Am 4. Mai 1975 wurde in Karl-Marx-Stadt ein martialisches "Denkmal" eingeweiht: Ein gewaltiger Betonsockel, auf dem ein russischer Panzer thronte: Der legendäre Typ T34 aus dem Zweiten Weltkrieg. Als Standort wählte man die Ecke Dresdner Straße / Frankenberger Straße. Dort trafen zwei sogenannte Fernverkehrsstraßen (die "Bundesstraßen" der DDR) aufeinander.

Das seltsame Bauwerk entstand auf Beschluss des sozialistischen Stadtrates und sollte an die "Befreiung" der Stadt durch die Rote Armee erinnern. Die Sockelinschrift lautete daher: 8. Mai 1945. Tatsächlich waren die Sowjets einst über diese Kreuzung in die Stadt vorgerückt, denn die beiden Straßen, die hier zusammentrafen, führten aus Osten beziehungsweise Nordosten nach Chemnitz. Von Befreiung konnte dennoch keine Rede sein: Ursprünglich wurde Chemnitz durch US-Truppen besetzt. Erst nach deren Abzug kam die russische Armee in die Stadt.

Noch ein weiteres Detail des Panzerdenkmals wirkte verstörend: Die Panzerkanone war auf das Stadtzentrum ausgerichtet. Eine subtile Machtdemonstration...

Sprengstoffanschlag auf das Panzermonument

01. März 1980. Gedeckt von permanentem Schneeregen, schleicht sich gegen 21.30 Uhr ein Mann an das Panzerdenkmal heran. Bei sich trägt er eine elf Kilogramm schwere Bombe, die den verhassten Panzer vom Sockel holen soll. Ein alter Wecker dient als Zeitzünder. Der Mann platziert den Sprengstoff unter dem Panzer und kehrt zu seinem Trabant in der nahegelegenen Klarastraße zurück. Dort angekommen, hört er den gewaltigen Knall. Fensterscheiben gehen zu Bruch.

Der Attentäter fährt nach Hause, ohne sich über das Ergebnis der Sprengung zu informieren. Dies tut er erst einige Zeit später, unerkannt und in Begleitung seiner Frau. Ihm bietet sich ein enttäuschendes Bild: Der Panzer steht immer noch auf dem Betonsockel. Allerdings hat die Wucht der Explosion ein Laufrad abgesprengt. Das 250 Kilogramm schwere Bauteil wird weggeschleudert und landet ausgerechnet im Hof eines großen Polizeistützpunktes...

Die Stasi jagt den Täter

Die staatlichen Stellen reagieren prompt. In für DDR-Verhältnisse völlig ungewohnter Eile werden alle sichtbaren Schäden schnellstens beseitigt. Der ideologische Schaden jedoch lässt sich nicht so einfach beheben. Die Mundpropaganda ist schneller als alle Vertuschungsversuche. Immerhin galt der Anschlag einem Symbol der ungeliebten Besatzungsmacht und geschah genau unter den Augen der sonst allwissenden Ordnungshüter. Auf den Täter gibt es zudem keinen Hinweis.

Wenige Stunden nach dem Anschlag beginnt ein Spezialkommando der Stasi mit der Fahndung. Mehrere tausend Stasi-Ermittler sind monatelang im Einsatz. Ihre fieberhafte Tätigkeit füllt 130 Aktenordner. Doch erst, als Gespräche aus der "verwanzten" Wohnung eines Kirchenmannes abgehört werden, gibt es eine indirekte, aber heiße Spur. Fünf Monate und neun Tage nach der Tat wird der Panzersprenger am 18. August 1980 verhaftet. Sein Name: Josef Kneifel.

Evolution eines Staatsfeindes

Der Täter ist den Staatsorganen nicht unbekannt. 1942 in Niederschlesien geboren, wächst er bei Pflegeeltern auf und absolviert eine Fleischerlehre, später noch die Ausbildung in einem Metallberuf. Er ist zunächst unauffällig. Wie die meisten Schüler der DDR, lässt er die obligatorische Aufnahme in die kommunistische Jugendorganisation FDJ über sich ergehen. Später wird Kneifel sogar "Freiwilliger Helfer der Volkspolizei". Doch der junge Mann liest auch viel, und dass verändert sein Denken. 1968 klebt er Protestplakate gegen die Niederschlagung des "Prager Frühlings". Einige Jahre später stellt er einen Ausreiseantrag. Kneifel begeht zudem die Todsünde der DDR-Gesellschaft: Er schimpft öffentlich über das System. Zehn Monate lang büßt er dafür mit menschenunwürdiger Haft. Anschließend ist er ein Geächteter. Die DDR, in der es Arbeitslosigkeit angeblich nicht gibt (und daher auch kein Arbeitslosengeld), verweigert ihm zunächst eine neue Anstellung. In Josef Kneifel formiert sich erneut Protestwille. Im Herbst 1979 hilft ihm ein Freund beim Bau der Bombe. Ob und wo sie verwendet werden soll, ist jedoch noch unklar.

In den Weihnachtstagen des selben Jahres marschiert die Rote Armee in Afghanistan ein. Für Josef Kneifel ist das Ziel seiner geplanten Protestaktion nun klar: Der russische Panzer an der Dresdner Straße.

Widerstandskämpfer und Volksheld?

Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Tat wird Josef Kneifel als Terrorist zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Haftzeit verbringt er größtenteils im berüchtigten "Gelben Elend" von Bautzen. Folter, Isolationshaft, Dreck und Krankheit sind seine Begleiter. Er gilt als unverbesserlich, schreit seinen Bewachern unangenehme Wahrheiten ins Gesicht und tritt in Hungerstreik. Sein Fall wird in Westdeutschland publik. Kirchen und Hilfsorganisationen treten für ihn ein. 1987 wird das Ehepaar Kneifel in die BRD abgeschoben. Als Andenken an die DDR nimmt der Panzersprenger mehrere Narben sowie dauerhaft geschädigte Nieren mit.

Umstritten bleibt seine unangepasste Persönlichkeit jedoch auch nach der Wende. Im wiedervereinigten Deutschland wird Kneifels Geschichte oft publiziert. Manchmal lädt man ihn sogar zu Vorträgen ein. Doch bei aller Sympathie für das Aufbegehren gegen die kommunistischen Machthaber: Ein schaler Beigeschmack bleibt, denn leicht hätten bei dem Sprengstoffanschlag auch Menschen zu Schaden kommen können. Nur der Zufall verhinderte dies. Negative Schlagzeilen machte Joseph Kneifel zudem durch sein Engagement für die HNG, eine rechtspopulistische Gefangenenhilfsorganisation sowie andere Auftritte im rechten Parteienspektrum. Der 2020 verstorbene "Panzersprenger" soll sich selbst allerdings nie als Neonazi eingeordnet haben. 

Das Ende des Panzerdenkmals

Das Panzerdenkmal indessen stand nach dem Anschlag möglicherweise unter permanenter Bewachung. Angeblich diente ein verspiegeltes Türmchen auf dem nahen Polizeigebäude fortan als Beobachtungsstation.

Was Josef Kneifels spektakulärer Anschlag nicht erreicht hatte, die Beseitigung des Panzers, geschah schließlich ganz offiziell. 1991 wurde das "Denkmal" entfernt. Die weitere Geschichte des T 34 blieb der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Verschiedene Spekulationen kursierten. Tatsächlich landete das Militärgerät im Depot eines Armeemuseums im bayerischen Ingolstadt. 2019 versuchte eine rechtsnationale Kleinpartei vergeblich, den Panzer wieder nach Chemnitz zu holen – vielleicht auch als Hommage an den Panzersprenger. Auf den ehemaligen Standort des Panzers deutet inzwischen nichts mehr hin. Die Ecke Dresdner Straße / Frankenberger Straße präsentiert sich heute für Uneingeweihte wieder als ganz gewöhnliche Kreuzung.

Bildmontage: Der ehemalige Standort im Jahr 2010 sowie ein sowjetischer PanzerT34

Donky, vor 20 Tagen
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