Vögel zwitschern, Blumen sprießen, Bäume blühen – die Natur legt sich voll ins Zeug. Es ist Frühling, Zeit des Aufbruchs und des Neuanfangs. Und was macht der Mensch? Er freut sich zwar über das Erwachen der Natur, ist aber zu schlapp, um Sonne und warme Temperaturen aktiv zu nutzen: Er leidet unter Frühjahrsmüdigkeit.

Frühjahrsmüdigkeit muss man nicht hinnehmen

Zwischen 30 und 50 Prozent der Deutschen fühlen sich nach eigenem Bekunden in der Übergangszeit schlapp, kraft- und lustlos, Frauen und Jüngere etwas öfter als Männer und Ältere. Wetterfühlige Menschen sind noch häufiger betroffen. Depressive sind in dieser Zeit sogar besonders suizidgefährdet. Außerdem spüren das Phänomen Frühjahrsmüdigkeit vor allem Menschen, die sowieso schon einen niedrigen Blutdruck haben. Das sind in der Regel häufiger Frauen als Männer. Auch ältere Menschen klagen über Frühjahrsmüdigkeit. Je fitter man ist, desto besser kommt man meistens mit dem Klimawechsel klar.

 

 "Frühjahrsmüdigkeit ist keine Krankheit und vergeht von allein. Es gibt daher wenig wissenschaftliches Interesse und so gut wie keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu", sagt Allgemeinmedizinerin Dr. Angelika Reichwein. "Als subjektiv fühlbares Phänomen ist die Frühjahrsmüdigkeit aber durchaus zu beobachten." Es handle sich dabei um eine Mischung von Müdigkeit, also körperlicher und geistiger Erschöpfung, und Schläfrigkeit, also erhöhtem Schlafbedürfnis. Die typische Frühjahrsmüdigkeit dauert einige Tage bis höchstens vier Wochen.

Licht und Tageslänge beeinflussen den Körper

Es ist die Umstellung des Körpers vom Winter- auf den Sommermodus, der ihn strapaziert und ermüdet. Denn: Der Organismus arbeitet nicht nur nach dem Tag-Nacht-Rhythmus unterschiedlich, sondern auch saisonal. Die Tageslänge und die Menge an Licht beeinflussten alle Organe und Körpersysteme bis in die einzelnen Zellen. Zwischen den Jahreszeiten kommt es zu einer Art Mini-Jetlag. Während des Übergangs knirscht es im Uhrwerk.

 "Ausgeprägt ist die Frühjahrsmüdigkeit eher bei Menschen, deren Systeme gut funktionieren. Wer ohnehin an Schlafstörungen leidet, spürt die saisonale Veränderung zumeist weniger und klagt kaum über Frühjahrsmüdigkeit", so die Medizinerin. Insgesamt kommen Menschen, die auch im Winter auf Fitness, Bewegung und gesunde Ernährung achten, besser mit der Umstellungsphase zurecht.

Hormone und Schlaf spielen eine wichtige Rolle

Eine besondere Rolle kommt dabei vermutlich zwei Hormonen zu: dem Gute-Laune-Hormon Serotonin und dem Schlafhormon Melatonin. Wissenschaftler der Georgetown University in Washington haben in einer Studie niedrige Serotoninspiegel als eine der Hauptursachen für die Frühjahrsmüdigkeit ausgemacht. Nach einem langen, dunklen Winter sind die Serotoninspeicher relativ leer, dafür ist die Melatoninkonzentration hoch. Wenn man sich im Frühjahr wieder häufiger im Freien aufhält, produziert der Körper vermehrt Serotonin. Bis das Ungleichgewicht der Hormone wieder im Lot ist, kommt es zu einem Durcheinander im Körper.

Eine weitere Ursache für die Frühjahrsmüdigkeit liegt am kürzeren Schlaf. Laut Statistiken schläft der Mensch im Winter früher ein als im Frühjahr. Das Hormon Melatonin wird in den dunklen Monaten verstärkt ausgeschüttet und sorgt für Schlaf. Die innere Uhr des Menschen passt sich im Frühling nur langsam den veränderten Tages- und Nachtzeiten an. Wie ein Dirigent sorgt die Innere Uhr für eine Abstimmung der unterschiedlichen Funktionen im Körper wie Hormonausschüttung, Verdauung, Leistungsfähigkeit und Körpertemperatur.

Auch an die ungewohnte Wärme muss sich der Körper gewöhnen. Seine Kerntemperatur liegt im Winter eine Spur niedriger als im Sommer. Wenn die Kälte des Winters den wärmeren Temperaturen weicht, muss sich der Körper umstellen. Der Organismus reagiert mit einer typischen Reaktion: Die Blutgefäße stellen sich weit, der Blutdruck sackt ab. Und das macht uns müde. Die Frühjahrsmüdigkeit tritt meist ein, wenn es bereits ein paar Tage lang warm war. Wenn das Wetter verrückt spielt, und es zu mehreren Warm-Kalt-Perioden kommt, dann kann sich auch die Müdigkeit mehrmals zeigen.

Lichttherapie kann bei Frühjahrsmüdigkeit helfen

Dr. Reichwein nennt "Licht" als zentralen Faktor, um die Frühjahrsmüdigkeit zu überwinden. "Möglichst viel Tageslicht, am besten vor Mittag, regt die chronobiologischen Mechanismen an." In ganz schlimmen Fällen raten Mediziner zusätzlich zu einer Lichttherapie, die in mehr als 200 Praxen und etwa 20 Universitätskliniken angeboten wird. Eine große Lampe mit Licht bis zu 10.000 Lux strahlt in die Augen des Patienten und unterdrückt das Hormon Melatonin.

Wichtig: Wer sich über längere Zeit oder ungewöhnlich stark erschöpft fühlt, sollte auf jeden Fall seinen Arzt um Rat fragen. Es kommen für Müdigkeit nämlich auch andere Ursachen infrage.

Schlapper Start in den Frühling? So werden Sie wieder aktiv!

Früh aufstehen: Trotz bleierner Frühjahrsmüdigkeit zeitig aufstehen? Klingt erstmal gar nicht gut! Doch leider bringt es nicht viel, dem ersten Impuls nachzugeben und bis in die Puppen zu schlafen. Besser: den Tagesrhythmus nach der Sonne richten. Beginnen Sie den Tag früh - und gehen Sie früh schlafen. Hintergrund: Nur genügend Tageslicht sorgt dafür, dass das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet und Melatonin abgebaut wird. So meistert Ihr Körper die Hormonumstellung schneller - und Sie können den Frühling endlich genießen.

Licht tanken: Tageslicht holt den Körper aus dem Winterschlaf. Sonne kurbelt die Bildung von Serotonin an, das hebt die Laune. Der Körper gewöhnt sich an wärmere Temperaturen. Selbst an regnerischen Frühlingstagen bekommt der Körper draußen ausreichend muntermachendes Licht.

Sauerstoffdusche: Frische Luft bringt den Körper in Schwung, also Fenster auf und Frischluft tanken. Das bringt Sauerstoff ins Gehirn und vertreibt die Müdigkeit. Genießen Sie beispielsweise eine Frischluftdusche: Stehen Sie vor geöffnetem Fenster. Atmen Sie dann ein paar Mal tief durch. Dann halten Sie die Luft an, so lange es Ihnen möglich ist. Danach saugen Sie förmlich frische Luft in sich hinein. Diese wird dann gleich zum Gehirn transportiert. Sie sind mit einem Schlag hellwach.

Beweglich sein: Sport oder Spaziergänge im Freien regen den Kreislauf an und ermöglichen eine besonders intensive Sauerstoffdusche. Sie sollten sich mindestens drei Mal die Woche 20 Minuten an der frischen Luft bewegen: laufen, radfahren, walken oder Gartenarbeit sind jetzt genau das richtige. Generell trägt aber jede Art von Bewegung dazu bei, die saisonale Erschöpftheit zu vertreiben. Auch hier sollten Sie jede Möglichkeit nutzen, die sich Ihnen bietet: Treppe anstatt Fahrstuhl, mehr Fußwege, Spaziergänge, Joggen – Hauptsache Bewegung!

Powerschlaf: Wer die Möglichkeit hat, sollte ruhig ein kleines Mittagsschläfchen halten, aber nicht länger als 30 Minuten, sonst produziert der Körper wieder Melatonin.

Mentales Training: Gute Laune und Power für den neuen Tag kann man auch durch Selbst-Coaching erreichen. Und das geht so: Gleiten Sie mit einem schönen Bild vorm inneren Auge ins Land der Träume - und zwar, indem Sie sich vorstellen, wie Sie am nächsten Morgen munter und erfrischt aus dem Bett springen. Nach dem Aufwachen sollten Sie Ihre Augen noch einen kleinen Moment geschlossen halten und an eine besonders angenehme Szene aus Ihrem letzten Urlaub denken - und nicht an Ihre Frühjahrsmüdigkeit.

Leicht essen: Wer im Winter eher schwere, wärmende Gerichte mochte, sollte nun viel frisches Gemüse und Obst essen. Verzichten Sie auf "schwere" und üppige Mahlzeiten. Bevorzugen Sie mehrere kleine Mahlzeiten verteilt auf den Tag. Das hat eine geringere Belastung unseres Körpers zur Folge und damit auch weniger Ermüdungserscheinungen. Jetzt im Frühling schreit unser Körper vor allem nach vitaminreicher Nahrung, weil sie in den Wintermonaten in der Regel zu kurz kommt.Die leichte Kost versorgt den Körper mit einer Extraportion Vitaminen und Mineralstoffen. Das macht von innen fit für den Frühling.

Wechselduschen: Ein kalter Wasserstrahl nach der warmen Dusche kostet Überwindung, vertreibt aber die Müdigkeit am Morgen. Arme und Beine, den ganzen Körper oder auch nur den Nacken abwechselnd mit warmem und kaltem Wasser abbrausen.

Viel trinken: Auch das freut unseren Organismus: Müdigkeit resultiert häufig auch aus einer zu geringen Flüssigkeitsaufnahme. Deshalb über den Tag verteilt möglichst viel trinken – am besten Wasser, Tee oder andere ungesüßte Getränke.

Sanft fasten: Nein, auf Null-Diät sollten Sie sich jetzt tunlichst nicht setzen. Aber es gibt Menschen, die die Frühjahrsmüdigkeit mit einer sanften Fastenkur schnell überwinden. Ein Fastentag mit Kräutertee, frisch gepressten Säften und viel frischem Obst und Gemüse kann Wunder wirken. Der Organismus wird von überflüssigem Ballast befreit und erhält alle wichtigen Vitamine und Spurenelemente. Noch ein Tipp, mit dessen Umsetzung Sie Ihrem Darm eine Freude machen: Versuchen Sie, eine Viertelstunde vor dem Essen, aber auch während der Mahlzeit nichts zu trinken. Dadurch werden die Verdauungssäfte im Magen nicht verdünnt und somit verdauen wir besser. Ein Glas lauwarmes Wasser am Morgen regt ebenfalls die Verdauung an.

Nicht verkriechen: Ob Freunde, gute Bekannte oder die Familie – vereinbaren Sie Treffen oder suchen Sie die Gesellschaft. Nicht im Bett verkriechen und dem Schlaf nachgeben. Davon raten Mediziner im Zusammenhang mit der Frühjahrsmüdigkeit sogar ab.

 

Was tun Sie gegen Frühjahrsmüdigkeit? Haben Sie ein eigenes Rezept? Ich freue mich auf Ihre Anregungen!

Sabine Hense-Ferch www.redaktion-lippstadt.de

 

Autor seit 4 Monaten
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