Pavillon, Pergola und einige ...

Pavillon, Pergola und einige Mikroarchitekturen auf dem Bahnhofsvorplatz (Bild: Pere López)

Ein Vorhaben kurz vor dem Scheitern

Sants, ehemals Vorort und Arbeiterviertel im Westen der Stadt, ist seit der Umsetzung der Planstadt Eixample, dem zweiten Stadtbezirk der katalanischen Hauptstadt, direkt im neuen Stadtkern Barcelonas gelegen. Um diesen Umstand auch infrastrukturell zu würdigen und die Altstadt durch Schaffung eines zweiten Zentrums zu entlasten, erbaute man Mitte der 1970er Jahre auf einem ehemaligen Fabrikgelände die Estacio de Sants, welche sich inzwischen als Hauptbahnhof etabliert hat. Die sich um den Bahnhof befindlichen Freiflächen wurden zunächst als Parkzone genutzt und weckten mit der Zeit reichlich Begehrlichkeiten; so erwog die Stadtverwaltung, Teile des Gebietes zur Nutzung als Busbahnhof umzufunktionieren, was bei einer Vielzahl von Nachbarschaftsvereinen jedoch auf Kritik stieß, da man an der ursprünglichen Planung zur Schaffung einer Grünanlage festhalten wollte.

Letztendlich tätigte die Renfe, spanische Bahngesellschaft und Eigentümer der Plaça de l'Estacio de Sants, 1981 eine Ausschreibung bezüglich der Neugestaltung des sich um den Kopfbahnhof befindlichen Areals. Unter den Einsendungen befand sich auch ein Entwurf des spanischen Architektenduos Helio Pinon und Albert Viaplana. Jener Entwurf bezog sich auf die Bebauung der gesamten Flächen um den Bahnhof, der Plaça de l'Estacio de Sants im Osten und der Plaça Joan Peiro im Westen, war für die Renfe allerdings nicht finanzierbar. So entschied man sich dazu, lediglich dem Teilentwurf für die neue Plaça dels Països Catalans zuzustimmen und schuf damit zwar nicht die von den Anwohnern erhofften Grünflächen, jedoch ein als Gesamtkunstwerk konzipiertes, avantgardistisches Stadtraumprojekt.

Ein Blick auf die Plaça dels Països ...

Ein Blick auf die Plaça dels Països Catalans aus der Vogelperspektive (Bild: Google Maps)

Eine Bauanalyse

Die trapezförmige Platzanlage ist eingefasst in zwei aufeinander zulaufende, fünfspurige Fahrbahnen an den Längsseiten und den Vordereingang des Hauptbahnhofs an der Westseite. Die Umrisse der ursprünglichen Randbebauung im Norden, welche vor allem aus alten, zweigeschossigen Gewerbebauten bestand, lassen sich heute nur noch anhand des Straßenverlaufs erahnen; im Süden wurde 1977 der 80 Meter hohe, heute als Hotel genutzte Torre Catalunya eröffnet, dem sich weitere Hochhäuser anschlossen. Da sich die Plaça, gemeinsam mit dem von Luis Pena Ganchegui und Francesc Rius entworfenem und 1985 fertiggestelltem Parc de l'Espanya Industrial, als neu definierter urbaner Raum versteht, dessen Gestaltung sich dem Environment anpasst, welches zum größten Teil aus Sozialbauten besteht, war die von der Bevölkerung erhoffte Begrünung der Fläche von vornherein ausgeschlossen. Vielmehr wurde das komplette Areal mit einer dünnen Betondecke überzogen und an den Längsseiten mit einem 25 Zentimeter hohen Mäuerchen zur Straße hin abgegrenzt. Der Boden, dessen Fugen betont sichtbar gestaltet wurden, erhält seine Struktur durch das orthogonale Liniennetz, welches sich über den gesamten Platz erstreckt.

Zwei Hauptarchitekturen prägen das Erscheinungsbild dieser Anlage; so erstreckt sich von Westen nach Osten eine 90 Meter lange Pergola, welche an einen im Südosten gelegenen, 15 Meter hohen, einem Baldachin nachempfundenen Pavillon angrenzt. Die Pergola, ein hallenartiger Pfeilerflur, verfügt über ein semitransparentes Dach, welches wellenförmig in unterschiedlichen Höhen ausschwingt; auf Höhe des Pavillons ist die Konstruktion am niedrigsten. Durch eben jene ondulierende Bewegung wird der Platz in der Längsachse optisch verkürzt. Unter dem Dach befinden sich eine dreistufige Freitreppe, die die Plaça in zwei unterschiedliche Niveaus teilt und diverse Tisch-Sitzbankelemente, welche aus poliertem Granit gefertigt sind. Selbiges Material wurde auch verwendet, um den Bau im Osten abzuschließen; hier findet sich ein Mauerfragment, dessen rechteckige Öffnung einen Blick auf die benachbarte Carrer de Tarragona ermöglicht. Entlang der Stützen der Pergola stößt die Hauptfußgängerachse auf einen weiteren, querverlaufenden Fußweg; beide sind von schräggestellten Leuchtstelen flankiert. In unmittelbarer Nähe befindet sich der, im Vergleich zur Restbebauung des Platzes, überdimensional wirkende Pavillon bzw. Palio, welcher direkt auf den Torre Catalunya überleitet und durch seine fragile, beinahe schwebend wirkende Konstruktion einen Kontrapunkt zu dessen Baumassiv darstellt. Das baldachinartige Dach, bestehend aus Metalllamellen und Unterzügen, wird von 16 Stützen getragen und lässt, ähnlich wie die Pergola, lediglich diffuse Beleuchtung durch die Sonne zu. Nachts wird die Fläche vom Boden aus mit einer Flutlichtanlage angestrahlt, wobei durch Reflektion der Eindruck der Räumlichkeit noch verstärkt werden soll. Unter dem Palio befinden sich zwei Liegebänke und drei, an Postamente erinnernde, Granitplatten, welche in unterschiedlicher Höhe auf Stahlstützen montiert sind. Weitere Sitzmöglichkeiten finden sich im Norden des Platzes; die gekrümmte Flucht der mittlerweile abgerissenen Gewerbebauten auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgreifend, wurden hier 25 Holzbänke installiert.

(Bild: Pere López)

(Bild: Pere López)

Ein missverstandenes Meisterwerk

Vom Eingang des Hauptbahnhofs, also von Westen aus betrachtet, wirkt die Plaça dels Països Catalans auf den ersten Blick recht unspektakulär, so ist dieser doch verbaut durch eine schräggestellte Metallmarkise, welche sich auf einer der Halle vorgelagerten Verkehrsinsel befindet. Die Öffnung einer steinverblendeten Naht markiert gleichzeitig die Öffnung zur Platzanlage, ist jedoch schon in den Entwürfen von Viaplana mit einer Stahlkugelreihe bedacht worden, um motorisierte Verkehrsteilnehmer vom Areal fernzuhalten. Diese damals praktische Neuerung ist inzwischen als Allgemeingut im barcelonischen Stadtbild etabliert.

Wie die meisten Plätze der 'amerikanischen Schule', die den Betrachter eigentlich zu einer bewussten Seherfahrung einladen sollen, hat auch die Plaça in der katalanischen Hauptstadt erhebliche Probleme bezüglich der Akzeptanz seitens der Bevölkerung. Die überdimensionale Bebauung lässt kaum Platz für Großevents, die Lage als Verkehrsknotenpunkt ist hinderlich für Straßenfeste. So wird die Anlage hauptsächlich von Besuchern des Bahnhofs, Touristen, Jugendlichen mit Skateboards und vereinzelt Kleinkünstlern genutzt. Die Anwohner sind aufgrund der nicht erfolgten Begrünung unzufrieden, die Nachbarschaftsvereine kritisieren den leblos-verweisenden Gesamteindruck des Viertels, der durch die undefinierte Masse an Stahl und Beton nur noch verstärkt wird. Einzig und allein die internationale Architekturpresse, die den Platz schon mit unzähligen Ehrungen überschüttete, findet Begeisterung an den sich ausgleichenden Kontrasten. Die gradlinige Architektur von Palio und Pergola findet ihr Gegenstück in den schrägen Elementen der Randbebauung, wie zum Beispiel den konkaven Öffnungen des auf den Parc de l'Espanya Industrial deutenden Rankgerüstes im Südwesten oder den im spitzen Winkel aufgestellten Edelstahlrohrreihen, die in halbkreisförmigen Bögen Wasser über den Platz speien. Es sind eben jene Linienführung und die vielen Mikroarchitekturen, die den Betrachter eigentlich an Werke des spanischen Surrealismus erinnern sollen, doch neigen Menschen dazu, von zu viel Intellektualität schnell überfordert zu sein.

Zahlreiche architektonische Schätze

Neben der Plaça hat Barcelona eine Vielzahl weiterer baulicher Höhepunkte zu bieten. So gilt die katalonische Hauptstadt als Zentrums des Modernisme und beheimatet zahlreiche Werke des Architekten Antoni Gaudí wie z. B. die Casa Battló oder die bis heute unvollendete Sagrada Família. Mit unter anderem dem Torre de comunicacions de Montjuïc und dem 142 Meter hohen Torre Agbar ist jedoch auch die zeitgenössische Architektur angemessen im Stadtbild vertreten. Einen weiteren Besuchermagneten stellt zweifelsohne das 1957 eröffnete Camp Nou dar, seines Zeichens Heimspielstätte des FC Barcelona und mit 99.354 Plätzen größtes Fußballstadion Europas. Für Informationen bzgl. weiterer Sehenswürdigkeiten der Mittelmeer-Metropole lohnt sich ein Blick in folgende Reisführer:

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