Tatsächlich würde eine bürokratiearme Republik unglaublich schnelle Entwicklungen ermöglichen – negativ wie positiv. Wer auf dem Gebiet der untergegangenen DDR die "Goldgräberjahre" nach 1990 miterlebt hat, den so genannten Wilden Osten, wird dies bestätigen können. Einerseits waren Unternehmensgründungen, Baumaßnahmen, kommunale Vorhaben und Kultur-Events verblüffend einfach und schnell realisierbar. Andererseits fand (zulasten der Sozialkassen) auch nicht jede Betriebsschließung tatsächlich aus rein kostenrechnerischen Gründen statt… Die Mega-Pleite des Baulöwen Schneider zeigte zudem, welchen Schaden fehlende Kontrollinstanzen nach sich ziehen können. Wie ist das also mit der Bürokratie? Wieviel davon vertragen wir? Wieviel ist vielleicht sogar nötig, und wie lässt sich das Monster eigentlich zähmen?

Warum Schuldzuweisungen bei Bürokratie nicht funktionieren

"Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein."

Dieses Zitat von Mark Twain zeigt ungewollt, warum einfache Lösungen gut klingen, aber an der Realität scheitern. Denn selbst das simple "Problem" Friedhofsmauer ist eben nicht mit einfachen Maßnahmen lösbar. Natürlich wird eine Friedhofsmauer gebraucht – zur baulichen Begrenzung, zur Einfriedung, zum Schutz gegen Vandalismus.

Auf die Bürokratie übertragen heißt das: Es gibt immer einen Grund, warum Gesetze, Vorschriften und Regeln existieren. Wie sinnvoll und beständig dieser Grund ist, sei einmal dahingestellt. Aber niemand beschließt lästige Regularien, um andere damit zu quälen.

Diese Grundannahme ist wichtig, um das Problem Bürokratie zu erfassen. Es macht schlichtweg keinen Sinn, dafür Verantwortliche oder gar Schuldige zu definieren. Solche populistischen Ansätze tragen kein bisschen zur Lösung des Problems bei.

Auch Beamte und andere berufsmäßige Anwender der Bürokratie in den Amtsstuben sind nicht wirklich verantwortlich dafür, obwohl sie den Bürgerzorn, der sie gelegentlich trifft, häufig selbst ausgelöst haben. Denn gerade an der Verwaltungsebene, die dem Bürger am nächsten ist, zeigt sich das Dilemma der Bürokratie: Paradoxerweise wird diese manchmal durch Entscheidungsspielräume sogar noch verschärft!

Vorgesetzte, Anwälte, genervte Bürger und gelegentlich auch "Kollegen" wachen schließlich mit Argusaugen darüber, wie ein Beamter seine Entscheidungsfreiheit anwendet. Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafversetzungen, Karriereknick und persönliche Anfeindungen sind daher reale Drohkulissen in so mancher Behörde. Als Folge nutzt der Betroffene eben seine Entscheidungsspielräume lieber nicht und verzichtet auf Bürgernähe. Je enger man den Gesetzestext auslegt, desto weniger ist man eben angreifbar.

Warum Bürokratieabbau nicht gelingt

Bürokratieabbau ist kein Selbstzweck. Gelingt er nicht, zieht dies volkswirtschaftliche Schäden nach sich. Es gab daher schon viele Versuche, die Bürokratie einzudämmen. Parlamente, Regierungen und auch das Volk selbst haben sich daran schon versucht:

In Sachsen hatte die allein regierende CDU ab den 1990er Jahren sehr fleißig überflüssige Regularien aussortiert, so dass der Freistaat schließlich das Bundesland mit der niedrigsten Anzahl an Gesetzen und Verordnungen war. Ab März 2003 sollte dieser positive Trend per Volkswille fortgeführt werden: Der so genannte "Paragrafenpranger" ermöglichte es jedem Bürger, Gesetze oder Verordnungen vorzuschlagen, die seiner Meinung überflüssig oder reformbedürftig waren. Das ernüchternde Ergebnis: Viele Vorschläge, aber wenig Übereinstimmung und kein eindeutiger Trend. Ähnlich erging es in den 2010er Jahren einem Vorhaben auf EU-Ebene. Für jede neue Regel sollten möglichst zwei andere Regularien abgeschafft werden. Das noble Vorhaben misslang und kippte schließlich ins Gegenteil. Die Zahl der EU-Vorschriften stieg ab den 2020er Jahren wieder an.

Dieses Phänomen heißt auf Neudeutsch "Not in my Backyard": Veränderungen werden als positiv wahrgenommen und auch eingefordert, solange man nicht selbst davon betroffen ist. Einige Beispiele dazu:

  • "Progressive" Großstadtbürger, verlangen den Schutz des Wolfes und den exzessiven Ausbau von Windkraft – natürlich nur im ländlichen Raum…
  • Kammern und Berufsverbände fordern vom Staat Reformen und möglichst wenig Einmischung in die Wirtschaft, während sie selbst ihren Pflichtmitgliedern überkommene Regeln und starre Vorschriften aufbürden.
  • Krankenkassen kritisieren einerseits die ausufernden Kosten im Gesundheitssystem, ignorieren andererseits aber die Tatsache, dass es trotz jeweils weitgehend identischer Leistungen deutschlandweit 92 gesetzliche und mehr als 30 private Krankenkassen gibt – jede mit eigenen Vorständen und Verwaltungen (Stand Januar 2026).

Die Geister, die wir riefen…

Wie bitte schön sollen Politiker und Verwaltungen also nach dem Willen des Volkes handeln, wenn sich dieses Volk selbst komplett uneinig ist? Egal, ob Straßenbau, Bahnlinien oder nur ein schlichter Radweg: Vermutlich jeder will, dass solche Projekte schnell vorangehen. Aber sehr viele wollen dabei zugleich mitreden dürfen, notfalls eben auch vorgeblich unter dem edlen Anliegen des Naturschutzes…

Doch nicht nur Volksvertreter und Behörden sind von dieser Unsitte betroffen. Auch die mittlerweile überschaubare Anzahl derer, die noch Eigeninitiative zeigen und als Unternehmer wirtschaftliche Risiken in Kauf nehmen, stößt auf existenzbedrohende Widerstände: Angesichts der aggressiven Abmahnindustrie, der selbstgerechten Bürgerinitiativen und der Internet-Shitstorms geht jegliche unternehmerische Entscheidungsfreude schnell verloren.

Daraus entsteht ein System, von dem jeder betroffenen sein kann, ob nun bei elektronischer Patientenakte, bei der Steuererklärung oder auch nur beim Singen eines Geburtstagsliedes. Gleichzeitig befeuern wir alle dieses System aber auch, sobald wir unsere Rechte gefährdet sehen oder einer der vielen vermeintlich oder tatsächlich benachteiligten Bevölkerungsgruppen ungefragt Unterstützung zuteilwerden lassen. Dann wird ganz schnell nach einem neuen Gesetz, strengeren Regeln und einem starken Staat gerufen…

Kontinuität statt Radikalität

Gibt es überhaupt einen Weg, diesen Gordischen Knoten zu lösen? Im Original wurde dieser ja angeblich vom großen Alexander durchschlagen. Eine Radikallösung also, ohne Rücksicht auf Verluste?

Diese Bulldozer-Mentalität spülte zwar so manchen Möchtegern-Reformer nach oben: Leute wie Elon Musk oder Donald Trump wurden von Wirtschaft und Verwaltung wegen ihrer Tatkraft hofiert. Sie galten als Macher und Visionäre, ehe sie sich selbst entzauberten.

Manche von Bürokratie gequälten Bürger hofften auch hierzulande durch ihre Wahlentscheidung auf Besserung, beispielsweise, indem sie AfD-Vertreter wählten. Doch überall, wo deren markigen Sprüche zum Wahlsieg führten, folgten gebrochene Wahlversprechen. Falls diese je ernst gemeint waren, scheiterten sie schließlich dennoch an der Realität.

Radikale Verschlimmbesserungen können also nicht die Lösung sein. Doch es wäre schon ein Anfang, Bürokratie zunächst nicht weiter wachsen zu lassen. Dazu braucht es Mut, Entscheidungsfreude, manchmal auch ein dickes Fell und vor allem flächendeckend Vernunft - Mitarbeit statt permanenter Kritik sozusagen. Alles das unterstützt durch Maßnahmen, welche den Missbrauch der Gesetze unterbinden: Entmachtung der Abmahnindustrie, Bürgerbeteiligung mit klarer Zeitbegrenzung und NGO ohne Verbandsklagerecht.

Ich weiß, ich bin ein unverbesserlicher Träumer…

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Donky, vor 3 Tagen
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