Dekadente Vorkriegsmodelle

Nicht nur der ostdeutsche Automobilbau begann nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem, was aus der Zeit davor und aus den ersten Kriegsjahren noch übrig war. Im Großraum Chemnitz-Zwickau, bis dato Sitz der Auto Union (DKW, Wanderer, Audi, Horch), griff man daher zunächst auf den bis 1942 produzierten DKW F8 zurück. Als IFA F8 wurde er ab Mai 1949 bis zum Jahr 1955 produziert. Die für damalige Zeiten saftigen Preise des Wagens begannen im hohen, vierstelligen Bereich. Zur Modellpalette gehörten auch zwei Cabrios. Im Gegensatz zur Limousine bestanden deren Karosserien komplett aus Stahlblech. Die gegenüber dem "normalen" Cabrio um 2000 Ostmark teurere Luxusvariante wurde ab 1953 produziert. Sie zeichnete sich vor allem durch eine veränderte Frontpartie aus und wurde vorrangig exportiert. Nicht einmal jedes sechste der 400 Exemplare verblieb in der DDR.

 Eisenach, der andere große Standort des ostdeutschen Automobilbaus, griff ebenfalls zunächst auf die Vorkriegsmodelle zurück. Das bereits von 1936 bis 1941 produzierte BMW-Cabrio 326 erlebte inmitten der Kriegstrümmer eine kurze Neuauflage. 1946/47 wurden 16 Exemplare zusammengebaut. Nur drei davon waren allerdings Cabrios. 

Ein Jahr später wurde das Vorkriegsmodell BMW 327 wiederbelebt, ein elegant-sportlicher Wagen, den es als Coupé und Cabrio gab. 1952 wurde das Auto modifiziert, erhielt einen stärkeren Motor sowie eine Umbenennung in EMW 327-2. Aus juristischen Gründen war dieser Schritt nötig geworden. Im tristen Alltagsgrau des kommunistischen Staates wirkte der teure und dekadente Wagen reichlich deplatziert. Nur ungefähr ein Viertel der gut 500 produzierten Exemplare (Coupé und Cabrio) verblieb in der DDR, genutzt wahrscheinlich vorrangig durch rotes Elite-Personal. 

Wartburg: Das bekannteste Cabrio der DDR

Optisch schon eher zeitgemäß kam hingegen der F9 daher. Auf Basis eines DKW-Prototypen von 1939 entwickelten die sächsischen Automobilbauer ein Fahrzeug, dessen Design stark dem VW Käfer ähnelte, was zum großen Exporterfolg beigetragen haben dürfte. Die Produktion wurde allerdings 1952 nach Eisenach verlegt, wo der Großteil der bis 1956 über 40 000 hergestellten Wagen entstand. Unter der Fabrikationsreihe 309-2 wurde der F9 auch als Cabrio gefertigt. Die Fahrzeuge sind heute eine Rarität.

Dem erfolgreichen F9 drohte allerdings das juristische Aus. Die mittlerweile in Westdeutschland ansässige Firma DKW stellte einen ganz ähnlichen Wagen her und berief sich zudem auf den Vorkriegs-Prototypen (obwohl dieser ja im späteren Ostdeutschland entworfen wurde). Der DDR drohte somit eine ähnliche Niederlage wie im Namensstreit mit BMW.

Den Funktionären kam in dieser Situation allerdings der Ungehorsam ihrer Eisenacher Ingenieure ganz gelegen. Diese hatten (auf Basis des F9) heimlich den Wartburg 311 entwickelt. Daraus sollte bald das erfolgreichste aller Wartburg-Modell werden. Unter den Typenreihen 311/312/313 entstanden unzählige Karosserievarianten, darunter auch mehrere Cabrios. Die Eisenacher Erfolgsmodelle wurden selbst in die USA exportiert. Vor allem das Sportmodell 313-1 wurde zum Vorzeigeobjekt und galt manchem Autofreund als schönstes Cabrio des Ostblocks. Der 313-1 verfügte über eine elegante, etwas gestreckte Karosserie mit falschen Lüftungsschlitzen sowie über einen nobel gestalteten Innenraum. Einzig das Lenkrad war gewöhnungsbedürftig: Es bestand aus zwei unterschiedlich dimensionierten Halbkreisen. Das Handling des Wagens war in scharfen Kurven daher nicht unbedingt komfortabel.

 

 

 

 

 

Ein weiteres Wartburg-Cabrio aus der nachfolgenden Baureihe dürfte selbst vielen DDR-Bürgern unbekannt geblieben sein. Der 353-400 wurde für Militär, Forstwirtschaft und Jagdausflüge der Bonzen entwickelt. Der anvisierte Export kam nicht zustande. Das Fahrzeug hatte mit dem "normalen" 353 Bodengruppe und Frontpartie gemein. Der Rest erinnerte an eine Mischung aus Geländewagen und Strandbuggy. Die Produktionszahlen blieben im einstelligen (!) Bereich.

Trabant Kübel: Ein Hauch von Abenteuer

Erfolgreicher im In- und Ausland präsentierte sich hingegen das Trabant-Cabrio, in der Regel als Kübelwagen bezeichnet. Entwickelt für Militär und Forst, stellte dieser Wagen die offene Variante des millionenfach gebauten P 601 dar. Er verfügte über eine Standheizung und konnte mit Feuerlöscher, Waffenhalterung sowie Verdunklungskappen ausgestattet werden. Die häufigsten Farben waren militärisches Grün, Standardweiß sowie das so genannte Papyrusweiß, ein heller Grauton.

Auch der optisch sehr ähnliche Nachfolger des P 601, der Trabant 1.1 mit VW-Motor, war oben ohne erhältlich. Sein Modellstart fiel in die Wendezeit, was zweierlei Auswirkungen hatte: Das Cabrio hieß nun "Tramp", war als Freizeitmobil konzipiert und konnte in knalligen Farben von jedermann erworben werden. Doch dazu kam es kaum noch, denn die zweite Auswirkung des späten Sinneswandels war die einbrechende Nachfrage sowie damit verbunden das Ende der Marke Trabant.

Cabrios von Skoda: Die Eleganten aus dem Nachbarland

Auch der südliche Nachbar der DDR, die Tschechoslowakei, wartete mit einigen formschönen Cabrios auf. Den Anfang machte gegen Ende der 1940er Jahre die Roadster-Version der Baureihe 1101/1102 von Skoda. Obwohl die meisten Exemplare im Land verblieben, waren sie für die wenigsten Normalbürger erhältlich.

Das wahrscheinlich populärste Skoda-Cabrio war die offene Version des Octavia. Unter der eleganten Bezeichnung "Felicia" (die Glückliche) wurde der Wagen zu einem automobilen Klassiker. Die Produktion startete 1958. Insgesamt liefen bis 1964 über 15000 Stück vom Band. In den ersten beiden Jahren hieß das Cabrio noch schlicht Skoda 450, abgeleitet von der Limousine Octavia, welche in dieser Zeit ebenfalls noch eine reine Nummernbezeichnung trug. Der zweitürige Wagen mit Weißwandreifen konnte in späteren Jahren mit einem Glasfaser-Hardtop nachgerüstet werden. Der elegante Stil des Cabrios begeisterte offenbar nicht nur die Autofreunde hinter dem Eisernen Vorhang. Es existieren Fotos des Wagens mit Charlotte Sheffield, der Miss USA des Jahres 1957!

Für zwei Jahrzehnte blieb dies der letzte offizielle Beitrag von Skoda zur automobilen Frischluftkultur. 1984 kam dann der "Rapid" als Coupé der Baureihen 105/120/130 auf den Markt. Auch die späteren Modifikationen 135/136 wiesen jeweils eine Rapid-Variante auf. Zum sportlichen Coupé spendierte Skoda im Oktober 1984 auch eine Cabrio-Version. Der zweitürige Wagen verfügte über vier Sitze und einen Überrollbügel. Wie bei allen Vertretern dieser langlebigen Baureihe endete die Produktion des Cabrios 1990. Das Fahrzeug dürfte heute ungefähr so selten sein wie ein Lottogewinn.

Unerreichbare Raritäten

Ganz ähnlich verhält es sich mit Cabrios aus dem Ostblock, die schon vor dem Mauerfall nicht wirklich zum Straßenbild gehörten. Ein Vertreter dieser Spezies ist der 1974 gebaute Polski Fiat 125P als zweitüriges Cabrio. Seine Heckleuchten stammten von Lada. Beide Hersteller produzierten zu dieser Zeit optisch nahezu baugleiche Lizenzmodelle von Fiat. Eine Modifikation des 125P-Cabrios wurde in Handarbeit als Kleinserie gefertigt. Dabei handelte es sich um ein verlängertes Fahrzeug mit größerem Radstand und drei Sitzreihen. Eingesetzt wurde diese Variante angeblich für den Transport von Touristen.

Überhaupt nicht erhältlich war ein modern wirkendes DDR-Cabrio. Der Sachsenring Repräsentant wurde exakt fünfmal zu exorbitanten Kosten hergestellt. Er basierte technisch auf der voluminösen Limousine P240 aus den 1950er Jahren, besaß allerdings eine eigenständige Karosserie aus Kunststoff. Die in schlichter Formensprache gezeichneten Wagen nutzte die Staatsführung bis zum Ende der DDR bei Militärparaden.

Der Sachsenring Repräsentant wurde 1969 anlässlich des 20. Jahrestages der DDR gebaut. Trotz des Fahrzeugnamens kamen die Armaturen nicht aus dem Zwickauer Sachsenring-Werk, sondern vom in Eisenach produzierten Wartburg. Die mit Kunstleder verkleidete Innenausstattung umfasste auch eine Haltestange im Fond, damit die Generäle während der Fahrt stehend den bestellten Jubel genießen konnten…

Der jugoslawische Hersteller Zastava wiederum richtete sich in den 1980er Jahren nahezu komplett auf die westlichen Märkte aus, insbesondere auf die USA. Als sehr preiswerter Kleinwagen konnte dort der Yugo vorübergehend Erfolge feiern. Das auf einer Fiat-Entwicklung basierende Fahrzeug gab es auch als Cabrio. Um die anspruchsvollen Amerikaner zu überzeugen, ließ man sich einiges einfallen. So kam der viersitzige Zweitürer ohne Überrollbügel aus und verfügte über ein elektrisches Faltverdeck mit beheizbarer Heckscheibe. Sonderlich erfolgreich war das kleine Cabrio auf westlichen Märkten dennoch nicht. Hinter dem Eisernen Vorhang wäre das Interesse hingegen sicherlich riesig gewesen. Doch dort bekamen es die meisten Leute vermutlich nie zu Gesicht…

Autor seit 6 Jahren
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