteht also eine lange Pause zwischen den ersten 69 Jahrwochen und der 70. Jahrwoche.

Überblick über die 70 Jahrwochen

Überblick über die 70 Jahrwochen (Bild: Michael Voigt)

Drei Zeiten und eine halbe

Mit einer gänzlich anderen Situation befasst sich eine Zeitangabe, die in den Büchern Daniel (Kap. 7 und 12) und Offenbarung (Kap. 12 und 13) mehrfach auftaucht. Genauer gesagt sind es sogar drei Zeitangaben, deren Länge und Inhalt stets gleich erscheinen:

  • 1260 (Jahr-)tage
  • 42 Monate
  • Eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe

Dazu will bedacht sein: Die nahöstliche Jahreslänge betrug zwölf Monate zu je 30 Tagen, also insgesamt 360 Tage. Dieses Prinzip wird heute noch bei bestimmten Zinsrechnungen und beim ALG II ("Hartz 4") angewandt. Nach dieser Prämisse ergeben 42 Monate exakt 1260 Tage. Viele Bibelausleger sind sich zudem einig, dass das aramäische Wort für Zeit auch mit Jahr übersetzt werden kann, und begründen dies unter anderem mit einer Episode aus Kapitel 4 des Danielbuches. Drei Zeiten und eine halbe entsprächen damit also 3,5 Jahren. Das ergibt erneut 42 Monate oder eben 1260 Tage!
Für diesen Zeitraum wird ein Mangel an biblischem Wissen und eine lange Epoche der Verfolgung gläubiger Christen prophezeit. Diese müssen sich sorgsam verbergen, werden aber nie gänzlich ausgelöscht. Eine bis dato noch nie vorhandene Macht ändert währenddessen Zeiten sowie Gesetze und fordert Anbetung. Am Ende dieser 1260 Jahre erleidet die Macht eine tödliche Wunde, von dem sie sich zum Erstaunen aller aber trotzdem erholt.
Endzeitliche Bibelausleger deuten diese Macht als das Papsttum. Für katholische Gläubige mag dies schockierend sein. Es muss aber berücksichtigt werden: Hier wird die Institution mit ihren Lehren und Verhaltensweisen kritisiert, nicht der Gläubige selbst. Wie kamen Theologen nun auf die Idee, das Papsttum mit dieser fürchterlichen Macht gleichzusetzen?
Unbestritten ist zunächst einmal, dass während der päpstlich dominierten Jahrhunderte zumindest in der westlichen Welt tatsächlich viel Unterdrückung und Gesinnungsterror ausgeübt wurde. Doch dies allein reicht natürlich nicht aus. Immerhin gab und gibt es auch andere totalitäre Weltanschauungen (Kommunismus, Faschismus, Islamismus usw.). Vermutlich nur auf das Papsttum passen allerdings die Aussagen der Bibel zu den 1260 (Jahr-)tagen bzw. 42 Monaten oder 3,5 Zeiten:
Im Jahr 538 erlitten im Verlauf der Gotenkriege die Anhänger der arianischen Lehre eine richtungsweisende Niederlage. In Folge dieser verwirrenden Ereignisse verloren die arianischen Ostgoten die Herrschaft über Rom. Die gesamte damalige Christenheit (auch die so genannten Ostkirche) verehrte nun Papst Vigilius als ihr Oberhaupt. Bereits zuvor hatte die katholische Religion biblische Angaben zunehmend durch eigene Regeln ersetzt: Der judenchristliche Sabbat (Samstag) war auf den Sonntag verlegt worden. Das biblische Verbot der Bild- und Götzenanbetung wurde durch den Heiligen- und Reliquienkult unterlaufen. Der Papst galt als Stellvertreter Gottes und die Gnade der Sündenvergebung war nur noch durch Geistliche möglich. Durch die im Jahr 538 erlangte Vormachtstellung konnte das Papsttum nunmehr seine Lehren einem Großteil der Menschheit aufzwingen. Wer dem widersprach, lebte gefährlich und nicht sehr lang... Ganz wie in der Bibel beschrieben, waren also Zeiten, Anbetung und Gesetze verändert worden. Andersdenkende Christen mussten sich verbergen. Auch hier behielt die Bibel Recht, denn unter anderem im versteckten Wirken der Waldenser überlebte der Glaube an die Bibel als einzige Grundlage des Christentums.
Das überzeugendste Argument bezieht sich jedoch auf den Zeitraum selbst: Zählt man 1260 Jahre, ausgehend vom Jahr 538, gelangt man in das Jahr 1798. Tatsächlich erhielt das Papsttum in diesem Jahr eine anscheinend tödliche Wunde. Französische Revolutionstruppen unter General Berthier eroberten den Kirchenstaat, nahmen Papst Pius VI. gefangen und verschleppten ihn nach Frankreich, wo er verstarb. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu ungeahnten Erweckungsbewegungen, denen viele heutige Glaubensgemeinschaften ihre Entstehung verdanken. Gläubige studierten nun ohne amtskirchliche Bedrohung aufmerksam die Bibel und entdeckten vergessene Wahrheiten wieder. Erstaunlicherweise erholte sich das Papsttum aber von dieser Katastrophe und gehört heute wieder zu den einflussreichen Mächten dieser Welt. Anscheinend haben sich hier die Prophetien Daniels und der Offenbarung exakt erfüllt.

Andere prophetische Zeitangaben: Von Monaten, Tagen und Jahren

Eng verwandt mit den 1260 Jahren sind zwei Zeitangaben im Buch Daniel: 1290 Jahre und 1335 Jahre. Gewissermaßen stellen diese eine Erweiterung der 1260 Jahre dar, denn es handelt sich bei allen drei Zeitangaben um den gleichen Sachverhalt in Daniel 12. Demzufolge müssen alle drei Zeiträume die gleiche geschichtliche Entwicklung umfassen. Von den 1290 Jahren wird gesagt, dass sie mit der Errichtung des Gräuelbildes (religiöse Unterdrückung) beginnen. Ausgehend von der Bedeutung der 1260 Jahre müssen die 1290 Jahre also 30 Jahre zuvor beginnen, im Jahr 508. Was war in diesem Jahr nun so bedeutend für die Kirchengeschichte? Der fränkische König Chlodwig I. war 496 zum Katholizismus übergetreten und besiegte 507 die arianisch denkenden (also das Papsttum ablehnenden) Westgoten. Dafür wurde er ein Jahr später zum weströmischen Konsul ernannt. Der geistliche Führungsanspruch des Papstes wurde nun also durch eine weltliche Macht gestützt.
Am anderen Ende der Zeitkette sind die 1335 Jahre angesiedelt. Verkürzt dargestellt ist dazu folgendes zu sagen: Aus dem Textzusammenhang in Daniel 12 geht hervor, dass die 1290 Jahre und die 1335 Jahre den gleichen Beginn haben. Nach letzteren soll die geistliche Dürre ein Ende haben. Rechnet man nun die 1335 Jahre zum Jahr 508 hinzu, gelangt man ins Jahr 1843 und damit mitten in eine große Erweckungsbewegung.
Obwohl jene anscheinend scheiterte, bewirkte sie doch, dass sich Menschen mit der Bibel wieder intensiv auseinander setzten und erstaunliche Dinge entdeckten. Die geistliche Durststrecke war also tatsächlich überwunden.
Beispielsweise errechnete ein Amerikaner namens Josia Litch aus Offenbarung 9 Verse 15-19, dass nach dem Jahr-Tag-Prinzip hier ein Zeitraum von 391 Jahren beschrieben wird. Es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, Josia Litchs Gedankengänge ausführlich nachzuvollziehen. Verkürzt sei nur gesagt: Der Mann erklärte anhand seiner Rechnungen, dass am 11. August 1840 das Osmanische Reich zusammenbrechen würde. Tatsächlich verlor die türkische Großmacht an diesem Tag ihre politische und militärische Souveränität!

Mit der osmanischen Herrschaft befasst sich auch eine weitere Zeitangabe aus Offenbarung 9. Hier wird sehr bildhaft von einer Macht gesprochen, die fünf Monate Schrecken verbreitet, nach dem Jahr-Tag-Prinzip also 150 Jahre. Aufgrund des Textzusammenhangs liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine islamische Bewegung handeln muss. Vereinfacht gesagt, nehmen manche Theologen das Jahr 1299 als Beginn dieses Zeitraums an. Auch der oben erwähnte Josia Litch ging bei seinen Berechnungen davon aus.
Im Jahr 1299 startete der osmanische Angriff auf das weströmisch-griechische Reich. 1449, also exakt 150 Jahre später (!), bestieg der letzte griechische Kaiser Konstantin den Thron – jedoch erst nach Erlaubnis des osmanischen Sultans...
Rechnet man zu diesem Jahr 1449 nun die von Josia Litch ermittelten 391 Jahre hinzu, gelangt man ins Jahr 1840. Wie oben bereits ausgeführt, wurde in diesem Jahr die Richtigkeit der biblischen Aussagen beeindruckend bestätigt.

 

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