Entstanden aus der Arbeitskleidung wie das Dirndl

2 DirndlFlamencokleidWas den Bayern und Österreichern ihr Dirndl (linkes Foto), ist den Andalusiern ihr Traje de Flamenco (rechts im Bild). Kein Wunder, dass auf keinem Werbeplakat für den Tourismus in Spanien die dunkelhaarige, rassige Schönheit in entsprechendem Kleid fehlen darf. Ähnlich wie die bayerischen Dirndl-Gewänder, sind sie doch weiblich schlechthin, betonen die Taille, ja, arbeiten den Po heraus, umschmeicheln mit den Rüschen, die sich beim Gehen so wundervoll aufschaukeln. Man bewegt sich darin auch ganz anders als in T-Shirt und Jeans. Man geht nicht oder schlürft gar daher, nein, man schreitet, aufrecht, stolz, so wie man es mit einer Spanierin assoziiert.

 Ähnlich wie das Dirndl, kommt auch das Flamencokleid aus der Arbeitsumgebung des einfachen Volkes früherer Jahrhunderte. Wie überhaupt der Flamenco, der ja in seinem Ursprung und in seiner besten Interpretation den Zigeunern zugeschrieben wird, noch mir gegenüber von einem Spross einer alten Sevillaner Familie als "das Vergnügen des einfachen Volkes" beschrieben wurde, da man ja im höheren Adel sich nicht zu Fuß auf dem Boden bewegte, sondern nur zu Pferd. Das Flamencokleid, das auch "Traje de Gitano", Zigeunerkleid, genannt wird, so wie wir es heutzutage kennen, trug man so oder ähnlich im 19. Jahrhundert. Da waren die Frauen dann nicht mehr nur auf die Hausarbeit und Feldarbeit beschränkt, sondern begleiteten auch schon ihre Männer auf die Viehmärkte, wo dann kleine Häuschen aus Leinen und Segeltuch für die Verhandlungen aufgebaut wurden - der Ursprung der Ferias.

19 Jahrdt

Giarrenkleid

 Links: Blumenverkäuferin Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Arbeitskleidung des einfachen Volkes stand Pate beim Flamencokleid

 

 

Rechts: 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, die Heming-wayzeit: Flamencokleider, dem Körper der Gitarre nach empfunden.

 

Der Siegeszug des "Spanish dress"

Die Kleider, die die Frauen damals trugen, unterstrichen die weiblichen Formen, und so dauerte es nicht lange, bis auch die höheren Stände diese Mode übernahmen. Seit der Iberoamerikanischen Messe 1929 in Sevilla erlebte der "Spanish dress" einen wahren internationalen Siegeszug, wird nicht mehr nur mit Andalusien, sondern mit Spanien schlechthin gleichgesetzt, so wie in den USA das bayerische Dirndl für ganz Deutschland. Allerdings rümpfen seit ein paar Jahren wieder einmal die Katalanen die Nase darüber und lehnen oft den Traje de Flamenco genauso ab wie den Stierkampf. Doch Modeschöpfer wie Yves St. Laurent oder Vittorio & Luchino bauen in ihre Kollektionen und den Ethnolook immer wieder Elemente der Flamencokleider ein. 

 Unten links: So unterschiedlich können heute Flamencokleider sein. Rechts: Flamencolehrerin Sigrid Kröger in einem selbst genähten Zweiteiler (beide Aufnahmen in ihrer Korona-Tanzschule).

TanzschuleZweiteiler

Flamencomode im Wandel der Zeit

Nun gibt es wie beim Dirndl auch beim Flamencokleid regionale und dem Anlass entsprechende Stil-Unterschiede, die sich auch bei den Acessoires auswirken. Ursprünglich setzen wir diese Tracht gleich mit dem sogenannten "cuerpo de gitarra", da die Gitarre beim Flamenco so eine Hauptrolle spielt. Das entsprechende Kleid, das die Form dieses Instrument symbolisieren soll, hat einen V-Ausschnitt, Volants um diesen Ausschnitt und um die Ärmel und Stufenvolants am langen Rock, immer weiter werdend nach unten. Heute beginnen die Volants erst nach einem eng anliegenden, meist einfarbigen Oberteil, das bis zur Hüfte reicht und darunter oder sogar auch erst unter dem Knie springen kleinere Volants auf, die ihren ganzen Reiz bei den wirbelnden Tanzschritten entwickeln. 

Künstlerinnen wie Sarah Baras Sara Barastragen bei Auftritten immer häufiger eng anliegende, schlanke lange Kleider im Glockenrockstil ohne Volants, um nicht von den Bewegungen abzulenken. Bei der eigens für dieses Jubiläumsjahr von Cádiz komponierten Flamencomusical "La Pepa" trug Sara Baras (links) sogar ein kniekurzes Kleid mit Netzoberteil, das nicht mehr viel mit der Traje gitano gemein hatte, sondern die Befreiung der Bürgerin von 1812 darstellen sollte.Sexy Flamenca

 

Die spanische Stylistin Elena Labradoor meint in ihrem Mode-Blog: "Die Flamencomode ist heute freier und berücksichtigt den individuellen Geschmack." Das zeigt jedes Jahr die Pasarela Flamenco, die große Flamencomodemesse in Jerez, bei der spanische Modeschöpferinnen in der Hauptsache ihre neuesten Kreationen zeigen. Auch bei Mustern und Materialien ist alles erlaubt von beliebten Punkten bis Blumenmustern auf Seide und Organza bis Baumwolle und modernen Mischgeweben, Übrigens: praktischerweise ist bei einem Kleid für die Feria unten am Saum eine kleine Tasche miteingenäht, in der man Geld und Ausweis verstecken kann. Und das ist wieder ähnlich wie beim Dirndl: Da ist eine Tasche diskret in einer Seitennaht angebracht.

Wichtiges Zubehör

Eine Flamencotracht ist nicht vollständig ohne:

  • die entsprechende Frisur, die aus einem strengen nach hinten gekämmten Haarknoten besteht, aus dem je nach Gusto ein Riesen-Zierkamm ragt oder seitlich eine Riesen-Stoffblume gesteckt wird

  • Unbedingt dazu gehört ein großes Fransen-Schultertuch, das als V vorne gebunden wird.

  • Große Hängeohrringe sind ebenfalls ein Muss

  • und viele viele bunte Armreifen.

  • Fächer natürlich. Kastagnetten gelten als touristisch, ist aber auch nach Region verschieden.

  • Flamenco-SchuheDer passende Schuh ist kein Highheel oder Ballerina, sondern ein fürs Tanzen praktischer Schuh mit halbhohem Blockabsatz und Halt gebenden Riemchen über dem Spann, bei Profis an der Sohle oft mit Steppplättchen versehen.

     

     

     

     

    Bildnachweis: Giancarlo Paparusso, Reinhard Hefele, Billi Kannengießer, Ayuntamiento Cádiz, Gloria Callealta, Diariosur, Oliver Jubin, Sigrid Kröger

So ein Wahnsinnskleid muss her!

Nachdem ich nach etlichen Privatstunden einigermaßen die ersten beiden Tänze der Sevillanas gelernt hatte, sollte als Belohnung so ein Flamencokleid her. Meine Tanzlehrerin Marisol wusste natürlich, wo man nicht etwa touristischen Schnickschnack bekommt, sondern hier in unserer Gegend stilecht einkauft. Ich versicherte mich gleich dreifacher einheimischer und fachfrauischer Unterstützung und Beratung durch Marisol, ihrer Tante Pepa und des Gärtners Frau, Paqui. Das wurde ein Event!Buchtitel

Das von außen unscheinbare enge Geschäftchen am Rand des alten Marktplatzes von Estepona entpuppte sich als Schatzgrube mit einem weit in den hinteren Teil des Hauses ragenden Angebot an allen möglichen Trajes gitanos in allen Farben, Materialien und Formen, für Mädchen und Erwachsene, für Profitänzer wie Amateure, kurz ein Rausch fürs Auge. Die Qual der Wahl begann! Als erstes strebte ich zielbewusst den üppig berüschten Kleidern zu, bei denen die Stufenvolants schon in der Taille begannen. Aber Marisol klärte mich kichernd auf, dass dies ja die Formen für Kinder wären. Die jetzige Mode für die erwachsenen Tänzerinnen lasse die Rüschenvolants erst an oder unter der Hüfte beginnen.

Also die nächsten Kleiderständer durchwühlt. Ich verschwand mit einem Arm voll Rüschenträumen in der Umkleidekabine. Ziemlich schnell sortierte ich diejenigen aus, die erst schlauchartig am Körper anliegen und deren Volants erst so in Kniehöhe aufspringen, auch, wenn dies jetzt der letzte Flamencoschrei sein sollte. Darin sah ich meiner Meinung nach aus wie eine gerüschte Leberwurst.

Als ich meinen draußen wartenden drei Begleiterinnen laut den Kommentar durchgab:,,O Gott, ich glaube, ich habe einen zu dicken Po und Hüften!”, da tönte es links und rechts fast synchron aus den anderen Kabinen:,,Ich auch - ich auch!”

Ich entschied mich schlussendlich für ein Kleid in den fröhlichen, starken spanischen Farben rot und gelb. Zusammen mit dem unbedingt dazu gehörenden Dreieckstuch mit gelbroten Fransen, dem passenden zweifarbigen Fächer und den Ohrringen kam die ganze Feria-Ausrüstung auf gut 300 Euro. Das muss es einem schon wert sein. 

 

UrkleidKleid2Kleid3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inzwischen habe ich drei Flamencogewänder - von links nach rechts:

Kleid Nummer 1, wie oben beschrieben - Kleid Nummer 2 vom Flohmarkt für 15 Euro - Nummer 3: Secondhandshop für 12 Euro. War ein Kinderkleid, bei dem das zu kurze und enge Oberteil abgeschnitten, nur der Rock übernommen und das Oberteil durch ein T-Shirt ersetzt wurde. 

Arlequina, am 03.08.2012
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